19 Juni 2018

19. Juni, 2018



Willkommen bei unserer offiziellen Draft-Vorschau. Am 21. Juni geht für 60 brandneue NBA-Rookies ein Lebenstraum in Erfüllung, wenn sie Commissioner Adam Silver in der Association willkommen heißt. Wir behalten eine unserer liebsten Traditionen hier bei NBACHEF bei und checken im Vorfeld die verheißungsvollsten Talente des Jahrgangs... in unseren patentierten Spotlights.

von AXEL BABST @BabstMadness

In den letzten Jahren hat der Export von Kentucky Spielern und von Spielern mit kanadischem Pass aus der NCAA in die NBA enorme Wachstumsraten an den Tag gelegt. Beide Attribute treffen auf Shai Gilgeous-Alexander zu. Der Aufbauspieler kann als einer der Aufsteiger des vergangenen Collegejahres betrachtet werden.

Nach schwachem Start in die Saison, der ihn in den ersten Saisonwochen sogar den Starterposten auf der Playmaker Position kostete, konnte sich SGA im Dezember wieder in der ersten Fünf etablieren und in den Folgemonaten andeuten, welches Potenzial in ihm schlummert.

Auch wenn er im letzten Spiel gegen Kansas State, als Kentucky in der Runde der Sweet Sixteen des NCAA Tournaments ausschied, keine glückliche Figur abgab, war er in den Vorwochen überhaupt der entscheidende Faktor, dass die extrem jungen Wildkatzen überhaupt so erfolgreich die Saison beendeten.

Diese war von vielen Leistungsschwankungen begleitet, was angesichts der Jugend des Kaders (kein einziger Senior und nur ein Junior) kaum verwunderlich war. Erst als Gilgeous-Alexander in den letzten Saisonwochen zusehends das Ruder übernahm, besserten sich die Leistungen des Teams und pendelten sich auf einem hohen Niveau ein.


Die Vorzüge von Gilgeous-Alexander werden bereits auf den ersten Blick ersichtlich. Als Aufbauspieler bringt der Kanadier das Gardemaß von 6'6'' und eine Spannweite von 6'11.5'' mit, was ihm als Playmaker regelmäßig ganz andere Möglichkeiten eröffnet als seinen kleineren Kollegen auf dieser Position.

Die Größe des Guards und die Länge seiner Arme helfen ihm besonders bei seinen Finishes in Korbnähe. Hierbei kann er seine fehlende Explosivität und Sprunghöhe durch sehr viel Finesse kompensieren.

SGA ist in seinen Bewegungen überaus elegant und baut immer wieder koordinativ anspruchsvolle Rhythmus- und Schrittwechsel in seine Abschlüsse ein. In Verbindung mit seinem Touch und seiner Spannweite kann er so auf ganz verschiedene Arten scoren.

Gleichzeitig muss er an Gewicht und Stabilität im Rumpfbereich gewinnen. Besonders wenn er über die linke Hand zum Korb zieht, tendiert er beim Abschluss mit der Innenhand (also mit rechts) zu finishen. Die Erfolgsaussichten bei diesen Versuchen sind dürftig.


Um überhaupt in der Zone zu landen, setzt Gilgeous-Alexander bislang in erster Linie darauf, dass er seine Gegenspieler durch den lang gezogenen ersten Schritt schlagen kann. Obwohl SGA grundsätzlich nicht der schnellste Guard auf dem Parkett ist, schafft er es seinen ersten Schritt sehr schnell auf den Boden zu setzen.

Hat er seinen Gegenspieler erstmal an der Hüfte, lässt der Guard ihm kaum eine Chance, wieder zwischen Ball und Korb zu kommen. 

Sobald Gilgeous-Alexander jedoch zur Improvisation gezwungen wird oder ein Gegenspieler zu schnell für ihn ist, häufen sich seine Fehler und seine Feldwurfquote sinkt bedenklich.


Am liebsten und am häufigsten nutzt der Point Guard das Pick & Roll, um sich oder seine Mitspieler in Szene zu setzen. Zunächst ist ihm bei eigenen Abschlüssen natürlich auch hier wieder seine Länge und Größe hilfreich.

Gleichzeitig zeigt der Kanadier aber auch sein hervorragendes Gefühl für das Spiel. Bei all seinen Aktionen strahlt er eine gewisse Ruhe aus und bewegt sich überaus rhythmisch und elegant. Er weiß beispielsweise sehr gut, wann er den Block nutzen sollte oder wann er sich für die andere blockentfernte Seite entscheiden sollte.

Schüttelt er seinen Gegenspieler nicht direkt im ersten Moment ab, gerät er auch eher selten in Panik, sondern versucht stattdessen mit Hesitations Fehler der Defense zu provozieren. Da er mit beiden Händen gleichermaßen gut dribbeln und finishen kann, ist er für die Verteidigung nur schwer auszurechnen.

Eine weitere wichtige Fähigkeit, die sich im Arsenal von Gilgeous-Alexander befindet, ist das Attackieren von Switches. Er legt sich Bigs so zurecht, dass er sie auf dem falschen Fuß erwischt, nutzt dann seine Schrittlänge zum Zug vorbei am Verteidiger und schließlich kann er dank seiner Spannweite auch das Finish gegen größere Verteidiger vollenden.

Bei all diesen Fähigkeiten, sollte allerdings nicht außer Acht gelassen werden, dass SGA in seiner Entscheidungsfindung noch viel konstanter und stabiler werden muss. Momentan manövriert er sich gerne mal in denkbar ungünstige Situationen und leistet sich einen viel zu leichtsinnigen Umgang mit dem Ball.

Als Passgeber hat Gilgeous-Alexander im Vergleich zu den anderen Ballhandlern des Drafts noch einen deutlichen Rückstand aufzuholen. Ihm fehlen noch die Spielübersicht und das Spielverständnis, um eine Defense ähnlich wie ein Trae Young oder Luka Doncic zu sezieren. Eine Assistrate von 28,8 Prozent sind für einen Guard mit derart geringer Scoringlast maximal durchschnittlich.

Nach Young wies Gilgeous-Alexander die zweithöchste Turnoverrate (17,7 Prozent) aller Spotlight Talente auf, musste gleichzeitig aber deutlich weniger Verantwortung schultern als der Alleinunterhalter aus Oklahoma (21,9 statt 37,1 Prozent Usagerate).

Neben dem Entscheidungsverhalten sind seine körperlichen und athletischen Limitationen Ursachen für seine Fehleranfälligkeit. Shai hat einen hohen Körperschwerpunkt, der in Kombination mit seinem geringen Gewicht Instabilität beim Drive heraufbeschwört.


Die große Unbekannte im Offensivpaket des Guards ist der Wurf. 23/57 Dreiern lautete am Saisonende die Bilanz. Zwar ist die Quote ordentlich, doch angesichts der geringen Stichprobengröße kaum belastbar.

Grundsätzlich sieht die Wurfform keinesfalls so aus, als wäre SGA ein Non-Shooter, der niemals einen verlässlichen Schuss in sein Repertoire aufnehmen könnte. Derzeit liegt das Hauptproblem darin, dass der Guard kaum Kraft aus den Beinen gewinnt, sondern nur aus dem Oberkörper wirft.

Zudem ist die Anreißphase des Wurfs zu zeit- und bewegungsintensiv. Gilgeous-Alexander holt fast auf Bauchhöhe aus, was die Fehleranfälligkeit erhöht und zudem seinen Größenvorteil negiert. Der Mitteldistanz Pull-up sieht in der Hinsicht schon deutlich weiterentwickelt aus.


Shai bringt also gerade in der Offensive ein sehr interessantes Paket mit. Als kreativer Finisher mit einer guten Größe, sind Wurf, Entscheidungsfindung und Physis sicherlich die Bereiche, in denen der Kanadier sich in Zukunft priorisierend verbessern sollte.

Alle drei Baustellen geben keinen Anlass zu größerer Sorge, da sie momentan derartig reparabel erscheinen, dass sie zumindest ein solides Niveau als Resultat erhoffen lassen können.

In der Verteidigung ist erneut die Länge des Guards einer der wichtigsten Pfeile im Köcher. Anders als viele andere Aufbauspieler, kann Gilgeous-Alexander durchaus Würfe seiner Kontrahenten blocken oder entscheidend verändern.

Selbst Bigs haben es nicht einfach, wenn sie über die ausgestreckten Arme von Gilgeous-Alexander werfen müssen. Die Standing Reach von 8'8'' ist hier mehr als hilfreich.

Auch als Balldieb nutzt SGA seine Reichweite geschickt. Immer wieder berühren seine Finger den Ball und treiben ihn entweder aus den Händen seines Besitzer oder führen eine Änderung der Passroute dabei. Seine Stealrate von 2,8 Prozent gehört zu den Top5 des kompletten Jahrgangs.


In der Pick & Roll Defense bietet es sich nicht nur an, mit Gilgeous-Alexander zu switchen. Viel mehr drängt es sich quasi auf. Denn auf der einen Seite kann SGA problemlos auch Bigs in Schach halten und Anspiele unter den Korb erschweren.

Auf der anderen Seite hat der Guard seinerseits noch Probleme damit, seinen Gegenspieler konstant vor sich zu halten. Seine mittelmäßige Geschwindigkeit und sein hoher Körperschwerpunkt sind in dieser Hinsicht hinderlich.


Auch in der Teamdefense gibt es noch Raum zur Verbesserung für den Aufbauspieler. Zuweilen verlässt er sich zu sehr auf seine Körpermaße. So versucht er sich die letzten Schritte und Wege einer Rotation zu ersparen, indem er beispielsweise auf einen Block geht, anstatt den Durchstecker zum Big im Vorhinein zu verhindern.

Zudem wird er von der Offense gerne auf dem falschen Fuß erwischt. Grund ist meistens, dass er sich zu sehr mit dem Ballhandler beschäftigt und dafür dann sein eigenes Matchup aus den Augen verliert.


Auch wenn Shai Gilgeous-Alexander nicht mit dem größten Hype in seine Freshman Saison gestartet ist und während der Spielzeit nicht großartig in den medialen Fokus geriet, ist Gilgeous-Alexander der Ballhandler, der nach Luka Doncic und Trae Young sicher die interessanteste Zukunft vor sich hat.

Seine Größe, sein Spielgefühl, seine Bewegungseleganz und sein Potenzial als Verteidiger machen ihn schon jetzt zu einem Kandidaten für eine NBA Rotation. Gelingt es ihm perspektivisch auch noch seinen Wurf zu stabilisieren und an seiner Spielübersicht sowie seinem Entscheidungsverhalten - insbesondere im Pick & Roll - zu arbeiten, kann Gilgeous-Alexander ein sehr solider Starter oder Borderline All-Star werden.

Ein mögliches Vorbild könnte die Entwicklung Ricky Rubios im vergangenen Jahr darstellen. Beide sind großgewachsene Aufbauspieler mit viel Eleganz und einem defensiven Einfluss, deren Wurf tendenziell immer zu testen ist. Während Rubio allerdings noch viel mehr Spielwitz als der Kanadier besitzt und vor allem das Pick & Roll besser meistert, ist dieser noch einen Tick größer.

Im schlechtesten Fall wäre Gilgeous-Alexander wahrscheinlich immer noch ein solider Rotationsspieler wie Shaun Livingston oder Delon Wright.