18 Juni 2018

18. Juni, 2018


Während in Oakland die Champagnerkorken knallen, haben alle anderen Franchises die Saison 17/18 längst abgehakt haben und blicken optimistisch/pessimistisch in die Zukunft. Wir röntgen in unserem gewohnten 30er Split alle Teams, analysieren ihre Situation und prognostizieren den bevorstehenden Sommer. Heute: die San Antonio Spurs.

von DANIEL SCHLECHTRIEM @W14Pick

Saison 2017/18
Die ewigen Spurs – sie wanken. Erstmals in der Ära Popovich. Auf die über zwanzigjährige Erfolgsgeschichte wirft sich seit dieser Spielzeit ein Schatten. Zum ersten Mal gewannen keine 50 Spiele. Sie erreichten nur den siebten Platz im Westen und mussten entsprechend früh, gleich in der ersten Runde die Segel streichen, weil sie gegen den späteren Champion Golden State Warriors völlig chancenlos waren.

Hauptgrund für die sportliche Talfahrt: Superstar und Ex-MVP-Kandidat Kawhi Leonard war die ganze Saison über verletzt, absolvierte 2017/18 nur neun Partien, keine einzige in der Postseason. Doch hier hört die Geschichte nicht auf, denn die Teamärzte der Spurs erklärten ihn schon Wochen vor den Playoffs für gesund und einsatzfähig, während Kawhi über seine eigene Entourage das genaue Gegenteil verlauten ließ.

Um den zweifachen Defensive Player of the Year entstand eine völlig Spurs-untypische Soap Opera, in der ihm Trainerstab und Spieler wenigstens zwischen den Zeilen Falschheit vorwarfen, während sich Leonard wiederum schlecht behandelt, gar verraten fühlt.


Kawhi saß in keiner der Playoff-Partien neben seinen Mitspielern auf der Bank, nicht einmal bei den Heimspielen. Das nährt die Gerüchte, dass der bald 27-Jährige einen Abschied aus San Antonio forciert. Leonard wird im Sommer 2019 Unrestricted Free Agent und hält damit ein starkes Druckmittel gegen sein Team in der Hand. Erst letztes Jahr hat Kyrie Irving vorgemacht, wie ein Ausnahmeathlet seinen Abgang zu erzwingen vermag.

Dass ein Spieler mit aller Macht von Gregg Popovich und den Spurs weg will ist Neuland in der NBA, geradezu unerhört. Doch dieser Umstand passt in die bröckelnde Fassade des fünffachen Champions, der den richtigen Zeitpunkt für eine Renaissance verpasst hat. Die Spielzeit 17/18 wird als Wendepunkt in die glorreiche Dynastie der Spurs eingehen, in der sie erstmals am eigenen Unfehlbarkeitsmythos kratzten.


Offseason Agenda
Das Kawhi-Problem zu lösen steht an erster Stelle der Offseason Agenda und sollte schnellstmöglich, bestenfalls noch vor Start der Free Agency geklärt werden. Es existiert kein Präzedenzfall, somit lässt sich nicht vorhersehen, wie das Front Office um General Manager R.C. Buford mit dieser Situation umgeht.

Nach aktuellem Stand der Dinge bleibt wohl auch Buford keine andere Wahl, als sich Offerten für Leonard anzuhören. Immerhin kann er sich die Gesprächspartner aussuchen und ist keinesfalls gezwungen, ihn zu dessen präferierter Destination Los Angeles zu traden.


Ein angeblicher Hauptgrund für Leonards dringender Wechselwilligkeit ist das Big Man Game, auf das sich die Spurs mit den voluminösen Vertragsverlängerungen von Pau Gasol (16,8 Mio. $ im nächsten Jahr) und LaMarcus Aldridge (48 Mio. $ bis 2020) festgelegt haben. Kawhi bevorzugt offenbar einen schnelleren, modernen Stil, den die Spurs und Popovich so nicht gewillt sind zu spielen.

Die beiden wuchtigen Verträge von Gasol und Aldridge bringen das Problem der Spurs dennoch auf den Punkt. Aldridge (bald 33) hat sich zwar in Kawhis Abwesenheit als offensiver Fixpunkt bewährt, ist aber immer noch weit von dem Spieler entfernt, der damals bei den Portland Trail Blazers die Association dominierte. Gasol (bald 38) ist von seiner einstigen Klasse sogar noch ein gutes Stück weiter entfernt.

Mit diesem überbezahlten Duo sowie den vom Zahn der Zeit eingeholten Tony Parker und Manu Ginóbili lässt sich der kompetitiven Western Conference nicht beikommen. San Antonio hat in – schon wieder – Spurs-untypischer Weise in den Personalien Gasol und Aldridge schlechte Entscheidungen getroffen. Das kurzfristig zu korrigieren wird schwierig, ein Trade-Markt existiert für beide nicht.

Auch an der Seitenlinie tut sich wie jeden Sommer einiges, zum Nachteil der Spurs. Die Popovich'sche Trainerschule bleibt weiterhin sehr gefragt. Seine Assistenten Ettore Messina, Becky Hammon, Ime Udoka und James Borrego wurden allesamt eingeladen, für die zahlreichen vakanten Trainerstellen in der NBA vorzusprechen. Zwar bekam letztlich nur Borrego eine Zusage und wird fortan die Charlotte Hornets coachen, dennoch muss Popovich wieder einmal einen Assistenten ersetzen.

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Personal
Tony Parkers Vertrag läuft aus. Bisher hat der 36-jährige Franzose noch nicht durchklingen lassen, ob er eine Spielzeit dran hängt oder Tim Duncan in den Sonnenuntergang folgt. Gleiches gilt für Ginóbili, der Ende Juli gar seinen 41. Geburtstag feiert. Manu hat für die kommende Saison noch einen garantierten Kontrakt, das muss aber nichts heißen.

Über eine Player Option fürs nächste Jahr verfügen Danny Green (10,0 Mio. $), Rudy Gay (8,8 Mio. $) und Joffrey Lauvergne (1,7 Mio. $). Angesichts der unklaren und unkalkulierbaren Free Agency werden wohl alle drei diese Option ziehen und ein weiteres Jahr in Schwarz und Silber antreten. Mit diesem Trio haben die Spurs schon beinahe die prognostizierte Salary Cap Grenze von 101 Mio. $ erreicht.

Kyle Anderson, Bryn Forbes und Davis Bertans werden zudem Restricted Free Agents. Um dieses Trio zu halten müsste San Antonio also über den Cap gehen und somit mehr oder weniger mit demselben Personal in die neue Spielzeit gehen – es sei denn es kommt zum Blockbuster-Trade um Kawhi.


Draft
Die Spurs halten den 18. und 49. Pick im bevorstehenden Draft und werden wie jedes Jahr auf gestandenes Talent mit Basketball-IQ und Charakterstärke setzen. Gerade um den so überfälligen Generationenwechsel voranzutreiben sind diese Picks wichtig wie lange nicht. Der letzte Spieler, den die Spurs in den Top 20 drafteten, war – genau: Kawhi Leonard, der 15. Pick 2011.


Zukunft
Die Dynastie der Spurs nähert sich ihrem Ende. Tim Duncan ist bereits Rentner, seine einst kongenialen Partner, mit denen „The Big Fundamental“ fünf Championships holte, werden folgen. Wenn nicht dieses, dann wohl nächstes Jahr.


Und – was die Franchise vor eine noch größere Herausforderung stellt – auch der bald 70-jährige Gregg Popovich hat offenbar seinen Abgang bereits terminiert. Popovich wird die US-Nationalmannschaft zu den Olympischen Spielen 2020 in Tokio führen. Dies soll der letzte Glanzpunkt seiner Karriere werden.

Dann, oder vielleicht sogar schon ein Jahr früher, ist angeblich bei den Spurs Schluss. Es würde zum Charakter dieser Franchise passen, wenn einer von Popovichs Assistenten, vielleicht sogar in Becky Hammon die erste Cheftrainerin der NBA, San Antonio in ein neues Zeitalter führt.