20 Juni 2018

20. Juni, 2018



Willkommen bei unserer offiziellen Draft-Vorschau. Am 21. Juni geht für 60 brandneue NBA-Rookies ein Lebenstraum in Erfüllung, wenn sie Commissioner Adam Silver in der Association willkommen heißt. Wir behalten eine unserer liebsten Traditionen hier bei NBACHEF bei und checken im Vorfeld die verheißungsvollsten Talente des Jahrgangs... in unseren patentierten Spotlights.

von AXEL BABST @BabstMadness

Zwei Meisterschaften in drei Jahren feierte Mikal Bridges mit den Villanova Wildcats. War Bridges bei der ersten Meisterschaft noch der sechste Mann - oder Starter, wie Jay Wright immer gerne betont -, musste Bridges in der vergangenen Saison in eine Führungsrolle schlüpfen, was grundsätzlich eher weniger seinem Naturell entspricht.

Doch als zweite Geige hinter Anführer Jalen Brunson konnte Bridges spielerisch enorm wachsen. Bridges' Einfluss auf Villanovas Programm geht weit über die zwei Titel hinaus. Denn er kann als Paradebeispiel dafür dienen, wie sich Spieler unter der Führung von Wright entwickeln können. Natürlich erwecken Titel bei Rekruten Eindruck. Fast ebenso wichtig ist für viele jedoch das Argument, dass sie durch eine Ausbildung in Philly auf den Notizzetteln von Talentscouts landen können.

Bridges perfektionierte zuletzt seine Stärken nochmals und konnte auch die eine oder andere Schwäche merklich ausbessern, auch wenn das von der Allgemeinheit kaum wahrgenommen oder hervorgehoben wird, da das klassische 3-and-D-Siegel viel zu gut auf Bridges passt.


In der vergangenen Saison stellten die Wildcats als Team mit 464 getroffenen Dreiern einen neuen NCAA Rekord auf. Von dieser hohen Anzahl an Distanzwürfen entfielen allein 104 erfolgreiche Versuche auf das Konto von Bridges - der zweithöchste Wert unter allen Spotlight Prospects nach Trae Young.

In seiner Sicherheit und Konstanz nimmt Bridges' Wurf mittlerweile nahezu absurde Züge an. Während Trae Young für seine Treffer trotz hohen Schwierigkeitsgrads von den einen verteufelt und von den anderen verehrt wird, sollte auch bei Bridges nicht außer Acht gelassen werden, dass ein enormer Anteil seiner Dreier extrem gut verteidigt waren.

Die meisten anderen Spieler des Drafts hätten in diesen Situationen sogar Probleme damit gehabt, überhaupt den Wurf am ausgestreckten Arm des Verteidigers vorbeizuwerfen. Für Bridges ist das hingegen kein Problem. Bei seinem Sprungwurf steht Bridges sehr hoch in der Luft, reißt den Ball unheimlich schnell an und wirft dank seiner Spannweite von einem sehr weit oben gelegenen Punkt ab, den die Defense nicht erreichen kann.

Die Quote von 43,5 Prozent bestätigt, was auch die Wurfform verspricht: Mikals Wurf ist sehr konstant und weist technisch viele wichtige Grundeigenschaften auf. Bridges' Handgelenk klappt gut ab, Hüfte und Schulter sind immer zum Korb ausgerichtet.

Ein weiterer wesentlicher Punkt, der oft zu kurz kommt und dennoch große Bedeutung besitzt, ist die Tatsache, dass Bridges wesentlich selbstbewusster in seine Würfe geht. Als Redshirt Freshman verweigerte er teils offene Würfe. Mittlerweile nimmt er schwierige Würfe ohne groß darüber nachzudenken und scheut sich auch nicht, nach einem Fehlwurf wenige Sekunden später erneut sein Glück zu probieren.


Allerdings ist es auch immer eine Gratwanderung zwischen Vertrauen in den eigenen Wurf und einer übermotivierten oder gar unklugen Wurfauswahl.

Gerade bei Angriffen, in denen der Ball nicht ein einziges Mal die Zone berührt, sondern nur von Seite zu Seite gepasst wird, sollte Bridges den Griff am Abzug etwas lockern. Zudem entscheidet sich Bridges zu oft für gut verteidigte Pull-up Jumper, die nur eine geringe Erfolgswahrscheinlichkeit beinhalten.


Als Spieler im Eins-gegen-Eins ist Bridges sicherlich niemand, der konstant eine Spielfeldseite zur Isolation für sich beanspruchen wird, doch gerade hier konnte sich Bridges im vergangenen Jahr auch entwickeln, ohne dass es groß zur Kenntnis genommen wurde.

War Bridges in seinen ersten beiden Spieljahren maximal ein Spieler, der mal mit ein oder zwei schnellen Dribblings den geraden Weg zum Korb mit seiner Schrittlänge attackieren konnte, zeigte er sich in der abgelaufenen Spielzeit deutlich aggressiver.

Zum ersten Mal in seiner Karriere arbeitete er auch mal mit Handwechseln und mehr als zwei Dribblings. Zwar waren diese Gegebenheiten relativ selten, doch durchaus nicht unerfolgreich. Bridges deutete zumindest an, dass er in die Zone vordringen kann und dort immer dann vollstreckt, wenn er seine Länge geschickt nutzt.

Dennoch ist zunächst anzuzweifeln, dass Bridges in der NBA jemals regelmäßig das Eins-gegen-Eins und den Drive zum Korb sucht, solange es sich nicht um ein Closeout oder eine andere Vorteilssituation - z.B. per Handoff - handelt.

Dafür fehlt Bridges nach wie vor das Ballhandling. Zwar sind seine Crossover in ihrem Bewegungsablauf flüssiger, allerdings kriegt Bridges meist noch keine elegante Überleitung zum ersten Schritt hin, weswegen sie wirkungslos verpuffen.

Um sich im Finish zu verbessern, wird Bridges darauf hoffen müssen, dass er sich körperlich noch weiterentwickelt und an Masse gewinnt, damit er von Kontakt nicht so sehr beeinträchtigt wird.

Als Randnotiz ist noch anzumerken, dass Bridges im Postup auch über eine ordentliche Fußarbeit und simple Moves verfügt, die beispielsweise nach Switches im Pick & Pop interessant werden könnten, wenn Bridges Mismatches bestrafen soll.


Bei den Wildcats durfte Bridges auch gelegentlich mal sein Geschick als Ballhandler im Pick & Roll versuchen. Auch hier verlief die Entwicklung über die Jahre positiv, auch wenn Bridges in der NBA wohl kaum in eine solche Lage verfrachtet werden sollte.

Bridges kann dann zum Erfolg kommen, wenn er den Block zu seiner stärkeren rechten Hand gestellt bekommt, der Verteidiger in einem gut gestellten Screen hängen bleibt und Mikal gegen den Verteidiger des Bigs seine Länge als Finisher nutzen kann.

Abseits davon wird Bridges sich kaum einen hochprozentigen Abschluss erarbeiten können. Es ist auch nicht damit zu rechnen, dass er seinen Mitspielern einen offenen Wurf kreiert. Dafür fehlt Bridges die Spielübersicht. Seine Assistrate (10,6) ist die drittniedrigste unter allen Wings.


Dafür kann sich Bridges abseits des Ball auch ohne seinen Wurf für Punkte bewerben. Bridges ist ein geschickter Cutter, der seine Backdoorcuts gut vorbereitet. Indem er wirklich den Eindruck erweckt, als würde er sich mittels einer Fußtechnik eine gute Position an der Dreierlinie zum Passerhalt erarbeiten wollen, lockt er seinen Bewacher oft auf eine falsche Fährte und ist im Anschluss allein auf weiter Flur.

Anzumerken ist hierbei jedoch, dass viele seine Cuts aus angesagten Optionen entspringen. Nach Freiwürfen oder Spielunterbrechungen nutzen die Wildcats gerne mal aus, dass die gegnerische Defense paranoid die Dreierlinie bewachen würde und nutzten den entstehenden Freiraum durch clevere Cuts.


Bridges erfüllt offensiv die Erwartungen an den typischen 3-and-D-Spieler. Sein Distanzwurf gehört zu den besten des Jahrgangs und ist im reinen Catch & Shoot vielleicht sogar der beste. Bridges kann aber auch sonst aus allen Lagen und mit der Hand eines Verteidigers im Gesicht den Ball durch das Netz zappeln lassen.

Gegen Ende der vergangenen Saison war Bridges' Vertrauen in seinen Wurf so hoch, dass er teilweise Spiele mit seinen Treffern innerhalb kürzester Zeit entscheiden konnte. Gegen Alabama in der zweiten Runde des NCAA Tournaments traf Bridges kurz nach der Halbzeit beispielsweise in kurzer Abfolge vier Dreier und warf Alabama im wahrsten Sinne des Wortes aus dem Turnier.

Ob Bridges neben seinem Dreier und seinen Cuts noch andere Facetten in die NBA übertragen kann, bleibt abzuwarten. Im Endeffekt erwartet das niemand von dem schlaksigen Flügelspieler. Stattdessen wird vor allem seine Effizienz geschätzt. Bridges verzeichnet die niedrigste Turnoverrate (9,1) und das höchste True Shooting (65,5) des Jahrgangs und rangiert auch bei der effektiven Feldwurfquote (62,3) unter den Top5.

Kann er seinem Spiel zusätzliche Dimensionen verleihen, indem er Closeouts noch besser attackiert, mal im Eins-gegen-Eins scort oder sich mehr Masse zum Finishen zulegt, wären das nette Boni, aber auch nur zweitrangig.

In der Verteidigung wird spannend zu beobachten sein, wie gut Bridges seine Qualitäten aus der NCAA in die NBA übertragen kann.

Bridges ist zunächst mit einer unglaublichen Spannweite ausgestattet. Obwohl er nur um die zwei Meter messen dürfte, wird seine Spannweite bisweilen auf 7'2'' beziffert. Da Bridges sich gegen eine Vermessung bei der Draft Combine aussprach, fehlen die offiziellen Werte für den Wing.

Durch seine Länge und Schnelligkeit kann Bridges immer seine Finger irgendwie in den Passweg strecken oder beim Crossover den Ball aus den Händen seines Gegenübers stibitzen. Zudem sammelt der Flügelspieler fleißig Deflections und verändert Passwinkel.

Als Shotblocker verfügt Bridges ebenfalls über Qualitäten. Entscheidet sich Bridges zum Block hochzugehen, zeigt er gutes Timing und überrascht den Angreifer mit seinem Eingreifen. Seine Blockpercentage (3,5) liegt unter den Top5 aller Spotlight Außenspieler und Wings.


Im Eins-gegen-Eins kann Bridges sogar ein Gamechanger sein. Dank der Mischung aus Länge und Mobilität kann er Außenspieler verschiedener Art vor sich halten, kontrollieren und sogar unter Druck setzen.

Bridges muss dabei nicht immer spektakulär in Form eines Blocks oder Steal vorgehen. Gerade Szenen, die bei einer ersten Betrachtung vielleicht ungefährlich erscheinen, fallen nur deshalb nicht besonders auf, weil Bridges hervorragende Arbeit leistet und seinem Gegenspieler nicht den Hauch einer Chance lässt.

Ein Knackpunkt könnte jedoch sein, ob Bridges über eine ausreichende Rumpfstabilität und laterale Geschwindigkeit verfügt, um entweder bullige Forwards zu stoppen oder die explosiven Ballhandler der NBA am Durchbruch zu hindern.


In der Pick & Roll Verteidigung gibt es kaum einen Spieler, der sich technisch so gut über Blöcke herüberkämpfen vermag wie Bridges. Als Absolvent der Villanova Ausbildung achtet der Forward penibel darauf, dass Fuß und Arm der attackierten Seite in jedem Fall zur selben Zeit über den Block bewegt werden, um einerseits die Balance zu wahren und andererseits für Spielchen des Ballhandlers gewappnet zu sein. Bridges verliert dadurch zur Vorbereitung bisweilen etwas die Zeit, gewinnt diese aber wieder zurück, da er schneller und ausbalancierter um den Block herumwieselt.

Ist Bridges erst über den Block gelangt, wird es für den Ballhandler meist unangenehm, da er den Atem von Bridges im Nacken spürt und durch seine Spannweite auch in seinem Sichtfeld beschränkt ist. Hier muss Bridges lernen, diese vorhandene Qualität selbst mehr wertzuschätzen. Denn oft kassiert er unnötige Fouls, weil er versucht den ballführenden Spieler beim Abschluss von hinten zu blocken. Das ist wenig erfolgsversprechend und sollte ihm daher abgewöhnt werden.

Des Weiteren kann Bridges sicherlich auch Pick & Rolls switchen. Die Wildcats switchten sehr viel, weswegen das für Bridges keine gänzlich unbekannte Situation sein sollte. Seine Länge ermöglicht ihm auch eine gewisse Variabilität in der Verteidigung. Gegen physisch starke Bigs könnte Bridges jedoch Probleme bekommen, weil er zu wenig Kilos auf den Rippen haben könnte.


Der Bereich Teamdefense ist vielleicht das defensive Areal, wo Bridges noch am meisten dazu lernen kann. Mit ihm gehen gerne mal die Pferde durch, was sich durch Undiszipliniertheiten bei Rotationen und Hilfssituationen äußert.

Bridges verspekuliert sich beispielsweise gerne, wenn er auf Steals geht. Dadurch entstehen schlechte Closeouts und seine Mitspieler müssen die Situation bereinigen. Neben solchen Spekulationen hat Bridges zudem die Tendenz, falsche Hilfen zu geben. Beispielsweise hilft er von der Ballseite oder geht zur ersten Hilfe, wenn er sich eigentlich um den Kickout kümmern sollte.

Solche Fehler sind für einen Villanova Spieler ein wenig erstaunlich und dadurch beunruhigend. Dennoch sollten sich diese Fehler im Grunde bereinigen lassen. Zumal Bridges durchaus als Helpside Spieler Würfe verändern kann, Rotationen sehr schnell durchführen kann und meist eine gute Antizipationsfähigkeit beweist.


Die folgenden zwei Sequenzen zeigen nochmals in 30 Sekunden, warum Bridges zum jetzigen Zeitpunkt womöglich der kompletteste Two-Way-Player des diesjährigen Drafts ist und entsprechend vom ersten Tag in einer NBA Rotation landen sollte.


Bei kaum einem Spieler ist die Erwartungshaltung und die Einschätzung der Rolle so eindeutig wie bei Mikal Bridges. Als 3-and-D-Spieler wird er ein ambitioniertes Team sofort bereichern, indem er seinen guten Distanzwurf und seine defensiven Qualitäten auf das Parkett bringt.

Diese Einschätzung kann aus verschiedenen Blickwinkeln betrachtet werden. Auf der einen Seite könnte es ihn Draftpositionen kosten, weil er weniger verlockendes Potenzial aufweist und keine Starpower in sich trägt. Auf der anderen Seite ist Bridges jedoch durch sein klares Profil jemand, der problemlos zehn Jahre in der Liga verbringen sollte und am Ende seiner Karriere vermutlich auf mehr Errungenschaften und bessere Leistungen zurückblicken kann, als so mancher anderer Spieler des Jahrgangs, der vor ihm über die Ladentheke ging.

Bridges wird Ende August 22 Jahre alt und hat bereits vier Jahre am College hinter sich. Es wäre daher unrealistisch anzunehmen, dass noch vorhandene Problemzonen wie das Ballhandling oder seine Physis sich noch stark verbessern ließen. Doch auch das ist in einem gewissen Rahmen nicht ausgeschlossen. Als Teamverteidiger gibt es sogar noch realistisches Verbesserungspotenzial.

Im besten Fall nimmt Bridges eine Entwicklung wie Otto Porter Jr. Die beiden ähneln sich vom Körperbau, in ihrer Wurfmechanik und als Spielertypen. Porters Midrange Game ist eventuell etwas besser und auch physisch kann er besser gegenhalten als Bridges dazu zur Zeit möglicherweise im Stande ist. Dafür ist Bridges eventuell der bessere Distanzschütze.

Doch selbst wenn das denkbar ungünstigste Szenario eintreten würde und Bridges offensiv wirklich nur auf seinen Dreier reduziert und starr in der Ecke des Spielfelds verharren würde, wäre er wahrscheinlich immer noch ein sehr wertvoller Rollenspieler, der ein wenig an Shane Battier erinnern würde.