25 Juni 2018

25. Juni, 2018


Während in Oakland die Champagnerkorken knallen, haben alle anderen Franchises die Saison 17/18 längst abgehakt haben und blicken optimistisch/pessimistisch in die Zukunft. Wir röntgen in unserem gewohnten 30er Split alle Teams, analysieren ihre Situation und prognostizieren den bevorstehenden Sommer. Heute: die Charlotte Hornets.

von DANIEL SCHLECHTRIEM @W14Pick

Saison 2017/18
Nach einem schwachen und enttäuschenden Vorjahr hatten die Hornissen die Playoffs als Ziel ausgerufen und dafür in Dwight Howard zumindest namhafte Verstärkung akquiriert. Weil es sich aber um die 2018er Version Howards handelt und nicht um die aus den Zeiten bei den Orlando Magic schaffte auch der einstige „Superman“ nicht die Trendwende.

Am 1. November stand Charlotte kurz im Soll, bei 5-3 Siegen. Es folge jedoch eine sechs Spiele andauernde Pleitenserie, die das frühe Ende der Postseason-Träume in Carolina einläutete. Die Mannschaft von Coach Steve Clifford erreichte bis Saisonende nicht einmal mehr eine ausgeglichene Bilanz. Mit dem Endresultat von 36-46 Siegen – identisch mit dem des Vorjahres – verfehlte sie ihr Ziel letztlich deutlich.

Zu deutlich: Königshornisse Michael Jordan verlor noch während der laufenden Saison die Geduld und verkündete, dass der Vertrag des glücklosen GM Rich Cho nicht verlängert werden würde. Trainer Clifford durfte die Spielzeit zwar beenden, wurde anschließend aber ebenfalls zeitnah gefeuert.


Seit dem Namenswechsel von Bobcats zurück zu Hornets vor der Saison 2014/15 hat Charlotte nun in drei von vier Jahren die Postseason verpasst, lediglich 2015/16 eine gute Runde gespielt. Zu wenig für die Ambitionen Michael Jordans, erst recht da ihn dieses nicht einmal durchschnittliche Team teuer zu stehen kommt.


Offseason Agenda
Rich Cho wurde durch Mitch Kupchak ersetzt, der 31 Jahre Erfahrung in leitender Funktion bei den Los Angeles Lakers nach North Carolina mitbringt. Und es bedarf einer Führungskraft dieses Kalibers, um den Scherbenhaufen seines Vorgängers aufzufegen.

117 Mio. $ schwer ist die Payroll für die ablaufende Spielzeit, nur unwesentlich leichter in der bevorstehenden. Cho hat sich mit den Verträgen von Nicolas Batum (noch 77 Mio. $ bis 2021 inklusive Player Option), Marvin Williams (noch 42 Mio. $ bis 2020 inklusive Player Option) und Michael Kidd-Gilchrist (noch 39 Mio. $ bis 2020 inklusive Player Option) völlig verspekuliert. Kupchak wird Monate, wenn nicht Jahre brauchen, um dieses Fiasko zu bereinigen.

Einen ersten Schritt aus dem Sumpf hat das neue Management bereits unternommen, Dwight Howard und dessen knapp 24 Mio. $ schweren bis 2019 gültigen Vertrag an die Brooklyn Nets weiter veräußert.

Die Hornets nehmen dafür Timofey Mozgovs nicht minder absurden Kontrakt in Höhe von knapp 33 Mio. $ bis 2020 auf, senken damit aber die jährliche Rate – und haben als Bonus Howard los, der wie schon in Houston und Atlanta zuvor den restlichen Locker Room ziemlich entnervt haben soll. Mozgovs zusätzliches Jahr auf der Gehaltsliste lassen sie sich mit zwei 2nd Round Picks entlohnen.


Zu Steve Cliffords Nachfolger ernannten die Hornets James Borrego aus dem Trainerteam Gregg Popovichs von den San Antonio Spurs. Borrego hat 15 Jahre als Assistent in der NBA gearbeitet und mit den Spurs zwei Championships gewonnen. Bei den Hornets versucht er sich erstmals als Cheftrainer. Weil kaum Geld für Neuzugänge vorhanden ist, wird sich Borrego vornehmlich über die Spielerentwicklung profilieren müssen.


Personal
Michael Carter-Williams ist der einzige nennenswerte Free Agent der Hornets in diesem Sommer. Der einstige Rookie of the Year (2014) unterschrieb letztes Jahr einen Einjahresdeal bei den Hornissen, betrieb dann mit 4,6 Punkten und 2,2 Assists im Schnitt bei einem Net Rating von -3,2 (Teamdurchschnitt: 0,0) in 52 Partien nicht unbedingt Eigenwerbung. Weiterbeschäftigung zweifelhaft.

Für den Club ist der Sommer 2019 ohnehin viel wichtiger, geradezu wegweisend, denn dann wird Franchise Player Kemba Walker Unrestricted Free Agent. Aufgrund dieses Umstandes verdichteten sich bereits im Winter die Gerüchte um einen möglichen Trade, die bis heute nicht final verstummt sind.


Offiziell wollen die Hornets Kemba selbstverständlich halten, doch hinter den Kulissen wächst die Sorge. Früher oder später, vielleicht schon diesen Sommer, könnten sie sich zu einem Trade genötigt sehen, sollte Kembas Abgang im nächsten Sommer drohen. Ohne den Point Guard, einem der besseren seiner Zunft, steht Charlotte ein weiterer, schmerzhafter Rebuild bevor.


Draft
Ex-GM Rich Cho agierte auch beim Draft glücklos: Frank Kaminsky (9. Pick 2015), Noah Vonleh (9. Pick 2014), Cody Zeller (4. Pick 2013), Michael Kidd-Gilchrist (2. Pick 2012) und Bismack Biyombo (7. Pick 2011) haben allesamt keine Bäume ausgerissen, gleiches gilt für Malik Monk (11. Pick 2017), dem aber zumindest noch etwas Entwicklungszeitraum zugestanden werden muss.

Mitch Kupchak soll es besser machen, seine erste Picks als Verantwortlicher bei den Hornets sind: Mit dem 12. Pick Miles Bridges, ein 20 Jahre alter athletischer Forward mit ordentlichem Wurf, den die Hornets vor allem am offensiven Ende brauchen werden. Und mit dem 34. Pick via Trade Devonte' Graham, ein Aufbauspieler, der gebürtig aus North Carolina stammt und vier Jahre lang in der renommierten Universität of Kansas ausgebildet wurde.



Zukunft
Michael Jordans Tabula Rasa auf Führungsebene war dringend erforderlich, Kupchak und Borrego bringen frischen Wind in eines der ödesten und perspektivlosesten Häuser der NBA.

MJ will zwingend in die Playoffs, was in einem kleinen Markt wie Charlotte langfristig überlebensnotwendig wird. Nur drei Teams lockten 2017/18 weniger Zuschauer in die Hallen. Das heimische Spectrum Center war nur mit 85,8% ausgelastet, auch hier gehören die Hornets zu den Schlusslichtern der Liga.


Einzig sportlicher Erfolg sorgt hier für Abhilfe, über den entscheidet kurzfristig einzig und allein Kemba Walker. Sollte dieser den Verantwortlichen zu verstehen geben, dass er trotz des Managementwechsels nicht bei den Hornets zu verlängern gedenkt, ist Reaktionsschnelle gefragt. Mit jedem Tag, an dem der 1. Juli 2019 näher rückt, verliert Kemba ein Stückchen Trade-Wert.

Doch selbst mit Walker und dem überbezahlten Rest wird ein Platz unter den ersten Acht schwierig zu erreichen. Von keinem der Playoff-Teams des Osten ist im nächsten Jahr ein Leistungseinbruch zu erwarten. Unter Umständen vielleicht von den Cleveland Cavaliers im Falle eines Abgangs LeBron James'. Doch selbst dann wird den Hornets ein Sprung in die Top-8 nicht garantiert, unter anderem die Detroit Pistons lauern ebenfalls auf ihre Chance und haben Stand heute den besseren Kader.