22 Juni 2018

22. Juni, 2018


Während in Oakland die Champagnerkorken knallen, haben alle anderen Franchises die Saison 17/18 längst abgehakt haben und blicken optimistisch/pessimistisch in die Zukunft. Wir röntgen in unserem gewohnten 30er Split alle Teams, analysieren ihre Situation und prognostizieren den bevorstehenden Sommer. Heute: die Memphis Grizzlies.

von CHRISTOPH LENZ @NBAKenner

Saison 2017/18
Dass diese Saison ein Jahr zum Vergessen werden würde, ahnte Anfang November keiner. Damals waren die Grizzlybären, die vor Saisonstart noch im Playoff-Dunstkreis erwartet wurden, überraschend gut in die Spielzeit gestartet und auf Augenhöhe mit den Teams, die später tatsächlich die Postseason erreichen sollten.

Nach sieben Siegen in den ersten elf Partien war es die Achillessehne von Mike Conley, deren Verletzung der Anfang vom Ende aller Träume in Tennessee war. Von den restlichen 71 Spielen endeten nur 15 mit einem Grizzlies-Sieg, dadurch reichte es letztlich weder dafür, im Playoff-Dunstkreis zu sein, noch für einen Top-3 Draft Pick.

Ansonsten war die Saison geprägt von inneren Unruhen, die letztlich im öffentlichen Streit zwischen dem ohne Conley alleingelassenen Franchise-Spieler Marc Gasol mit Coach David Fizdale sowie dessen Entlassung mündeten.


Offseason Agenda
Der sonst eher öffentlichkeitsscheue und sich im Verborgenen haltende Mehrheitseigentümer Robert Pera überraschte kürzlich mit einer ungewohnten Ansage, die die Richtung der Offseason klar vorgeben dürfte: Er sieht hier das Potential eines Teams, das mehr als 50 Spiele gewinnen kann.


Diese Vorgabe steht in deutlichem Kontrast zur allgemeinen Sicht auf die Situation der Grizzlies. Das sture Festhalten an der alten Riege und das damit verbundene Aufschieben des dringend erforderlichen Rebuilds und Umbruchs findet bei Liga-Beobachtern wenig Anklang. Nichtsdestotrotz sind die Aussagen von Pera so klar, dass der Auftrag für General Manager Chris Wallace lautet, den Fokus klar auf die nächsten ein bis zwei Jahre zu legen und weniger auf die nächsten fünf bis acht.

Wie das im Detail zu schaffen sein soll erläuterte Pera nicht, aber die beiden Urgesteine und Säulen Conley und Gasol sind damit trotz immer wiederkehrender Trade-Gerüchten in den letzten Monaten so fest eingeplant wie es nur geht.

Der kurzfristige Erfolg hängt letztlich zentral von der Fitness und Form der beiden Alpha-Bären sowie der Entwicklung der Youngster ab. Wie das Front Office um diese Eckpfeiler agiert, wird im Zweifel das Zünglein an der Waage in die eine oder andere Richtung sein.


Personal
Das Off-Court Personal verändert sich nicht im Vergleich zu den letzten Monaten. J.B. Bickerstaff, der bisher in zugegebenermaßen sehr schwierigen Situationen in Houston und Memphis als Interims-Coach wenig handfestes geleistet hat, scheinen die Entscheidungsträger dennoch einiges zuzutrauen.

Auf dem Parkett bleibt der große Umbruch offensichtlich erneut aus und es wird ein Team rund um die beiden bekannten Alt-Stars geformt werden. Die Schlüsselpersonalie dabei ist wohl Tyreke Evans, der an der Trade Deadline völlig überraschend nicht abgegeben wurde. Aufgrund einer kniffligen Vertragssituation kann er nur mit (nicht vorhandenem) Cap Space gehalten werden, was die Chancen der Grizzlies zumindest nicht steigert.

Die Mid-Level-Exception von etwas mehr als acht Mio. $ könnte eventuell ausreichen, um ihn zu binden, aber andere Interessenten auf dem Markt sowie die Erinnerung an die Ungewissheit inklusive „Schonung“ kurz vor der Trade-Deadline dürfte Evans die Entscheidung für ein anderes Team gegebenenfalls erleichtern.


Darüber hinaus sind die Grizzlies auf Exceptions und Minmalverträge sowie potentiell kluge Trades und Two-Way Verträge angewiesen. Vielleicht gelingt es ihnen wie im Vorjahr in Dillon Brooks oder davor bei JaMychal Green unterschätzte Talente zu fördern und damit zumindest ein wenig den Umbruch in eine neue Ära zu betreiben.


Draft
Memphis war eines der aktiveren Teams auf dem Trade-Markt, vor dem Draft hatte es GM Wallace vor allem auf einen Salary Dump für den üppigen Vertrag des dauerveletzten Chandler Parsons abgesehen.

Letztlich behielten sie aber ihren vierten Pick, um in Jaren Jackson Jr. einen weiteren Big und in Jevon Carter einen weiteren Grinder nach Memphis zu holen. Auf diesen lastet nun ordentlich Druck, denn der Blick auf die Draft-Entscheidungen der Franchise in den letzten Jahren sorgt nicht für Freudensprünge.


Nachdem 2007 Mike Conley (auch mit einem vierten Pick) zur Franchise gestoßen war, folgten zehn Jahre voller schlechter Entscheidungen. Im Folgejahr tauschten die Grizzlies Kevin Love für O.J. Mayo ein und die Namen der weiteren First Round Picks seitdem sind: Donte Green, Hasheem Thabeet (Pick No. 2), DeMarre Carroll (der nach einem Jahr weg getradet wurde), Xavier Henry, Dominique Jones, Greivis Vásquez, Tony Wroten, Jordan Adams, Jarell Martin, Wade Baldwin.

Eine schlechtere Auswahl aller First Round Picks aus zehn Jahren könnten andere Teams wohl selbst miteinander kombiniert nicht bilden.


Zukunft
„The Future is now“, darauf zielt alles ab, was die Organisation der Memphis Grizzlies in den letzten Tagen, Wochen und Monaten gesagt, getan und nicht getan hat. Die Omnipräsenz, die Mike Conley und Marc Gasol in historischen Statistiken und den Geschichtsbüchern dieser Franchise haben soll weiter ausgebaut und keinesfalls für einen ungewissen Neustart eingetauscht werden. Dass die beiden beim Saisonstart kombinierte 64 Jahre alt sind zeigt, wie begrenzt diese Periode voraussichtlich sein wird.


In einem absolut idealen Szenario könnten die beiden gemeinsam mit dem Top-Rookie Jaren Jackson nochmal angreifen und um die Playoffs kämpfen. Doch selbst in dieser Welt, in der beide fit bleiben und das Alter ihre Leistungsfähigkeit nicht signifikant beeinflusst, hat dieses Team wohl nur begrenztes Potential.

Alles deutet derzeit darauf hin, dass die Grizzlies versuchen, dieses Potential zu maximieren, ganz egal wie hoch oder niedrig sich dieses Maximum dann im Vergleich zur Konkurrenz in der bärenstarken und sich weiter verbessernden Western Conference präsentiert.

Der Blick in eine Zukunft nach Conley und Gasol ist derzeit noch sehr verschwommen, aber die Tendenz dessen, was sich da andeutet ist – und das ist noch vorsichtig gesagt – mehr als düster.