10 Juni 2018

10. Juni, 2018


Während in Oakland die Champagnerkorken knallen, haben alle anderen Franchises die Saison 17/18 längst abgehakt haben und blicken optimistisch/pessimistisch in die Zukunft. Wir röntgen in unserem gewohnten 30er Split alle Teams, analysieren ihre Situation und prognostizieren den bevorstehenden Sommer. Heute: die New Orleans Pelicans.

von DANIEL SCHLECHTRIEM @W14Pick

Saison 2017/18
Die Additionen von Paul George und Carmelo Anthony sorgten im Sommer für große Euphorie, für manche galt OKC als erster Herausforderer auf die Golden State Warriors. Diese Euphorie musste bald der Realität weichen, in der das (formelle) Superstar-Trio nicht endgültig zueinander fand.

Westbrook tat, was Westbrook eben tat. George zeigte an manchen Abenden sein All-Star Gesicht, an anderen nicht. Und Melo unterstrich, was bereits in seinem letzten Jahr bei den New York Knicks nicht mehr zu übersehen war: Dass er nicht mehr der potente Scorer aus besseren Tagen ist, dies allerdings noch nicht realisiert und seine geistige Haltung entsprechend nicht angepasst hat („Who? ME? On the bench?“).


Ende November läuteten die Alarmglocken immer lauter, als der angebliche Anwärter auf die Conference Finals bei enttäuschenden 8-12 Siegen stand und ein frühes Playoff-Aus drohte. Diesen Super-GAU wussten die Thunder zwar zu vermeiden, immer wieder gelangen ihnen kurze Siegesserien, wirkliche Konstanz brachten sie aber nie aufs Parkett.

Den endgültige Wendepunkt zum Negativen markiert die Verletzung Andre Robersons im Januar. Ohne ihren besten Flügelverteidiger respektive einen halbwegs adäquaten Ersatz war die ohnehin durchwachsene Saison nicht mehr zu retten. Die Thunder gingen mit 48 Siegen durchs Ziel, nur einem mehr als im Vorjahr. Die Hoffnungen auf einen Playoff-Schalter erfüllten sich nicht. OKC verlor die Erstrunden-Serie gegen die Utah Jazz letztlich deutlich mit 4-2 und hatte vor allem auswärts nicht viel zu melden.


Offseason Agenda
Die Probleme der Thunder sind bekannt: Der Kader ist nicht tief genug, es fehlt an mehreren Positionen an Qualität und Vielseitigkeit, der Cap Space ist ausgeschöpft, sodass kaum Spielraum für Verbesserungen bleibt.

Die Handlungsfähigkeit im Sommer hängt zunächst voll und ganz von Carmelo Anthony ab, der auf einer Player Option in Höhe von knapp 28 Mio. $ sitzt. Auf dem freien Markt bekäme der bald 34-Jährige mutmaßlich nicht einmal die Hälfte angeboten, sodass alles andere als ein Ziehen dieser Option für riesige Verwunderung sorgen würde. Bereits ohne Melos Salär stehen die Thunder bei knapp 90 Mio. $ an garantierten Gehältern, mit der Option des ehemaligen Knick eingerechnet sind GM Sam Presti angesichts des derzeit auf 101 Mio. $ veranschlagten Salary Caps vollends die Hände gebunden.

Die eigentlich noch viel wichtigere Personalie Paul George stellt OKC in eine Zwickmühle griechisch-tragödischen Ausmaßes: Was auch immer passiert, sie verlieren. Denn sollte PG13 wider Erwartens einen marktgerechten Vertrag in Höhe von über 30 Mio. $ unterschreiben, stünden die Thunder bei rund 150 Mio. $ an Gehaltskosten, Luxury Tax noch nicht eingerechnet. Als Repeated Taxpayer müsste die finanzielle Stabilität der Franchise aus einem der kleinsten Märkte der Liga in den nächsten Jahren ernsthaft in Frage gestellt werden.


Trifft aber das wahrscheinlichere Szenario ein und George, der schon länger mit einen Wechsel zu den Los Angeles Lakers liebäugelt, kehrt den Thunder nach einem Jahr den Rücken zu, dann leidet die Qualität des Rosters enorm und Oklahoma City müsste mit einer deutlich schlechteren Mannschaft in die nächste Spielzeit gehen.


Personal
Trotz teils harscher Kritik steht Coach Billy Donovan nicht zur Disposition. Sam Presti wird stattdessen versuchen, noch vor dem Start der Free Agency zumindest die Verträge von Alex Abrines und Patrick Patterson (jeweils 5,5 Mio. $ im nächsten Jahr) kostengünstig loszuwerden und sich somit ein bisschen Luft zu verschaffen.

Neben den großen Personalien warten auf Presti einige kleine Baustellen: Die Verträge von Jerami Grant, John Huestis, Raymond Felton und Corey Brewer laufen aus. Nick Collison verabschiedet sich in den wohlverdienten Ruhestand.

Zumindest Grant und Brewer werden ein paar Münzen mehr offeriert bekommen als das Minimum, das OKC ihnen unter diesen Umständen bieten kann. Hier bedarf es an einigen Überredungskünsten, um die ohnehin schon dürftig besetzte Bank nicht weiter zu lichten. Aufgrund des geringen Spielraums sind die Thunder auch in der Free Agency eher Zuschauer als Protagonist.

Ein kleines Trostpflaster bleibt: Westbrook steht bis 2022 unter Vertrag, Adams bis 2021 und Roberson bis 2020. Auf absehbare Zeit hat OKC also einen Kern, der sie sportlich relevant hält. Zum Hoffnungsträger auserkoren wird Terrance Ferguson, den die Thunder vergangenes Jahr an 21. Stelle drafteten. Der Flügelspieler ist eben erst 20 Jahre alt geworden und hat in seinem ersten Profijahr zumindest Potential aufblitzen lassen.


Draft
Auf weitere verheißungsvolle junge Spieler dürfen die Thunder nicht hoffen, denn sie haben ihren Erstrunden-Pick für 2018 schon vor drei Jahren verpfändet um Enes Kanter nach Oklahoma City zu holen.

Beim bevorstehenden Draft im nächsten Monat bleibt daher nicht mehr als ein Resteessen. An 53. und 57. Stelle wählt OKC und darf zwei Spieler erwarten, die nicht zwingend aussichtsreicher sind als ungedraftete Kandidaten. Den Erstrunden-Pick für 2020 hat Sam Presti auch schon verschachert.


Zukunft
Die komplizierte Situation um Anthony und der drohende Abgang von Paul George stellt die 2008 nach Oklahoma City angesiedelten Franchise vor die schwierigste Phase ihrer noch jungen Historie. In den ersten Jahren im mittleren Westen verloren die Thunder zwar viele Spiele, hatten aber dank Kevin Durant und später Russell Westbrook sowie James Harden goldene Zukunftsaussichten.


Diese sind nach zwei frühen und chancenlosen Eliminierungen in der ersten Playoff-Runde inzwischen verblasst. Ohne Cap Space, Draft Picks und vielversprechenden Talenten drohen die nächsten Jahre zu One-Man-Shows zu verkommen. Ein niedriger Playoff-Platz und ein weiteres Erstrunden-Aus wären dabei schon das höchste der Gefühle.