18 Juni 2018

18. Juni, 2018



Willkommen bei unserer offiziellen Draft-Vorschau. Am 21. Juni geht für 60 brandneue NBA-Rookies ein Lebenstraum in Erfüllung, wenn sie Commissioner Adam Silver in der Association willkommen heißt. Wir behalten eine unserer liebsten Traditionen hier bei NBACHEF bei und checken im Vorfeld die verheißungsvollsten Talente des Jahrgangs... in unseren patentierten Spotlights.

von AXEL BABST @BabstMadness

Als sich Mike Dunleavy Sr. 2016 dazu entschloss, den Trainerposten der in New Orleans ansässigen Tulane University zu übernehmen, war das doch eine ziemliche Überraschung. Und obwohl im ersten Jahr auch nur sechs Spiele gewonnen werden konnten, zeigte sich das Team in der abgelaufenen Saison stark verbessert und konnte immerhin 14 Siege einfahren.

Das lag auch zu einem gehörigen Teil daran, dass sich Melvin Frazier als Leader einbringen konnte. In seinem dritten Jahr für die grüne Welle zeigte der vielseitige Flügelspieler spielerische Fortschritte, die ihn nach und nach auf den Listen der NBA Scouts hochschnellen ließen.

Auch wenn Tulane in Fraziers drei Jahren nie zur oberen Hälfte der American Athletic Conference gehörte und nicht mal im Conference eigenen Tournament einen Sieg erzielen konnte, sind dessen Aktien so stark gestiegen, dass eine Anmeldung zum Draft samt Beschaffung eines Agenten die folgerichtigen Konsequenzen waren.


Die Chancen dafür, dass Frazier seinen Draftwert noch irgendwie steigern könnte, stehen eher schlecht. Denn der Junior wird Ende August bereits 22 Jahre alt und kann dafür eher wenige Skills aufweisen. Spielerisch hätten also nochmals gewaltige Entwicklungssprünge folgen müssen, um eine Rückkehr zu rechtfertigen.

Viel wichtiger sind momentan ohnehin Fraziers körperliche Werte. Für einen Flügelspieler mit einer Größe von 6'6'' sticht er dank seiner Spannweite von fast 7'2'' enorm heraus. Dank seiner Länge, zu der sich auch eine mehr als ordentliche Athletik in Form von Schnelligkeit und Sprungkraft gesellt, kann er ein Basketballspiel auf ganz unterschiedliche Arten beeinflussen.

Beispielsweise ist Frazier ein exzellenter Transition Spieler, der sowohl als Sprinter auf der Außenbahn als auch als Ballhandler eine gute Figur abgibt.


Im Halbfeld wird allerdings deutlich, dass er noch an seinen Skills arbeiten muss, um auch hier mehr als nur ein reiner Slasher zu werden. Der Großteil seiner Drive erfolgt beispielsweise über die stärkere rechte Hand.

Noch offensichtlicher wird die seine Vernachlässigung der linken Hand beim Finishen. Frazier nutzt sie fast nie zum Abschluss und wenn doch sind die Resultate erschreckend schwach. Selbst wenn er mal über die linke Spielfeldhälfte zum Korb zieht und eigentlich mit links vollstrecken müsste, folgt ein Versuch über die Innenhand, der aufgrund des ungünstigen Winkels oder eines Verteidigers in 95 Prozent der Fälle keinerlei Aussicht auf Erfolg bietet.

Auch seine Fußarbeit und Koordination beim Abschluss lassen stark zu wünschen übrig. In Situationen, in denen er einen Vorsprung hat, verlangsamt er sich oft durch beidbeinige Absprünge und Stemmschritte.

Auch an seinem Ballhandling muss der Flügelspieler arbeiten. Bislang verlangsamt ihn der Ball ungemein und das Risiko eines Ballverlusts auch immer gegenwärtig.


Positiv hervorzuheben ist hingegen, dass Frazier über eine ordentliche bis gute Court Vision verfügt und durchaus mit überraschenden Pässen aufwarten kann. 

Besonders effektiv sind seine Kickouts nach eigenen Drives. Diese Zuspiele an die Dreierlinie kommen zwar noch zu selten, da Frazier bevorzugt den eigenen Abschluss sucht oder sein Ballhandling nicht gut genug ist, um konstant seinen Gegenspieler zu schlagen und Hilfen zu binden. Kann er jedoch eine Hilfe binden und den Pass spielen, ist der Wurf komplett offen, weil Frazier durch seine Dynamik viel Aufmerksamkeit auf sich zieht.


Als Schütze konnte sich Frazier im Laufe seiner Karriere ebenfalls erheblich steigern und ist nun auf einem Niveau angelangt, das es zulassen würde, ihn als Wing in der NBA auf dem Feld stehen zu lassen.

38,5 Prozent seiner Versuche aus der Distanz fanden ihr Ziel, auch wenn Frazier nur knapp einen Treffer pro Begegnung verzeichnen konnte. Frazier zeigte jedoch zumindest, dass er aus verschiedenen Situationen heraus den Jumper einnetzen kann - Catch & Shoot, Pull-ups oder aus indirekten Blöcken kommend.

Dennoch ist der Wurf noch wackelig und bedarf weiterer Korrekturen. Die Füße stehen sehr eng beieinander und der Ellbogen schert zur rechten Seite aus. Grundsätzlich sieht die Wurfbewegung etwas atypisch aus, da Frazier den Ball eher stößt und nicht aus dem Handgelenk wirft. Das Handgelenk klappt daher auch nicht immer bis zum Ende durch, was bei einem guten Schützen eigentlich der Fall sein sollte.



Das Pick & Roll sollte Frazier in der NBA sicher nicht allzu oft als Ballhandler laufen, allerdings ist er nicht gänzlich und der folgende Clip zeigt vor allem, dass Frazier bereits eine Entwicklung in Bezug auf seine Entscheidungsfindung und sein Ballhandling hingelegt hat. Weitere Fortschritte sind daher nicht auszuschließen.


Im Angriff wird Frazier also in erster Linie als Slasher seine Eindrücke hinterlassen. Am College konnte er sich auf diese Rolle bereits gut einschränken. Seine effektive Feldwurfquote von 61 Prozent (zweitbester Wert unter den Spotlight Wings) ist dafür ein eindrucksvoller Beleg. Der Fokus seiner Individualtrainings sollte weiter auf seinem Wurf liegen. Alles andere wäre ein netter Bonus.

Den größten Schub erhoffen sich NBA Verantwortliche durch eine Verpflichtung des Athleten jedoch vor allem in der Verteidigung. Hier kann Frazier durch seine körperlichen und athletischen Voraussetzungen für jede Menge Unruhe im gegnerischen Setplay sorgen. 

Fast immer hat Frazier seine Hand im Passweg, fälscht Zuspiele ab oder irritiert den Ballhandler beim Dribbling. Die zweithöchste Stealrate (3,6 Prozent) der Draftclass ist daher auch kein Zufallsprodukt.


Neben seiner schier endlosen Energie und den langen Armen, hat Frazier auch ein gutes Gespür dafür, wann er mal den Stealversuch im Eins-gegen-Eins wagen kann und wann er den Gegner lieber in Sicherheit wiegen sollte. Diese Mischung macht es dem Ballhandler noch unangenehmer.
Beeindruckend ist auch immer wieder, wie es Frazier schafft Druck auf seinen Kontrahenten auszuüben, obwohl er zuvor gamblet und eigentlich außer Position sein müsste. Doch seine schnellen ersten Schritte und die langen Arme lassen ihn kleine Vorteile seiner Gegner schnell wieder austarieren.


In der Pick & Roll Verteidigung steigt die Fehleranfälligkeit des Wings wiederum. Auch wenn er immer noch geschickt seine Spannweite zu nutzen weiß und Pässe sowie Würfe erschwert, wird hier seine schmale Gestalt zum Problem. 198 Pfund Kampfgewicht kann Frazier nur aufbringen und wird von guten Screens verschluckt.

Das weiß der Energizer auch, weswegen er des öfteren versucht, sich bereits um Picks zu schlängeln, bevor die Ballhandler überhaupt richtig abgewägt haben, welche Entscheidungen sie nun treffen wollen. Am College ist er mit dieser Masche noch oft genug durchgekommen. Das wird sich in der NBA jedoch schnell ändern.

Spannend wird auch zu beobachten sein, wie gut Frazier in einer Switch Defense funktioniert. Die Länge zur Bewachung von Bigs hat er. Ob die Masse ausreichend ist, wird sich erst zeigen müssen.


Abseits des Balls muss Frazier deutlich mehr Wachsamkeit und Cleverness beweisen. Oft wird er von der Defense beim Ballwatching überrumpelt, was sich in Backdoorcuts, überhasteten Closeouts oder verspäteten Hilfen äußert.

Der Flügelspieler will viel zu oft auf den Steal spekulieren und verliert dadurch Fokus und Konzentration. Mentale Aussetzer sind leider nicht auszuschließen. Auch in seiner Kommunikation mit Mitspielern lässt Frazier bisweilen Basics vermissen. Einfachste indirekte Blöcke können größtmöglichen Schaden anrichten, weil Frazier als Unsicherheitsfaktor für Bedrohung sorgt.


Unter dem Strich ist Frazier ein höchst interessanter Spieler, wenn Teams gegen Ende der ersten Runde auf ein defensivorientiertes Talent aus sind und die Bereitschaft haben, noch ein wenig Schweiß in die individuelle Ausbildung des Draft Picks zu stecken.

Frazier ist für die Anforderungen eines modernen NBA Verteidigers größtenteils sehr gut ausgestattet: Länge, Schnelligkeit, nie enden wollende Energie und der Wille, jede Aktion des Gegenübers zu erschweren.

Offensiv wird er sich als Slasher begnügen müssen, kann das aber durchaus meistern. Die entscheidende Frage wird die weitere Entwicklung seines Sprungwurfs sein. Touch besitzt der Junior in jedem Fall, doch die ungewöhnliche Form und die fehlende Konstanz sind dringend zu behebende Mängel.

Gelingt ihm die Verbesserung seiner offensiven Schwachstellen und die Verfeinerung seiner defensiven Anlagen könnte Frazier mit Rondae Hollis-Jefferson zu vergleichen sein. Frazier hat etwas mehr Potenzial als Schütze, Hollis-Jefferson dafür deutlich mehr Physis.

Auf der anderen Seite könnte Frazier aber auch ähnlich wie K.J. McDaniels relativ flugs aus der Rotation ans Ende der Bank gelangen oder gar aus dem Kader von NBA Teams verschwinden.