19 Juni 2018

19. Juni, 2018



Willkommen bei unserer offiziellen Draft-Vorschau. Am 21. Juni geht für 60 brandneue NBA-Rookies ein Lebenstraum in Erfüllung, wenn sie Commissioner Adam Silver in der Association willkommen heißt. Wir behalten eine unserer liebsten Traditionen hier bei NBACHEF bei und checken im Vorfeld die verheißungsvollsten Talente des Jahrgangs... in unseren patentierten Spotlights.

von AXEL BABST @BabstMadness

Maryland gehört zu den traditionsreichsteren Programmen der NCAA und konnte unter Mark Turgeon zuletzt von 2015 bis 2017 jeweils an der March Madness teilnehmen. In der vergangenen Saison scheiterte das junge Team jedoch an dieser Hürde. Unerfahrenheit und Verletzungen waren sicher wesentliche Ursachen, um das frühe Saisonaus am 1. März zu erklären.

Während für die Terrapins die Saison vorzeitig beendet war, sorgte mit den UMBC Retrievers ein Nachbar in unmittelbarer Umgebung jedoch dafür, dass die Ehre des Staates Maryland durch den allerersten Upset eines 16 Seeds gerettet war.

Für Kevin Huerter bedeutete die Niederlage gegen Wisconsin im Rahmen des Big Ten Tournaments Anfang März das letzte Spiel im Jersey der Terrapins. Nach zwei Jahren, die Huerter größtenteils im Schatten seiner Mitspieler und der maximal durchschnittlichen Teamleistungen fristete, entschied sich Huerter letztlich doch dafür, im Draft zu bleiben und sich einen Agenten zu suchen.

Auch wenn Huerters College Karriere nicht dafür sorgt, dass NBA Verantwortliche verzückt die Augenbrauen hochziehen, bietet Huerter eine Spielanlage, die perfekt in die NBA passt und kann als Rollenspieler durchaus seine Nische in der NBA finden.

Huerters wichtigste Qualität ist sein exzellenter Wurf. Der Flügelspieler bietet einen der sichersten Würfe des ganzen Draftjahrgangs und kann besonders durch seine hohe Variabilität punkten. 41,7 Prozent seiner Versuche fanden ihr Ziel. Insgesamt kam Huerter in der abgelaufenen Saison auf 73 Treffer.


Huerter ist nicht auf den offenen Dreier im Catch & Shoot angewiesen, sondern kann sich auch wunderbar aus der Bewegung in eine gute Wurfhaltung bringen.

In der trickreichen Halfcourt Offense der Terrps ließ Mark Turgeon viele Plays für seinen Schützen laufen. Meist schlängelte sich Huerter dabei um einen oder sogar zwei indirekte Blöcke, um anschließend den offenen Dreier zu versenken.

Das Besondere in solchen Situationen ist, dass Huerter nicht bloß die Blöcke nutzt und frei ist, sondern dass er bei diesen Aktionen ein enorm hohes Tempo auflegt. Er sprintet um die Blöcke, fängt den Ball in einer fließenden Bewegungen und reißt blitzschnell zum Wurf an.

Technisch gibt es Huerters Wurf kaum etwas auszusetzen und NBA Range sollte der Jumper jetzt schon konstant besitzen. Der Touch des Shooters ist weich, sein Handgelenk klappt wunderbar ab. Zudem sind Hüften und Schulter immer exakt zum Korb ausgerichtet. Charakteristisch ist sein Ausfallschritt bei der Landung, der zwar ungewöhnlich ist, den Wurfablauf jedoch nicht negativ beeinflusst.

Huerters Dreieranteil am gesamten Wurfvolumen ist mit 54,3 Prozent der zweithöchste der Spotlight Talente.


Huerter ist jedoch keinesfall eindimensional auf seinen Wurf zu beschränken, auch wenn dieser natürlich der Türöffner zur NBA sein wird. Huerter besitzt zugleich ein enormes Spielverständnis und liest Situationen unglaublich gut.

Gerade aus den indirekten Blöcken trifft Huerter sehr viele gute Entscheidungen und ist dadurch nicht leicht für die Defense zu stoppen. Folgt ihm der eigene Verteidiger hauteng, weiß Huerter, dass er durch einen Curl zu einem hochprozentigen Abschluss in der Zone gelangen kann. Hierbei benutzt er seine unterschätzte Athletik und seine Größe. Kommt der Verteidiger des Blockstellers gegen den Curl zur Hilfe, weiß Huerter, wie er seinen Mitspieler per Lobpass finden kann.

Überspielt ihn die Verteidigung und will ihn gar nicht erst die Blöcke nutzen lassen, gaukelt er den geplanten Cut gekonnt vor und läuft stattdessen Backdoor in die Zone, wo er ein schneller Verwerter der folgenden Anspiele ist.


Im Eins-gegen-Eins sollte Huerter sicherlich nicht allzu oft auf sich allein gestellt sein. Hier fehlen Huerter Explosivität, Ballhandling und Kraft im Rumpfbereich, um sich in die Zone vorkämpfen und dort auch vollstrecken zu können.

Oft enden die Situationen entweder mit einem Ballverlust oder einem wilden Finish. Huerter versucht sich oft dadurch zu schützen, indem er zu einem Spinmove greift, der jedoch zu langsam ist und dem Verteidiger die Chance gibt, ihn abzudrängen. Die Turnoverpercentage von 17,8 Prozent ist die dritthöchste aller NCAA Spotlight Prospects.


Statt Abschlüsse im direkten Duell mit seinem Gegenspieler zu kreieren, sollte sich Huerter lieber darauf konzentrieren, seine exzellenten Passqualitäten einzusetzen. Dank seines guten Spielgefühls und seinem Auge für den Mitspieler weiß er immer, wo der bessere postierte Nebenmann steht.

Huerters Passtechnik ist hervorragend und in seiner Kreativität variabel. Pässe, die technisch sehr anspruchsvoll sind, lässt Huerter spielend leicht aussehen und sehr natürlich in sein Offensivaktionen einfließen. Einhändige Bodenpässe mit der schwachen Hand oder Durchstecker in der Zone gegen mehrere Gegenspieler sind da nur die offensichtlichen Highlights. Mit 20,3 Prozent weist Huerter die zweithöchste Assistrate aller Spotlights Wings auf, obwohl er vor allem abseits des Ball agierte.


Die Mischung aus Spielübersicht und ordentlicher Athletik sowie ein exzellenten Wurf sorgen dafür, dass Huerter auch als Playmaker im Pick & Roll in Erscheinung treten kann. Huerter ist wegen seiner Entscheidungsfindung gegen flache Pick & Roll Verteidigungen tödlich. Er weiß, wie er die Aufmerksamkeit des Bigs auf sich ziehen muss, um dem Blocksteller eine freie Bahn zum Abrollen zu schaffen. Dank seiner Größe und seines Timings findet Huerter den Roller in der Regel per Assist.

Huerter kann aber auch selbst per Midrange Game und Floater abschließen, auch wenn er sich in diesem Bereich sicherlich steigern könnte. Huerter muss mehr Masse aufbauen, um Kontakt besser zu verkraften. Gegen aggressivere Verteidigungsvarianten gilt der Aspekt der fehlenden Kraft besonders. Unter Druck gibt Huerter den Ball viel zu leicht her und an eigene Punkte ist erst gar nicht zu denken.

Ob Huerter wirklich konstant Pick & Rolls in der NBA laufen sollte, ist dahingestellt. Dennoch besitzt Huerter zumindest das Potenzial, um auch mal wichtige Plays landen und der Mannschaft so unter die Arme greifen zu können.


Huerter ist also in der Offensive in erster Linie ein exzellenter Schütze - vielleicht der beste des Draftjahrgangs. Gleichzeitig stellt sich Huerter generell sehr geschickt an, wenn er indirekte Blöcke gestellt bekommt und daraus Entscheidungen treffen soll.

Als hochintelligenter Spieler, der ein Auge für seine Mitspieler besitzt und vielleicht sogar Pick & Rolls laufen kann, ist Huerter neben seinen Wurfqualitäten als Passgeber nicht zu unterschätzen.

In der Verteidigung wechseln sich Licht und Schatten ab. Grundsätzlich sollte der Flügelspieler jedoch das Potenzial besitzen, zumindest ein durchschnittlicher Verteidiger zu werden, der seinem Team nicht jede Defensivsequenz Punkte kostet.

In der Eins-gegen-Eins Verteidigung sollte Huerter eigentlich chancenloser sein, als es sich in Wahrheit gestaltet. Huerter nutzt seine Größe geschickt und versteht es gewitzt, seinen Gegenspieler im entscheidenden Moment zu irritieren, um das Nachsehen beim Drive zu verhindern.

Huerter hat schnelle Finger und erwischt oft den Ball genau dann, wenn sein Gegenspieler losdribbeln oder zum Crossover ansetzen möchte. Dadurch stört er entscheidend den Rhythmus und kann sich wieder vor seinem Matchup positionieren.

Bei Closeouts ist Huerter Fußarbeit eigentlich noch stark verbesserungswürdig, allerdings stößt er sich bei seinen ersten beiden Schritten in der seitlichen Bewegungen kraftvoll und energisch ab, weswegen er zumindest auf Tuchfühlung bleibt.

Neben seiner mäßigen Fußarbeit ist Huerter aber vor allem auf Dauer nicht kräftig und schnell genug, um gegen gute Athleten seinen Dienst verrichten zu können.


In der Pick & Roll Defense bietet der Flügelspieler momentan noch die schlechtesten Darbietungen und muss sich entsprechend steigern. Oft agiert er zu undiszipliniert und trifft bei der Bekämpfung des Blocks die falsche Entscheidung.

Teils geht er auf Steals und und risikiert dadurch geschlagen zu werden. In anderen Situationen wiederum will Huerter unter dem Block vorbeihuschen und stiftet so Verwirrung beim Verteidiger des Blockstellers.

Insgesamt hat Huerter einfach Probleme damit, seinen Gegenspieler dorthin zu bringen, wo die Teamdefense ihn wissen möchte und anschließend gut gegen den Block zu arbeiten (zu einer Seite forcieren, sich über den Block kämpfen etc.).


Ein ähnliches Verhalten legt Huerter in der Teamdefense an den Tag. Zu oft ertappt die Offense den Wing in einem Moment der Unaufmerksamkeit. Fehler, die Huerter selbst in der Offense eiskalt durch kluge Cuts bestrafen würde, leistet er sich am defensiven Ende.

Der Shooter fokussiert sich zu sehr auf den Ball oder die scheinbare Aktion der Offense und lässt dafür den eigenen Gegenspieler aus den Augen entgleiten. Verursacht er nicht direkt zwei einfache Zähler, ist er dennoch für Chaos und Missverständnisse bei folgenden Rotationen verantwortlich.


Kevin Huerter kann sich gute Chancen auf eine Karriere als Shooter in der NBA machen. Gerade offensiv bietet Huerter durch seine Spielintelligenz, seine Übersicht und seine Passfertigkeiten noch einige Potenziale, die NBA Coaches besser ausschöpfen können in Zukunft und ihn aus der Rolle des eindimensionalen Shooters, in die er vor dem Draft gezwängt wird, befreien.

Auf der anderen Seite ist Huerter jemand, der defensiv anfällig sein wird. Erstaunlicherweise stellt sich Huerter im direkten Eins-gegen-Eins noch am besten an, obwohl ihm hierzu eigentlich wesentliche Voraussetzungen wie Athletik und Physis fehlen. Doch Schnelligkeit im ersten Schritt und Geschick bei seinen Störversuchen erwiesen sich am College als ausreichend. Ob das in der NBA so bleibt, ist zu hinterfragen.

In der Pick & Roll und Teamdefense wird sich Huerter steigern müssen. Ausgiebige Videoanalysen seiner Fehler sollten dem Wing jedoch dabei helfen, sich drastisch zu verbessern. Huerter ist smart und wird seine Probleme erkennen. Sich schlechte Angewohnheiten abzutrainieren, könnte sich jedoch als langwierig und schwierig herausstellen.

Im allerbesten Fall wird Kevin Huerter eine stark abgeschwächte Lightversion von Nicolas Batum. Ähnlich wieder Franzose verfügt Huerter über einen starken Wurf, arbeitet geschickt mit indirekten Blöcken und kann auch mal kluge Pässe als Ballhandler spielen. Gerade als Ballhandler bewegt sich Huerter deutlich einige Levels unterhalb Batum, gleicht ihm jedoch ein wenig in der Leichtigkeit seiner Entscheidungen. Huerter wird allerdings auf keinen Fall auch nur annähernd das Niveau Batums in der Verteidigung erreichen.

Kyle Korver wäre die Variante, bei der sich Huerter rein auf seinen Wurf konzentriert und seine Kreativität und Passfertigkeiten auf NBA Level nicht präsentieren kann oder darf. In der Defense könnte Huerter ein ähnliches Niveau einnehmen.

Auch dem Spanier Rudy Fernandez ähnelt Huerter durch seine Kombination aus unterschätzter Athletik, Dreier und Kreativität in der Offense. Zudem sind beide undisziplinierte Verteidiger, die lieber auf Steals gehen, anstatt sauber zu verteidigen.