19 Juni 2018

19. Juni, 2018



Willkommen bei unserer offiziellen Draft-Vorschau. Am 21. Juni geht für 60 brandneue NBA-Rookies ein Lebenstraum in Erfüllung, wenn sie Commissioner Adam Silver in der Association willkommen heißt. Wir behalten eine unserer liebsten Traditionen hier bei NBACHEF bei und checken im Vorfeld die verheißungsvollsten Talente des Jahrgangs... in unseren patentierten Spotlights.

von AXEL BABST @CoachBabst

Der Fall der Oregon Ducks von der ersten Final Four Teilnahme in 70 Jahren hin zum Zweitrundenaus im NIT, dem Trostpreis für Teams, die es nicht auf eine Qualifikation für den Big Dance bringen, war zugegebenermaßen doch sehr rapide.

Allerdings verließen die Ducks nach dieser überaus erfolgreichen Saison mit Jordan Bell, Dillon Brooks und Tyler Dorsey gleich drei Starting Five Spieler den Campus trotz weiterer Jahre der Spielberechtigung und zumindest die beiden Erstgenannten konnten bereits als Rookies ansprechende Leistungen zeigen.

Für Dana Altman bedeutete das im Sommer 2017 den kompletten Umbruch. Talentierte Freshmen mit unterschiedlichstem Werdegang, Transfers höheren Alters aus bisweilen gänzlich anderen Conferences und mit Payton Pritchard nur ein einziges verbliebendes Puzzleteil des Final Four Teams mussten zu einer funktionierenden Einheit geformt werden.

Wie in jeder Saison unter Altman wurden die Ducks von Monat zu Monat besser, waren aber über die Saison viel zu inkonstant. Die Verinnerlichung der komplexen Matchup Zone war ein fortwährender Prozess und sorgte für eine ungewohnte Defensivschwäche. Erst spät in der Saison waren die Rollen innerhalb des Teams einigermaßen klar verteilt und jeder Spieler wusste exakt, wie er zum Teamerfolg beitragen konnte.


Troy Brown Jr. musste als Freshman direkt sehr viel Verantwortung übernehmen, da er alleine wegen seiner vielseitigen Spielanlage viele Aufgaben übernehmen und den Feuerwehrmann spielen konnte, falls ein Mitspieler in seiner Rolle überfordert war.

Brown ist sicher einer der spielintelligentesten Akteure des Draftjahrgangs, wodurch er seine durchschnittliche Athletik ein wenig kompensiert und zugleich aus der Masse an Wings herausragt. Seine Cleverness wird an beiden Enden des Feldes schnell ersichtlich.

In der Transition ist Brown beispielsweise ein passabler Vollstrecker, obwohl er nicht immer den direkten Weg in die Zone findet. Oft bringt er den Ball persönlich nach vorne und reagiert auf die zurückeilende Defense. Durch seinen Touch und sein Talent für die Wahl von Pfaden, die ihm gute Abschlusswinkel ermöglichen, scort Brown auch in uneindeutigen Situationen.


Allerdings hat Brown im Halbfeld noch größere Probleme im Eins-gegen-Eins, die auch langfristig und auf NBA Level nicht so schnell verschwinden werden. Brown ist in seinem ersten Schritt nicht explosiv genug, um an seinem Bewacher vorbeiziehen zu können. Zudem muss Brown sein Ballhandling verfeinern. Oft dribbelt er zu viel auf der Stelle, ohne einen Raumgewinn zu erzielen.

Neben fehlender Athletik im ersten Schritt und mässigem Ballhandling, legt Brown auch nicht die Einstellung und Mentalität eines Scorers an den Tag. Er strahlt keine Aura aus, die seine Verteidiger schon in Ehrfurcht erzittern lässt. Stattdessen halten sie lieber einen gewissen Abstand und fordern ihn indirekt zum Drive heraus.

Immerhin gegen Closeouts kann Brown geschickt den Weg in die Mitte des Spielfelds finden, da er eine schnelle Auffassungsgabe für Situationen auf dem Feld besitzt und die Verteidigung richtig liest. Beim Abschluss verschenkt er ab und an Punkte, weil er nicht über dem Ring finishen kann und stattdessen komplizierte Bewegungen wählt, die nur eine geringe Erfolgsquoten aufweisen.

Seine 14,5 Punkte pro Spiel auf 40 Minuten hochgerechnet sind der niedrigste Wert der Spotlight Prospects.


Statt den eigenen Abschluss im Eins-gegen-Eins zu forcieren, spielt Brown lieber den Spielgestalter und Passgeber. Tatsächlich ist das vielleicht Browns größte offensive Stärke. Als verkappter Point Forward hatte Brown das Leder gemessen an seinen Scoring Qualitäten relativ viel in den Händen und initiierte meist gutes Ballmovement oder war in Form eines Assists direkt für den tödlichen Pass zuständig.

Brown überzeugt mit einer Kombination aus gutem Auge und großartigem Spielverständnis. Er sieht nicht nur, ob und wo ein Spieler frei ist, sondern kann auch ganz gezielt ausloten, wie er Verteidiger so bindet, dass für Mitspieler Freiräume entstehen. Mit seinen klug gewählten Drives zieht Brown Aufmerksamkeit auf sich und findet im Anschluss den vollkommen frei stehenden Mitspieler.

An dieser Stelle ist anzumerken, dass Browns Passqualität, Ideenreichtum und Variantenvielfalt jeweils selbst im NBA Vergleich Bestnoten genießen würde. In dieser Hinsicht ist Brown für das Pace & Space und Drive & Kick Game der heutigen NBA perfekt ausgestattet.

Seine knapp über drei Assists spiegeln kaum wider, wie gut Brown die Bälle verteilt, was auch dadurch zu erklären ist, dass er nicht unbedingt direkt die Defense aushebelt, aber genug Unruhe stiftet, um gutes Ballmovement zu initiieren, an dessen Ende ein hochprozentiger Wurf steht.


Nicht zu unterschlagen gilt jedoch, dass Brown auch eine Menge Risiko bei seinen Drives oder auch bei seinen Passversuchen eingeht. Bisweilen möchte Brown mit einem einzigen Pass auch mal mehrere Verteidiger auf die falsche Fährte locken, was ihm in der Regel (noch) nicht gelingt.

Ein weiteres Problem sind clevere Verteidigungen, die verstehen, dass Brown gar nicht wirklich punkten möchte, wenn er zum Korb zieht und nicht absinken oder helfen. Brown ist zwar gut darin, auf plötzlich entstehende Situationen zu reagieren, wirkt jedoch verunsichert, wenn er auf eigene Faust eine Aktion zu Ende bringen muss. Resultat ist die höchste Turnoverpercentage (18,8) aller NCAA Prospects.


Am College wurde Brown gerne auch als Ballhandler im Pick & Roll eingesetzt. Hier zeigt Brown eine Menge vielversprechender Anlagen und findet beispielsweise wesentlich einfacher und zielstrebiger den Weg zum Korb für den eigenen Abschluss.

Als Passgeber kann Brown ohnehin im Schlaf Lücken reißen und unterscheidet sich in seiner Kickoutqualität nicht wesentlich von den talentiertesten Ballhandlern und Aufbauspielern des Jahrgangs.

Ob dieses Playmaking Potenzial im Blocken-und-Abrollen jedoch ausreichend ist, um auch ein NBA Team dafür begeistern zu können, gilt es in den kommenden Jahren abzuwarten. Das Pick & Roll mit Brown ist eine Option, die es auszuprobieren gilt.


Neben seiner Turnoveranfälligkeit ist Brown auch kein sonderlich guter Schütze. Nach der reinen Quote zu urteilen, ist er sogar ziemlich mies: Magere 29 Prozent versenkte der Oregon Freshman, womit er der einzige Guard oder Wing der Spotlights Prospects ist, der nicht die 30-Prozent-Marke erreichen kann.

Auch in der optischen Betrachtung wird schnell deutlich, dass Browns Wurf größerer Bearbeitung bedarf. Brown ist kein reiner Non-Shooter, dem jeglicher Touch abzusprechen ist. Dafür liegt jedoch technisch einiges im Argen.

Der Wurfarm sieht bei fast jedem Versuch anders aus. Beginnend mit einem sich wandelnden Abwurfpunkt über das Ausscheren des Ellbogens bis hin zu einer leichten Ausholbewegung baut Brown bei fast jedem Wurf einen anderen kleinen Detailfehler ein. Den Wurf zu korrigieren und auf ein konstantes Niveau zu bringen, wird viel Arbeit erfordern.


Brown ist also ein vielseitiger Wing, dessen größte Pluspunkte seine Spielübersicht, sein Passspiel und sein instinktives Entscheidungsverhalten im Drive & Kick sind. Als Scorer und Werfer strahlt Brown hingegen keine Gefahr aus. Zumindest beim Wurf besteht Anlass zur Hoffnung, wenngleich der Nährboden dafür nur spärlich ist.

Dafür besitzt Brown defensiv jede Menge Potenzial und könnte einer der - wenn nicht gar der - beste Verteidiger auf der Flügelposition seines Jahrgangs werden. Gerade an diesem Ende des Feldes wird sein enorm hoher Basketball IQ ersichtlich und kommt effektiv zum Tragen.

Kein anderer Draftkandidat verfügt beispielsweise über so einen guten Riecher in Passwegen wie Brown. Sehr häufig sprintet Brown scheinbar aus dem Nichts in einen mäßig gespielten Pass und sichert sich mit seiner passablen Spannweite das Spielgerät.


Doch Browns Spielverständnis und Antizipationsvermögen beschränkt sich nicht nur rein auf Passwege. Während andere Spieler seines Alters ihre liebe Mühe damit haben, einfachste Prinzipien des Helfens und Rotierens zu verstehen und punktuell anzuwenden, ist Brown schon zwei Schritte weiter.

Obwohl er zu den jüngsten Spielern des Teams gehörte, gab er in der Defensive den Ton an und orchestrierte in der komplexen Matchup Zone seine Nebenleute - eine Rolle, die zuvor beispielsweise Jordan Bell übernahm.

Brown ist der Offensive gedanklich meist einen Schritt voraus, da er die Fehler und Lücken der eigenen Teamdefense blitzschnell analysiert und daher immer genau weiß, wo die Offense als nächstes attackieren wird. Wie eine Arbeitsbiene schwirrt Brown ständig von Rotation zu Rotation und bereinigt unsaubere Aktionen seiner Mitspieler.


In der Eins-gegen-Eins-Verteidigung ist Brown ebenfalls schon auf einem höheren Niveau anzusiedeln als viele andere seiner Kollegen. Browns Fußarbeit und laterale Geschwindigkeit bewegen sich auf einem passablen Niveau.

Ergänzend dazu nutzt Brown seine Länge dazu, um Würfe zu erschweren, Passwinkel zu verschlechtern und bei Abschlüssen unter dem Korb für Irritationen zu sorgen. Am College war Brown daher in der Lage alle fünf Positionen auf dem Feld zu verteidigen. In der NBA dürften es im Optimalfall mindestens vier werden.


Diese Variabilität wäre zum Beispiel im Pick & Roll Gold wert, da es ein leichtes Unterfangen wäre, einfach immer zu switchen und keinen Nachteil in Kauf nehmen zu müssen. Ob das praktisch der Fall ist, lässt sich anhand der letzten Saison allerdings nur mit Vorsicht prognostizieren.

In der Matchup Zone switchten die Ducks zwar jedes Pick & Roll, allerdings waren die Verteidiger nach dem Switch selten auf sich alleine gestellt, sondern der nächste Verteidiger befand sich bereits in Lauerstellung zur Hilfe.


Insgesamt ist Troy Brown Jr. einer der interessantesten Spieler des Jahrgangs, weil er so enorm vielseitig ist und auf viele Arten einem Team zum Erfolg verhelfen kann. Browns Bustpotenzial scheint einfach sehr gering zu sein, weil er im Zweifelsfall immer eine Rolle finden wird, die er gut genug beherrschen kann, um in einer Rotation zu landen.

Auch wenn wenig im Vorhinein des Drafts über Brown gesprochen wird, besitzt er hohes Sleeper Potenzial. Ähnlich einem Andre Iguodala ist er einfach ein Spielertyp, der ein Team besser machen kann durch seine pure Präsenz auf dem Feld.

Er macht viele Kleinigkeiten richtig, besitzt ein enormes Spielgefühl und -verständnis und ist dazu auch noch einer der jüngsten Spieler des Drafts mit viel Entwicklungspotenzial. Brown wird erst Ende Juli 19 Jahre alt und ist damit der viertjüngste Spieler unter den Spotlight Prospects.

Das fehlende Scoring und der schwache Distanzwurf sind die einzigen beiden Hürden, die ernsthafte Zweifel an Browns Karriereweg erlauben. In einer Ära, in der Eins-gegen-Eins-Skills und ein verlässlicher Wurf essentiell sind, um Mismatches bestrafen zu können und Druck auf die Defense aufzubauen, könnte Brown in dieser Hinsicht zu wenig auf dem Kasten haben.

Ähnlich wie Iguodala muss Brown wahrscheinlich eine Situation finden, in der er Mitspieler hat, die genug Punkte auf das Scoreboard zaubern, und er sich somit auf die Verteidigung und sein Passspiel konzentrieren kann.

Ist dies nicht der Fall, kann er vergleichbar mit DeAndre Bembry in Atlanta als Bankspieler mit wackeliger NBA Zukunft enden. Doch realistisch betrachtet bringt Brown genug Fähigkeiten mit, um so ein Los zu verhindern.