06 Juni 2018

6. Juni, 2018


Während die Golden State Warriors und Cleveland Cavaliers den NBA-Titel unter sich ausmachen, haben alle anderen Franchises die Saison 17/18 längst abgehakt haben und blicken optimistisch/pessimistisch in die Zukunft. Wir röntgen in unserem gewohnten 30er Split alle Teams, analysieren ihre Situation und prognostizieren den bevorstehenden Sommer. Heute: die Toronto Raptors.

von DANIEL SCHLECHTRIEM @W14Pick

Saison 2017/18
Im hohen Norden sollte endlich alles anders werden. Toronto und insbesondere Coach Dwane Casey sowie Franchise Player DeMar DeRozan gaben sich große Mühe, das statische Spiel mit vielen Isos der letzten Jahre zu optimieren und endlich im Basketball des 21. Jahrhunderts anzukommen, d. h. den Dreier effektiv zu nutzen. 2016/17 standen sie mit 24,3 Versuchen pro Spiel noch im unteren Drittel der Liga, in der ablaufenden Saison mit 33,0 plötzlich in den Top-3.

Diese Mühe zahlte sich in der Regular Season aus, die Dinos marschierten mit vier Siegen Vorsprung und dem besten Ergebnis der Franchise-Geschichte (59-23) souverän als Erster der Eastern Conference durchs Ziel.


Die Boston Celtics traten ohne ihre beiden besten Spieler an, für die unerfahrenen Philadelphia 76ers gaben mehrere Leistungsträger erst ihr Playoff-Debüt, die Cleveland Cavaliers agierten schwach und verwundbar wie lange nicht mehr. Alles schien den Raptors in die Karten zu spielen, alles war angerichtet für den ersten Einzug eines kanadischen Teams in die Finals. Die Playoff-Chokes der vergangenen Jahre sollten der Vergangenheit angehören, in Vergessenheit geraten.

Und dann passierte... LeBron. Wieder einmal. Zum dritten Mal in Folge scheiterten die Raptors an den Cavaliers, angeführt von einem wieder mal überragenden LeBron James. 2-4 in den Conference Finals 2016, 0-4 in den Conference Semi-Finals 2017, 0-4 in den Conference Semi-Finals 2018. Zum letzten Mal wurde 1969 ein #1 Seed noch vor den Conference Finals gesweept.


Der nicht für möglich gehaltene und eigentlich unerhörte bis groteske Sweep durch die LeBrons hat die Raptors in ein anhaltendes, tiefes Basketball-Trauma gerissen, das in Coach Casey sein erstes Opfer fand.


Offseason Agenda
Nach sieben Jahren und über 600 Spielen in Toronto, der längsten Amtszeit in der noch jungen Franchise-Geschichte, musste Dwane Casey seinen Hut nehmen. Was angesichts dessen, dass dieser in wenigen Wochen womöglich zum Coach of the Year ausgezeichnet werden wird, auf den ersten Blick recht suspekt anmutet, wird auf den zweiten immer einleuchtender.

Die 2018 Cavaliers waren – LeBron hin oder her – durchaus schlagbar. Anstatt sich auf die in dieser Spielzeit hinzugewonnenen Stärken zu besinnen, fielen die Raptors in alte Muster zurück und wurden somit ein leichtes Opfer. Casey vermochte es nicht, den Zusammenbruch zu verhindern. In den letzten drei Postseasons steht seine Bilanz bei 18-22 Siegen. Nicht genug für die gestiegenen Ansprüche in Toronto.


Caseys Nachfolge steht somit ganz oben auf der Offseason Agenada. Gehandelt werden primär interne Kandidaten wie die Assistenten Nick Nurse und Rex Kalamian sowie Jerry Stackhouse, der Coach der Raptors 905, Torontos G-League Team. Ebenso noch im Rennen zu sein scheint Ettore Messina, Assistent bei den San Antonio Spurs.

Womöglich geht Teampräsident Masai Ujiri sogar ein größeres Wagnis ein und holt in Šarūnas Jasikevičius von BC Žalgiris einen völlig NBA-unerprobten Trainer. Auf dem Parkett hatte Jasikevičius lediglich ein kurzes Stelldichein auf der anderen Seite des großen Teichs, spielte von 2005 bis 2007 für die Indiana Pacers und Golden State Warriors. Der Litauer ist 42 Jahre alt und arbeitet erst seit 2016 als Cheftrainer, gilt aber als basketballerisches Mastermind.



Personal
Die Raptors stecken mit 126 Mio. $ an garantierten Gehältern tief in der Luxury Tax, was das Aus gegen die Cavaliers doppelt bitter macht. Wirklichen Platz für Verstärkungen gibt die Payroll nicht her, erst recht da Toronto zunächst die eigenen Personalien klären muss.

Fred VanVleet und Lucas Nogueira werden Restricted Free Agents. Zumindest der ungedraftete VanVleet darf nach einer soliden Saison mit durchschnittlich 6,8 Punkten und 2,2 Assists in 19 Minuten auf ein ordentliches Vertragsangebot spekulieren. Aus Mangel an Optionen sind die Raptors gut beraten, ihren Aufbauspieler zu halten, sofern kein Offer Sheet in unmoralischer Höhe ins Haus flattert.

Angesichts des sportlichen Armutszeugnis in den Conference Semi-Finals gelten auch einige der Großverdiener nicht mehr als unantastbar. Kyle Lowry (64 Mio. $ bis 2020) ist aufgrund seines fortgeschrittenen Alters (32 Jahre) und seiner Verletzungsanfälligkeit kaum vermittelbar, Serge Ibaka (45 Mio. $ bis 2020) nach seinem desaströsen Playoff-Run noch viel weniger.

Auch für Jonas Valančiūnas oder gar DeMar DeRozan dürfen die Raptors keine sportliche Verbesserung auf dem Trade-Markt erwarten, sodass ein Neuanfang mit altem Personal aber frischem Wind von der Trainerbank mutmaßlich der sinnvollste Weg aus diesem Dilemma ist. Immerhin bleibt die Hoffnung, dass Torontos Geißel namens LeBron James den Cavaliers und der Eastern Conference den Rücken zukehrt.


Draft
Den Raptors bleibt beim bevorstehenden Draft nur die Zuschauerrolle. Ihren Erstrunden-Pick (#29) mussten sie vergangenen Sommer opfern, um DeMarre Carroll von der Gehaltsliste zu streichen. Der Zweitrunden-Pick (#59) ging im Februar 2017 als Gegenwert für P.J. Tucker zu den Phoenix Suns.

In OG Anunoby (20), Jakob Pöltl (22), Pascal Siakam (24) und – sofern er denn bleibt – Fred VanVleet (24) steht dem neuen Coach allerdings auch schon genug entwicklungsfähiges Talent zur Verfügung.


Zukunft
Die Raptors haben sich in den letzten fünf Jahren durchgängig für die Playoffs qualifiziert, immer den ersten oder zweiten Platz der Atlantic Division belegt und zuletzt erstmals gar den ersten Platz der Eastern Conference erobert. Alle Leistungsträger stehen langfristig unter Vertrag, die Bank ist eine tief, vielseitig sowie voller vielversprechender Youngster, im Front Office sitzen fähige und weitsichtige Leute.

Und doch thronen schwarze Wolke über Toronto. Denn für einen Umbruch sind sie zu gut aufgestellt, für einen Blockbuster-Trade ohne sportliche Einschnitte fehlt die Vorstellungskraft. Selbst wenn sich das LeBron-Trauma löst und dieser seine Talente in die Western Conference mitnimmt – kommendes Jahr werden insbesondere die Celtics und 76ers die Spitzenposition im Osten angreifen. Auch mit den Milwaukee Bucks und Indiana Pacers ist zunehmend zu rechnen.


Die schlechten Nachrichten hören an dieser Stelle nicht auf: LeBron James Jr. wird im Oktober 14 Jahre alt werden und bringt nicht die schlechtesten Gene mit, um später im professionellen Basketball so manche Duftmarke zu setzen. Wenn es für die Raptors ganz mies läuft, wird Toronto in einigen Jahren von der nächsten Generation des Hauses James heimgesucht.