10 Juni 2018

10. Juni, 2018


Während in Oakland die Champagnerkorken knallen, haben alle anderen Franchises die Saison 17/18 längst abgehakt haben und blicken optimistisch/pessimistisch in die Zukunft. Wir röntgen in unserem gewohnten 30er Split alle Teams, analysieren ihre Situation und prognostizieren den bevorstehenden Sommer. Heute: die New Orleans Pelicans.

von DANIEL SCHLECHTRIEM @W14Pick

Saison 2017/18
In der ersten kompletten gemeinsamen Spielzeit der Twin Tower Anthony Davis und DeMarcus 'Boogie' Cousins erreichten die Pelicans erstmals seit 2015 die Playoffs und gewannen dort erstmals seit 2008 eine Serie.

Bemerkenswert sind dabei vor allem zwei Umstände: Dass sie dies schafften, obwohl in Cousins der zweitbeste Spieler im Februar wegen eines Achillessehnensrisses ausfiel. Und dass sie, angetrieben von Davis, als sechstplatziertes Team der Western Conference den #3 Seed Portland Trail Blazers sweepten – der einzige Sweep in der ersten Runde und auch der einzige auf dem westlichen Teil des Brackets überhaupt.


Sicherlich kam ihnen hierbei das Matchup zugute, Portlands Big Men waren mit Davis (33,0 Punkte, 11,8 Rebounds 2,8 Blocks in Runde eins) heillos überfordert und ihr Backcourt um Damian Lillard und C.J. McCollum bei Rajon Rondo und Jrue Holiday exzellent aufgehoben.

Etwa gegen die Utah Jazz oder Minnesota Timberwolves hätte alles anders aussehen können. Das – und das letztlich chancenlose Aus gegen den späteren Champion Golden State Warriors – trüben aber nicht das positive Gesamtbild. Nach Jahren im Nirgendwo der Tabelle infolge des Abgang Chris Pauls ist New Orleans wieder wer auf der NBA-Landkarte.


Offseason Agenda
Dass das auch so bleibt hängt vor allem an einer Person: Auch wenn der Kader immer noch Baustellen hat, vor allem auf dem Flügel, steht und fällt die Offseason mit Boogie Cousins.

Der im Februar 2017 von den Sacramento Kings akquirierte Center wird erstmals Unrestricted Free Agent und hat bereits durchblicken lassen, dass er alles andere als einen Maximalvertrag nicht zu akzeptieren gewillt ist. Als zeitgemäßes Druckmittel entfolgte Cousins die Pelicans auf seinen Social-Media-Kanälen.


Um Cousins zu halten müsste das Team tief in die Abgründe der Luxussteuer tauchen bzw. dort bleiben, was trotz der nicht eindeutig geklärten Verhältnisse seit dem Tod des Teambesitzers Tom Benson im März und trotz Cousins' schwerer Achillessehnenverletzung alternativlos erscheint.


Auch wenn Anthony Davis die Pelikane ohne Cousins in die Playoffs und gar in die zweite Runde führte: Der Abgang des eigenwilligen 27-Jährigen käme einem signifikanten Rückschritt gleich, da New Orleans aufgrund der hoch dotierten Verträge von Davis und Jrue Holiday nicht einmal einen ansatzweise gleichwertigen Ersatz zu holen imstande wäre und die Playoff-Qualifikation in der schwer umkämpften Western Conference plötzlich wieder infrage stünde.

Der vor der Saison angezählte Coach Alvin Gentry hat sich derweil bewährt und bekam kürzlich eine folgerichtige Vertragsverlängerung.



Personal
92 Mio. $ stehen an festen Gehältern in den Büchern, Cousins noch nicht eingerechnet. Das erschwert die Addition qualitativer Neuzugänge, General Manager Dell Demps muss wieder einmal kreativ werden, denn neben Cousins' laufen auch die Verträge von Rajon Rondo und Ian Clark aus.

Demps hat mit der Akquisition von Nikola Mirotić zur Trade Deadline durchblicken lassen, dass er auf diese Gruppe setzt. Nach den jüngsten Erfolgen und angesichts der wenigen Handlungsoptionen gedenkt er also mutmaßlich, Rondo und Clark zu halten.

Die Verträge von Darius Miller, Cheick Diallo, DeAndre Liggins sowie Rückkehrer Emeka Okafor sind ungarantiert. Zumindest der Ex-Bamberger Miller steht nicht zur Debatte. Die anderen drei kamen in den Playoffs wenig bis gar nicht zum Einsatz, sodass eine Weiterbeschäftigung in The Big Easy angesichts der drohenden Luxussteuer zumindest zweifelhaft erscheint.

Weitere Sparmaßnahmen via Trade lassen sich kaum verwirklichen. Die miesen Verträge von Solomon Hill (26,1 Mio. $ bis 2020) und Alexis Ajinça (5,3 Mio. $ im nächsten Jahr) sind nicht ohne größere Zugeständnisse via Draft Picks vermittelbar.


Draft
New Orleans' Erstrunden-Pick (#22) ging im Austausch für Mirotić zu den Chicago Bulls. So wird es ein langer Abend für die Pelicans, erst an 51. Stelle sind sie an der Reihe, wenn nicht nur in Deutschland schon alle längst im Bett liegen.

Eine nicht unerhebliche Anzahl an Spielern unter den letzten zehn Picks jedes Jahrgangs schafft es niemals aufs NBA-Parkett, folglich ist hier keine echte Verstärkung zu erwarten. Die Qualität unterscheidet sich kaum noch von den ungedrafteten Spielern.


Zukunft
Was macht Boogie? Diese Frage entscheidet über die nähere Zukunft der Pelicans.

Mit dem vierfachen All-Star im Aufgebot sowie einigen punktuellen Verstärkungen auf dem Flügel kämpft New Orleans um Heimrecht in der ersten Playoff-Runde. Die Rückkehr in die Conference Semifinals wäre allemal realistisch, vor allem eine weitere Serie gegen die Warriors – dieses mal aber mit Cousins – äußerst reizvoll.


Ohne Cousins droht der Super-GAU, denn Franchise Player Anthony Davis hat bereits genug Zeit seiner Karriere in der Lottery verbracht (nur zwei Mal Playoffs in sechs Jahren). Mittelfristig schielen die Warriors bereits auf AD, auch den Boston Celtics wird großes Interesse am MVP-Kandidaten nachgesagt. Davis steht bis 2020 fest unter Vertrag. Einen missgelaunten Superstar kann sich das Team aus dem kleinen Markt New Orleans nicht leisten.