12 Juni 2018

12. Juni, 2018


Während in Oakland die Champagnerkorken knallen, haben alle anderen Franchises die Saison 17/18 längst abgehakt haben und blicken optimistisch/pessimistisch in die Zukunft. Wir röntgen in unserem gewohnten 30er Split alle Teams, analysieren ihre Situation und prognostizieren den bevorstehenden Sommer. Heute: die Miami Heat.

von DANIEL SCHLECHTRIEM @W14Pick

Saison 2017/18
Seitdem LeBron James 2014 seine Talente wieder mit aus South Beach zurück nach Cleveland nahm wanken die Heat zwischen einem unteren Playoff-Rang und einem späten Lottery Pick. So auch dieses Jahr: Mit anständigen 44-38 Siegen qualifizierte sich Miami auf dem sechsten Platz klar für die Postseason, musste sich dann aber in der ersten Runde den Philadelphia 76ers deutlich mit 4-1 geschlagen geben.

So wurde lediglich die Sehnsucht nach besseren Zeiten gestillt, als in Dwyane Wade der wichtigste Spieler der Franchise-Geschichte zur Trade Deadline zurückkehrte und mit 16,6 Punkten in den fünf Partien gegen die Sixers zumindest an alte Tage erinnerte – insbesondere im zweiten Spiel.


Von diesem emotionalen Höhepunkt abgesehen blieb die Saison der Heat einmal mehr eher blass. Ihnen gelang weder eine bemerkenswerte Sieges-, noch eine Niederlagenserie. Die Verteidigung (7. in Defensiver Effizienz) agierte etwas besser als der Angriff (20. in Offensiver Effizienz), insgesamt steht Miami aber weiter für grauen Durchschnitt und verdankt den Platz unter den besten Acht im Osten mehr der schwachen Conference als der eigenen Stärke.


Offseason Agenda
Teampräsident Pat Riley ist eine der grauen Eminenzen im Basketball, seine Mondlandung war die Formierung der Miami Thrice 2010. In den letzten Jahren gelang Riley aber wenig. Seine Erstrunden-Picks Shabazz Napier (#24, 2014) und Justise Winslow (#10, 2015) schafften nicht den Durchbruch, bei Bam Adebayo (#14, 2017) bleibt die weitere Entwicklung noch abzuwarten.

Obwohl sich die Heat in den letzten Jahren um Superstars wie Kevin Durant und Gordon Hayward bemühten, war der letzten Sommer von den Boston Celtics verpflichtete Kelly Olynyk noch der namhafteste Neuzugang in der Post-LeBron-Ära.

Und auch hinter die dicken Verträge von Hassan Whiteside (25,4 Mio. $ im nächsten Jahr plus Player Option über 27,0 Mio. $ für 2019/20), James Johnson (ca. 46,0 Mio. $ bis 2021 inklusive Player Option im letzten Jahr), Dion Waiters (ca. 36 Mio. $ bis 2021, voll garantiert) oder Tyler Johnson (19,2 Mio. $ im nächsten Jahr, Player Option über 19,2 Mio. $ für 2019/20), allesamt von Riley verantwortet, muss ein dickes Fragezeichen gesetzt werden.


All das stellt die Heat vor eine problematische Offseason, denn bei über 116 Mio. $ an garantierten Gehältern bleibt kein Platz für Verstärkungen. Vielmehr muss die Franchise ihren eingeschlagenen Kurs hinterfragen: Weitermachen und darauf hoffen, dass die Youngster einen Entwicklungssprung in die richtige Richtung vornehmen? Oder doch die Reißleine ziehen?

Ein Rebuild oder „Process“ unter Riley ist nur schwer vorstellbar, erst recht weil die vielen teuren Verträge kaum loszuwerden sind und selbst Miamis bester Spieler Goran Dragić mit seinen 32 Jahren keinen besonders hohen Preis auf dem Trade-Markt erzielen würde.
 
So drohen Jahre des Stillstandes, obwohl in Erik Spoelstra einer der besseren seiner Zunft auf der Trainerbank sitzt. Zumindest hier haben die Heat alles richtig gemacht, setzen auf Kontinuität und ein besonnenes Umfeld.


Personal
Der Vertrag von Dwyane Wade läuft aus. Noch hat sich Miamis zwölffacher All-Star nicht über seine Zukunftspläne geäußert. Ein weiteres Jahr in South Beach ist ebenso denkbar wie der Ritt in den Sonnenuntergang. Nach seiner rührseligen Rückkehr im Februar dürfte lediglich ein Vertrag bei einem anderen Team als den Heat ausgeschlossen sein.


Gleiches gilt für Urgestein Udonis Haslem. Der Forward spielt seit 2003 für die Heat, hat nie ein anderes NBA-Trikot getragen.

Neben Wade und Haslem werden Wayne Ellington und Luke Babbitt Free Agents. Miami würde die beiden Schützen wohl gerne halten, muss aber an die eigene Payroll denken, sodass eine Weiterbeschäftigung zumindest in Zweifel steht. Die Team Option auf Jordan Mickey haben sie nicht gezogen, dieser hat in der ablaufenden Saison kaum eine Rolle gespielt hat und wird folglich ebenso nicht unentbehrlich. Der Vertrag von Rodney McGruder ist nicht garantiert, allerdings auch in Minimumregionen dotiert, daher wäre eine Auflösung zumindest monetär keine Erleichterung.

Dass die Heat ihren oft komplizierten Center Hassan Whiteside lieber gestern als heute loswerden würden ist kein Geheimnis, ein Trade wird allerdings aufgrund der Höhe des Salärs schwierig zu bewerkstelligen. Höchstwahrscheinlich müsste Riley draufzahlen, um Whiteside loszuwerden.


Draft
Die Heat haben ihren Erstrunden-Pick (#16) vor drei Jahren für die Akquisition von Goran und Zoran Dragić geopfert, auch ihr Zweitrunden-Pick (#46) wurde schon vor einiger Zeit verpfändet. Miami bleibt somit am 21. Juni nur die Zuschauerrolle, sofern sie nicht einen Pick kaufen oder an der Trade-Front aktiv werden.



Zukunft
Ungewiss. Viele teure Spieler, überschaubare Qualität. Seit LeBrons Abgang verpassen die Heat alle zwei Jahre die Playoffs, wären nach diesem Schema also 2019 nicht dabei. Angesichts der Verletzungsanfälligkeit ihrer Schlüsselspieler, der fehlenden Tiefe auf mehreren Positionen und weil unter anderem die Detroit Pistons und Charlotte Hornets einen neuerlichen Angriff auf die hinteren Playoff-Ränge unternehmen werden, ist das gar nicht so unrealistisch.

Um die 44 Siege und den sechsten Platz zu verteidigen müssen Youngster wie Bam Adebayo (20), Justise Winslow (22) und Josh Richardson (24) das in sie gesetzte Vertrauen zurückzahlen, ebenso Routiniers wie Dion Waiters und Kelly Olynyk. Mehr als die erste Playoff-Runde ist mit dieser Truppe, mit der völlig übersättigten Payroll, aber so oder so auch im nächsten Jahr nicht drin.