28 Juni 2018

28. Juni, 2018


Während in Oakland die Champagnerkorken knallen, haben alle anderen Franchises die Saison 17/18 längst abgehakt haben und blicken optimistisch/pessimistisch in die Zukunft. Wir röntgen in unserem gewohnten 30er Split alle Teams, analysieren ihre Situation und prognostizieren den bevorstehenden Sommer. Heute: die Washington Wizards.

von DANIEL SCHLECHTRIEM @W14Pick

Saison 2017/18
Stillstand in der Hauptstadt. Die Wizards holten in den letzten fünf Jahren jeweils mindestens 41 Siege und damit eine ausgeglichene Bilanz. In der Eastern Conference reichte das bis auf eine Ausnahme jeweils für die Playoff-Qualifikation.

Für mehr aber auch nicht. Drei Mal scheiterte Washington in diesem Intervall in den Conference Semifinals. Dieses Jahr war sogar schon eine Station früher Schluss. Mit 43-39 Siegen sah das Team von Coach Scott Brooks die Postseason zwar nie ernsthaft gefährdet, wegen anhaltender Inkonstanz sowie fünf Niederlagen in den letzten sechs Spielen der regulären Saison reichte es aber nur für den achten Rang.

Folgerichtig spielten die Wizards gegen die erstplatzierten Toronto Raptors, die sich zwar besonders auf Washingtons Parkett nicht sonderlich geschickt anstellten, die Zauberer aber dennoch letztlich souverän mit 4-2 in den Sommerurlaub schickten.


So sind die Hauptstädter so klug wie zuvor. Die Probleme liegen schon länger offen: Das Team hat keine Tiefe, keine Bank. Und noch viel schlimmer: Die Teamchemie stimmt nicht. Dem PS-starken Backcourt um John Wall und Bradley Beal werden schon länger Abstimmungsschwierigkeiten nachgesagt. Wall und Center Marcin Gortat agierten ebenfalls nicht auf einer Wellenlänge, was fürs Pick-and-Roll, wo Wall seine Stärken hat, fatal ist.

Als eines der besten Teams des Osten muss der Anspruch ein anderer sein als Rang acht und die erste Playoff-Runde. Erste Konsequenzen wurden bereits gezogen, weitere könnten folgen.


Offseason Agenda
Die Wizards versuchten schon länger den zwar zuverlässigen, aber in die Jahre gekommenen Center Gortat – auch wegen der internen Streitigkeiten – abzustoßen. Das ist ihnen jetzt gelungen, im Austausch für den Polen wechselt Austin Rivers von den LA Clippers nach D.C.


Rivers, in den letzten Jahren hauptberuflich Trainersohn, hat zwar seine Zahlen in der ablaufenden Saison merklich gesteigert, (15,1 PPG, 4,0 APG). Seine Defizite vor allem in der Defensive und in den klassischen Aufgaben eines Spielmachers sind jedoch hinlänglich bekannt. Ob er „away from home“, fernab der schützenden Hand seines Vaters Doc, den Wizards die dringend benötige Aufmöbelung der zweiten Garnitur verschafft, steht also infrage. Immerhin läuft der Vertrag nur über die kommende Saison, das Risiko bleibt gering.

Ohne Gortat muss ein neuer Center her, Ian Mahinmi soll/darf trotz üppigem Vertrag nicht die Antwort auf die Frage nach dem neuen Starter auf der Fünf sein. Denkbar ist die Adaption eines Smallball-Lineups mit Markieff Morris als verkapptem Center. Die Verpflichtung eines neuen Bigs wird dennoch unumgänglich. Der bei den Dallas Mavericks in Ungnade gefallene Nerlens Noel ist billig zu haben und daher eines der wahrscheinlichsten Ziele.

Günstig zu haben muss er sein, denn Washington hat bereits 124 Mio. $ an garantierten Gehältern vergeben und somit kaum Spielraum für Neuzugänge. Aufgrund des teuren Rosters und des dysfunktionalen Locker Rooms sowie im Hinblick auf den Sommer 2019, wenn Markieff Morris' Vertrag ausläuft, gelten die Wizards als Kandidat für einen größeren Trade, beispielsweise um Bradley Beal.


Personal
Jodie Meeks und Jason Smith haben ihre Player Option gezogen, spielen somit kommendes Jahr wieder unter Coach Scott Brooks. Free Agents werden Tim Frazier, Chris McCullough und Mike Scott. Allesamt sportlich entbehrlich, aufgrund der dünnen Personaldecke jedoch keine selbstverständlichen Abgänge.

Der für die Playoffs geholte nicht ganz freiwillige China-Legionär Ty Lawson hat seine Sache als Backup für Wall einigermaßen anständig gemacht und wird mangels Alternativen mutmaßlich einen Einjahresvertrag unterbreitet bekommen.


Draft
Mit dem 15. Pick entschieden sich die Wizards für Troy Brown Jr., einen erst 18 Jahre alten Flügelspieler mit sportlichem Familienstammbaum – seine Mutter war Leichtathletin, sein Vater spielte College Basketball für Texas A&M. Brown bringt Vielseitigkeit und Entwicklungspotential mit in die Hauptstadt.


In der zweiten Runde wählten die Wizards an 44. Stelle in Issuf Sanon einen ebenfalls erst 18 Jahre alten europäischen Point Guard. Sanon stammt aus der Ukraine, spielt derzeit für KK Olimpija in Slowenien. Er wird zwar für die Wizards in der Summer League spielen, aller Voraussicht nach aber vorerst zwecks mehr Spielzeit und Entwicklungsmöglichkeiten weiter in Europa bleiben.


Zukunft
Der Trade um Gortat lässt vermuten, dass die Wizards nach einer misslungenen Saison nicht mehr dem Credo „weiter so“ folgen. Coach Brooks und GM Ernie Grundfeld sitzen fest im Sattel, dürfen sich aber eine weitere Spielzeit wie die ablaufende nicht erlauben.

Der Kader ist stark genug um wenigstens auf den vierten Platz der Eastern Conference zu schielen und muss keine unfreiwillige Schwächung in der Free Agency befürchten. Sollte die Disharmonie zwischen Wall und Beal aber weiter ein Thema im Locker Room bleiben, wird ein Trade unvermeidlich. Erst 2019 greift Walls Maximalvertrag, der die Wizards im ersten Jahr 37,8 Mio. $ kostet. Spätestens dann muss diese Angelegenheit geklärt sein.

Die europäischen Fans werden die Wizards im Januar 2019 in London live zu sehen bekommen.