19 Juni 2018

19. Juni, 2018



Willkommen bei unserer offiziellen Draft-Vorschau. Am 21. Juni geht für 60 brandneue NBA-Rookies ein Lebenstraum in Erfüllung, wenn sie Commissioner Adam Silver in der Association willkommen heißt. Wir behalten eine unserer liebsten Traditionen hier bei NBACHEF bei und checken im Vorfeld die verheißungsvollsten Talente des Jahrgangs... in unseren patentierten Spotlights.

von AXEL BABST @BabstMadness

Ein knapp über 1,90m großer Freshman, der an der High School größtenteils Power Forward spielen durfte und von den Recruiting Services vom Dienst nur mit drei Sternen in ihrer Bewertung versehen wurde, liest sich nicht unbedingt wie ein Spieler, der das College nach einem Jahr schon wieder verlassen würde, um sich zum NBA Draft anzumelden. Bei vielen solcher Spielertypen steht ein Vierjahresplan bevor, nach dessen erfolgreichem Verlauf dann eine halbwegs respektable Karriere in Europa zur Debatte steht.

Ganz anders und in gewissem Maße einzigartig wiegt der Fall von Zhaire Smith. Viele Spätentwickler, die zur Draftsaison als Steals und Sleeper hochstilisiert werden, waren zumindest als Rekruten schon bekannt und fanden dann am College eine Situation vor, die nicht optimal für sie verlief.

Bei Smith war es eher der entgegengesetzte Fall. Smith wurde zum Teil gerade so unter den besten 200 Spielern seines Jahrgangs gesehen und erst unter Chris Beard erhielt Smith die Chance, sein Potenzial anzudeuten.


Smith hatte wirklich niemand auf dem Schirm, ehe er im November die ersten Male für die Red Raiders über den Court wirbelte und flog. Monat für Monat konnte Zhaire seine Bekanntheit steigern. Spätestens im Februar war er jedem Draftinteressierten ein Begriff und wurde seitdem nochmals genauer verfolgt.

Durch dem Erfolg der Red Raiders wurde er im Laufe des NCAA Tournament auch einem größeren Publikum bekannt und konnte dieses mit seiner Athletik verzücken.

Die Sprungkraft von Smith ist in Worten nicht adäquat zu beschreiben. Zu erwähnen ist daher eigentlich nur, dass Smith nicht nur ein atemberaubender Athlet ist, sondern das Dynamit in seinen Waden auch funktional auf Basketball beziehen kann. 


Smith verfügt neben seinem Sprungvermögen über erstklassige Instinkte als Basketballer, die darauf hoffen lassen, dass er sich spielerisch in den kommenden Jahren entsprechend weiterentwickeln und seine Skills seinen Attributen angleichen wird.

Smiths Instinkte lassen sich beispielsweise über seine gute Nase für Offensivrebounds darstellen. Kein anderer Außenspieler ist so eine Gefahr für das gegnerische Brett wie Smith. Meist startet er seinen Raubzug von der Dreierlinie und mit Anlauf. Er verfolgt die Flugkurve exakt, schraubt sich in die Luft hoch und nutzt sehr viel Hangtime, um letztlich den Ball zu fangen und vor dem nächsten Bodenkontakt durch den Ring zu hämmern.

Seine Offensivreboundrate (9,6) ist die zweithöchste aller Spotlight Wings und fällt sogar höher aus als die mancher Bigs.


Das Eins-gegen-Eins ist noch die größte Baustelle des 19-Jährigen. Wie bereits eingang erwähnt, wurde Smith in seiner High School Zeit überwiegend als Power Forward aufgestellt, weswegen sich sein Paket an Moves und Bewegungen in der Regel auf maximal zwei Dribblings beschränkt.

Auch seine Komfortzone liegt weniger an der Dreierlinie, sondern eher im Bereich des Highposts. Immerhin kann er von hier aus mit beiden Händen operieren, egal ob beim Finish oder beim Dribbling.

In der Regel braucht Smith auch aus dieser Distanz keine wirklichen Moves, um seinen Gegenspieler zu schlagen. Meist reicht der lange, explosive, erste Schritt aus, um sich zumindest einen kleinen Vorsprung zu ergattern. Das Problem an seinem Ballhandling ist eher, dass der Ball Smith noch verlangsamt und Gegenspieler daher einigermaßen Schritt halten können. Wenn Zhaire in dieser Hinsicht den nächsten Entwicklungssprung hinlegen kann, dürfte es selbst für NBA Athleten sehr schwierig werden, ihn am Drive zu hindern.

Neben seinem Ballhandling wird Smith auch an seinen Abschlussbewegungen arbeiten müssen. Hier wird einfach offensichtlich, dass er eher als Innenspieler ausgebildet wurde. Er besitzt eine gewisse Toughness beim Finish, die vielen anderen jungen Spielern fehlt. Zudem nutzt er Fakes, Up-and-Under-Layups und aufgelöste Sternschritte, um in der Zone zu finishen.

Perspektivisch würden ihm Eurosteps oder ein Spinmove nicht schlecht zu Gesicht stehen, da er die nötige Explosivität besitzt, um diese Richtungswechsel erst richtig effektiv erscheinen zu lassen. Solche spezifischen Abschlüsse für Außenspieler fehlen Smith bislang gänzlich.

Bis jetzt ist Smith als Finisher sehr auf seine Athletik und Sprungkraft reduziert. Besonders gegen eine intakte Helpside oder ähnlich kräftige Gegenspieler, die sich nicht abschütteln lassen, gibt Smith daher eine unglückliche Figur ab und wird zu unkontrollierten Abschlüssen gezwungen.


Neben ausbaufähigem Ballhandling beim Drive und einem Mangel an bombensicheren Abschlüssen ist ein weiteres Problem bislang, dass Smith als Schütze nicht wirklich zu überzeugen weiß. Auf dem Papier konnte der Slasher mit 45 Prozent zwar die beste Quote aller Spotlight Prospects erzielen, doch die geringe Wurfanzahl (18 Treffer bei 40 Versuchen), schränkt die Aussagekraft gewaltig ein.

Smiths Wurf sieht momentan nicht so aus, als würde Smith jemals ein verlässlicher Dreierschütze auf längere Sicht werden. Die Wurfbewegung weist noch große Mängel auf. Will Smith in Lehrbuchnähe kommen, muss er Bein- und Armbewegung koordinieren, die Füße weiter auseinander platzieren, den Arm nach oben statt nach vorne strecken und weniger mit der Stützhand arbeiten. Bisher sorgen diese Fehlerquellen dafür, dass Smith auch mal ordentlich danebenzielt und aus dem Dribbling kaum Erfolgschancen in Aussicht hat.

Das sind eine Menge Punkte. Dennoch erscheint es nicht unwahrscheinlich, dass Smith zumindest ein solider Werfer aus der Distanz werden kann. Das Sprungwunder verfügt über eine Menge Touch im Handgelenk und klappt dieses bereits sehr sauber ab. Zudem zeigte er im Laufe der Saison eine Entwicklung und nahm gegen Ende der Spielzeit vermehrt Catch & Shoot Dreier ohne lange nachzudenken.

Außerdem sind alle Baustellen insofern reparabel, als Smiths Wurf bisher offensichtlich noch nicht allzu viel Zuwendung genießen durfte und daher relativ schnell für neue Impulse empfänglich sein sollte.

Ein verlässlicher Dreier im Catch & Shoot sollte auf jeden Fall drin sein. Will Smith jedoch auch mittelfristig als Ballhandler per Drives fur Furore sorgen, muss er zusätzlich einen Pull-up-Dreier entwickeln, da seine Gegenspieler aus Angst vor der Athletik sonst immer sehr weit absinken werden. In der vergangenen Saison waren weniger als 15 Prozent seiner Wurfversuche Dreier - zu wenig, um eine Defense zu beeindrucken.


Doch wie bereits in der Sektion zum Thema Athletik dargestellt, ist Smith schon ein sehr intelligenter und intuitiver Spieler, der eine Spielintelligenz besitzt, die nicht durch Training herzustellen ist.

Als Passgeber wird Smith beispielsweise immer noch massiv unterschätzt. Seine 1,8 Assists pro Spiel lesen sich nicht spektakulär, sind jedoch kaum aussagekräftig in Bezug auf Smiths Spielübersicht, seine gute Entscheidungsfindung und seine Passfertigkeiten.

Hierzu ist erstens anzumerken, dass die Red Raiders die Motion Offense von Bob Knight spielen, in der Spieler kaum länger als fünf Sekunden den Ball in den Händen halten, sondern alle fünf Akteure sich etwa gleichmäßig das Leder zuspielen und versuchen durch Cuts und indirekte Blöcke frei zu werden.

Innerhalb dieses Rahmen Entscheidungen zu treffen, fällt nicht jedem Spieler leicht, da viele Aktionen parallel an anderen Enden des Feldes passieren und es keine vorgegebenen Ausstiege gibt, die im Notfall gewählt werden können. Stattdessen müssen die Akteure aus verschiedenen Option die beste auswählen und haben dafür nur eine sehr geringe Reaktionszeit zur Verfügung.

Smith behielt bei seinen Ballberührungen stets das komplette Halbfeld im Auge und entschied sich fast immer für den richtigen Ausstieg. Dabei versprüht er sehr viel Spielwitz und weiß genau, wie er Verteidiger mit Blicken, Körperhaltungen oder auch mal angetäuschten Drives zu einer Aktion zwingt, die einem Mitspieler einen freien Weg zum Korb ermöglicht.

Sogar ein wenig Show konnte Smith mit No-Look-Pässen oder anderen aus der Reihe fallenden Elementen in seine Assists integrieren.


Zu guter Letzt äußert sich die Spielintelligenz des Wings darin, dass er sehr clevere Cuts läuft und Fehler seiner Bewacher direkt bestraft.

Besonders Backdoor Cuts gehören zu den Spezialitäten des Freshman, der dank seiner Sprungfedern auch ein leichtes Ziel für die Pässe seiner Mitspieler bietet.


Der Fall Smith ist offensiv ein wenig kurios. 11,3 Punkte pro Spiel bei der niedrigsten Usagerate (18,3) aller NCAA Prospects der Spotlight Reihe schreien nicht wirklich nach großer Offensivpotenz. Und dennoch erweckt kein anderer Spieler abseits von Jaren Jackson Jr. so eine Zuversicht in mir, dass er sich in der Offensive über die kommenden Jahre enorm entwickeln wird und vielleicht mal eine legitime erste Option in einem NBA Team werden kann.

Smiths Hintergrund als Power Forward, der Werdegang über die Saison, die vorhandenen Anlagen, der Spielwitz und die ungemeine Bewegungseffizienz eines Athleten, der sein Sprungvermögen auf basketballspezifische Aufgaben anzuwenden weiß, sind eine Kombination, die für einen gehörigen Vertrauensvorschuss sorgt.

Zugleich stimmt die Wurftechnik wenig optimistisch, dass Smith realistisch betrachtet jemals ein durchschnittlicher NBA Schütze werden kann. Die Baustellen sind auf jeden Fall zahlreich. Auch wenn dieser Aspekt des Spiels vielleicht am ehesten durch Individualtraining und Wiederholungen zu verbessern ist und Smiths weiches Handgelenk eine gute Basis bildet, sollte Skepsis angebracht sein.

Schon jetzt zählt Smith zu den besten Verteidigern der Draftclass. Auch hier sind in erster Linie die athletischen und körperlichen Voraussetzungen des Flügelspielers die Triebfedern der Euphorie.

Trotz seiner verhältnismäßig geringen Körpergröße von gerade 6'4'' kann Smith beispielsweise mit einer Spannweite von fast 6'10'' aufhorchen lassen. Äquivalent zur Sprungkraft weiß Smith ohne großes Coaching schon jetzt sehr genau, wie er seine Armspannweite effektiv einsetzen kann.

Zhaire ist nicht bloß jemand, der für Steals bei Pässen gut ist, weil er abseits des Balls verteidigt und aus seiner Lauerstellung heraus in einen schlaffen Pass hineinsprintet. Der Red Raider topt diese Taktik, indem er sogar Pässe, die sein eigener Gegenspieler zu einem Mitspieler anbringen möchte scheinbar mühelos abfängt, ohne sich dabei auch nur im geringsten aus einer guten Verteidigungsposition herauszubewegen.

Die spektakulären Blocks, bei denen Smith aus dem Nichts angeflogen kommt und den Ball vermutlich in der Luft fast noch fangen könnte, fallen da schon fast unter den Tisch.


Im direkten Duell mit seinem Verteidiger hat Smith daher großes Stopper-Potenzial. Im Spiel gegen Oklahoma kümmerte sich Smith beispielsweise in der zweiten Halbzeit vermehrt um Starspieler Trae Young und war mitverantwortlich dafür, dass Young phasenweise keinen Weg in die Zone fand.

Auch gegen andere Gegenspieler beeindruckte Smith mit seinen Verteidigungskünsten. Zwei Aspekte stechen in der Gesamtbetrachtung hervor. Erstens schafft es der Wing, dass er stets eine gesunde Mischung aus Druck und Kontrolle behält. Er sucht sich sehr gezielt Momente, in denen er so viel Druck auf den ballführenden Spieler ausübt, dass dieser die Nerven verliert und einen Fehler begeht oder einen schweren Wurf erzwingt.

Zweitens ist Smith ein sehr variabler Verteidiger. Er kann schnelle Guards vor sich halten, die Physis bulliger Flügelspieler matchen und Schützen mit seiner Spannweite und seiner guten Aufmerksamkeitsspanne den Abend ruinieren.


Diese Vielfalt überträgt sich auch auf die Pick & Roll Verteidigung. Am College konnte Smith de facto fünf Positionen verteidigen und machte von dieser Fähigkeit auch immer bei direkten oder indirekten Blöcken Gebrauch. Als Team switchte TTU fast alle Screens und Handoffs zwischen den Positionen eins bis vier.

Smith nutzt seine Physis und Länge, um sich gegen Bigs geschickt zu positionieren. Entweder frontet er gegen das Anspiel oder schleicht sich im letzten Moment in den Passstrahl, um den Steal zu holen. Gelingt ihm das nicht, kann er aber durchaus auch im Lowpost Bigs entscheidend stören oder gar unter Druck setzen. Seine langen Arme und seine explosive Sprungkraft, die ihn aus dem Stand hochkatapultiert und Abschlüsse erschweren lässt, sind hier wichtige Werkzeuge.

Selbst in der NBA sollte Smith sich mit genug Erfahrung gegen nahezu jeden Spielertypen behaupten können.


Wie in allen anderen Bereichen auch ist Smith als Teamverteidiger ab Tag eins eine absolute Bereicherung für jedes NBA Team. An dieser Stelle macht sich wieder Smiths natürliches Verständnis für diese Sportart bemerkbar. Während andere Spieler noch dabei wären, die Situationen, die sich ihnen gerade vor ihren Augen bieten, kognitiv zu verarbeiten, schreitet Smith einfach zur Tat und greift aktiv ein.

Als Rimprotector ist Smith fast ebenso gut wie so mancher Big Man dieser Draftclass (Blockpercentage von 4,8 Prozent). Immer wieder sprintet Smith von der Weakside oder von der Dreierlinie unter den Korb und verhindert im letzten Moment zwei Punkte, die alle anderen neun Akteure auf dem Court schon eingeplant hatten.

In den ersten Monaten und Jahren wird sich Smith noch damit arrangieren müssen, dass die Gegenspieler bessere Entscheidungen treffen und er sich mehr an Teamkonzepte halten muss, als vom eigenen Instinkt gelenkt drauflos zu rotieren.


Wenn es einen ganz heißen Sleeper Kandidaten in diesem Draft gibt, dann ist das ganz sicher Zhaire Smith. Nach seinem kometenhaft Aufstieg muss zwar immer noch Vorsicht angebracht sein und eine einzelne Freshman Saison sollte nicht zu sehr auf eine positive Art und Weise interpretiert werden, dennoch scheinen Smiths Potenzial und Upside sehr hoch auszufallen bei einem relativ geringen Bust-Risiko.

Athleten seiner Art werden in der NBA immer einen Unterschlupf finden und eine Rolle einnehmen können. In Sachen Athletik erinnert Smith an die bisherigen Sprungwunder dieses Jahrtausends: Vince Carter, Gerald Henderson und Shannon Brown.

Smith ist in jedem Fall smarter und ein besserer Basketballer als Brown. Henderson war ein deutlich schlechterer Verteidiger. Der Vergleich zu Carter scheint spielerisch jedoch dann doch zu hoch gegriffen zu sein. Smith fehlt als Ballhandler die Selbstverständlichkeit eines Carters und als Werfer wird Smith wahrscheinlich nie das Niveau des Slam-Dunk-Champs von 2000 erreichen können.

Gerade der Wurf könnte letztlich die Spaßbremse sein. Im schlechtesten Fall wird Smith ein variabler Defensivspezialist, der einen wackeligen Dreier aufweist, aber sich als Edelrollenspieler in den Dienst der Mannschaft stellt. P.J. Tucker wäre hier ein treffender Vergleich.

Der realistische Best Case wäre vielleicht eine ähnliche Entwicklung wie bei Victor Oladipo, der ebenfalls ohne große Vorschusslorbeeren in Indiana den Campus betrat, sich zu einem zweiten Pick hocharbeitete und dann in der NBA genug Standhaftigkeit bewies, um die erste Option eines Playoffteams zu werden.