18 Juni 2018

18. Juni, 2018



Willkommen bei unserer offiziellen Draft-Vorschau. Am 21. Juni geht für 60 brandneue NBA-Rookies ein Lebenstraum in Erfüllung, wenn sie Commissioner Adam Silver in der Association willkommen heißt. Wir behalten eine unserer liebsten Traditionen hier bei NBACHEF bei und checken im Vorfeld die verheißungsvollsten Talente des Jahrgangs... in unseren patentierten Spotlights.

von AXEL BABST @BabstMadness

"Press Virginia" ist mittlerweile eine fest verankerte Marke im College Basketball. Kaum eine Spielweise polarisierte in den vergangenen Jahren mehr als die aggressive Ganzfeldverteidigung West Virginias, die Guards und Ballhandler an allen Stellen des Courts terrorisiert.

Doch Bob Huggins ließ nicht seit seinem Amtsantritt bei den Mountaineers über das komplette Feld verteidigen, auch wenn er seit Jahrzehnten für defensivorientierten und aggressiven Basketball steht. Erst nach zwei aufeinanderfolgenden Jahren ohne NCAA Tournament Teilnahme sah sich die Trainerlegende dazu veranlasst etwas zu ändern.

Die Entscheidung zugunsten einer Pressverteidigung war jedoch auch maßgeblich zwei neuen Freshman Guards geschuldet. Jevon Carter und Daxter Miles Jr. sind die perfekten Terrier für eine solche Defensivvariante. Mit ihnen im Kader änderte sich die Mentalität des Programms und stiftete eine neue Identität.

In den vergangenen vier Jahren gewann die WVU jeweils mindestens 25 Spiele, konnte drei Mal die Runde der Sweet Sixteen errreichen und war in der vergangenen Saison kurz davon Big12 Krösus die Serie der Conference Meisterschaften zu zerschlagen. Eine Schwächephase in den letzten Big12 Spielen ließ diese Träume platzen.

Besonders Carter konnte sich in seinen vier Jahren in Morgantown fast schon einen Legendenstatus erarbeiten. Von einem unterrekrutierten Highschool Spieler über einen defensivstarken Freshman entwickelte sich Carter zu einem der besten Guards der NCAA als Senior.


Während seine Defensive von Anfang bis Ende das Markenzeichen in Carters College Karriere war und auch seine Chancen als NBA Rollenspieler maßgeblich prägt, konnte sich Carter offensiv stetig weiterentwickeln.

Die mit Abstand wichtigste Entwicklung war die Evolution und Festigung seines Dreiers. In seinen ersten beiden Jahren als Collegespieler konnte Carter jeweils knapp über 30 Prozent seiner Distanzwürfe verwandeln.

In der abgelaufenen Saison betrug die Quote hingegen 39,3 Prozent bei insgesamt 77 Treffern. In Anbetracht der Schwierigkeit vieler Würfe ist diese Erfolgsausbeute durchaus akzeptabel. Den offenen Catch & Shoot Dreier sollte Carter auch in der NBA treffen, auch wenn er die Reichweite der NBA Dreierlinie erst noch beweisen muss.


Abseits seines Wurfs wird Carter jedoch nur sehr wenig auf die Platte bringen können im Angriff. Denn gerade im Eins-gegen-Eins ist Carter nach wie vor selbst für die Prospects des Jahrgangs unterdurchschnittlich talentiert und mit wenigen Skills ausgestattet.

Carter ist grundsätzlich eher ein kleiner und bulliger Guard, der nicht sonderlich explosiv oder schnell ist. Dadurch hat er Probleme an seinem Gegenspieler vorbeizuziehen. Diese mangelnde Geschwindigkeit kann er auch durch ausgereifte Moves nicht ausgleichen. Sein Ballhandling und seine Dribblings sind selten effizient.

Als Resultat enden viele Drives in einem schwierigen Floater über größere Gegenspieler oder wilden Abschlüssen, die keinerlei Chancen auf Erfolg bieten.


Eine ähnliche Problemlage bietet auch das Pick & Roll. Carter strahlt als Scorer wenig Gefahr aus, weil ihm Größe, Geschwindigkeit und spielerische Mittel fehlen. Selbst wenn er also mal in die Zone vordringen kann, kostet ihn das meistens so viel Zeit, dass die Helpside schon auf ihn lauert.

Doch häufig kommt es erst gar nicht dazu. Carters 6,6 Assists pro Spiel und die zweithöchste Assistrate des Jahrgangs (nach Trae Young) sollten nicht fälschlicherweise zur Annahme verleiten, dass Carter ein überaus kreativer Spielmacher sei.

Viel eher ist Carter besonders gut darin, den einfachen Pass zu spielen, der oft für den offenen Dreier ausreicht. Außerdem strahlt Carter eine gewisse Ruhe mit dem Ball aus, die er sich über vier Jahre dank des intensiven Trainings seiner Mannschaft angeeignet hat. Wer es gewohnt ist, im Training ständig Fallen gestellt zu bekommen, ist im Spiel auf alles gefasst und sieht den zwei direkten Pick & Roll Verteidigern wesentlich gelassener in die Augen. Das ist eine Qualität Carters, die oft übersehen und nicht genug wertgeschätzt wird.

Allerdings hat Carter ein Problem, wenn die Defense ihn dazu auffordert, selbst aktiv zu werden und schwierige Entscheidungen zu treffen, die ein besonderes Timing oder eine großräumige Spielübersicht erfordern.


Trotz seiner offenkundigen Limitation kann Carter ein Mindestmaß an Skills in der Offensiv mitbringen, die dafür sorgen werden, dass er als Rollenspieler in der NBA bestehen kann. Solange sein Dreier zu einer annehmbaren Quote den Weg in den Korb findet, sollte Carter an diesem Ende des Feldes solide seine Leistung bringen können.

Die wahre Rechtfertigung künftiger Gehaltschecks liegt aber vor allem in der Defense. Würde eine Befragung aller Prospects des Drafts durchgeführt werden, bei der über das undankbarste Matchup entschieden werden sollte, wäre Jevon Carter ein ganz heißer Tipp für diese imaginäre Auszeichnung.

Carter ist sich in der Verteidigung für keine Arbeit zu schade, lässt sich nie abschütteln und ist erst zufrieden, wenn er das Leder für sich oder sein Team gewonnen hat.

In der Pressverteidigung seines Teams war Carter der Grund dafür, warum Teams sich teils im Training mittels Fünf-gegen-Sieben auf die Mountaineers vorbereiteten. Doch alle kreativen Trainingsmethoden griffen in der Regel nicht, da Carters Mentalität, Kraft und Schnelligkeit der Hände einfach nicht zu simulieren sind.

Carter kann so hart und intelligent ein Anspiel verhindern, dass er mehrfach 5-Sekunden-Pfiffe beim Einwurf forcierte. Beim Ballvortrag übt er viel Druck aus und lauert auf eine Millisekunde der Unaufmerksamkeit, um seinem Gegner einfach den Ball aus den Händen zu entreißen - die Betonung liegt hierbei auf entreißen. 

Wenn Carter nicht den Ball im Vorfeld stealt, stellt er sich geschickt in Passwege, wodurch er das Auskosten von Überzahlsituationen verhindern und zum Teil sogar Ballgewinne schinden kann. Wird er überspielt, kann er meist irgendwie den Durchstecker ins Aus abfälschen oder dem Big beim Finish das Spielgerät aus den Händen schlagen. Über drei Steals pro Spiel und eine Stealrate von fast fünf Prozent sind also beileibe kein Zufall (jeweils Topwerte des Draftjahrgangs).


Als Eins-gegen-Eins-Verteidiger ist Carter im Halbfeld ebenfalls eine Klette, die sich nicht so leicht abschütteln lässt und viel Druck auf den ballführenden Spieler ausübt.

In der NBA muss Carter jedoch ein wenig die Dosis seiner Aggressivität abändern. Da sich die Spieweise des künftigen Teams von der bisherigen Art und Weise unterscheiden wird, haben Fehler und zugelassene Drive eine größere Zerstörungswut als am College.

Außerdem ist Carters geringe Größe (zusammen mit Collin Sexton der kleinste Spotlight Spieler) in Kombination mit seiner durchschnittlichen Athletik im Vergleich zur NBA Norm ein weiterer Faktor, der Carters Eins-gegen-Eins-Defense beeinflussen wird.


In der Pick & Roll Defense gilt es ein wenig abzuwarten, wie gut Carter ausgebildet ist und wie schnell er mögliche Defizite ausgleichen kann. Theoretisch sollte Carter auch als Verteidiger im Blocken-und-Abrollen eine ordentliche Rolle spielen können.

Er kann sich über Blöcke rüberkämpfen, hat dank seiner Physis und Mentalität aber auch das Potenzial, Blöcke zu switchen. Größere Gegenspieler werden Probleme mit der Härte und Kampfbereitschaft des Bulldogs haben.

Bei den Mountaineers gab es jedoch häufig Probleme im Pick & Roll, wenn Teams gegen aggressive Traps gute Lösungen auf Lager hatten. Carter wies die Tendenz auf, sich nicht an abgesprochene Pick & Roll Verteidigungsvarianten zu halten. Hatte Carter das Gefühl, den Gegner auch im Alleingang und trotz des Blocks unter Druck setzen zu können, blieb er knallhart bei seiner Idee und trieb den Ballhandler damit in die falsche Richtung.


Jevon Carter ist der unangenehmste Verteidiger des Drafts und wird unabhängig von seiner Draftposition eine Rolle in künftigen NBA Rotationen erkämpfen können. Selbst wenn er nicht gezogen werden sollte, wird Carter über den Free Agent Markt eine Station finden und sich in der Hierarchie hocharbeiten.

Genau diesen Prozess hat Carter schon unter Huggins durchlaufen. Als Spezialist und 3-and-D-Spieler wird sich Carter in der NBA mittelfristig etablieren. In jüngster Vergangenheit konnte beispielsweise T.J. McConnell einen ähnlichen Werdegang aufweisen. Beide waren am College Winner und beinharte Verteidiger.

Der oft gewählte Vergleich mit Patrick Beverly hinkt in der Hinsicht, dass Carter einfach beileibe nicht so athletisch ist und auch keine Zeit mit Trash Talk verschwendet. Er lässt Taten und besonders Steals für sich sprechen.