10 Juni 2018

10. Juni, 2018


Während in Oakland die Champagnerkorken knallen, haben alle anderen Franchises die Saison 17/18 längst abgehakt haben und blicken optimistisch/pessimistisch in die Zukunft. Wir röntgen in unserem gewohnten 30er Split alle Teams, analysieren ihre Situation und prognostizieren den bevorstehenden Sommer. Heute: die Utah Jazz.

von DANIEL SCHLECHTRIEM @W14Pick

Saison 2017/18
Die Jazz sind die Cinderella-Story der Saison. Der Abgang der Identifikationsfigur, des langjährigen Franchise Players Gordon Hayward traf die ganze Organisation hart. Darum und weil in der ersten Saisonhälfte Defensivanker Rudy Gobert verletzungsbedingt zum Zuschauen verdammt war, startete das Team vom Salzsee durchwachsen in die neue Spielzeit, stand Anfang Januar bei 16-24 Siegen.

Nachdem sich Utah vergangenes Jahr erst zum ersten Mal seit 2012 wieder für die Playoffs qualifiziert hatte, drohte ein erneutes frühes Aus, das sechste in diesem Jahrzehnt, ein Rückschritt in die sportliche Irrelevanz. Doch dagegen stemmte sich das Team: Utah gewann sämtliche elf Spiele vor dem All-Star Break und legte in der restlichen regulären Saison eine weitere Serie mit 18 Siegen bei nur sechs Niederlagen nach. Genug für Platz fünf in der eng umkämpften Western Conference.

In den Playoffs schrieben sie ihre Erfolgsgeschichte zunächst fort und besiegten die vor der Saison hoch eingeschätzten Oklahoma City Thunder letztlich problemlos mit 4-2. In den Conference Semifinals war dann gegen die Houston Rockets Schluss, die Serie ging mit 4-1 an die Texaner.

Dennoch gehen die Jazz erhobenen Hauptes in diese Offseason. Als eine der positivsten Überraschungen der Spielzeit haben sie sich nicht nur im starken Westen etabliert, sondern auch in Rookie Donovan Mitchell einen neuen offensiven Fixpunkt und legitimen Nachfolger Haywards gefunden, von dem zukünftig einiges erwartet werden darf.



Offseason Agenda
Die Jazz sind auf Kurs, radikale Veränderungen oder wegweisende Weichenstellungen sind in diesem Sommer nicht vonnöten. Die wichtigsten Spieler Gobert und Mitchell stehen bis 2021 unter Vertrag,  Joe Ingles ist mit 30 Jahren der älteste Leistungsträger. Die Jazz stecken weder in der Luxussteuer, noch gilt es einen überteuerten Vertrag loszuwerden.

Cheftrainer Quin Snyder ist einer der Anwärter auf den Coach of the Year Award. Der frühere Assistent von Mike Budenholzer in Atlanta hat die Jazz zu einer der ekligsten Defenses der Liga geformt. Kurzum: Die Jazz stehen auf einem soliden Fundament und müssen im Sommer lediglich Feinjustierungen vornehmen.


Personal
Wichtigste Personalie des Sommers ist Derrick Favors. Der 2011 im Zuge des Blockbuster-Trades um Deron Williams nach Utah gewechselte Center/Forward bekommt als Unrestricted Free Agents erstmals in seiner Karriere die freie Wahl. Seit Goberts kometenhaftem Aufstieg wurde Favors in Utahs Zone entbehrlich, mit 12,3 Punkten und 7,2 Rebounds hat er in der ablaufenden Spielzeit dennoch seinen Beitrag geleistet.


2017/18 überweisen die Jazz Favors 12,0 Mio. $, mutmaßlich wird etwas mehr nötig sein, um den bald 27-Jährigen zu halten. Utah hat für die nächste Spielzeit etwas über 75 Mio. $ an garantierten Gehältern in den Büchern, Spielraum für eine Vertragsverlängerung ist also definitiv vorhanden. Allerdings wird GM Dennis Lindsey den vorhandenen Cap Space auch gerne nutzen, um das Team vor allem in der Tiefe zu verstärken. Ein weiterer Schütze täte der Teambalance und dem Spacing gut.

Neben Favors werden die Aufbauspieler Dante Exum und Raul Neto Restricted Free Agents. Exum – immerhin der fünfte Pick des Drafts 2014 – ist verletzungsanfällig, hat 2016/17 nur 66, 2017/18 nur 14 Spiele der Regular Season bestritten und fiel auch in der Playoff-Serie gegen die Houston Rockets aus. Sollten die Jazz den Australier also halten wollen, müssen sie kein übermäßig großes Interesse innerhalb der Liga befürchten. Falls sie ihn ziehen lassen, steht der vermutlich noch preisgünstigere Neto als Backup für Ricky Rubio bereit.

Außerdem sind die Verträge von Thabo Sefolosha, Jonas Jerebko, Epke Udoh, Royce O'Neale und David Stockton nicht garantiert. Bei Bedarf kann Utah also ohne größeren Aufwand Platz im Salary Cap für eine Neuverpflichtung schaffen, oder aber den einen oder anderen Dollar sparen.


Draft
Utah hält den 21. und 52. Pick im bevorstehenden Draft. Letzterer ist eher kosmetischer Natur, ersterer aber eine ordentliche Chance, das junge Team noch weiter zu verbessern. Vergangenes Jahr tradeten sich die Jazz nach oben um Donovan Mitchell nach Salt Lake City zu holen, dessen exzellentes Rookie-Jahr dämpft die Erwartungshaltung nicht sonderlich.

Unter Dennis Lindsey haben die Jazz in Gobert und Mitchell ihre besten Spieler selbst gedraftet – und das nicht gerade mit hohen Picks. Weil Lindsey in den letzten Drafts an der Trade-Front aktiv war, ist auch dieses Mal diesmal nicht auzuschließen, dass der Pick der Jazz noch den Besitzer wechselt.


Zukunft
Utah gehört zu den NBA-Teams mit den vielversprechendsten Aussichten in den kommenden Jahren. Die Lücke zu den Golden State Warriors und Houston Rockets ist (noch?) zu groß, doch für den Kampf um die Plätze dahinter hat sich das junge Team von Quin Snyder eindrucksvoll in Position gebracht.


Die weitere Entwicklung vor allem von Mitchell wird spannend zu beobachten sein. Der erst 21-Jährige hat in seinem ersten Jahr alle Erwartungen bei weitem übertroffen, nun gilt es diese Form zu bestätigen und Utahs nur durchschnittliche Offensive (Platz 15 in Offensiver Effizienz) auf ein neues Level zu hieven.