18 Juni 2018

18. Juni, 2018


Willkommen bei unserer offiziellen Draft-Vorschau. Am 21. Juni geht für 60 brandneue NBA-Rookies ein Lebenstraum in Erfüllung, wenn sie Commissioner Adam Silver in der Association willkommen heißt. Wir behalten eine unserer liebsten Traditionen hier bei NBACHEF bei und checken im Vorfeld die verheißungsvollsten Talente des Jahrgangs... in unseren patentierten Spotlights.

von AXEL BABST @BabstMadness

Einleitende Worte zu Moritz Wagner erübrigen sich mittlerweile. Kein anderer deutscher Spieler oder Draftkandidat dürfte in den vergangenen Monaten mehr mediale Aufmerksamkeit erfahren haben.

Spätestens nach der Final Four Teilnahme wissen die meisten Basketballfans in Deutschland, dass der Weg des Berliners über das College nach drei sehr erfolgreichen Jahren die Türen zur NBA (zumindest fast) aufgestoßen hat.

Trotz oder gerade wegen Wagners Bekanntheit lohnt es sich unmittelbar vor dem Draft noch einmal, dessen Spiel auf NBA Tauglichkeit hin unter die Lupe zu nehmen. Dennoch muss an dieser Stelle betont werden, dass der folgende Text nicht aus verkapptem Patriotismus heraus angefertigt wurde, sondern der diesjährige Draftjahrgangs besonders für die Position des Bigs richtungsweisend sein könnte.

Während in den gängigen Mockdrafts je nach Prognose fünf oder gar sechs Big Men in der Lottery verortet werden, ist es nicht vollkommen abwegig zu behaupten, dass Wagners Spielweise viel zukunftsorientierter ausgerichtet ist, als die mancher kolportierter Lotterytalente.


Spieler wie Wagner oder Villanovas Omari Spellman sind für eine Liga von besonderer Bedeutung, in der Shooting von allen Positionen immer wichtiger wird. Die Playoffs haben zusätzlich gezeigt, dass Mismatches kreiert und anschließend auch ausgenutzt werden müssen, um erfolgreich sein zu können. Wagner und Spellman könnten offensiv in diese Rolle springen.

Wagner traf in der vergangenen Saison 39,4 seiner Dreipunktewürfe bei über eineinhalb Treffern pro Begegnung. Besonders aus direkten Blöcken im Pick & Pop oder indirekten Blöcken, die er zum Teil selbst stellte, ist Wagner ein verlässlicher Schütze. Solche Elemente lassen sich auch in vielen NBA Playbooks wiederfinden.


Viele Bigs am College waren es nicht gewohnt, ihren Gegenspieler bis zur und an der Dreierlinie beaufsichtigen zu müssen. Im Gegensatz zu vielen anderen Stretch Big verkomplitzierte Wagner die Konstellation für seine Bewacher noch dadurch, dass er auch mit einem ordentlichen Ballhandling im Eins-gegen-Eins für Probleme sorgen kann.

Gefürchtet ist sein behind-the-back-Crossover von der rechten auf die linke Hand, mit dem die wenigsten Gegenspieler rechnen. Zudem bringt Wagner den Verteidiger vorher meist aus der Balance, sodass diesem beim Handwechsel keine Chance bleibt.

Die Frage wird jedoch sein, ob Wagner diese Fähigkeit in NBA Spiele übertragen kann. Es ist eine Sache College Center, die nicht über die notwendige Schnelligkeit, Erfahrung oder Beweglichkeit verfügen, um am Perimeter zu verteidigen, schwindelig zu dribbeln. In der NBA werden sich seine Gegenspieler (voraussichtlich) deutlich cleverer anstellen.

Schon in der NCAA hatte Wagner vor allem mit der besseren Athletik seiner Matchups zu kämpfen und wurde häufiger mal beim Layup abgeräumt, da er seinen Gegner in der Regel nicht vollends abschütteln kann. Wagner wird hier seine mangelnde Explosivität beim Drive zum Verhängnis.


Gegen Michigan gingen in der vergangenen Saison viele Teams dazu über, konsequent zu switchen, um ihre Big Men zu schützen und den Wolverines den Rhythmus in der Offensive zu nehmen.

Das erwies sich oft als erfolgreiche Maßnahme, da die Guards immer wieder auf eigene Faust versuchten, ihr Mismatch gegen den langsameren Big Man auszukosten. Diese Einzelaktionen waren jedoch selten von Erfolg gekrönt. Viel zu selten versuchte Michigan den umgekehrten Weg zu wählen und Wagner im Postup gegen seine kleineren Gegenspieler zu finden.

Denn neben seinen Wurf- und Dribbelkünsten fühlt sich Wagner auch im Postup wohl. Er beherrscht den schnellen Spinmove zur Baseline, wobei er hier auch gerne mal für das Rumgreifen um den Verteidiger ein Offensivfoul abgepfiffen bekommt, und kann aus dem Faceup mit einem Dribbling oder dem Jumper scoren.

Als Passgeber aus dem Postup sind Wagners Fortschritte zu erkennen, auch wenn er hier immer noch großes Steigerungspotenzial aufweist. Seine Assistrate von 6,7 Prozent ist die zweitniedrigste unter den Spotlight Talenten und rangiert nur vor Mo Bambas.


Steigerungspotenzial hat Wagner möglicherweise noch im traditionellen Pick & Roll. Diese Variante war bei den Wolverines eher selten anzutreffen, weil sie Wagners großes Mismatch Potenzial außer Acht lässt.

Wagner beweist durchaus Touch. Allerdings muss Wagner noch an der Effektivität seiner Blöcke arbeiten. Bisher löst er sie viel zu schnell und slipt fast immer zum Korb oder halt an die Dreierlinie. Was gegen Switch Defense praktikabel erscheint, wird gegen konservative Verteidigungsformen nicht funktionieren. Der Guard erhält selten einen Vorteil durch Wagners Screens.


Offensiv kann Wagner also drei Bereiche abdecken, die für einen Big Man eine Nische als Rollenspieler eröffnen können. Erstens trifft Wagner seinen Dreier. Zweitens ist er in der Lage, andere Bigs im Eins-gegen-Eins am Perimeter zu schlagen. Drittens kann er das Switchen und Entstehen von Mismatches durch Postmoves bestrafen.

Die Frage wird sein, inwiefern er diese drei Fähigkeiten auf die NBA übertragen kann. Der Wurf erfordert noch ein wenig Konstanz, sollte aber problemlos auch in der NBA funktionieren. In Sachen Eins-gegen-Eins wird Wagner sowohl gegen Bigs am Perimeter als auch Guards im Lowpost nicht mehr so ein massives Mismatch wie am College darstellen.

Dafür fehlen ihm einfach die Athletik (Perimeter) und die Physis (Lowpost), um auf Anhieb auch auf NBA Level abliefern zu können. Nichtsdestotrotz wird Wagner auch in solchen Situationen dank seines Spielwitzes und seiner Furchtlosigkeit immer wieder seine Punkte ergaunern und mittelfristig eine ernstzunehmende Waffe darstellen, sofern die Gegebenheiten (das eigene Team vertraut ihm, er wird in den richtigen Situationen genutzt) günstig sind.


Während Wagner also offensiv durchaus mithalten kann und nicht aus der Reihe fallen sollte, sofern seine Talente richtig eingebracht werden, ist die Defense der limitierende Faktor in Wagners Spiel. So sehr er auch kämpft, sich athletisch bereits verbessert hat und einige Schwachstellen massiv verbessern konnte, wird er auf dem hohen Level der NBA ein angreifbarer Schwachpunkt der Teamdefense sein.

Bigs müssen in der heutigen NBA das Pick & Roll verteidigen können und daran wird sich auch in absehbarer Zukunft nichts ändern. Der Trend wird sogar vermutlich noch stärker dahin gehen, dass Bigs vermehrt switchen und Guards im Eins-gegen-Eins verteidigen müssen. Spätestens hier wird es für Wagner problematisch.

Die Wolverines der vergangenen Saison waren eines der besten Defensivteams der John Beilein Ära, was dem cleveren Scouting vom viel zitierten Assistant Coach Luke Yaklich zu verdanken gewesen ist. 

Wagner hat seine Positionierung in der klassischen Pick & Roll Verteidigung deutlich verbessern können. Dadurch wurde er nicht mehr so oft geschlagen oder gar gesplittet vom Ballhandler. Bisweilen sorgte er mit seinen aktiven Händen sogar für Ballgewinne und konnte seine Stärke als emotionaler Hustler einbringen.


Dennoch fehlt Wagner die Schnelligkeit, um dauerhaft athletische Guards am Drive hindern zu können. Gerade in der NBA wird sich der Wolverine wieder umgewöhnen müssen, weil die Offense weniger statisch ist und Pick & Rolls im Regelfall besser und mit mehr Bewegung vorbereitet werden. Erhält Wagner nicht die Chance, sich ordentlich zu positionieren, werden Drives des athletischen Ballhandlers nur auf Kosten eines komplett offenen Dreiers zu verhindern sein.

In den wenigen Situationen, in denen Wagner in der letzten Saison notgedrungen komplett switchen musste, gab dieser gerade gegen NBA Athleten keine gute Figur ab. Die begrenzte laterale Geschwindigkeit und die geringe Spannweite sind hier die entscheidenden Faktoren.


Neben der Pick & Roll Defense ist die fehlende Rimprotection der zweite Knackpunkt. Die meisten Bigs, die in den Playoffs nennenswerte Minuten sahen, bieten entweder solide Perimeter Defense (inklusive Pick & Roll Defense und Switches) oder Rimprotection in der Zone.

Wagner verändert kaum Würfe des Gegners und hat gerade gegen die Sprungkraft und Power des durchschnittlichen NBA Spielers kaum eine Chance, ohne Foul eine Hilfe geben zu können, die den Korb verhindert. Die niedrigste Blockpercentage aller Spotlight Bigs von zwei Prozent am College ist ein Warnsignal.


Ein Lichtblick ist Wagners verbessertes Defensivrebounding. Auch wenn er immer noch nicht alle Rebounds holt, die er holen müsste, um über jeden Zweifel erhaben zu sein, konnte er sich in dieser Hinsicht ohne Zweifel deutlich verbessern.

Wagner gibt keinen Ball verloren und immer vollen Einsatz, auch wenn er physisch unterlegen ist oder eine schlechte Position hat.


Offensiv passt Wagner sicherlich in die NBA, weil er Skills bietet, die momentan bei Bigs sehr gefragt sind. Gerade die Kombination aus Dreier und Ballhandlingskills ist bei wenigen Bigs in der NBA derartig vorzufinden.

In der Verteidigung wird Wagner hingegen große Probleme bekommen und besonders in seiner Anfangszeit gezielt attackiert werden. Großartige Lösungswege stehen ihm eigentlich nicht zur Verfügung.

Getreu dem Motto "Angriff ist die beste Verteidigung" muss er seine Stärken in der Offensive soweit perfektionieren, dass er dadurch seine defensive Anfälligkeit einigermaßen ausgleichen kann.
Im besten Fall entwickelt sich Wagner zu einem zweiten Kelly Olynyk, da die beiden sich als Spielertypen sehr ähnlich sind, auch wenn der Kanadier ein gutes Stück größer ist und über bessere Passfertigkeiten verfügt.

Wagners Glück in Bezug auf seine mögliche Draftposition könnte sein, dass es im diesjährigen Draft wenige Bigs gibt, die über einen sicheren Distanzwurf verfügen.

Auf der anderen Seite stellt sich jedoch die Frage, ob NBA Verantwortliche nicht besser beraten sind, statt eines Bigs, der zwar über einen guten Schuss verfügt, sich dafür aber defensiv nicht behaupten kann, nicht lieber einen weiteren Hybrid in Form eines verkappten Wings zu finden. Wird Wagner nur auf seinen Dreier reduziert - wie z.B. ein Ryan Kelly - , kann seine NBA Karriere auch relativ schnell beendet sein.