19 Juni 2018

19. Juni, 2018



Willkommen bei unserer offiziellen Draft-Vorschau. Am 21. Juni geht für 60 brandneue NBA-Rookies ein Lebenstraum in Erfüllung, wenn sie Commissioner Adam Silver in der Association willkommen heißt. Wir behalten eine unserer liebsten Traditionen hier bei NBACHEF bei und checken im Vorfeld die verheißungsvollsten Talente des Jahrgangs... in unseren patentierten Spotlights.

von AXEL BABST @BabstMadness

Seit 2009 wartet das Boston College auf eine Teilnahme am NCAA Tournament. Mehrere Trainer versuchten sich seit dieser Zeit an einem Neuaufbau des Programms. Unter dem aktuellen Coach Jim Christian wurde in der Saison 2015/2016 ein zwischenzeitlicher Tiefpunkt erreicht, als die Eagles kein einziges Conference Spiel in der starken ACC gewinnen konnten.

Dies war die erste Saison für Jerome Robinson am College und der Beginn eines aktuell relativ erfolgreichen Wiederaufbaus. Robinson konnte sich in seinen drei Jahren am College stetig weiterentwickeln und war maßgeblich daran beteiligt, dass BC in der vergangenen Saison immerhin mit einer 7-11 Bilanz die ACC abschloss und kurzzeitig mal wieder an einer Tournament Teilnahme schnuppern durfte.

Zuletzt war Robinson die dominante Erscheinung der Conference und wurde ins All ACC First Team gewählt. Robinson war allerdings nicht nur ein genialer Collegespieler, sondern bringt zugleich auch viele Fähigkeiten und Eigenschaften mit, die ihm zumindest eine solide NBA Karriere bescheren sollten.


Robinson ist mit einer Größe von 6'5'' in Schuhen eher ein klassischer Scorer vom Flügel, der über ein mannigfaltes Skillset verfügt. Seine Fähigkeiten sind so breit gefächert, dass ganz verschiedene Rollen in der NBA für den schlaksigen Flügelspieler denkbar sind.

Robinsons Eleganz und Ballgefühl werden besonders in der Transition sehr schnell ersichtlich. Auch wenn er nicht der spektakulärste Athlet ist und für NBA Verhältnisse wahrscheinlich eher unter dem Durchschnitt anzusiedeln ist, weiß er jedoch ganz genau, wie er sein gutes Körpergefühl und das Talent zu geschickten Tempowechseln zu benutzen hat.

Trifft er dann noch auf unorganisierte Defensiven, ist es fast unmöglich den Scorer vom Punkten abzuhalten - zumindest mit legalen Mitteln. Die besondere Spezialität von Robinson liegt darin zu erkennen, wann er kurz den Fuß vom Gaspedal nehmen muss, um der Defense vermeintliche Sicherheit vorgaukeln zu können und anschließend den Moment der Sorglosigkeit gnadenlos auskosten darf.


Auch für das Eins-gegen-Eins im Halfcourt ist Robinson durchaus gerüstet. Auch wenn er keinen Gegenspieler mit seinem ersten Schritt schlagen wird und physisch noch deutlich zulegen muss (Robinson ist mit einem Gewicht von gerade mal 85 Kilogramm der leichteste College Wing), hat Robinson für sich Mittel und Wege für den Durchbruch zum Korb gefunden.

Verteidiger müssen immer auf der Hut für plötzliche Kurswechsel sein, da Robinson das Tempo variiert, viele Handwechsel einbaut und bei Bedarf auch mal aus dem Dribbling zum Pull-up hochsteigt. 

Jeder Fehler der Defense wird von Robinson eiskalt bestraft. Robinson ist ein intelligenter Spieler, der seinen Verteidiger liest und ihm gedanklich fast immer einen Schritt voraus ist.


Problematisch wird es jedoch, wenn Robinson von der Verteidigung zu einem Abschluss am Ring forciert wird. Hier fehlt Robinson einfach die notwendige Athletik, um ein effektiver Finisher sein zu können.

Selbst kreative Lösungen und elegante Bewegungsabläufe können das Dilemma nicht verschleiern. Robinson wird oft geblockt, weil ihm die Explosivität im Absprung fehlt und er mit Kontakt aufgrund seiner fragilen Statur nur bedingt umgehen kann. Einzig sein Talent dafür, Kontakt so zu verkaufen, dass der Schiedsrichter ein Foul pfeift, rettet Robinson aus solchen Situationen.

Gegen die Athletik von NBA Rimprotectors wird Robinson daher häufig das Nachsehen haben, wenn er nicht in gute Situationen verfrachtet wird und an seinem Körper arbeitet.


Da Robinson aber zumindest die Aufmerksamkeit einer Verteidigung auf sich ziehen kann, wäre es von Vorteil, wenn er weiter seine Passfertigkeiten verbessert. Robinson verfügt grundsätzlich über sehr gute Instinkte und Kreativität, was Zuspiele zum Mitspieler anbelangt. 

Seine Assistrate von 19,5 Prozent rangiert unter den besten fünf aller Spotlight Wings und zeigt, dass er schon jetzt seine Mitspieler in Szene setzen kann. Das ist auch insofern ein respektabler Wert, als er von seinem College Coach sehr gezielt als Scorer implementiert wurde und an seiner Seite mit Ky Bowman einen balldominanten Aufbauspieler wusste, der selbst 4,7 Assists pro Spiel auflegte.

Der Junior zwirbelt seinerseits gerne einhändige Pässe mit der schwächeren Hand oder technisch anspruchsvolle Bodenpässen nach mehrfachen Täuschungen an perplexen Verteidigern vorbei in die schussbereiten Hände seiner Mitspieler.

Allerdings geht Robinson noch ein sehr hohes Risiko bei seinen Anspielen. Er muss einerseits besser lesen, wann ein Verteidiger auf den Pass lauert, und andererseits ausdifferenzieren, welche Passvariante für eine Situation angemessen sein könnte.


Eine der wichtigsten Waffen im Arsenal des ehemaligen Eagles ist der gute Wurf aus allen Lagen und Distanzen. Es ist keine Übertreibung zu behaupten, dass Robinson über die beste Fußarbeit des gesamten Draftjahrgangs verfügt. 

Wenige andere Spieler haben so eine sparsame und replizierbare Wurftechnik wie der Topscorer der ACC. Robinsons Technik ist überaus konstant, wunderbar anzusehen und sorgt auch aus größerer Entfernung für Erfolg. 40,9 Prozent seiner Versuche fanden aus der Distanz ihr Ziel im Netz.

Robinsons Besonderheit liegt jedoch nicht nur im reinen Wurf, sondern in der Konstanz, die er über Catch & Shoot, Pull-ups oder Würfen aus der Bewegung demonstriert.


Die Stärke seiner Fußarbeit wird vor allem dann ersichtlich, wenn er um indirekte Blöcke schlängelt. Die Offense seiner College Mannschaft war im Großteil so konzipiert, dass Robinson mehrere solcher Screens und eventuell Handoffs erhält und aus einem generierten Vorteil eine Entscheidung trifft.

Hierin ist Robinson meisterhaft. Er spürt genau, wann er den Sprungwurf aus dem Block nehmen kann, wann er eng curlen und zum Korb ziehen sollte oder wann sich mehrere Verteidiger mit ihm beschäftigen und der Blocksteller mutterseelenallein unter dem Korb steht.


Doch nicht nur bei indirekten Blöcken beweist Robinson großes Geschick: Auch im direkten Pick & Roll verfügt Robinson über Potenzial und jede Menge Skills.

Sein gutes Ballhandling und sein Verständnis für Situationen lassen sich auch auf das Blocken-und-Abrollen übertragen. Robinson besitzt die Fähigkeit, den Verteidiger des Blockstellers durch geschickte Tempoverzögerung in einen Sekundenschlaf zu versetzen. Sobald der Verteidiger erlahmt, wechselt Robinson in sein höchstmögliches Tempo und senkt seine Schultern, wodurch er den Big in der Regel schlägt.

Gelingt dies nicht, kann er auch mal per Split eine aggressivere Verteidigung erfolgreich kontern oder den freien Mann auf der Weakside mit beeindruckenden Pässen finden. Robinson muss allerdings auch hier wieder sein Risikomanagement sowie seine körperliche Kostitution verbessern, will er auf NBA Level in diese Rolle schlüpfen.


Abseits des Balls weiß Robinson ebenfalls durch kluge Cuts zu überzeugen und schleicht sich gerne mal im Rücken seiner überraschten Verteidiger davon.


Robinson ist einer der talentiersten Offensivspieler des Drafts und wird alleine dadurch seine Rolle in der NBA finden. Durch seine Vielseitigkeit kann er sowohl als sekundärer Ballhandler - ähnlich wie am College - oder abseits des Balls als Schütze und Cutter effektiv sein. 
Es ist durchaus denkbar, dass Robinson auch als Ballhandler eine gute Figur in der NBA abgeben wird, allerdings wird er seine mäßige Athletik und Physis nie ganz kaschieren können.

Gerade in der Verteidigung werden diese beiden Aspekte auch ganz schnell zum Problem. Denn Stand jetzt ist Robinson ein schlechter Verteidiger - vermutlich der schlechteste des Drafts auf den Außenpositionen. Besonders in der Anfangsphase seiner Karriere wird er im Eins-gegen-Eins maßlos überfordert sein.

Schon am College fehlte ihm die Geschwindigkeit, um Drives zu unterbinden. Ganz eklatant wurde diese Schwäche bei Closeouts aufgedeckt. Hier hatte Robinson selbst gegen mittelprächtige Collegespieler oft das Nachsehen.

Ein wenig beängstigend ist in dieser Hinsicht, dass sich die gute Fußarbeit aus der Offense leider kaum auf die Defensive überträgt. Robinson gerät häufig außer Balance, was allerdings auch dadurch zu erklären ist, dass ihm das Tempo in den Bewegungen fehlt, um Schritt zu halten. Dadurch wird er oft hastig in seinen Aktionen.


In der Pick & Roll Verteidigung wird er von harten Screens verschluckt und verschuldet relativ häufig Rotationen und Unterzahlsituationen für die eigene Teamdefense.

Auch hier wird offensichtlich, wie wichtig mehr Masse und eine bessere Körperstabilität im Rumpfbereich für den leichtgewichtigen Flügelspieler sind.


Ein wenig Hoffnung gibt die ordentliche Länge des Flügelspielers. Durch seine Spannweite von über 6'7'' kann er beispielsweise nach Switches gegnerische Bigs zu schwierigen Abschlüssen verleiten. Clevere Bigs schieben Robinson jedoch einfach unter den Korb und lassen ihm keine Chance.

Auch Deflections und schwierige Passwinkel sind Details, die Anlass zur Hoffnung geben, auch wenn diese nur marginal ist.


Als Teamverteidiger weist Robinson noch das größte realistische Wachstumspotenzial auf. Denn auch in diesem Bereich der Defense bekleckert sich der prädestinierte Offensivspieler keineswegs mit Ruhm. 

Zwar ist er aktiv in der Kommunikation und engagiert als Helpverteidiger, allerdings sinkt er zu oft zu tief in die Zone ein und verpasst dadurch seine Chance, ein gutes Closeout an der Dreierlinie laufen zu können oder Würfe zu erschweren.


Jerome Robinson ist ein Spieler, der zwei Seiten aufweist. Einerseits ist er einer der besseren und abgezockteren Offensivspieler, die dieser Draftjahrgang zu bieten hat. Er kann verschiedene Rollen durch sein differenziertes Skillset ausfüllen.

Eine Situation als Rollenspieler, der nur auf den Dreier lauert, Cuts läuft oder mal einen indirekten Block erhält ist genauso gut denkbar wie eine verantwortungsvollere Ausgangslage, in der auch mal Pick & Rolls läuft und seine Kreativität als Passgeber ausspielt.

Andererseits ist Robinson einer der schwächsten Verteidiger des Drafts, dessen Steigerungspotenzial begrenzt aber auch nicht gänzlich limitiert ist.

Viel wird davon abhängen, in was für eine Organisation Robinson gerät, wie tief er in die Planungen verwurzelt wird und wie viel Vertrauen die Verantwortlichen vor Ort in die Künste des Flügelspielers haben oder entwicklen können.

Gerät er beispielsweise in eine Situation wie Wayne Ellington in der vergangenen Saison bei Miami, würden Robinsons Stärken nahezu perfekt zur Geltung kommen. Viele indirekte Blöcke und Instant Scoring von der Bank können genau das sein, was Robinson einem NBA Team liefern kann. Als Ballhandler und Passgeber weist Robinson sogar mehr Potenzial auf als Ellington.

Ein Negativbeispiel könnte hingegen Jeremy Lamb sein. Beide ähneln sich ungemein in ihrer Statur und darin, dass sie am College bevorzugt um diverse Blöcke abseits des Balls sprinteten. Lamb konnte allerdings nie Fuß fassen und sein Potenzial voll entfalten.