20 Juni 2018

20. Juni, 2018



Willkommen bei unserer offiziellen Draft-Vorschau. Am 21. Juni geht für 60 brandneue NBA-Rookies ein Lebenstraum in Erfüllung, wenn sie Commissioner Adam Silver in der Association willkommen heißt. Wir behalten eine unserer liebsten Traditionen hier bei NBACHEF bei und checken im Vorfeld die verheißungsvollsten Talente des Jahrgangs... in unseren patentierten Spotlights.

von AXEL BABST @BabstMadness

Im Rückblick hätte es vermutlich kaum einen besseren Zeitpunkt für die NCAA und die daran hängende Medienindustrie geben können, um Trae Youngs historische Freshman Saison in den Schlagzeilen platzieren zu können.

Denn als Ende September die ersten Berichte zum FBI Skandal und den unlauteren Recruiting Methoden einiger Teams veröffentlicht wurden, hielt sich die Euphorie anlässlich der im November startenden Saison stark in Grenzen. Statt auf die sportliche Perspektive der Saison vorauszublicken, standen andere Themen zurecht mehr im Fokus. Würden weitere Details publik werden, Teams mit Sperren und Strafen bedacht werden und die ganze Saison unter dem Damoklesschwert weiterer Skandale stehen?

Gut ein Dreivierteljahr später sind wir natürlich schlauer und wissen, dass die Saison nur punktuell tatsächlich von den Aufdeckungen und weiteren Skandalen beeinflusst wurde. Den schnellen Übergang von gedrückter Unwissenheit zu altgedienter Euphorie ließen vor allem Trae Youngs Bestleistungen in den ersten drei Saisonmonaten flüssig erscheinen.

Die Rekorde und Leistungen, die Young während seiner einzigen Saison am College aufstellte sind zahlreich und eindrucksvoll. Young führte die NCAA in Punkten und Assists pro Spiel an, stellte den Bestwert für die meisten Assists in einem einzigen Spiel (22) ein und einen neuen für die meisten Freshman Punkte eines Big12 Spielers (vormals von Kevin Durant gehalten) auf.

Insgesamt konnte Young in vier Spielen 40 oder mehr Punkte auflegen und weitere fünf Male mindestens 30 Punkte erzielen. Der Hype um seine Person war zwischenzeitlich so enorm, dass ESPN bei den Übertragungen der Oklahoma Spiele die Statline des Guards permanent einblenden ließ und damit den Personenkult an die Spitze trieb.


Nach dem kometenhaften Aufstieg war der Fall in den letzten sechs Saisonwochen jedoch ebenfalls sehr stark. Von den letzten elf Saisonspielen verloren die Sooners neun und mussten sogar noch um die Tournament Teilnahme zittern. Viele Teams der Big12 hatten zur Mitte der Saison verstanden, wie sie Young beackern mussten, um seine Effizienz so sehr zu senken und seine Fehlerquote entsprechend zu erhöhen, dass er Oklahoma nicht mehr im Alleingang zu Siegen führen konnte. Das mangelnde Talent seiner Nebenleute war irgendwann eine zu große Hypothek.

Es wird sehr interessant zu beobachten sein, inwiefern sich die Beurteilung der NBA Teams von Youngs Saison - die guten wie die schlechten Seiten - in seiner Draftposition niederschlägt und wie sich Young in den kommenden Jahren in der NBA durchsetzen wird.

Ein wichtiger Bestandteil von Youngs Spiel ist sein Distanzwurf. Mit 118 getroffenen Dreiern führt Young die Spotlight Prospects in dieser Hinsicht an. 3,7 erfolgreiche Treffer pro Begegnung waren in der vergangenen Saison der viertbeste Wert aller NCAA Spieler. Über die Hälfte seiner Feldwurfversuche kamen aus der Distanz (52,2 Prozent).

Doch es ist weniger die schiere Anzahl von Youngs Dreier, die für Erstaunen und Hype sorgt, als die Schwierigkeit seiner Wurfversuche. Würfe aus neun Metern oder mehr gehören für Young zum Alltag und sind in der Regel mindestens ein Mal pro Spiel zu sehen. Ob aus dem Dribbling, einem Jab-Step, gegen einen gleich großen Verteidiger, einen größeren Bewacher oder vielleicht sogar aggressives Doppeln ist dabei fast egal.

Young konnte in der vergangenen Saison beweisen, dass er solche Würfe höchsten Schwierigkeitsgrads treffen kann. Das sind jedoch keine Einzelfälle. Ist Young heiß, trifft er solche Würfe durchaus mehrfach und lässt der Verteidigung keine Chance.

Insofern sind die schnöden 36 Prozent, die eher auf einen durchschnittlichen Schützen verweisen, auch mit Vorsicht zu genießen. Kein Spieler der Draftclass dürfte annähernd oft so schwierige Würfe genommen haben. Die Quote sollte sich daher auch auf die NBA zumindest übertragen lassen.


Interessant wäre jedoch vor allem, was passiert, wenn Young öfter auch mal offene und freie Würfe bekommen und sich weniger Last in der Offense aufbürdet. Die Wurfauswahl des Guards ist ein großer Streitpunkt, der für unterschiedliche Sichtweisen zu instrumentalisieren ist.

Auf der einen Seite ist es nachvollziehbar, dass Youngs Wurfauswahl vor dem Hintergrund seines Erfolgs zähneknirschend akzeptiert wird: Wer trifft, hat Recht. In der NBA gilt diese Devise immer noch für viele Spieler und das Level an Wurfvermögen, das Young in sich trägt, teilen nur wenige andere Prospects des Drafts oder gar in der NBA. Insofern genießt Young ein wenig den Schutz des Alleinstellungsmerkmals.

Andererseits ist Youngs Wurfauswahl in der NBA kaum noch zu vertreten. War man ihm am College noch geneigt, Young diese Würfe zuzugestehen, weil einfach die Erfolgswahrscheinlichkeit gar nicht mal so viel geringer war als bei offenen Würfen seiner Mitspieler, sollte sich dieser Umstand in der NBA schnellstens in Luft auflösen.

Dann muss Young in der Lage sein, sich selbst entweder hochprozentigere Abschlüsse und Würfe zu erspielen oder einfach etwas mehr Geduld beweisen und auch seinen Mitspieler ihre Touches und Würfe überlassen. Gerade die Dreier, die er ohne Not bei 25 Sekunden auf der Shotclock aus neun Metern abfeuert, muss Young in der NBA drastisch reduzieren. Zudem können sich nur die größten NBA Stars erlauben, den Ball zehn oder mehr Sekunden in der Hand zu halten und nach 13 Dribblings einen schwierigen Dreier aus dem Dribbling zu nehmen.


Denn Young ist nicht direkt als Ballhog abzuschreiben, nur weil seine Wurfauswahl nicht den Normen entsprechend ausfällt. In der Tat ist Young sogar ein ziemlich talentierter Passgeber mit ausgezeichneter Spielübersicht.

Nicht umsonst führte Young die NCAA mit 8,7 Assists pro Spiel und verzeichnete mit einer Assistrate von 48,6 Prozent einen extrem hohen Wert, der unter den Spotlights Prospects ebenfalls in der Spitze liegt.

Wird Young unter Druck gesetzt, kann er dennoch die Weakside im Auge behalten und tödliche Pässe auf den freien Schützen in der gegenüberliegenden Spielfeldecke anbringen. Der Punkt hierbei ist eher, dass er diesen Pass noch zu selten wirklich spielt und stattdessen lieber auf eigene Faust handeln möchte.

Wird Young hingegen nicht unter Druck gesetzt, ist er vor allem dazu befähigt, Situationen zu lesen, bevor die entscheidende Handlung erst eintritt. Stellen sich seine Mitspieler beispielsweise gegenseitig Blöcke, weiß Young genau, in welchem Moment er auf welchen Teamkollegen achten muss und reagiert blitzschnell, sobald sich Passfenster öffnen.


Neben Entscheidungsfindung und zu geringer Passwilligkeit - trotz des vorhandenen Potenzials zum Passgeber - ist ein weiterer Kritikpunkt an Young seine Statur, die oft mit Fragilität assoziiert und unterhalb des NBA Durchschnitts angesiedelt wird. Daraus werden häufig künftige Probleme im Eins-gegen-Eins bei Drives und auch bei Abschlüssen in der Zone abgeleitet.

In der Tat ist Young als einer der kleinsten (6'1.75'') und leichtesten (177,8 Pfund) Spieler des Jahrgangs niemand, der in der Zone durch kraftvolle und sprunggewaltige Finishes auffallen würde. Dennoch ist Young auf andere Weise athletisch. So ist der Point Guard zum Beispiel relativ schnell und hat einen tiefen Körperschwerpunkt, den er gewitzt einsetzt.

Als Finisher greift er auf viele Tricks und ungewöhnliche Schrittkombinationen zurück, die auf ein hohes Maß an koordinativen Fähigkeiten schließen lassen. Dort, wo andere Guards ins Stolpern geraten würden oder zumindest ihre Geschwindigkeit zur Wahrung ihrer Balance reduzieren müssten, kann Young problemlos vom Dribbling in seine Abschlussbewegung übergehen und dabei sein hohes Tempo halten.

Young kann sich neben seinem Ideenreichtum vor allem auf seinen guten Touch mit beiden Händen verlassen, der ihm auch aus unmöglichen Winkeln noch den Abschluss erlaubt. Zudem hat er einen verlässlichen Floater.

Dennoch fehlt Young die Athletik und Explosivität im ersten Schritt, die dafür sorgen würde, dass er jeden Verteidiger einfach stehen lassen könnte. Young lebt von seiner unorthodoxen Spielweise, bei der Gegenspieler mit allem rechnen müssen und entsprechend leicht reinzulegen sind. Trifft er jedoch auf physisch starke Gegenspieler mit einer gewissen Spannweite, wird Young Probleme bekommen.

In diesem Zusammenhang zeigte die vergangene Saison auch, dass Young durchaus müde zu spielen ist und nach permantem Druck durch die Defense über ein ganzes Spiel, in den entscheidenden Phasen zu unkonzentrierten Aktionen neigen kann.


All die beschriebenen Aspekte seines Spiels lassen sich auch im Pick & Roll wiedererkennen. Young beherrscht diese Disziplin für sein Alter bereits sehr ordentlich und ist gerade nach Switches ein Mismatch für die größeren Verteidiger. Da Young über sehr viel Reichweite und Schnelligkeit im Wurf besitzt, müssen sie sehr weit vom Korb entfernt verteidigen, was den meisten Bigs unangenehm sein dürfte.

Kann Young hier beweisen, dass er zumindest größere und idealerweise auch langsamere Bigs im Eins-gegen-Eins konstant schlagen kann und diese Verteidungspraktik somit bestraft, wäre Young für NBA Teams bereits sehr wertvoll.

Auf der anderen Seite ist Youngs Fehleranfälligkeit sehr hoch. 5,2 Ballverluste pro Spiel sind natürlich auch der enormen Verantwortungslast der vergangenen Saison geschuldet (Usagerate von 37,2 Prozent), lassen sich aber auch nicht einfach wegdiskutieren.

Young findet grundsätzlich noch nicht oft genug die einfache Lösung. Statt direkt den offenen Mann einen Pass entfernt zu bedienen und gutes Ballmovement zu initiieren, will er der Defense soweit ein Schnippchen schlagen, dass er mit seinem tödlichen Pass den Assist gut geschrieben bekommt und sein Mitspieler nur noch einen Korbleger oder offenen Wurf treffen muss.

Das ist aber in der Regel zu kurz gedacht, weil sich Defensiven darauf einstellen und sich gerade in der NBA nicht mehr so leicht mit einem einzigen Pass aushebeln lassen. Daher muss Young seine Entscheidungsqualität anpassen und auch öfter mal einen Pass spielen, der weniger spektakulär, im Endresultat aber wesentlich effizienter ist.

Young gibt außerdem keine gute Figur gegen aggressive Pick & Roll Verteidigungen ab. Wird er gedoppelt, geht er oft ein zu hohes Risiko und versucht jedes Mal das Split Dribbling. Zwar kann das erfolgreich sein, in einer großen Anzahl der Fälle endet dieser Versuch jedoch in einem Ballverlust und einfachen Fastbreakpunkten für den Gegner.


Young kann offensiv auf jeden Fall in der NBA mithalten. Ob er auch ein Star sein kann, der in einer NBA Offense die erste Option ist und dabei genug Effizienz für den Teamerfolg aufbringen kann, wird abzuwarten sein. Shooting, Courtvision, Kreativität als Finisher und gutes Ballhandling müssen mit besserer Entscheidungsfindung kombiniert werden und letztlich muss Young den Beweis antreten, dass er körperlich gut genug ist, um sich in der NBA durchzusetzen.

Eins steht fest: Wenn Young in der NBA Fuß fassen möchte, muss das in erster Linie über seine Offensive erfolgen. In der Verteidigung hingegen ist er vor allem ein Schwachpunkt, den Gegner auskosten werden.

Über die Defense des Playmakers müssen eigentlich nicht mehr Worte verschwendet werden, als unbedingt nötig ist, weil die Probleme eklatant sind und Youngs Wert für NBA Teams dramatisch sinken lassen.

Young fehlen die physischen und athletischen Eigenschaften, um seinen Gegenspieler in Front halten zu können. Nach Belieben können seine Gegenspieler in die Zone vordringen, da Young zu langsam ist, um sie daran hindern zu können. Zusätzlich bietet er auch wenig Gegenwehr. Oft schlägt er ein Mal nach dem Ball und hofft ihn zu erwischen, was jedoch natürlich kaum passiert.

Auch beim Finish kann Young wenig ausrichten. Dafür ist er zu klein und zu schmächtig. Der durchschnittliche College Guard war dem Oklahoma Guard deutlich überlegen und nutzte das gnadenlos aus.

Bei der Verteidigung gegen Schützen ist Young ebenfalls nicht sonderlich effektiv, weil er zu klein und seine Spannweite von 6'3'' zu gering ist, um sie beim Schuss zu irritieren.


In der Pick & Roll Defense bleibt Young in jedem Block hängen, macht aber auch kaum Anstalten sich darüber zu kämpfen und den Drive wirklich zu behindern. Oft will er sich Arbeit ersparen und versucht daher unter den Screens entlang zu gehen, was oft nach hinten losgeht.

An Switches ist Young ebenfalls nicht zu denken, da er einfach körperlich keine Chance hat, NBA Bigs an guter Position zu hindern und ihnen das Punkten zu erschweren.


Insgesamt hat Young in der Verteidigung einfach sehr viele schlechte Angewohnheiten, die am College nur zum Teil wirklich von den Gegnern ausgenutzt wurden. Das wird in der NBA ändern und seine Schwächen nochmals deutlicher hervortreten lassen.

Young verliert seinen Gegenspieler bisweilen komplett aus den Augen, reagiert auf kleinste Fakes und schlägt nach dem Ball, wann immer er es für richtig hält. Zusätzlich wirkt Young oft sehr unbeteiligt und versucht Kraft für die Offense zu sparen. Dadurch sieht man ihn selten Extrawege in der Defense einlegen.


Alles in allem ist Young ein polarisierender Spieler. Offensiv verfügt er über sehr viel Talent und es wird sehr spannend zu sehen sein, wie Young in einer NBA Offense funktioniert. Er besitzt die Anlagen, um ein extrem schwieriges Matchup für jede Defense zu werden. Sein Shooting in Kombination mit seinen Anlagen als Passgeber und Pick & Roll Playmaker sind wie geschaffen für die heutige NBA.

Seine Spielweise wird oft mit der von Steph Curry verglichen. Tatsächlich ähneln sich beide Guards in der Art und Weise, wie sie Spiele durch ihre phänomenale Offensivaktionen prägen können. Auch Curry musste vor seiner NBA Karriere Kritik wegen seiner vermeintlich fehlenden Athletik und Körperlichkeit einstecken.

Allerdings unterscheiden sich die beiden dennoch in einigen Bereichen grundlegend, weswegen Young trotz aller Parallelen nicht das Level eines Steph Currys erreichen wird. Curry ist der deutlich bessere reine Shooter. Young ist ein Shotmaker, der auch schwierige Würfe trifft, insgesamt aber einfach Konstanz vermissen lässt, weswegen er nicht wirklich als Shooter zu bezeichnen ist. Curry ist das jedoch von seinem Naturell her. Ohne diese Besonderheit könnte Curry auch nicht annähernd so erfolgreich sein.

Zudem ist Curry dann doch ein Stück größer als Young und schneller was den ersten Schritt angeht. Dadurch ist er defensiv nicht ganz so anfällig und kann offensiv etwas leichter finishen oder Bigs nach Switches attackieren. Hier wird abzusehen sein, wie gut Young das wirklich gelingen mag. Letztendlich müsste Young offensiv wohl ein noch höheres Niveau als Curry erreichen, um seine defensiven Anfälligkeiten zu überwinden, damit beide auf eine vergleichbare Ebene gestellt werden könnten - das ist utopisch.

Ein etwas realistischerer Vergleich wäre daher Isaiah Thomas, der vielleicht etwas sprunggewaltiger und schneller als Young ist, dafür als Passgeber über weniger Qualitäten verfügt. Beide sind für die höchsten Ansprüche jedoch defensiv nicht gut genug. Young hat sicherlich ähnliches offensives Potenzial, um auch mal statistisch auffällige Saisons zu produzieren. Ob er jedoch ein Team mit seiner Offense in der NBA auf ein anderes Level hieven kann, ist eher zu verneinen.

Läuft es für Young ganz schlecht, könnte ihm auch "nur" eine Karriere vergleichbar mit der von Rafer Alston bevorstehen. Young wäre dann immer noch ein ordentlicher NBA Spieler und Starter, der jedoch nie über den Status eines guten Zockers hinauswachsen könnte.