04 Juni 2018

4. Juni, 2018


Während die Golden State Warriors und Cleveland Cavaliers den NBA-Titel unter sich ausmachen, haben alle anderen Franchises die Saison 17/18 längst abgehakt haben und blicken optimistisch/pessimistisch in die Zukunft. Wir röntgen in unserem gewohnten 30er Split alle Teams, analysieren ihre Situation und prognostizieren den bevorstehenden Sommer. Heute: die Houston Rockets.

von DANIEL SCHLECHTRIEM @W14Pick

Saison 2017/18
„Was wäre wenn... ?“ – diese Frage belastete die Rockets schon in der Zeit von Yao Ming und Tracy McGrady. Und auch dieses Jahr bleibt derselbe extrem bittere Nachgeschmack. Houston führte 3-2 in den Conference Finals gegen den nun designierten Champion Golden State Warriors, musste in den letzten beiden Partien aber auf Chris Paul verzichten, den wichtigsten Spieler in Rot dieser Serie.

Ohne Chris Paul gingen die beiden letzten Partien gegen die Warriors verloren. Zurück bleibt die Frage, was geschehen wäre, wenn sich CP3 nicht kurz vor Ende des fünften Spiels verletzt hätte. Was geschehen wäre, hätten die Rockets in Spiel sieben wenigstens einigermaßen durchschnittlich den Dreier getroffen – und nicht 27 Versuche von Downtown in Folge daneben gesetzt.

Dass vor allem James Harden und Chris Paul die Skeptiker schnell ruhig stellten, die vor der Saison die Funktionalität ihrer Koexistenz infrage gestellt haben. Dass Houston zeitweise eine Top 5 Offense und Defense stellte. Dass sie im Laufe der regulären Saison vier Mal zehn Spiele oder mehr gewannen. Dass Harden mit 30,4 Punkten pro Spiel Scoring Champion wurde und in ein paar Wochen mutmaßlich erstmals zum MVP gekrönt – alles spricht für eine eigentlich äußerst gelungene Saison. Und wird doch vom Aus gegen Golden State überschattet.


Selbst die 65 Siege der Regular Season (Franchise-Rekord), Platz eins im Westen vor den Warriors sowie die problemlosen Siege in den Playoffs über die Minnesota Timberwolves und Utah Jazz (je 4-1) werden noch eine ganze Weile belanglos erscheinen angesichts dieser vergebenen, womöglich sogar einmaligen historischen Chance.


Offseason Agenda
Rockets GM Daryl Morey steht wieder mal vor einer Menge Arbeit – hat aber wie jedes Jahr einen Masterplan in der Schublade und dieser beinhaltet keinen geringeren als LeBron James. Sollte der beste Basketballer seiner Zeit wie erwartet den Cleveland Cavaliers ein zweites Mal den Rücken zukehren, erscheinen die Rockets als eine der logischen Destinationen, denn bessere Chancen die Warriors zu schlagen findet er nirgendwo vor.

LeBron als Free Agent nach Houston zu holen wäre schwierig bis unmöglich, Houston müsste den halben Kader aussortieren. Aussichtsreicher ist der Weg, mit dem die Rockets vergangenes Jahr Chris Paul nach Houston lotsten: Opt-In + Trade. LeBron würde in sein finales Vertragsjahr (35,6 Mio. $) optieren und sich dann zu den Rockets traden lassen.


Ganz reibungsfrei funktioniert auch dieses Szenario nicht. Wichtigster Eckpfeiler eines solchen Deals ist der zwar nicht nutzlose, aber maßlos überbezahlte Ryan Anderson (42 Mio. $ bis 2019), für den es einen Abnehmer zu finden gilt. Als Beilage würden mehrere Draft Picks fällig, außerdem ein weiterer Schlüsselspieler wie Eric Gordon oder P.J. Tucker.

Sollte sich dieses Traumszenario nicht realisieren lassen, ist Paul George von den Oklahoma City Thunder die erste Alternative. Dieser träumt zwar von seiner Heimatstadt Los Angeles, findet aber in Houston deutlich bessere sportliche Perspektiven vor. Das Opt-In + Trade Szenario funktioniert auch hier, George müsste aber auf Bezüge verzichten, denn die 20,7 Mio. $ seiner Player Option entsprechen bei weitem nicht seinem realen Marktwert. Ein Wechsel zu den Lakers erscheint derzeit realistischer.


Personal
Chris Paul, Clint Capela, Trevor Ariza, Luc Mbah a Moute, Gerald Green, Joe Johnson und Tarik Black werden allesamt Free Agents.

Morey verkündete bereits, dass Houston auf jeden Fall Chris Paul halten wird. Der Point Guard hat auch keinen Grund, nach nur einem Jahr schon wieder zu wechseln. Im Trikot der Rockets schaffte er es auf Anhieb erstmals in die Conference Finals.


Etwas komplizierter gestaltet sich die Situation um Clint Capela, denn der Center und Anwärter auf den Most Improved Player Award wird zum 1.7. Restricted Free Agent. Nach vier Jahren in einem überschaubaren Rookie-Deal steht für Capela (2017/18: 13,9 Punkte, 10,8 Rebounds und 1,9 Blocks im Schnitt) der große Zahltag an. Houstons neuer Teambesitzer Tilman Fertitta muss tief in die Tasche greifen, um den Schweizer in Texas zu halten. Die Phoenix Suns sind offenbar bereit, Capela einen Maximalvertrag vorzulegen.


Angesichts dessen und den großen Zielen um LeBron James und Paul George bleibt nicht mehr viel Geld übrig. Lokalmatador Gerald Green, der um Neujahr kurz davor stand, seine Karriere zu beenden, würde wahrscheinlich sogar umsonst für seine große Liebe spielen.

Anders Ariza und Mbah a Moute, für die es an Angeboten nicht mangeln wird. Ariza wird mit seinen 33 Jahren sicherlich sportliche Perspektive über den einen oder anderen grünen Schein mehr stellen, dennoch muss Fertitta auch für den Veteranen Geld frei schaufeln.

Um die restlichen Kaderplätze zu füllen werden die Rockets ihre Attraktivität gegenüber Veteranen auf Ringjagd nutzen, die bereit sind für das Minimum zu unterschreiben. Etwas mehr Einsatzchancen ausrechnen darf sich der chinesische Hüne Zhou Qi. Dem deutschen Nationalspieler Isaiah Hartenstein hingegen droht ein weiteres Jahr bei den Rio Grande Valley Vipers.


Draft
Die Rockets haben ihren 2018 Erstrunden-Pick abgegeben um Chris Paul zu holen, auch der Zweitrunden-Pick wurde im Zuge dieses Deals verscherbelt. So bleibt nur der Pick der Miami Heat, der 46. insgesamt, den die Rockets vergangenes Jahr erstanden.

Weil allerdings kaum mit Cap Space oder freien Rosterplätzen zu rechnen ist, wird Morey vermutlich entweder einen internationalen Spieler draften und diesen (noch) nicht in die NBA holen, oder aber den Pick wieder verkaufen. So oder so spielen die Rockets beim diesjährigen Draft wie schon im Vorjahr höchstens eine Statistenrolle.

Auch bei den internationalen Spielern, deren Rechte die Rockets bereits halten, ist wenig Bewegung zu erwarten. Für Real Madrids Sergio Llull ist weder Geld, noch Einsatzminuten respektive überhaupt dessen Bereitschaft, in die NBA zu wechseln, vorhanden. Der italienische Flügelspieler Alessandro Gentile ist derzeit kein Thema und wird es angesichts der Talentdichte womöglich auch nicht mehr werden.


Zukunft
Die Rockets waren „besessen“ (O-Ton Morey) davon, die Warriors zu schlagen. Diese Besessenheit wird sich über den Sommer nicht kurieren, im Gegenteil. Houstons Championship-Fenster ist jetzt offen, entsprechend sind die Verantwortlichen bereit, die Zukunft in Form von Draft Picks zu opfern, um die Chancen in der Gegenwart zu erhöhen.


Das große Ziel, allen voran von Paul und Harden, kann nur die Larry O'Brien Trophy sein. Die Rockets werden mit dem funktionierenden Gespann um Morey und Coach Mike D'Antoni alles daran setzen, auch in die neue Spielzeit als erster Herausforderer auf Golden State zu gehen – und dann auf den letzten Metern nicht Halt zu machen.