23 Juni 2018

23. Juni, 2018


Unser NCAA-Experte Axel Babst lässt den Draft-Abend noch einmal Revue passieren, analysiert die Top-Picks, Steals und Fehlgriffe im Brooklyner Barclays Center.

von AXEL BABST @BabstMadness

Phoenix Suns
In einem Vakuum betrachtet ist den Suns gar nicht mal so viel vorzuwerfen. DeAndre Ayton, Mikal Bridges und Elie Okobo sind alle drei sehr interessante Talente. Ayton wird eine bessere Karriere hinlegen, als sein Ruf in Europa und abseits der Mainstream Medien suggerieren. Bridges ist ein solider Rollenspieler, der sofort produzieren sollte und mit Okobo haben sich die Suns den vielleicht zweitinteressanten Export aus Europa geangelt, den der Draft nach Luka Doncic zu liefern hat.


Doch genau Doncic ist das Stichwort. Jedes Team, das sich am Donnerstag die Gelegenheit auf Doncic entgehen ließ, wird letztlich in der Zukunft - nennt ausgedrückt - unglücklich dastehen. Den ersten Pick zu haben und nicht Doncic zu wählen, wird den Suns vermutlich in einigen Jahren vor die Nase gehalten werden.

Zudem ist der Trade für Bridges ein legitimer Kritikpunkt. Sechs Spots später mit Zhaire Smith einen mindestens ebenso soliden Rollenspieler mit einer der größten Upsides des Drafts zu ziehen, war eigentlich ein Glücksfall. Ihn zu gegen Bridges zu verschiffen und auch noch einen künftigen Erstrundenpick in den Trade zu stricken, machen den Deal für die Suns umso schlechter.

Sacramento Kings
Marvin Bagley III an zweiter Stelle zu ziehen ist ein schweres Stück. Das Kuriose dabei: Es ist sogar sehr wahrscheinlich, dass Bagley viel produzieren wird und den Statistikzettel mit Rebounds und entsprechend durch Putbacks, Lobs und ähnliches füllt.


Doch Bagley wird niemand, der ein Team auf ein gänzlich anderes Level hebt. Er verrichtet seine Aufgabe als Rebounder und Finisher, mehr nicht. Dafür ist er ein zu schlechter Verteidiger, dem Instinkte und Spielverständnis fehlen, um sich angemessen zu steigern, und als Offensivspieler in seinen Skills zu limitiert.

Doncic und auch Jaren Jackson Jr. werden die deutlich besseren NBA Karrieren haben und ihre Teams auf ein anderes Level hieven (bei Jackson wird das noch einige Jahre der Entwicklung verlangen).

Atlanta Hawks
Der Tausch von Doncic gegen Trae Young wird sich in einigen Jahren ebenfalls rächen. Einen künftigen Allstar gegen einen defensivschwachen, kleinen Aufbauspieler zu traden, bei dem nicht mal sicher ist, wie gut es um seine NBA Zukunft bestellt ist, klingt nicht sonderlich attraktiv.

Memphis Grizzlies
Insgesamt ist Memphis vielleicht der heimliche Gewinner des Drafts. Jaren Jackson Jr. an vier ziehen zu können, ist schon mal keine schlechte Ausgangslage. Im schlechtesten Fall haben sich die Grizzlies einen exzellenten Verteidiger in den kommenden Jahren gesichert. Im besten, und gar nicht so unrealistischen Fall entwickelt sich Jackson derartig weiter, dass er auch offensiv eine Mannschaft als zweite Option unterstützen kann. Mit Jevon Carter konnten die Grizzlies sich zudem den Kettenhunds (positiv konnotiert) des Drafts in der zweiten Runde sichern.

Dallas Mavericks
Über die Mavs wurde schon viel geschrieben, daher nur kurz: Doncic an fünfter Stelle durch einen eingefädelten Tausch zu ergattern, ist ein Glücksfall. Doncic wird ein Allstar in der NBA werden und ist wahrscheinlich der interessanteste NBA Neuling seit Anthony Davis. Jalen Brunson in der zweiten Runde ist ebenfalls eine gute Wahl und mit Rick Carlisle wird der unorthodoxe Aufbauspieler auch richtig eingebunden werden.


Orlando Magic
Die Wahl von Mo Bamba ist sicher sehr solide und ein ordentlicher Pick an dieser Stelle. Interessant ist vor allem, dass die Magic offensichtlich eine ganz klare Variable bevorzugen, von der auch Jay Bilas gar nicht genug bekommen kann: Wingspan. Die Spannweite ihrer drei Rookies ist jeweils exorbitant.

Abseits von Bambas 7'10'' bringen Justin Jackson (7'3'') und Melvin Frazier (fast 7'2'') überdimensionale Reichweiten gemessen an ihren jeweiligen Körpergrößen mit. Je nach Fraziers spielerischer Entwicklung und Jacksons Gesundheitszustand könnte beide zudem sehr ordentliche NBA Rollenspieler werden.

Chicago Bulls
An siebter Stelle ist Wendell Carter Jr. ein Steal. Carter bringt nicht so viel Glanz wie die vier Bigs vor ihm mit sich, wird jedoch mindestens die drittbeste Karriere haben. Carter ist ähnlich wie Al Horford ein ungemein wertvoller Spieler, weil er ein komplettes Paket mitbringt und den Teamerfolg entscheidend beeinflussen kann. Seine Spielweise wird sich bei guter individueller Entwicklung perfekt in die NBA einbauen lassen. Chandler Hutchison an 22 bietet zusätzliches Potenzial zum Rollenspieler.

Cleveland Cavaliers
Collin Sexton an acht zu wählen, war einer der schlechteren Moves des Draftabends. Es bestehen ernsthafte Zweifel daran, ob er mehr als ein Rollenspieler in der NBA werden kann. Athletik und Explosivität sowie Scoring Instinkte bringt der Guard ohne Zweifel mit. Zudem werden ihm ein guter Charakter und Arbeitseinstellung nachgesagt, was sich aus der Ferne nicht prüfen lässt. Doch Spielintelligenz und Übersicht fehlen dem Aufbauspieler noch komplett. Ob er die Kurve je kriegen wird, ist anzuzweifeln.

L.A. Clippers
Dahingegen konnten sich die Clippers mit Shai Gilgeous-Alexander den vermutlich besten Guard Prospect des Drafts an elfter Position angeln (Doncic zählt hierbei nicht als Guard). Es ist gar nicht unwahrscheinlich, dass der Kanadier eine bessere NBA Karriere als Young und Sexton haben wird.

Zwar kann er nicht das Shooting und die Zahlen des Erstgenannten oder die Explosivität und elektrisierende Energie die Zweitgenannten aufbringen. Dafür überzeugt Shai mit Länge, Spielgefühl, hohem koordinativen Niveau und einer stetig steigenden Kurve der spielerischen Entwicklung.

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Für Jerome Robinson an 13 schlägt den Clippers viel Gegenwind entgegen. Das ist insofern nachzuvollziehen, als zu diesem Zeitpunkt sicherlich noch interessantere Spieler zu haben gewesen wären (z.B. Zhaire Smith, Troy Brown Jr., Kevin Huerter), doch Robinson wird in gewisser Hinsicht viel zu schlecht dargestellt. Zwar ist seine Defense momentan nicht-existent und wird aufgrund seiner mangelnden Athletik auch nie überdurchschnittlich und für allerhöchste Aufgaben ausreichen.

Dennoch ist er kein absolut hoffnungsloser Fall und bietet gerade offensiv Fertigkeiten, die im Draft sonst rar gesät sind. Robinson ist ein eleganter Spieler mit guten Instinkten als Scorer und tödlicher Präzision aus indirekten Screens. Er muss halt entsprechend genutzt werden, um produzieren zu können.

Philadelphia 76ers
Zhaire Smith und einen künftigen Erstrundenpick zu erhalten, ist nach dem Doncic Deal aus Sixers Sicht der größte Gewinn des Draftabends. Zhaire hat riesiges Potenzial zum elitären Rollenspieler (mit Perspektive zur Entwicklung eines zweiten Victor Oladipos im absoluten Optimalfall) und wird im schlechtesten Fall immer noch ein guter Rollenspieler. Landry Shamet und Shake Milton abzugreifen, sind weitere intelligente Moves.

Portland Trail Blazers
Anfernee Simons und Gary Trent Jr. sind jeweils sehr unterschiedliche Spieler, bei denen aber jeweils überhaupt nicht garantiert ist, dass sie sich sonderlich lange in der NBA halten können. Trent kann eventuell ein solider NBA-Spieler werden, muss aber verglichen mit seiner Duke Karriere mehr aufbieten.

Boston Celtics
Robert Williams an 27 kann sich als einer der größten Steals des Jahrgangs herausstellen. Doch das Risiko ist nicht von der Hand zu weisen. Williams entwickelte sich bei den Aggies spielerisch kaum weiter und lässt durch seine Inkonstanz ernsthafte Fragen aufkommen, die sich nur bei direktem Kontakt und einer triftigen Einschätzung seines Charakters und seiner Persönlichkeit beantworten lassen. Auf der anderen Seite sahen zuletzt Spieler wie Marcus Smart, Terry Rozier und Jaylen Brown wie Basketballer aus. Stevens und die Celtics können also Spieler entwickeln und gut aussehen lassen. Bei Texas A&M war Williams auch in der gänzlich falschen Rolle und keine seine Talente nicht entsprechend ausleben.

Steals (Ende 1. Runde & 2. Runde)
28, Warriors, Jacob Evans: Nach Jordan Bell greifen die Warriors zum zweiten Mal in Folge den vielleicht größten Steal des Jahrgangs ab, wenn man Doncic, Shai und Zhaire mal außen vor lässt. Evans ist genau der Spielertyp, der den Warriors zuletzt fehlte und passt entsprechend perfekt zum Champ. Evans wird sich defensiv kaum hinter wesentlich hinter Andre Iguodala oder Klay Thompson verstecken müssen. Individuell und als Teamverteidiger hervorragend, bietet Evans das kompletteste und am ehesten zu übertragende Defensivpaket des Drafts. Gleichzeitig kann er offensiv den Dreier treffen, kluge Entscheidungen ausbaldowern und mal als Ballhandler fungieren.


41, Nuggets, Jarred Vanderbilt: Als Spieler der Kentucky Wildcats ist es immer schwer herauszuragen. Bei Vanderbilt war es besonders schwer, weil er lange verletzt war und nicht sonderlich gut ins Teamgefüge passt. Vanderbilt ist der prototypische Small Ball Big, der dank seiner Athletik und Länge alle fünf Positionen verteidigen könnte und offensiv ein guter Finisher ist. Vom Spielertyp her ließe sich Vanderbilt als der diesjährige Jordan Bell deklarieren. Vanderbilt ist jünger und schlaksiger, dafür aber länger. Vanderbilt braucht vielleicht noch ein paar Jahre, um sich physisch zu entwickeln. Mittel- bis langfristig kann er sich vermutlich in der NBA festsetzen.

46, Rockets, De'Anthony Melton: Seiner Sophomore Saison bei den Trojans beraubt, ist Melton ein Spieler, der viele Dinge auf dem Feld richtig macht. Als Rotationsspieler von der Bank kann Melton den Spielaufbau übernehmen, gute Entscheidungen treffen und vor allem als Verteidiger Plays einstreuen, die seinem Team Punkte retten. Der Wurf war das Fragezeichen, allerdings entsprechen Form und Touch nicht denen eines hoffnungslosen Falls.

48, Timberwolves, Keita Bates-Diop: Ähnlich wie Melton besitzt KBD Erstrundentalent. Als Stretch Vierer mit langen Armen kann er offensiv eine klare Rolle ausfüllen und besitzt für die Defense immerhin entsprechende Werkzeuge. Zwar sind Konstanz beim Wurf sowie Physis in der Verteidigung noch mögliche Schwachpunkte, das Potenzial zum Rollenspieler hat Bates-Diop aber auf jeden Fall.

50, Pacers, Alize Johnson: Playmaking Power Forward, der am College ein exzellenter Rebounder war und nach Defensivrebounds selbst den Ball pushen konnte. Seine langen Arme und seine Physis werden in der NBA hilfreich sein für Defense und Rebounding. Offensiv kann er den Dreier treffen und Closeouts attackieren.

52, Rockets, Vincent Edwards: Bei Purdue als Vierer eingesetzt, fehlt Edwards dafür vielleicht in der NBA etwas die Größe, um gegen konventionelle Power Forwards zu arbeiten. Dennoch passt er als 3-and-D-Kandidat ins Beuteschema der Rockets. Sein Dreier ist sehr konstant. Wenn er sich defensiv in der NBA behauptet, wird er ein guter Spieler für den neunten oder zehnten Spot einer Rotation.

54, 76ers, Shake Milton: Athletisch sicher limitiert, verfügt Milton über Dreier, Spielgefühl und Länge für die NBA.

56, Mavs, Ray Spalding: Wer kühn ist, könnte behaupten, dass Spaldings Aussichten auf eine NBA Karriere auch nicht weniger gering sind, als die von Rob Williams. Williams ist kräftiger, explosiver und jünger als Spalding, weshalb Williams auf jeden Fall mehr Potenzial besitzt. Dennoch kann Spalding bei guter individueller Betreuung und deutlichem Muskelaufbau als switchfähiger Big mit ein wenig Touch in der Offense den Sprung in die NBA schaffen.

57, OKC, Kevin Hervey: Ähnlich wie Alize Johnson kommt Kervin Hervey als Führungsspieler eines Mid-Major-Teams in die NBA. Er hat die Länge (7'3.5'' Wingspan) und das Wurfpotenial sowie das Ballhandling zum Stretch/Playmaking Vierer, auch wenn der Jumper noch inkonstant ist (33,9 Prozent Dreier) ist.

Undrafted
Kenrich Williams: Sein Alter und seine mangelnde Athletik werden Teams abgeschreckt haben, doch als Allrounder, Rebounder und ordentlicher Schütze wird Williams seinen Weg gehen.


Trevon Duval: Kam im letzten Herbst als höchstgerankter Freshman Point Guard in die NCAA und wurde nun knapp neun Monate später nicht mal gedraftet. Spielgefühl und Physis/Athletik bringt Duval mit. Der Wurf (29 Prozent) wird entscheidend sein. Wenn es sehr kurios läuft, legt Duval vielleicht die bessere Karriere als Collin Sexton hin.

Gary Clark: Stretch Vierer mit exzellenter Defense und gutem Rebounding. Wird sich ähnlich wie Williams seinen Spot in der NBA erarbeiten. Vielleicht der Senior des Drafts, der sich spielerisch von Freshman zu Senior Saison am meisten steigern konnte.

Angel Delgado: Einer der besten fünf Rebounder des Jahrgangs, der defensiv den Ring beschützt und offensiv als Finisher ordentlich abliefert.

Kendrick Nunn: Hochtalentierter Scorer und Shotmaker, der gerade bei letzterem NBA Potenzial besitzt. Der Dreier sollte der Türöffner für den Linkshänder sein. Nunn traf viereinhalb seiner mehr als elf(!) Dreierversuche pro Spiel (39,4 Prozent). Wurfauswahl sowie Defense und Mentalität sind Fragezeichen.