20 Juni 2018

20. Juni, 2018



Willkommen bei unserer offiziellen Draft-Vorschau. Am 21. Juni geht für 60 brandneue NBA-Rookies ein Lebenstraum in Erfüllung, wenn sie Commissioner Adam Silver in der Association willkommen heißt. Wir behalten eine unserer liebsten Traditionen hier bei NBACHEF bei und checken im Vorfeld die verheißungsvollsten Talente des Jahrgangs... in unseren patentierten Spotlights.

von AXEL BABST @BabstMadness

Als die U17-Nationalmannschaft der USA 2016 die Goldmedaillie gewann, war Jaren Jackson Jr. nur als Backup mit von der Partie. Während vor allem Guards und Playmaker vom Flügel mit Lorbeeren überschüttet wurden, war Jackson derjenige, der als Rollenspieler die vielen kleinen Dinge übernahm, die auf den ersten Blick nicht unbedingt ins Auge sprangen.

Dennoch war schon damals das Potenzial des jungen Big Man offensichtlich. Die Michigan State Spartans machten schnell Nägel mit Köpfen. Knapp zwei Monate nach dem ersten internationalen Auftritt des Power Forwards konnten sie sich erst die mündliche Zusage und weitere zwei Monate später dann auch die schriftliche Vereinbarung für ihr College Stipendium mit dem Toptalent sichern.

In der vergangenen Saison war Jackson dann in den Augen vieler Beobachter das entscheidende Puzzleteil, das der Sophomore Class, die den Rest der Starting Five bildete, für den Aufstieg zum Meisterschaftsaspiranten gefehlt hatte.

Tatsächlich überzeugte Jackson in der vergangenen Saison, da er sich im Vergleich zu vergangenen Großveranstaltungen und Auftritten spielerisch bereits deutlich verbessert hatte und seinem Spiel auch während der abgelaufenen Spielzeit kontinuierlich neue Facetten hinzufügte.

Den kompletten Durchbruch und medialen Hype verpasste Jackson dann ein wenig wegen zwei eher glücklosen Auftritten im NCAA Tournament, die eigentlich gut zusammenfassten, warum Jackson in der NCAA noch nicht der dominante Spieler war, der vielleicht künftig sein könnte. Foulprobleme, noch nicht gefestigte Skills am Perimeter und die Tücken gegnerischer Verteidigungsvarianten werden Jackson in der NBA nach und nach nicht mehr im Weg stehen.

Jackson ist einer der jüngsten Spieler des ganzen Draftjahrgangs und feiert im September erst seinen 19. Geburtstag. Entsprechend wird JJJ noch sehr viel Zeit zur Entwicklung seiner Anlagen haben. Diese sind von einem physischen und athletischen Standpunkt aus betrachtet hervorragend: Jackson ist knapp über 6'11'' groß, bringt eine enorme Spannweite von über 7'5'' mit und bewegt sich trotz seiner Ausmaße genauso gut wie jeder Außenspieler oder Guard des Jahrgangs.

In der Offensive nutzt JJJ seine Sprungkraft und langen Armen beispielsweise, um sich Putbacks zu erarbeiten. Gutes Timing und ein schneller zweiter Absprung machen ihn auf der Jagd nach zweiten Chancen zu einem erfolgreichen Beutegreifer.


Im Vergleich mit anderen Bigs dieser Draftclass schneidet JJJ zwar im Vergleich schlecht in Bezug auf das Offensivrebounding ab - seine Offensivreboundrate von 8,8 Prozent ist die zweitschlechteste aller Spotlight Bigs -, allerdings lässt sich das relativieren.

Bei den Spartans lungerte Jackson häufig am Perimeter herum und war daher nicht in optimaler Position an Brettnähe. Zudem musste er auf der Hut vor zu viel Kontakt in Reboundsituationen sein, da diese von NCAA Schiedsrichtern sehr gerne als Fouls abgepfiffen werden. Drittens hatte Jackson mit Nick Ward einen Big als Frontcourt Partner, der sehr gerne selbst beim offensiven Rebound zugreift und dabei keinerlei Unterschied zwischen Freund und Feind kennt.


Häufiger als Putbacks waren da schon Finishes per Durchstecker. Auch hier zeigt sich Jackson als bereitwilliger Abnehmer. In diesem Zusammenhang ist sicherlich besonders erwähnenswert, dass Jackson als Vollstrecker sicherlich noch viel zu lernen hat, im Laufe der Saison aber bereits Fortschritte verzeichnen konnte.

Jackson hatte zu Beginn der vergangenen Saison enorme Probleme mit Kontakt beim Abschluss - gerade wenn er keinen Schwung zum Absprung nehmen konnte oder von der Defense aus der Balance gebracht wurde.

Das sah gegen Ende der Saison schon ganz anders aus. Jackson ist zum einen routinierter geworden, was sich darin zeigt, dass er öfter mal Wurftäuschungen nutzt und Verteidiger an sich vorbeifliegen lässt. Zum anderen ist er kräftiger im Rumpfbereich und verfügt daher über mehr Stabilität, was seine Immunität gegenüber Kontakt erhöht.

Nichtsdestotrotz schlummert in Jackson noch viel ungenutztes Potenzial, das darauf wartet, entfesselt zu werden. In dieser Hinsicht ist zum Beispiel erwähnenswert, dass Jackson durch MSUs große Lineups meist als Vierer auflief und somit er ins Pick & Pop als ins Pick & Roll involviert war. Gerade als Abroller bei gutem Spacing könnte Jackson ein gefährlicher Big Man werden. Die Qualität seiner Picks hat sich verbessert, bedarf aber noch der Nachjustierung.


Wenn Jackson gezielt gesucht wurde, dann meist über Postups am Zonenrand. Jackson ist sicherlich weit davon entfernt, ein verlässliches Spiel mit dem Rücken zum Korb sein Eigen nennen zu können. Doch schon jetzt kann er alleine aufgrund seiner Größe, Länge, Schnelligkeit und seines weichen Handgelenks einigermaßen verlässlich punkten.

Jackson ist dabei nicht auf eine Seite zum Abschluss angewissen, sondern kann über beide Hände gleichermaßen gut finishen und auch sein Spinmove klappt sowohl über die rechte als auch über die linke Schulter.

Seine Fußarbeit ist jedoch noch ausbaufähig. Hier verschenkt er viel Raum, den er über seine Schrittlänge und Größenvorteile am College ausgleichen konnte, langfristig gegen NBA Bigs jedoch nicht ausreichen werden.

Grundlegend wird sich Jackson einige Postmoves aneignen müssen, die er dann auch im Spiel situativ angemessen einzusetzen vermag. Dabei geht es weniger darum, dass er ein Professor im Lowpost werden muss, der dem gegnerischen Big Lehrstunden zu Sonderkonditionen anbietet.

Viel wesentlicher ist, dass Jackson Switches und Mismatches bestrafen kann. Denn genau dazu hat er das Potenzial und genau solche Bigs sind momentan Mangelware, weswegen sich das dauerhafte Switchen auch rechnet.


Zugleich ist Jacksons vielleicht größte Qualität - besonders im Vergleich zu den anderen Bigs dieses Draftjahrgangs - in der Offensive, dass Jackson nicht nur über die Athletik und Beweglichkeit eines Guards verfügt. Es besteht gleichzeitig die reelle Chance, dass sich Jackson ein mehr als angemessenes Faceup Game antrainiert und auch noch Guard Skills in dieser Hinsicht entwickelt.

Schon jetzt fühlt sich Jackson rundum die Dreierlinie nicht unwohl. Am College konnte er mit seinem langen ersten Schritt die häufig viel kleineren Gegenspieler einfach hinter sich lassen und in die Zone penetrieren. Klappte das nicht auf Anhieb, ließ Jackson sogar Züge eines ungeahnten Ballhandlings aufblitzen, mit denen er Guards Knoten in die Beine dribbeln könnte.

Dass Jackson also mittelfristig jemand sein kann, der konstant Closeouts attackiert oder sich gar im Eins-gegen-Eins einen Abschluss in Brettnähe durch einen eleganten Zug zum Korb erspielen könnte, erscheint gar nicht so unwahrscheinlich.

Die größere Baustelle als Ballhandling und Drive dürfte in diesem Zusammenhang besonders die Entscheidungsfindung darstellen. Bisher bieten sich Jackson nur zwei Optionen: Entweder schleift er einen Verteidiger auf das Poster eines reaktionsschnellen Fotografen oder die Aktion endet in einem wilden Abschluss bzw. Turnover. Die Turnoverrate von 17,4 Prozent ist die höchste aller Spotlight Bigs.

Gegen Verteidigungen, die früh reagieren und rotieren, verliert Jackson dann auf halbem Weg die Entschlossenheit. Einige Abschlussvarianten wie Euro- und Sidesteps würden dem Forward gut zu Gesicht stehen. Den Spinmove packt er jetzt schon zum Teil aus. Entwickelt Jackson zusätzlich noch ein Auge für den Mitspieler, wird Jackson endgültig zum Nachtmahr jeder NBA Defense.


Jacksons Drives gegen Closeouts sind auch deshalb so effektiv, weil sein Jumper respektiert werden muss. Jackson traf in der vergangenen Saison 38 Dreier (über einen pro Spiel) und damit beispielsweise nur sechs weniger als Freshman Guard Collin Sexton. Auch die Quote von 39,6 Prozent kann sich durchaus sehen lassen.

Die Wurfbewegung per se entspricht dabei noch nicht mal ganz seiner Optimalform. Bis jetzt wirft Jackson etwas weit vor dem Körper und der Stirn entfernt ab und stößt nur ein wenig aus dem Arm. Dadurch ist die Flugkurve relativ flach. Nimmt Jackson künftig ein wenig mehr Schwung aus den Beinen und streckt er den Arm konstant nach oben, anstatt wie bisher erst im letzten Moment beim Abklappen des Handgelenks den Arm hochzureißen, kann Jackson durchaus 40 Prozent von der Dreierlinie in der NBA einstreuen. Touch und Wurfform sehen vielversprechend aus.


Im Angriff präsentierte sich Jackson als Freshman verhältnismäßig ruhig und hatte nur phasenweise einen Einfluss auf das Spiel. Die Tatsache, dass Jackson nur 10,9 Punkte pro Begegnung auflegte, sollte allerdings auf keinen Fall zum Anlass für Unruhe herhalten. Zum einen stand JJJ nur knapp über 20 Minuten pro Partie auf dem Court. Zum anderen war er umringt mit vielen offensiven Waffen und wurde selten gezielt eingebunden.

Jackson ist noch am Anfang der Entwicklung seiner offensiven Fähigkeit. Am Ende dieses Prozesses könnte Jackson einer der offensiv begabtesten Bigs der NBA sein. Die Fortschritte, die Jackson in den vergangenen 24 Monaten hinlegen konnte sind beachtlich. Scheinbar jede Woche lernt Jackson etwas Neues und wird schwieriger zu verteidigen.

Schon jetzt ist Jackson jedoch ein Gamechanger am defensiven Ende des Feldes. Seit Anthony Davis dürfte kein Freshman mehr als Individuum so einen großen Einfluss auf ein Spiel in der Verteidigung genommen haben, wenn er auf dem Court stand.

Im Gegensatz zu Davis gab es bei Jackson immer wieder die Möglichkeit, genau zu beobachten, wie sich Spiele veränderten, sobald Jackson auf der Bank Platz nahm. Denn Jackson musste bedingt durch Foulprobleme sehr häufig unfreiwillig eine Pause einlegen. Viele Teams trauten sich plötzlich konstant den Korb zu attackieren, während in den vorangegangenen Sequenzen Jackson hier einschüchternd entgegenwirkte.

Fast sechs Fouls auf 40 Minuten hochgerechnet wurden Jackson abgepfiffen. Das sollte aber für seine NBA Zukunft nicht wirklich als Anlass zur Sorge betrachtet werden. In der NBA wird Kontakt anders ausgelegt.

Wie bereits angedeutet ist Jacksons vielleicht größter Einfluss auf ein Spiel seine Fähigkeit, den eigenen Korb zu schützen. Drei Blocks pro Spiel sind in Anbetracht der relativ geringen Spielzeit eine eindrucksvolle Zahl. Unter den Big Man Prospects weist JJJ die höchste Blockrate (14,3) auf. Wie viele Würfe Jackson neben den Blocks auch noch veränderte oder in ihrer Entstehung verhinderte, ist nicht messbar, aber relativ schnell bei Spielen zu erkennen.


Jackson ist jedoch ähnlich wie im Angriff vor allem ein variabler Spieler. Denn er wartet nicht nur unter dem Ring auf leichte Beute und blockt gerne fremde Wurfversuche.

Ähnlich groß ist sein Talent für die die Eins-gegen-Eins-Verteidigung am Perimeter. Egal ob Guard oder Stretch Vierer - am College konnte Jackson nahezu jeden Angreifer vor sich halten und zu schwierigen Abschlüssen zwingen. Er hat die laterale Schnelligkeit, nutzt seine Spannweite geschickt und zeigt zudem die Mentalität, keinen Gegenspieler an sich vorbeikommen lassen zu wollen.


Die Fähigkeit zur Defense am Perimeter macht ihn natürlich auch für die Pick & Roll Verteidigung sehr interessant. Jackson kann konservativ, aggressiv oder per Switch effektiv genutzt werden.

Bei erster Variante nutzt Jackson seine Armlänge und findet zudem gute Abstände zum Ballhandler und dem eigenen Matchup. In aggressiven Varianten ist Jackson schnell genug, um den ballführenden Spieler unter Druck zu setzen. Switches sind für Jackson sowieso kein Problem. Am College konnte er fünf Positionen verteidigen. In der NBA lässt sein Potenzial mit Geduld und Übung ähnliches Können erhoffen.

Einzig das Pick & Pop war für Jackson zum Teil schwierig zu verteidigen. Bisweilen brauchte er zu lange, um nach der Hilfe am Ball wieder zu seinem eigentlichen Gegenspieler zurückzukehren.


Abschließend fasst die folgende Sequenz nochmals kurz zusammen, wie variabel Jackson in der Defense auf der einen Seite ist und wie fortgeschritten sein Spielverständnis sich auf der anderen Seite schon auf dem Feld bemerkbar macht.

In einer Transition Situation, in der die meisten Bigs einen offenen Dreier nicht hätten verhindern können, erkennt Jackson die Situation sehr schnell und exerziert kurzerhand einige wichtige Grundtechniken und -fähigkeiten der Verteidigung durch: Stunt, Closeout, Switch, Rimprotection, Defensivrebounding.


Es ist nicht verwerflich, laut darüber nachzudenken, ob Jaren Jackson Jr. das größte Talent des diesjährigen Drafts ist und an der ersten Position gezogen werden sollte.

Es wäre vielleicht ein Pokerspiel und ein wenig respektlos gegenüber den anderen beiden möglichen Kandidaten Luka Doncic und DeAndre Ayton, die athletisch (Doncic) und defensiv (Ayton) schlechter dargestellt werden, als sie in Wirklichkeit sind, und gleichzeitig über mehr spielerische Qualität und/oder Erfahrung als JJJ verfügen.

Dennoch hat Jackson auf lange Sicht ebenso viel Basketball Talent und Einflussvermögen auf das Spiel wie die beiden Topfavoriten. Schon jetzt ist er der beste und variabelste Verteidiger des Drafts und in dieser Hinsicht das größte Talent seit Anthony Davis.

Am offensiven Ende wird Jackson im schlechtesten Fall ein Big, der den Dreier trifft und dank seiner Athletik im Pick & Roll finishen kann. Das wäre die Serge Ibaka Version.

Im besten Fall entwickelt sich Jackson in dem rasanten Tempo weiter, das er bisher an den Tag gelegt hat und wird in den kommenden Jahren zunehmend beflissener im Eins-gegen-Eins. Sowohl im Lowpost als auch von der Dreierlinie besteht noch viel Raum zu Verbesserung und alle notwendigen Anlagen und Potenziale sind auf jeden Fall vorhanden.

In Kombination mit dem Arbeitseifer, den er bisher an den Tag gelegt hat, scheint es daher eher eine Frage, des "wie lange" als des "ob" zu sein, bis Jackson auf NBA Level ein starker Scorer wird. Gelingt ihm das, könnte Jackson der kompletteste Two-Way-Player der NBA werden und offensiv immenses Mismatch Potenzial entfachen.

In einer Ära, in der Switches zur favorisierten Verteidigungsform werden, würde sich jedes Team einen Spieler wünschen, der an beiden Enden des Courts für diese Strategie gewappnet ist. Jackson könnte ein moderner Kevin Garnett Verschnitt werden. Garnetts Mentalität mag unerreicht bleiben - dafür ist Jackson (noch) zu schüchtern - und seine Skills in der Offensive waren im gleichen Alter bereits fortgeschrittener, doch als Spielertypen und in ihren Bewegungsabläufen ähneln sich die beiden ungemein.

Jackson bietet also wenig Risiko, weil er auf jeden Fall ein Starter und sehr solider Offensivspieler mit starker Defense wird. Ob er letztlich jedoch eine bessere NBA Karriere als Doncic und Ayton haben wird, hängt von seiner weiteren Entwicklung in der Offensive ab. Hier sind die Konkurrenten schon weiter.