19 Juni 2018

19. Juni, 2018



Willkommen bei unserer offiziellen Draft-Vorschau. Am 21. Juni geht für 60 brandneue NBA-Rookies ein Lebenstraum in Erfüllung, wenn sie Commissioner Adam Silver bei den Big Boys willkommen heißt. Wir behalten eine unserer liebsten Traditionen hier bei NBACHEF bei und checken im Vorfeld die verheißungsvollsten Talente des Jahrgangs... in unseren patentierten Spotlights.

von AXEL BABST @BabstMadness

Seit der One-and-Done-Regelung gibt es in jedem Jahr Freshmen, die in ihren etwa 30 Collegespielen großes Potenzial andeuten, weshalb viele NBA Teams ein Interesse an der mittel- bis langfristigen Entwicklung des Talents haben, obwohl die Spieler zum Draftzeitpunkt offensichtlich noch zu roh sind, um bereits in naher Zukunft einen Einfluss in der NBA ausüben zu können.

Die Spieler müssen sich dann entscheiden, ob sie ihre College Karriere frühzeitig beenden oder doch lieber noch an Reife mithilfe ihres Collegeteams gewinnen möchten. In der Regel folgt die Anmeldung zum Draft, die hinsichtlich der NBA Zukunft auch meist die erfolgreichere Alternative darstellt.

Umso überraschender war die Ankündigung von Robert Williams während der vergangenen Draftperiode, dass er für sein Sophomore Jahr zu seinen Aggies zurückkehren werde.


Wurde Williams im Vorhinein des vergangenen Drafts noch als legitimer Top10 Pick angesehen, ist die Euphorie nach der just abgelaufenen Saison etwas verflogen. Als Freshman hatte den Big niemand so richtig als One-and-Done-Spieler auf der Rechnung, weshalb im Rahmen des rasanten Aktienanstiegs Schwächen, die Williams damals schon hatte, eher kleingeredet und im Lichte seines Potenzials als reparable Baustellen betrachtet wurden.

Spielerisch zeigte Williams allerdings kaum Verbesserungen im Laufe seiner zweiten Saison für Texas A&M.

Nach wie vor ist Williams' Türöffner zur NBA seine herausragende und explosive Athletik, die nur wenige Bigs seiner Größe ihr Eigen nennen können. Williams kann sich aus der Bewegung oder auch aus dem Stand in die Höhe katapultieren, was ihn für Lobanspiele interessant macht.

Zugleich verfügt er über eine gute Körperkontrolle, die es ihm ermöglicht, auch verunglückte Pässe seiner Nebenleute zu verwerten oder mit Kontakt zu finishen. Als Rimrunner überbrückt er den Court mit höchster Geschwindigkeit und kann selbst mit schnellen Guards mithalten. Durch solche Sprints oder auch Putbacks erarbeitet sich Williams Punkte selbst.


Im Halbfeld lebt Williams ebenfalls sehr von seiner Athletik und den Zuspielen seiner Teamkameraden. Im Idealfall stellt Williams einen direkten Block und rollt sich dann mit Anlauf zum Korb ab.

Bei den Aggies kam Williams jedoch nur selten in den Genuss solcher Situationen. Durch eine Lineup mit zwei Bigs war entweder nie genug Platz zum Abrollen oder das Ziel war sowieso ein Postup für Frontcourt Partner Tyler Davis.

Immerhin zeichnet sich Williams bei den Abschlüssen, die er nicht direkt durch den Ring drückt, als Big mit weichem Handgelenk und gutem Touch aus. Seine Bewegungen sind bisweilen jedoch unorthodox bis unnötig kompliziert. Dennoch entsteht sein Bestwert der Draftclass von 63,2 Prozent Feldwurfquote nicht durch Zufall. Williams weiß, was er kann und beschränkt sich darauf.


Neben seinen Fähigkeiten als Vollstrecker gibt es offensiv bislang jedoch wenig andere Facetten, die ihm in der NBA weiterhelfen könnten. 

Als Passgeber hat sich Williams im Laufe seiner zwei Spielzeiten in Texas weiterentwickelt. Seine Assistrate ist die zweithöchste aller Spotlight Bigs (10,8). Zwar fehlt ihm immer noch das Spielverständnis, um Situationen jederzeit richtig lesen zu können. Doch immerhin gerät er nicht mehr jedes Mal in Panik und versucht zumindest, eine richtige Entscheidung zu finden. Gerade aus dem Lowpost oder bei High-Lows sind die Fortschritte ersichtlich.

Grundsätzlich sollte es also möglich sein, dass Williams mal als Passgeber in bestimmten Situationen genutzt wird, solange diese nicht zu viele Optionen bieten und Entscheidungen verlangen. Getrübt wird dieser Eindruck durch Konzentrationsschwächen, die sich der Big Man weiterhin leistet.


Zusätzlich zu seinen Konzentrationsschwächen, demonstriert Williams gerne mal Aktionen, die seinen Mangel an Skills mit mentalen Aussetzern kombinieren.  Dann lässt er sich ohne Not zu Taten hinreißen, die den Beobachter verwundert zurücklassen und für das Team als verlorener Angriff notiert werden.

Im Hinblick auf seine Skills ist sicher die Stagnation (wenn nicht gar Rückentwicklung) seines Wurfs ein kritischer Punkt. Null von zwölf Dreiern und eine Freiwurfquote von 47 Prozent lassen ernsthafte Zweifel daran aufkommen, ob Williams jemals einen ordentlichen Wurf entwickeln kann.
Natürlich muss aus Williams kein Stretch Big werden, allerdings sollte er sich zumindest als Freiwerfer steigern, da die Chance besteht, dass er in Korbnähe relativ oft gefoult wird.


Im Angriff ist Williams also in hohem Maße von seiner Athletik, Pässen seiner Mitspieler und einem günstigen Spielsystem abhängig, um eine ordentliche Rolle auf dem NBA Court spielen zu können. Skills sind bislang Mangelware und eine spielerische Progression war über die vergangenen Jahre kaum auszumachen.

Allerdings verfügt der Big Man defensiv über wesentlich mehr Potenzial. Auch hier kommen ihm seine Schnelligkeit und Sprunggewalt in Anbetracht seiner Körpergröße und einer kolportierten Spannweite von 7'4'' zu Gute. 

Das wichtigste Charakteristikum für Williams ist seine Fähigkeit, den eigenen Ring vor den Wurfversuchen des Gegners zu beschützen. Williams kann blitzschnell vom Boden abheben und die Korblegerversuche des Gegners in Richtung Mittellinie zurückschleudern. Resultat waren am College über zweieinhalb geblockte Würfe pro Spiel und die dritthöchste Blockrate aller Spotlight Bigs.


Zumindest besitzt Williams das Potenzial, am Perimeter im Eins-gegen-Eins mit Guards Schritt zu halten. Die notwendige Schnelligkeit und das Reaktionsvermögen dazu vereint der Centerspieler in sich.

Allerdings wird er auch hier noch seine Technik rapide verbessern müssen, um tatsächlich auch gegen abgezockte NBA Guards mit guter Physis und Athletik bestehen zu können. Denn bisher fällt er auf Fakes rein und ist immer ein Kandidat dafür, einen Schützen beim Dreier zu foulen.

Kann er sich ein wenig disziplinierter verhalten, wird er auch am Perimeter einen guten Verteidiger abgeben, der durch seine perspektivische Switchability an zusätzlichem Reiz gewinnt.


Neben der Technik und Fußarbeit in der Perimeter Verteidigung wird Williams auch Teamverteidiger noch sehr viel lernen müssen. 

Immer wieder gab es in der vergangenen Saison Defensivsequenzen, in denen Williams zu einer Rotation gezwungen gewesen wäre und diese entweder zu spät antrat, gar nicht vollzog und apathisch im Niemandsland stand oder sich für eine vollkommen irrwitzige Hilfsaktion entschied, die weder sinnvoll noch nötig gewesen wäre.


Robert Williams ist in der Theorie ein sehr interessanter Big Man für NBA Teams, weil er ein ganz klares Spielerprofil erfüllt, das momentan unter den wenigen verbliebenen Bigs der Profiliga verbreitet ist.

Williams ist ein Rimprotector, der die Schnelligkeit zur Verteidigung am Perimeter besitzt und damit defensiv bei optimaler Entwicklung nahezu alle fünf Positionen verteidigen kann. Offensiv ist Williams ein genügsamer Blocksteller, der zwar keine großartigen Skills darbieten kann, aber als Finisher für Gefahr sorgt.

Der folgende Clip zeigt in 20 Sekunden haargenau, was Williams charakterisiert - die guten und schlechten Seiten. Aus unmöglicher Entfernung blockt er einen Dreier spektakulär, rennt aber weiter zur Mittellinie, wodurch Texas A&M den Putback zulässt. Direkt anschließend finisht der Big selbst per Alley-Oop.


Aus gegebenem Anlass suchen sehr viele NBA GMs gerade nach dem nächsten Clint Capela und könnten auf die Idee kommen, ihn in Robert Williams zu finden. Doch hierbei ist äußerste Vorsicht angebracht. 

Denn Williams hat derartig viele Aussetzer und Leistungsschwankungen, dass es schwer fällt, ihn fest in einer NBA Rotation zu sehen - geschweige denn als Leistungsträger in einem NBA Conference Finale.

Auch wenn Williams erst 21 Jahre alt wird und als Big noch Zeit zur Entwicklung braucht, ist er bislang den Beweis schuldig geblieben, dass er sich weiterentwickeln kann. Denn rein spielerisch waren kaum Fortschritte zwischen Freshman und Sophomore Jahr zu verzeichnen.

Was Williams allerdings zu Gute gehalten werden sollte, ist die Tatsache, dass Texas A&M in der letzten Saison keine gute Situation für ihn darstellte aufgrund eines fehlendes Aufbauspielers und der Unruhe im Team. Auch die Spielweise passt nicht zu Williams und wird in der NBA besser auf ihn zugeschnitten sein.

Gerät er in der NBA in eine gute Situation, kann er sich als Impact Big in einer Rotation festsetzen und in einer Reihe mit Capela, JaVale McGee oder Bismack Biyombo genannt werden. Allerdings ist das keineswegs garantiert und eine deutliche Skepsis angebracht. Ein Karriereverlauf wie bei Ryan Hollins ist nicht auszuschließen.

Am Ende wird wohl vor allem Williams' mentale Entwicklung entscheidend für seinen Karriereverlauf sein. Aus Europa und vom Bildschirm lässt sich kaum beurteilen, was für ein Typ Williams ist und wieso er so dermaßen inkonstant und wechsellaunig agiert.