30 Juni 2018

30. Juni, 2018


Während in Oakland die Champagnerkorken knallen, haben alle anderen Franchises die Saison 17/18 längst abgehakt haben und blicken optimistisch/pessimistisch in die Zukunft. Wir röntgen in unserem gewohnten 30er Split alle Teams, analysieren ihre Situation und prognostizieren den bevorstehenden Sommer. Heute: die Atlanta Hawks.

von ANNO HAAK @kemperboyd

Saison 2017/18
Man darf, ohne alarmistisch eine „Prozess“-Franchise mit den Maßstäben der Warriors zu messen, von einem verlorenen bis chaotischen Jahr sprechen. Dass die längste Serie von Playoffteilnahmen östlich der Sporen zu Ende ging, war geplant.

Für die trostlos planlose Spielweise und das Dauerstühlegerücke in den Büros des Front Office gilt das nicht. Die merkwürdige Mehrschritt-Demontage von 60-Siege-Team-Architekten Mike Budenholzer begann bereits im Mai 2017. „Bud“ legte das Amt als „Präsident“ nieder, blieb aber Chefcoach. Eine Entmachtung auf Raten, die nur in der Trennung enden konnte.

Der neue GM Travis Schlenk ist so eine Art Erik Spoelstra unter den Trägern der ganz teuren Anzüge. Er ackerte sich bei den Warriors vom Videoanalysten zum Topassistenten von Bob Myers hoch und beendete zu Saisonbeginn erst mal flugs das Superman-Missverständnis. Der Preis dafür war mit einem Downtrade(!) im Draft und dem Vertrag von Miles Plumlee allerdings unerbaulich hoch.

Sportlich gelang, was angestrebt war. Die schlechteste Bilanz im Osten, was angesichts von Nulpendichte 1,0 im Osten hinter den Top-4 schon ein Kunststück war. Die 24 Siege reichten in der Lotterie schließlich für Pick Nr. 3. Mit diesen vier Absätzen sind über das bisweilen abartig anzuguckende Rumgetanke auch schon mehr Worte verloren als verdient.


Offseason Agenda
Die größte Hausaufgabe hat Grandmaster Schlenk bereits erledigt. Die Nachfolgesuche für den nach Milwaukee entschwundenen Budenholzer wurde frühzeitig abgeschlossen. Der neue Mann, Lloyd Pierce, hat weder einen großen Namen noch Head Coaching Erfahrung, dafür das, wonach fast alle Rebuilding Teams Ausschau halten: eine persönliche Historie im „Player Development“, u. a. auch als Teil des Brett Brown-Stabes bei den Prozess-Sixers. Die kurze gemeinsame Zeit von Schlenk und Pierce in Oakland vor fast zehn Jahren dürfte hingegen nicht ausschlaggebend gewesen sein. Auf Mini-Warriors in Georgia muss niemand hoffen.


Das größte Fragezeichen schlechthin in ATL stammt aber aus Braunschweig und hört auf den in Deutschland aus den unterschiedlichsten Gründen nicht selten Puls auslösenden Namen Schröder. Dennis Schröder. In seiner patentiert ungeplant wirkenden Art philosophiert der Point Guard nun seit Wochen über seine Karriereplanung (gewinnen in der Prime) und heizt damit Gerüchte über einen Trade an.

Die allerdings bislang in keiner Weise konkret wurden. Wohl auch deshalb, weil Schröders Entwicklung stagniert, der nicht immer blütenreine Lebenswandel kaum wohl gelitten sein dürfte, vor allem aber an Point Guards, insbesondere bei Teams mit Playoffambitionen nun wirklich wenig Mangel besteht.

Nun mag den Hawks die Zielmarke eines Schröder-Wechsels vollkommen egal sein, solange der Gegenwert stimmt. Die Frage, ob der immer noch nicht einmal ganz 25-Jährige Teil der Zukunftsplanung in A-Town werden/bleiben soll, wird diesen Sommer aber wohl geklärt werden müssen.

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Der Rest der Agenda besteht aus zwei Worten: Geld und sparen. Neu aufzubauen ist nicht verwerflich, auf dem Weg dahin zu verlieren auch nicht. Nur Geld dabei ausgeben, das man in die Absorption sinnloser Auslaufdeals mit Picks als Aufpreis stecken könnte, ist eher medium. So lagen die Hawks mit dem schlechtesten Team im Osten dieses Jahr sogar (knapp) über dem Cap.

Ziel eins muss es sein, den Plumlee-Deal irgendjemandem aufzuhalsen, der mit der Nase zu nah am Klebstoff auf seinem Schreibtisch gewesen ist. Ziel zwei: den Sündenfall Bazemore (37 garantierte Mio. $ in den nächsten zwei Jahren, Du lieber Himmel!) loszuwerden. Durchschnittsgräber wie Dewayne Dedmon und Mike Muscala fressen zwar nicht viel vom Cap, sind im totalen Neubau allerdings auch mehr als entbehrlich.


Personal
Die Fixpunkt-Frage ist zu klären. Wer soll der Mittelpunkt der Falken-Welt werden? Soll/kann Schröder den Schritt zum (Co-)Franchise-Spieler noch machen? Soll man unter den Jungen (einschließlich der gerade Gedrafteten) eine Art Pferderennen um die Rolle als Anführer veranstalten? Geht man sogar auf irgendeinen Free Agent los (Spoiler: das wäre weder erfolgsversprechend noch eine gute Idee)?

Im Übrigen sind die großen Personalfragen geklärt (s. oben zum Coach und unten zum Draft). Wann immer die Gelegenheit kommt, weitere Picks für die Aufnahme kurzfristig auslaufender Deals zu akquirieren, sollte man das tun (Cap Space wäre in bescheidenem Umfang vorhanden). Namen sind dabei Schall und Rauch. Die Draftees müssen entwickelt werden. Gewonnen wird selbst im Osten mit dieser Mannschaft auf absehbare Zeit nicht.


Draft
Drei Erstrundenpicks waren vorhanden. Die steckte Schlenk in Omari Spellman (#30), Kevin Huerter (#19) und… Trae Young (#5). Letzteren erwarb man im Tausch für den zuvor im Auftrag der Dallas Mavericks gewählten Luka D.

Nun wiederholt sich Geschichte ja bekanntlich nicht. Aber ein gewisses Zucken, ähnlich dem beim Anlassen eines Traktormotors (verstehen Sie?!?), durchfährt einen schon, wenn man von einem Draft-Day Tausch mit den Dallas Mavs hört, bei dem die Cuban-Franchise einen weißen Europäer mit Potenzial, aber mutmaßlich notwendiger Entwicklungszeit abgreift.


Die Lifestyleblogs wollten in den drei ausgewählten Spielern eher eine „Mini-Warriors“-Strategie erkennen. Spannweite, Range und Polyvalenz bei allen dreien… nunja. Das dürfte eher der Warriors Vergangenheit von Schlenk als der Vergleichbarkeit der Gepickten mit Klay Thompson, Draymond Green und Steph Curry geschuldet sein. Einen Franchise Spieler haben die Hawks 2018 mutmaßlich eher nicht gefunden.


Zukunft
… ist immer ungewiss. Bei den Hawks aber gilt das mehr als zum Beispiel bei den Celtics oder den Warriors. Die drei Gedrafteten plus Taurean Prince und John Collins bilden Gründe für Menschen in Atlanta, aus Neugier in die Halle zu kommen.

Wie viel Langfristwert sie sportlich haben, steht dahin. Schlenk wird hier (überproportional) viel zugetraut, weil der Untertitel seiner Autobiographie „Der Mann, der Draymond Green entdeckte“ lauten wird. Die Auswahl von Golden States Super Villain an Stelle 35 wird Schlenk jedenfalls gern und häufig zugeschrieben.

Weitere Zukunftshypotheken sind die schwer verschiffbaren Deals von Bazemore, Plumlee (beide bis 2020) und ggf. auch Schröder (moderat im Gehalt, aber noch drei Jahre und immerhin über 46 Mio. $ garantiert).


Die größere Egalisierung der Chancen in der Lotterie hilft Teams im Neuaufbau auch nicht wirklich. Immerhin kommen vier Zweitrundenpicks in den nächsten fünf Jahren sowie der nur mild geschützte Erstrundenpick aus Dallas für den Young-Deal ein.

Dennoch: gerade wenn man bedenkt, dass die Halle in Atlanta selbst zu schönsten 4-All-Star-Zeiten eine der schlechter ausgelasteten der Liga war, droht auf unabsehbare Zeit im Gesamtbild Trostlosigkeit im Quadrat.