18 Juni 2018

18. Juni, 2018



Willkommen bei unserer offiziellen Draft-Vorschau. Am 21. Juni geht für 60 brandneue NBA-Rookies ein Lebenstraum in Erfüllung, wenn sie Commissioner Adam Silver in der Association willkommen heißt. Wir behalten eine unserer liebsten Traditionen hier bei NBACHEF bei und checken im Vorfeld die verheißungsvollsten Talente des Jahrgangs... in unseren patentierten Spotlights.

von AXEL BABST @BabstMadness

In der Informationsflut der Vorberichterstattung zum diesjährigen Draft droht der Name Kenrich Williams unterzugehen. Auf den ersten Blick ist das auch nicht verwunderlich, da Williams mit 23 Jahren (wird im Dezember 24) einer der ältesten Collegeabgänger dieses Drafts ist und daher nicht unbedingt mit dem Gütesiegel "Potenzial", nach dem NBA GMs im Auswahlverfahren lechzen, versehen werden kann.

Auch bei den körperlichen Maßen schneidet der Absolvent der Texas Christian University (TCU) vergleichsweise schwach ab: 6'7.5'' in Schuhen bei einer Spannweite von 6'7'' sind nicht die Werte, die von einem prototypischen Forward erwartet werden. Athletisch ist Williams sicherlich in der unteren Hälfte der NBA Prospects anzusiedeln.


Diese Mischung aus seinen limitierten physischen Eigenschaften sorgt dafür, dass Williams beispielsweise im Eins-gegen-Eins seine Schwierigkeiten hat. Selbst auf College Level konnte er sich meist nicht einen guten Wurf kreieren.

Wurde er dennoch zu Isolations gezwungen, endeten diese meist in einem schwierigen Pull-up gegen den Gegenspieler oder einem Ballverlust, weil Williams die Kontrolle über Ball und/oder das Bewusstsein über den Standort seiner Mitspieler sowie weiterer Verteidiger verlor.


Doch Williams kann mit anderen Eigenschaften überzeugen und besitzt ein enorm großes Rollenspieler Potenzial. Williams ist ein variabler Spieler, der verschiedene Aufgaben übernehmen und dank seiner Erfahrung von drei Spieljahren in der qualitativ hochwertigen Big12 relativ zeitnah auch in NBA Spielen anweden kann.

Williams ist beispielsweise ein harter Arbeiter mit einem unglaublich guten Gespür für Rebounds. Obwohl Williams nicht über die Sprungkraft anderer Wings verfügt, ist Williams äußert erfolgreich auf der Jagd nach Putbacks. Die Offensivreboundrate von 9,7 Prozent ist die höchste unter allen Wings, die in der Spotlight Reihe vorgestellt werden. Zum Vergleich: Toptalent Jaren Jackson Jr. erreicht nur 8,8 Prozent.

Seine Vorahnung für den richtigen Ort paart er mit Geschick beim Anpirschen und einer soliden Boxouttechnik - selbst am offensiven Brett.


Der Senior kann sich also durchaus Punkte erarbeiten. Viel lieber bereitet Williams allerdings Punkte seiner Mitspieler vor. Fast vier Assists pro Spiel serviert Williams seinen Teamkollegen - erneut Topwert unter den Wings.

Williams kann sowohl den einfachen Pass in Transition oder Halbfeld spielen als auch in brenzligen Situationen die Übersicht bewahren. Selbst unter Druck hat der Draftoldie ein wachsames Auge für den Backdoorcut auf der anderen Spielfeldseite.


Der Wurf des vielseitigen Flügelspielers ist eine zusätzliche Waffe, die zwar nicht als Spezialität bezeichnet werden kann, zumindest aber als ernstzunehmende Bedrohung im Bewusstsein der Verteidigung verankert sein sollte.

39,5 Prozent bei mehr als einem Treffer pro Spiel sind ausreichend für diesen Status. Hierbei gilt es anzumerken, dass es nicht unwahrscheinlich ist, dass Williams diesen Wert ziemlich genau auch in der NBA replizieren könnte, da viele seine Würfe bereits deutlich hinter der Collegedreierlinie ihre Reise begannen. Auch der schnelle Release, die Konstanz in der Wurfbewegung und sparsame Wurfvorbereitung sorgen für stabile Quoten.


Williams wurde bei den Horned Frogs als Point Forward im Angriff eingesetzt, der sich die Spielmacheraufgaben im Halbfeld mit seinem nominellen Aufbauspieler teilte. Besonders das Pick & Roll fiel in sein Aufgabengebiet.

Im Pick & Roll kann Williams seine Mischung aus Größe, Spielübersicht und Abgeklärtheit einbringen. Williams tritt auch hier selten selber in Erscheinung, findet aber eine ausgewogene Balance aus Pass zum Roller und zum Flügelspieler im Rücken der helfenden Verteidigung.

Diese Unausrechenbarkeit macht Williams als Passgeber sehr gefährlich. Zumal dieser diesen Umstand verinnerlicht hat und gerne auch mit dem betroffenen Verteidiger spielt: Lookaways, Passtäuschungen und Entscheidungen in letzter Sekunde üben einen gehörigen Druck auf die Defense aus.

Im Notfall kann der Point Forward auch mal den Dreier aus dem Dribbling treffen, falls die Defense ihm den Wurf gestattet und dafür den Weg in die Zone verbarrikadiert oder dem Roller besondere Aufmerksamkeit widmet.

Allerdings darf bei all den Möglichkeiten, die Williams zur Verfügung stehen, nicht außer Acht gelassen werden, dass NBA Teams das Pick & Roll wesentlich intelligenter verteidigen als College Teams. Williams Effektivität und Effizienz werden beispielsweise unter dem penetrantem Switchen gehörig leiden.


Zwar kann er mal einen Big im Eins-gegen-Eins schlagen, doch Williams ist viel besser darin, als Pick & Roll Ballhandler Ballmovement seines Teams durch schlaue Pässe zu orchestrieren. Ob Williams daher wirklich als Point Forward einer zweiten Garnitur wirklich mit Aufgaben im Pick & Roll bedacht werden sollte, darf daher mit einem Fragezeichen versehen werden.

Ähnlich wie im Angriff ist auch in der Verteidigung das Eins-gegen-Eins die Schwachstelle im Spiel des Big12 Legionärs. Williams fehlen einfach die athletischen und physischen Attribute wie Schnelligkeit, Länge oder Explosivität, die es bräuchte, um NBA Athleten vor sich zu halten.


Kommt im Pick & Roll ein zweiter Spieler hinzu, kann Williams zumindest durch schnelle Hände und das kluge Lesen von Situationen den direkten Durchbruch in die Zone verhindern.

Im Idealfall verteidigt Williams künftig den Ballhandler in der NBA und übergibt diesen per Switch an seinen Big. Gegnerische Innenspieler sollte Williams einigermaßen in Schach halten können.


Den größten Mehrwert stellt Williams defensiv als Teamverteidiger dar. Denn der Senior weiß genau, wann er wo zu stehen hat und wie er sich dort positionieren muss. Er ist sich nicht zu schade, auch mal für ein Offensivfoul seine Knochen herzuhalten und besitzt gute Instinkte als zweite Hilfe.

Auch wenn durch den Clip nicht der Eindruck entstehen sollte, dass Williams ein Shotblocker sei, kann er durchaus mit gutem Timing, kräftigen Händen & Unterarmen sowie geistesgegenwärtigen Reaktionen durchaus Fehler seiner Nebenleute bereinigen.

Allerdings kam ihm am College immer wieder zu Gute, dass die Bigs oder diejenigen, die am Korb abschließen wollten, meist eine halbe Sekunde zu lange brauchten, um den Pass verarbeiten zu können. Das wird er in der NBA nicht mehr haben. Auch das Stockwerk der Abschlüsse verlagert sich in höhere Etagen, die für den angehenden NBA Neuling nur schwer zu erreichen sind.

Auch wenn Williams' Fähigkeiten als vorübergehender Rimprotector eingeschränkt sein sollten, sind NBA Teams immer auf der Suche nach cleveren Verteidigern, die in Nachteilsituationen für die Defense schnell und richtig reagieren. Dazu ist Williams mit seinem Spielverständnis und seinem guten Auge für Situationen in der Lage.


Grundsätzlich ist Kenrich Williams ein Spieler, der für Teams in der zweiten Runde interessant ist. Viele Spieler, die vor ihm gezogen werden, werden eine kürzere Karriere in der NBA genießen als der erfahrene Williams.

Auch wenn Teams vor seinen physischen Limitationen und seinem Alter zurückschrecken werden, da diese Kombination wenig Upside bietet, besitzt Williams genug Fähigkeiten, um eine längere NBA Laufbahn als Rollenspieler zu ermöglichen.

Williams ist ein guter Teamverteidiger, kann offensiv sowohl mit Ball (als Passgeber & Werfer) und ohne Ball (durch Cuts & Spacing) eine offensive Rolle einnehmen.

Jared Dudley kann als Paradebeispiel für einen Spieler dienen, der alleine durch Cleverness und spezialisierte Skills viele Jahre gutes Geld verdienen konnte. Williams und Dudley sind sich in dieser Hinsicht sehr ähnlich. Zuletzt bewies Malcolm Brogdon, dass ein vergleichsweise hohes Draftalter und limitierte Athletik kein Sargnagel sein müssen.