19 Juni 2018

19. Juni, 2018



Willkommen bei unserer offiziellen Draft-Vorschau. Am 21. Juni geht für 60 brandneue NBA-Rookies ein Lebenstraum in Erfüllung, wenn sie Commissioner Adam Silver in der Association willkommen heißt. Wir behalten eine unserer liebsten Traditionen hier bei NBACHEF bei und checken im Vorfeld die verheißungsvollsten Talente des Jahrgangs... in unseren patentierten Spotlights.

von AXEL BABST @BabstMadness

Als das Bracket am Selection Sunday in Gänze nach einer unerträglich aufgebauschten Showveranstaltung endlich zur Übersicht eingeblendet wurde, dürfte Trainerfuchs Jim Larrañaga ein Mal kurz geschluckt haben. Schließlich erwischten seine vergleichsweise jungen und unerfahrenen Canes mit Loyola Chicago eines der undankbarsten Lose der ersten Runde. Das dürfte auch Miamis Trainer ohne große Vorbereitung sofort gewusst haben.

Tatsächlich verloren die Canes durch einen Wurf in nahezu letzter Sekunde das Auftaktmatch des Tournaments gegen die Cinderella Mannschaft des diesjährigen Tournaments. Die erfahrenen und disziplinierten Ramblers zeigten den jungen Canes schonungslos ihre Schwächen und Defizite auf.

Auch Lonnie Walker IV zahlte ordentlich Lehrgeld und gab nicht immer eine glückliche Figur ab. Dennoch verlief das Jahr für die Canes insgesamt sehr solide. Walker selbst konnte sich schnell als Führungsspieler etablieren und ließ immer wieder sein Talent aufblitzen.

In erster Linie sticht Walker durch seine physischen Ausmaße auf der einen und sein athletisches Vermögen auf der anderen Seite aus der grauen Masse heraus. Obwohl er mit einer Größe von 6'4.5'' relativ klein für einen Shooting Guard ist, kann er eine enorme Spannweite von über 6'10'' aufweisen.


Zusätzlich dürfte Walker einer der sprunggewaltigsten Athleten des Jahrgangs sein, der mit einer Kombination aus Sprunghöhe, Explosivität beim Absprung und halsbrecherischer Durchschlagskraft für staunende Gesichter sorgt.

Am offensichtlichsten sind Walkers Dimensionen in der Transition. Wird Walker der Anlauf über das ganze Feld gewährt, gilt es für die Defense in der Zone die weiße Flagge zu hissen. Walker verfügt beim Sprint über das ganze Feld über einen Turbo, den er aus dem Nichts zur weiteren Geschwindigkeitsgewinnung benutzt.

Als Finisher steht Walker gerne einen Moment länger als die verdutzten Verteidiger in der Luft. Seine Hangtime beim Finish ist zwar nicht immer von Erfolg gekrönt, sieht aber zumindest spektakulär aus.


Im Halbfeld setzt Walker am liebsten zum Drive an, um Closeouts zu attackieren. Sein erster Schritt ist so schnell und plötzlich, dass die Verteidigung eigentlich keine Mittel bleiben, um Walkers Eindringen in die Zone zu verhindern.

Auch hier werden seine Finishes wieder mit dem gebührenden Moment des Schwebezustands veredelt, ehe der Ball tatsächlich Richtung Korb entlassen wird. Auf lange Sicht wird Walker sich diese Sperenzchen abgewöhnen müssen, weil auf Dauer seine Quote als Finisher leiden und die Wahrscheinlichkeit von Foulpfiffen sinken wird.

Mit einer Quote von 41,5 Prozent aus dem Feld wies Walker von allen Spotlight Prospects den niedrigsten Wert in dieser statistischen Kategorie auf.


Die niedrige Quote hängt aber nicht nur mit schlechten Angewohnheiten beim Abschluss zusammen, sondern steht auch im direkter Korrelation zu der Wurfauswahl, die sich der Flügelspieler zugesteht. "Unstet" und "selten durchdacht" wären die nett gewählten Formulierungen, um zu beschreiben, wie chaotisch Walker bisweilen auf dem Feld handelt.

Pull-up Dreier aus acht Metern bei 20 Sekunden auf der Shotclock gehören genauso zum Programm wie planlose Drives in einen Pulk von Verteidigern, die nur darauf lauern, dem Wing entweder den Ball zu entreißen oder sich ihm in den Weg zu stellen und das Offensivfoul zu schinden. 

Aufgrund der Vielschichtigkeit der Fehler, der Willkür in Walkers Entscheidungen und der fehlenden Lernkurve steht zu befürchten, dass Walker nie ein verlässlicher Ballhandler sein wird, solange ihm nicht klare Vorgaben erteilt werden und er eine eindeutige Rolle zugewiesen bekommt. Mit der eher freien Offense Miamis, bei der jeder Außenspieler mal als Ballhandler kreiert, kam Walker entsprechend weniger gut klar.


Als Schütze weist Walker Potenzial auf und verwässert sich seine Quote aus der Distanz eher durch seine Wurfauswahl als durch fehlendes Wurfvermögen auf 34,6 Prozent. Über die Hälfte von Walkers Wurfversuchen aus dem Feld waren Dreier, was für einen Mann seiner athletischen Möglichkeiten ein viel zu hoher Anteil ist. 
Walkers Handgelenk klappt weich ab und er verfügt auf jeden Fall über Touch. Wenn Walker seine Bewegung ruhig und konzentriert beendet, haben die Würfe in der Regel eine hohe Erfolgschance.

Allerdings sollte der angefügte Clip auch nicht die Realität verzerren. Denn Walker hat noch einige Details an seinem Schuss zu korregieren, ehe er als einigermaßen verlässlicher Schütze angesehen werden kann. Walkers Füße stehen zu eng zusammen, der Abwurfpunkt ist relativ niedrig und Walker hat die Tendenz, den Wurfarm nach vorne und nicht nach oben auszurichten.


Als Pick & Roll Spieler zeigt sich Walker vergleichsweise weit in der Entwicklung und weiß fast immer, wie er Situationen so löst, dass er den Weg in die Zone findet. Besonders das Snake Dribbling zwischen dem Blocksteller und dessen Verteidiger hat Walker bereits sehr gut verinnerlicht.

Nach wie vor bleibt jedoch das Finish das Problem in Walkers Spiel. Oft verliert er mit den Dribbelmanövern gegen den Big Man so viel Zeit, dass ein weiterer Verteidiger zur Hilfe vorbeieilen und ihm beim Abschluss entscheidend irritieren kann.


Walker weist offensiv grundsätzlich eine interessante und für so manchen NBA Verantwortlichen sicher verlockende Mischung aus Drang zum Korb und Wurfgefahr aus der Distanz auf. Als Slasher hat der Wing ein natürliches Talent dafür, den Weg in die Zone zu finden, unabhängig von Situation und Gegner. Die Schwächen beim Finish und in der Entscheidungsfindung gießen eine gehörige Portion Wasser in den Wein.

In der Verteidigung bietet Walker fast noch mehr Potenzial als im Angriff. Das liegt auch hier zunächst wieder an der Mixtur aus Länge und Athletik. Walker kann problemlos Würfe seiner direkten Gegenspieler erschweren, da er nur den Arm auszustrecken braucht.

Selbst Bigs, die am Korb finishen wollen, haben ihre liebe Mühe damit, über die Pranken des Freshman zu werfen - sei es im Eins-gegen-Eins oder gegen Walker als Helpside Verteidiger.

Auch Deflections und Steals sind Resultate seiner langen Arme, da es für ihn ein Leichtes ist, in den Passweg zu sprinten und den Ball zu krallen.


Neben seiner Länge zeichnet sich Walker auch durch viel Aggressivität in der Verteidigung aus. Beispielsweise ist er willens, Dribble Handoffs nach Möglichkeit immer zu verhindern oder zumindest soweit zu stören, dass Rhythmus der Offense gestört wird.


Als Pick & Roll Verteidiger stellt sich Walker geschickt an. Er treibt seinen Gegner meist über den Block, sodass dieser keine Gelegenheit bekommt, sich für die Aktion des zweiten Verteidigers zu wappnen.

Walker kämpft sich äußerst filigran um den Block herum und beweist hier neben seiner physischen Robustheit vor allem gute Fußarbeit, da er mit wenigen Bewegungen und in kurzer Zeit wieder an der Hüfte des Ballhandlers hängt.

Von hier aus bemüht sich Walker, dem Ballhandler größtmögliches Unbehagen zu bereiten, indem er ihn spüren lässt, dass er ihn hauteng bewacht. Seine langen Arme tragen auch hier wieder dazu bei, dem Ballhandler Sicht und Passwinkel zu nehmen.


In der Teamverteidigung positioniert sich Walker meist gut, gibt aktive Hilfen und verfolgt die Bewegung des Balls sehr genau. Auch in dieser Hinsicht ist Walker also überraschend weit in seiner Entwicklung gemessen an seinem Alter und im Vergleich zu vielen anderen Freshmen.

Bisweilen geht dieses Studium des Balls jedoch ein wenig zu weit, weswegen er sein eigenes Matchup aus den Augen verliert und anfällig für Backdoorcuts wird.


Lonnie Walker ist einer der vielen 3-and-D-Wings des diesjährigen Draftjahrgangs. Seine besonderen Markenzeichen, um sich von der breiten Masse abzusetzen, sind dabei seine Länge, seine Aggressivität und sein zusätzliches Scoring Potenzial als Ballhandler.

Letzteres muss jedoch noch mit sehr viel Geduld und Detailarbeit erst in die richtigen Bahnen gelenkt werden. Walker bringt eine Menge Anlagen mit, um mehr als der klassische Rollenspieler zu sein, der offensiv nur in der Ecke auf den offenen Dreier lauert. Theoretisch könnte er vielleicht die zweite oder dritte Option als Ballhandler für ein NBA Team werden. Die entsprechende Mentalität bringt Walker auf jeden Fall mit.

Inwiefern Walker sich jedoch als verlässlich im Umgang mit Ball und Verantwortung erweisen wird, kann zum jetzigen Zeitpunkt kaum prognostiziert werden. Auch wenn Walker erst im Dezember 20 Jahre alt wird und noch entsprechend viel Zeit hat, sein Spielverständnis zu verbessern, fällt es bisweilen schwer, optimistisch auf den hypothetischen Lernverlauf zu blicken. Dafür sind die Schwere einzelner Entscheidungen, die Frequenz und der geringe Lerneffekt zu eklatant.

Im besten Fall wird Walker daher eine Karriere wie Jason Richardson oder J.R. Smith blühen. Richardson würde bedeuten, dass Walker vor allem über seine Athletik Fuß in der NBA fasst, seinen Wurf immerhin stabilisiert und auch ordentliche Saisons als Starter abliefert. Smith wäre die wurfstärkere Variante.

Verläuft die weitere Entwicklung nicht optimal könnte er ein wenig wie Ben McLemore nach frühem Hype in der Versenkung der NBA verschwinden, da er seine vorhandenen Skills nie festigen und zur Geltung bringen würde.