24 Juni 2018

24. Juni, 2018


Die Free Agency startet in einer Woche und wie jedes Jahr steht eine Personalie über allen anderen. 2018 ist das LeBron James. Mit 33 Jahren besser als je zuvor, ein wortwörtlicher Gamechanger und somit der erste und gewichtigste Dominostein dieses Sommers.

von Daniel SCHLECHTRIEM @W14Pick

„In this fall, I'm gonna take my talents to South Beach and join the Miami Heat.“

Diese Worte von LeBron James, verkündet 2010 im landesweiten Fernsehen, gingen in die Basketballgeschichte ein und werden noch heute als Referenz bei einem Wechsel verwendet. Wegen LeBrons Ausnahmeklasse läutete sein Satz einen Machtwechsel in der NBA ein. Die Heat waren in LeBrons vier Jahren in Miami jedes Mal in den Finals, gewannen zwei Titel.

2014 wechselte James zurück nach Cleveland, auch hier veränderte er alleine die NBA-Landschaft. Die Cavaliers, zuvor in seinen vier Jahren in Florida nur ein Lottery Team, zogen nun vier Mal in Folge in die NBA Finals ein, gewannen 2016 die Championship, LeBrons insgesamt dritte.

Noch einmal vier Jahre später, in der heutigen Gegenwart, sind eben wegen der Tragweite seiner Entscheidung erneut alle Scheinwerfer auf James gerichtet. Die Entscheidung des vierfachen MVP und 14-fachen All-Stars hat unter Umständen großen Einfluss auf die anderen Free Agents, selbst die größten Namen in diesem Sommer.

LeBron hat die freie Auswahl. Im Zweifelsfall würden (fast?) alle 30 NBA Teams Platz für ihn schaffen. Realistische Chancen auf einen solchen Coup haben allerdings nur wenige. LeBrons dritte große Entscheidung seiner Karriere steht kurz bevor. Wohin geht der Weg? Und was wird der entscheidende Faktor: Sportliche Gründe? Umfeld? Perspektive? Persönliche Freundschaften?


Cleveland Cavaliers

Der Heimat-Weg

Geboren und aufgewachsen vor den Toren Clevelands in Akron, Ohio. Gedraftet 2003 an erster Stelle von seinem Heimatteam. 2014 als verlorener Sohn zurückgekehrt und zum unsterblichen Helden gewachsen.

Spätestens seit seiner Rückkehr hält LeBron bei den Basketball Operations der Cavaliers alle Fäden in der Hand. Nicht Tyronn Lue, James ist der tatsächliche Head Coach der Cavs und mischt auch bei Personalien mit, beispielsweise den Vertragsverlängerungen von Tristan Thompson und J.R. Smith. Auf eine solche Machtfülle darf er anderenorts nicht zählen.


Das alles spricht für eine ewige Verbindung zwischen James und „seinen“ Cavs. Und doch ist ein erneuter Abgang nicht nur realistisch, sondern wahrscheinlicher als ein Verbleib. LeBron hat sein Versprechen, eine Championship nach Cleveland zu bringen, eingelöst. Er ist der Stadt und dem Team nichts mehr schuldig.

Der Blick in die Historie zeigt, warum die Zeichen auf Abschied stehen: LeBron verließ die Cavs 2010 sowie die Heat 2014 wegen mangelnder sportlicher Perspektiven. Die jeweiligen Teams waren überaltert und nicht mehr kompetitiv – genau wie der jetzige Kader Clevelands.

Ihr Einzug in die Finals 2018 ist mehr den qualitativen Mängeln der Eastern Conference als der eigenen Leistung geschuldet. Gegen die Golden State Warriors waren sie schon vor dem ersten Tipoff chancenlos und werden es angesichts der wenigen Möglichkeiten, sich im Sommer signifikant zu verbessern, auch im nächsten Jahr bleiben, selbst wenn LeBron verlängern sollte.


Zudem ist das Verhältnis zu Teambesitzer Dan Gilbert weiterhin stark angespannt. Gilbert kritisierte LeBron nach dessen Wechsel zu Miami auf eine Art und Weise, die der prominente US-Bürgerrechtler Jesse Jackson damals als Sklavenhaltermentalität tadelte.

Und in der Tat sprachen sich in Konsequenz dieser verbalen Ausfälle sowohl LeBrons Mutter, als auch seine Ehefrau 2014 gegen eine Rückkehr nach Ohio aus und tun dies aller Wahrscheinlichkeit jetzt wieder. Dass Gilbert heute offen US-Präsident Donald Trump unterstützt verschafft ihm im Hause James keine neuen Sympathiepunkte, im Gegenteil.

Prognose: Verbleib unwahrscheinlich


Los Angeles Lakers

Der Glamour-Weg

Einst mussten sich die Lakers nicht einmal um ihre Wunschspieler bemühen, diese kamen von selbst. Der gigantische Markt, der Strand, Hollywood, der Name, die Historie, das Renommee, die Gewinnermentalität im Vergleich zum anderen L.A.-Team... die Lakers legten einfach nur den unterschriftsreifen Vertrag vor.

Diese Zeiten haben sich im mobileren, besser vernetzten 21. Jahrhundert geändert. Weil die Lakers seit Jahren mit sich selber und dem Erbe Kobe Bryants beschäftigt und somit sportlich irrelevant sind, wiesen zuletzt alle hochkarätigen Free Agents Lila und Gold zurück. Oft bekamen sie nicht einmal einen Pitch.

Die neue Führungsriege um Magic Johnson und Rob Pelinka trat also diese schwierige Aufgabe an im Wissen, sich etwas einfallen lassen zu müssen. Seit über einem Jahr haben sie auf den bevorstehenden Sommer hingearbeitet – und LeBron soll der Preis für die Mühen sein.


Als eines der wenigen Teams hat Los Angeles in diesem Sommer den Cap Space, um zwei Maximalverträge anzubieten. Sie können nicht nur LeBron an die Westküste holen, sondern noch einen weiteren Superstar seiner Wahl dazu. Beispielsweise Paul George, der ohnehin schon mit einem Fuß im Staples Center steht.

Allerdings birgt dies auch Gefahren, denn LeBron und George (oder einen anderen namhaften Free Agent) gibt es nur im Doppelpack, heißt: LeBron wird nicht zusagen, wenn George nicht zusagt. Das aktuelle Team der Lakers voller Jungspunde wäre selbst mit LeBron im harten Westen chancenlos.

Das Umfeld spricht aber weiterhin für L.A. Markt, Strand, Hollywood, Prestige – alles ist noch da und wartet nur darauf, wieder auf die Erfolgsspur geleitet zu werden. LeBron könnte der Spieler sein, der die seit Jahren strauchelnden Lakers nach fünf Spielzeiten ohne Playoffs und sechs Jahren ohne gewonnene Playoff-Serie zurück in die Relevanz führt, der den Ruhm früherer Tage wieder herstellt und somit eine neue Form der Heroik errichtet.


LeBrons Frau will angeblich unbedingt nach Los Angeles und er selbst hat Ambitionen in der Unterhaltungsbranche. Das bringt die Lakers in eine ausgezeichnete Position – wie in alten Zeiten.

Prognose: Der Favorit


Houston Rockets

Der Championship-Weg

Für LeBrons großes Ziel, die Warriors noch einmal zu schlagen und einen vierten Ring zu gewinnen, stehen die Chancen nirgends besser als in Houston. Angeführt von Chris Paul und James Harden haben die Rockets Golden State in Bedrängnis gebracht wie niemand zuvor, seit sich Kevin Durant 2016 den Kaliforniern anschloss.

James und Paul sind schon lange befreundet, CP3 ist der Taufpate von LeBrons ältestem Sohn. Entsprechend intensiv buhlt Houstons Point Guard um seinen Freund. Schon länger spielen sie mit dem Gedanken, sich im Herbst ihrer Karriere doch noch zum Team Banana Boat zusammen zu schließen. Mit Dwyane Wade ist ein dritter Bananenboot-Kumpan theoretisch verfügbar.


Gegen ein Trio um LeBron, Harden und Paul wären nicht einmal mehr die historisch starken Warriors favorisiert. Dazu muss aber vorab einiges passieren, denn Houston hat keinen Cap Space frei und dass James freiwillig auf zig Millionen verzichtet ist nicht zu erwarten. Der einfachste Weg wäre ein Opt-In plus Trade, das heißt James würde seien Vertragsoption fürs nächste Jahr ziehen und sich anschließend von Cleveland nach Houston traden lassen.

Dazu müssten die Rockets mutmaßlich mehrere zukünftige Draft Picks opfern und vor allem einen Abnehmer für Ryan Andersons üppigen Vertrag finden. Dass Cleveland diesen aufnimmt erscheint ausgeschlossen. Anders sieht es bei Eric Gordon aus. Den besten sechsten Mann der letzten Spielzeit würden die Texaner problemlos unterbringen. Es bedarf also einiger komplizierter Szenarien, um den Weg nach Houston frei zu machen. Sollte LeBron sich aber für die Roten entscheiden, wird GM Daryl Morey diesen Weg finden.


Umgekehrt bleibt für Houston aber weniger Zeit als für alle anderen: Sollte LeBron seine 35,6 Mio. $ schwere Option für die nächste Saison nicht ziehen, verringern sich die Chancen der Rockets dramatisch. Bis zum 29. Juni muss er diese Entscheidung treffen.

Prognose: Gut möglich


Philadelphia 76ers

Der Jugend-Weg

Die Sixers bzw. ihre Fans bemühten sich schon früh um LeBron, mieteten noch während der laufenden Saison große Werbetafeln in Cleveland, um ihrem Wunschspieler Philadelphia schmackhaft zu machen. Zur Draft-Nacht machte die Rekrutierungskampagne der Philly-Fans nicht einmal vor der Schwerkraft halt und schickte ein Flugzeug mit gut sichtbaren Bannern über das Barclays Center in Brooklyn, wo der Draft vonstatten ging.


Neben einer Menge Fan-Passion hat Philadelphia eine einzigartige Situation anzubieten, die LeBron so in seiner langen Karriere noch nicht erlebt hat: Als Mentor und Anführer eines Rudels hochbegabter junger Spieler, die er zu Champions formen soll.

Joel Embiid (24), Ben Simmons (21) und Markelle Fultz (20) stehen an der Spitze dieses äußert talentierten Teams, das der „Process“ hervorgebracht hat. Zumindest Embiid und Simmons bewegen sich jetzt schon in All-Star Territorien. In Dario Šarić, T.J. McConnell, Robert Covington oder Timothe Luwawu-Cabarrot steht außerdem weiteres Talent bereit, das gegebenenfalls auch für einen Trade verfügbar gemacht werden kann, um LeBron gestandene, hohe Qualität an die Seite zu stellen.

Doch bei aller Euphorie um diese junge, hungrige und begnadete Mannschaft stehen auch einige Fragezeichen: Denn ob auf die hochbegabten Youngster dauerhaft Verlass ist, wird sich erst noch zeigen. Embiid und Simmons verpassten ihr erstes Jahr verletzungsbedingt komplett, der No. 1 Pick 2017 Fultz gab wegen einer ominösen Schulterverletzung sein Debüt erst im Frühjahr.


Zudem herrscht im Club momentan Chaos, nachdem der President of Basketball Operations Bryan Colangelo wegen der Affäre um seine Burner-Accounts den Hut nehmen musste. Coach Brett Brown übernimmt dessen Aufgaben kommissarisch. Ein neuer Mann am Zepter lässt sich nicht aus dem Hut zaubern, ehe LeBron seine Entscheidung trifft.

In der Eastern Conference ist der Weg in die Finals weiter deutlich entspannter, das hat James eben erst bewiesen. Er hat seine ganze Karriere im Osten verbracht und ist damit gut gefahren.

Philadelphia bietet neben diesem Bonus im Gesamtpaket ein reizvolles Projekt, allerdings wie die Cavaliers nicht zwingend die Attribute, um die Warriors sofort zu schlagen und 2019 eine weitere Championship zu gewinnen. Stellt LeBron dieses Ziel nicht an allererste Stelle, dann steigen die Chancen der Sixers. Da er aber eben erst zum zweiten Mal in seiner Karriere in den Finals gesweept wurde, darf dies zumindest bezweifelt werden.

Fazit: Eher unwahrscheinlich


Die Außenseiter

Neben den genannten vier Favoriten positionieren sich eine Reihe von Außenseitern, die zwar allesamt Argumente haben um LeBron in ihren Reihen zu begrüßen, allerdings überhaupt schon froh sein müssen, ihm diese überhaupt vortragen zu dürfen.

  • Selbst LeBrons Endgegner der letzten vier Jahre, die Golden State Warriors, werden als mögliche Destination gehandelt. Dazu müssten diese aber ihr Erfolgsteam sprengen, denn die Warriors stecken jetzt schon tief in der Luxury Tax. Mutmaßlich mindestens Klay Thompson und Draymond Green müssten gehen, um Platz für LeBron zu schaffen. Zu einem solch radikalen Schritt sind die Dubs nach drei Championships in vier Jahren mutmaßlich nicht bereit.
  • Die LA Clippers haben wie die Lakers die Strahlkraft von Los Angeles auf ihrer Seite, allerdings nur bedingt sportliche Perspektive im Angebot und anders als Lila-Gold auch keinen Cap Space oder Trade Assets, um ein neues Team aufzubauen, das sofort um die Championship mitspielt.
  • Struktur, Qualität, Tradition, Umfeld: Die Boston Celtics haben einiges anzubieten, doch: Würde LeBron wirklich zu seinem größten Rivalen wechseln? Die Celtics, die ihm so lange und so oft das Leben schwer gemacht haben, galten sogar einige Zeit lang als sein unbezwingbarer Nemesis. Davon ab ist Kyrie Irving bei den Celtics, der erst letztes Jahr aus Cleveland floh – manche sagen vor LeBron. Würde Kyrie als Free Agent 2018 verlängern, wenn er erneut nur die zweite Geige hinter James spielen muss? Zu viele Fragezeichen, um Boston ernsthafte Chancen zuzurechnen.
  • Die Miami Heat hätten LeBron ebenfalls gerne zurück. In South Beach lässt es sich gewiss besser leben als im eher trostlosen Cleveland, außerdem weilt in Dwyane Wade der langjährige Weggefährte wieder vor Ort. Doch die sportliche Perspektive ist bei den Heat noch schlechter als bei den Cavs, eine Rückkehr daher unwahrscheinlich.
  • Coach Gregg Popovich ist das stärkste, aber auch einzige Argument auf Seiten der San Antonio Spurs. LeBron und Pop kennen und schätzen einander seit Jahren, James hat schon öfter mit dem Gedanken kokettiert, unter Popovich zu spielen. Weil die restlichen Spurs aber derzeit wenig mehr anzubieten haben als LeBrons Cavs und zunächst einmal das Drama um Kawhi Leonard klären müssen, stecken auch sie nur in der Außenseiterrolle.