22 Juli 2018

22. Juli, 2018


Wie jedes Jahr verliert die NBA Free Agency Mitte/Ende Juli ziemlich an Fahrt. Die namhaftesten Spieler haben ihren neuen Kontrakt unterzeichnet, die meisten Teams ihre Roster gefüllt und nur noch minimalen oder gar keinen Cap Space übrig. Daher lohnt sich ein erstes Fazit: Die NBACHEF-Redaktion hat die Rechnung parat.

von NBACHEFSQUAD

Der WTF-Moment des Sommers

Jan Husmann @JanOnOne: Es ist in den letzten Jahren durchaus vorgekommen, dass Spieler ihre Zusagen an Teams brechen. Was Nemanja Bjelica diesen Sommer abgezogen hat, ist allerdings sehr speziell. Nachdem er sich mit den Philadelphia 76ers geeinigt hatte, sagte er ihnen wenige Tage später wieder ab, da er lieber bei seiner Familie in Europa bleibe. Diese Woche einigt sich Bjelica dann jedoch auf einen Deal mit den Kings und wird nächstes Jahr in Sacramento spielen. Manager Vlade Divac soll dem Forward wohl die Vorteile der NBA gegenüber Europa präsentiert haben. Drei Jahre in Minnesota scheinen dafür nicht gereicht zu haben.

Stefan Dupick @hoopsgamede: Die Lakers verpflichten LeBron James, soweit so gut, denn die Spatzen pfiffen es seit Monaten von den Dächern! Jetzt heißt es, dem King gute (und günstige) Shooter und erträgliche Charaktäre an die Seite zu stellen und was machen die Lakers? Sie verpflichten Rajon Rondo, Lance Stephenson und JaVale McGee – charakterlich nicht die Einfachsten und ganz sicher keine Shooter! Ich glaube ja, dass es funktionieren kann, aber What The Fuck!?

Torben Siemer @LifeOfTorben: An dieser Stelle möchte ich Jabari Parker zitieren, der an seinem ersten Tag bei den Chicago Bulls folgendes sagte: „They don’t pay players to play defense.“ Und weil mir dazu selbst keine bessere Punchline einfällt, kommt hier noch ein Zitat...


Christoph Lenz @NBAKenner: Das W, das T und das F schlugen in einem Dreiklang über die letzten Wochen verteilt ein. Beginnend mit der Meldung, dass Kawhi Leonard aktiv einen Trade weg von den San Antonio Spurs fordert. Es brodelte schon eine Weile, doch die bereits seit einigen Monaten aufkeimenden Gerüchte waren bisher nie stark genug, um dieses Szenario wirklich wahrscheinlich wirken zu lassen. Nach massig Spekulationen, die einem Spieler von Leonards Format durchaus angemessen waren, schlug dann die nächste Bombe ein mit der Meldung, dass ausgerechnet die Toronto Raptors die besten Chancen hätten, der nächste Arbeitgeber des schweigsamen Spurs-Stars zu werden. Trotz dieser Aussagen von seriösen NBA-Journalisten war erst die Verkündung des „Star für Star“-Trades die Vollendung dieses sommerumfassenden WTF-Moments in drei Akten.

Daniel Schlechtriem @W14Pick: LeBron zu den Lakers haben die meisten kommen sehen, auch der Kawhi-Trade war nach dieser Vorgeschichte kein Schocker mehr, deshalb ebenfalls kein richtiger WTF-Moment. Bleibt der Cousins-Wechsel zu den Warriors. Kein Stück weit absehbar, dafür garniert mit jeder Menge Zündstoff. Auf den ersten Blick ein Desaster für die Wettbewerbsfähigkeit in der Association, auf den zweiten mit brisanten Fragen verbunden: Wann und in welcher Verfassung kehrt Boogie von seiner Verletzung zurück? Wie verhält er sich im Locker Room unter Champions? Wie reagiert er auf die Anfeindungen, die zweifelsohne kommen werden? Weil die Regular Season des Titelverteidigers wieder ziemlich öde werden wird, wird das die spannendste Story der Bay Area bis April.


Der bedeutsamste Wechsel

Husmann: Wenn der beste Spieler des bisherigen Jahrtausends das Team wechselt, ist das schwer zu übertreffen. LeBron James spielt jetzt bei der wahrscheinlich berühmtesten Basketballmannschaft der Welt und will dieser zu altem Ruhm verhelfen. Außerdem entsteht dadurch ein weiterer Playoff-Anwärter in der Western Conference. Kein Wechsel aus diesem Sommer wird das Aussehen der Liga im nächsten Jahr stärker verändern.

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Dupick: Frei nach dem Motto: „Es kann nur einen geben“ muss hier eigentlich der King stehen! Da ich mich aber bei WTF schon gegen Boogie entschieden habe, bekommt DeMarcus Cousins hier den Zuschlag. Die Warriors waren vor der Verpflichtung der Favorit auf den Titel und sind es hinterher auch noch. Sollte Boogie ansatzweise sein altes Niveau erreichen, dann bin ich sehr gespannt, ob er sich beim Champion unterordnen kann... What The Fuck... ach nee, das war ja was anderes...

Siemer: Aus LeBron wird LA-Bron. Wenn der auch nach 15 Saisons und acht Finals in Serie zumindest scheinbar kaum alternde beste Spieler seiner Generation wechselt, ist das die größte Nachricht des Sommers. Vor allem, wenn das Ziel der Reise die Lakers sind. Auch wenn es bereits in den Wochen zuvor ein offenes Geheimnis war, dass es James gen Westen zieht. LeBron in Purple & Gold, mehr Glitzer geht in der NBA nicht.

Lenz: Der einzige Wechsel dieser Offseason über den in fünf, zehn und zwanzig Jahren mit hoher Wahrscheinlichkeit regelmäßig gesprochen werden wird, ist der Wechsel von LeBron James zu den Los Angeles Lakers. Die Bedeutsamkeit dieser Entscheidung dürfte weniger in der kommenden Saison liegen, als vielmehr in der Gesamtheit des frisch unterschriebenen Dreijahresvertrags (plus ein Jahr Player Option) mit Blick auf mittelfristige sportliche Erfolge sowie die „Legacy“ eines der besten Spieler aller Zeiten, sowohl während als auch nach seiner aktiven Zeit.

Schlechtriem: LeBron James zu den Lakers. Dank ihm sind sie wieder wer. Natürlich kein Contender und bei diesem Sammelsurium an zwielichtigen Gestalten, die als Zuarbeiter ausgesucht wurden, für mich zumindest 2018/19 nicht mal ein garantiertes Playoff-Team. Dennoch hat James' Wechsel vor allem aufgrund der Länge des Kontrakts und dem damit verbundenen klaren Bekenntnis die größte Auswirkung auf die NBA der nächsten Jahre.


Der beste freie Spieler

Husmann: Clint Capela ist weiterhin zu haben. Einen Abgang aus Houston kann ich mir kaum vorstellen. Wahrscheinlicher ist, dass er via Qualifying Offer bei den Rockets bleibt und dann 2019 erneut auf den Markt kommt. Viele Spieler haben sich mit kleinen Verträgen zufriedenstellen lassen. Capela ist von seinen Forderungen hingegen nicht abgerückt.

Dupick: Clint Capela! Der Schweizer ist ein gutes Beispiel dafür, dass in diesem Sommer das Geld nicht (bzw. seltener) raus gehauen wird. Der Center ist RFA, die Rockets wollen ihn halten, allerdings liegen die finanziellen Vorstellungen zu weit auseinander. Während Capela sich für einen Max-Player hält, wollen die Rockets den Schweizer günstiger binden um nicht zu weit in die Luxury Tax zu geraten. Da aus dem Markt kein Angebot kommt, müssen die Rockets nicht mitziehen und könnten den Center am Ende sogar günstig behalten, zumindest für ein Jahr.

Siemer: Clint Capela. Das erste Angebot der Rockets lehnte der Center offenbar als unzureichend ab – das Problem: Kaum jemand hat in diesem Jahr Geld über. Das viele frische Geld, das 2016 erst verfügbar und dann großzügig verteilt wurde, fehlt jetzt spürbar. Capela hat sich mit seiner Entwicklung den Zahltag verdient und den wird er letztlich von den Rockets auch bekommen. Daryl Morey hat kaum eine andere Wahl, als sich mit dem Schweizer auf einen neuen Deal zu einigen. Und Capela auch nicht, denn mehr Dollar als Houston kann ihm keine ernstzunehmende Franchise mehr bieten.

Lenz: Zu diesem Zeitpunkt ist das ohne jeden Zweifel Clint Capela. Diskutabel ist lediglich wie frei er wirklich ist, angesichts seines Status als Restricted Free Agent. Ein Wechsel in diesem Sommer ist mehr oder weniger ausgeschlossen, dennoch ist diese vakante Vertragssituation die spannendste ausstehende Free Agent Entscheidung mit potentiellen Implikationen für die kommende Saison und die Free Agency 2019, sollte er per Qualifying Offer dann zum Unrestricted Free Agent werden.

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Schlechtriem: Alle nennen Capela, dabei ist der nicht wirklich frei. Das einzige Team, das zum jetzigen Zeitpunkt noch ein einigermaßen akzeptables Angebot abgeben könnte, sind die Kings – und dieses Angebot matcht Houston locker. Daher bringe ich noch etwas Vielfalt in die Kategorie und nenne Jamal Crawford. Der hat eine Player Option in Höhe von 4,5 Mio. $ bei den Timberwolves verstreichen lassen, offenbar in Erwartung eines Vertrags bei einem Contender. Dazu ist es bisher nicht gekommen, was ich nicht ganz verstehe. Crawford ist 38 und gewiss nicht mehr die Mikrowelle bester Tage – aber kommt schon: Bei den vielen Einjahresdeals sollte für einen rüstigen dreifachen Sixth Man of the Year (zuletzt 2016) noch irgendwo Platz sein.


Der Dirk Nowitzki-Award für den teamfreundlichsten Vertrag

Husmann: Titelanwärter haben es oft leichter, Spieler günstig zu verpflichten. Einen mehrfachen All-Star im Alter von 27 Jahren zu einem verhältnismäßig lachhaftem Gehalt von 5,3 Mio. $ zu verpflichten ist aber auch für die Golden State Warriors nicht alltäglich. DeMarcus Cousins' Marktwert litt mit Sicherheit auch unter seiner Achillessehnenverletzung im Februar. Dennoch hätte er an anderen Orten finanziell mehr rausschlagen können. Nachdem er über seine bisherige Karriere nicht vom Erfolg verfolgt wurde, stand das Geld jedoch nicht an der Spitze seiner Prioritätenliste.

Dupick: Julius Randle geht für neun Mio. $ im Jahr zu den Pelicans. Randle ist ein solider NBA Spieler und hat mit seinen 23 Jahren noch eine Menge Potential. Es bleibt abzuwarten, wie gut die Rotation mit Anthony Davis, Nikola Mirotić und Randle in New Orleans funktionieren wird, für den Moment lässt sich jedoch festhalten, dass der Preis absolut fair ist, denn viele Experten sahen den Forward eher auf der Suche nach 14-18 Mio. $ für einen langfristigen Vertrag.

Siemer: Dirk Nowitzki. Auch wenn der Vertrag noch nicht final verhandelt geschweige denn unterschrieben ist. Wenn ein Award noch während deiner aktiven Zeit nach dir benannt wird, gewinnst du ihn so lange, bis du die Schuhe endgültig an den Nagel hängst. Was übrigens nach dem Ende dieses nächsten Vertrags der Fall sein dürfte... (hier schneidet doch gerade jemand Zwiebeln, oder?)

Lenz: Angesichts der zahlreichen Deals, die finanziell hinter den Erwartungen der Spieler und deren Agenten blieb, gibt es reichlich Anwärter auf diesen Award. Meine Wahl fällt auf den etwas speziellen Fall von DeMarcus Cousins, dessen Vertrag auf den ersten Blick die einfachste Wahl ist, aber sicher kein No-Brainer. Denn er wird in 2018-19 maximal ein halbes Jahr für die Warriors aktiv sein können und eine gemeinsame Zukunft darüber hinaus ist quasi ausgeschlossen. Nichtsdestotrotz ist ein Spieler seines Kalibers zu diesem Preis ein absolutes Geschenk, das die anderen General Manager der Liga durch ihre Passivität und Vorsicht in der Herangehensweise an den „Boogie-Markt“ den Golden State Warriors gemacht haben.

Schlechtriem: Isaiah Thomas. Okay, wir wissen nicht wie es um seine Hüfte steht und der unkomplizierteste Zeitgenosse ist er auch nicht. Außerdem erscheint seine „Brinks-Truck“-Ansage ein Jahr später mehr als unglücklich. Dennoch: Einen so begnadeten, durchsetzungsfähigen Offensivspieler, der 2016/17 noch allabendlich 29 Punkte aufs Scoreboard gezaubert hat, für minimales Geld? Ein Traum für die Denver Nuggets, die mit diesem Deal nicht viel verlieren, aber umso mehr gewinnen können. Wenn IT in der Mile High City zu alter Form aufläuft, springt Denvers Offensive locker in die Top-5 der Liga.



Der Miles Plumlee-Award für den miesesten Vertrag

Husmann: Alternativ könnte dieser Award auch der Juli-2016-Gedächtnis-Award heißen. Aus dem Sommer vor zwei Jahren haben die Entscheidungsträger in der NBA allerdings gelernt. Einjahresverträge standen größtenteils auf der Tagesordnung. Eine Ausnahme ist dabei allerdings Zach LaVine. 78 Mio. $ erhält der Shooting Guard in den nächsten vier Jahren von den Bulls, die von den Kings in diese unschöne Situation gebracht wurden.

Dupick: Mein liebster Award! Jedes Jahr gibt es dieses Signing, welches man zunächst nicht glauben möchte. In diesem Jahr gibt es hier leider keine Sensation, dennoch ist der eine oder andere Vertrag fragwürdig. Ich entscheide mich hier eindeutig für Zach LaVine und seine vier Jahre für 78 Mio. $. Der Guard bleibt in Chicago, es waren aber nicht die Bulls, die LaVine diesen Vertrag angeboten haben, sondern mal wieder die Sacramento Kings. LaVine war RFA, d. h. die Bulls konnten bei diesem Angebot mitziehen und haben dies auch getan. LaVine ist ein guter Scorer und kann sich mit seinen 23 Jahren auch noch entwickeln, das Bust-Potential ist jedoch vorhanden und 19,5 Mio. $ pro Jahr sind einfach zu viel (vgl. Will Barton bekommt 13,5 Mio. $/Jahr, Avery Bradley bekommt 12,5 Mio. $/Jahr).


Siemer: Chris Paul ist Präsident der Spielergewerkschaft NBPA. In dieser Position verhandelte er 2017 den neuen Vertrag zwischen Spielern und Liga. Und damit eine Änderung, die in diesem Sommer sowohl ihm als auch seinem guten Freund LeBron James zu einem lukrativen Deal verhalf. Aus der Over-36 wurde die Over-38-Rule, wodurch CP3 (4 Jahre/160 Mio. $) und LBJ (4 Jahre/154 Mio. $) trotz ihrer mittlerweile 33 Jahre noch einmal langfristig unterschreiben konnten. Während LeBron aber Father Time regelmäßig besiegt, verpasste Paul in den vergangenen beiden Jahren 45 von 162 regulären Saisonspielen und fehlte zuletzt auch in den entscheidenden Partien sechs und sieben der Western Conference Finals gegen Golden State. Aber: Ein mieser Deal wird daraus nur aus Team-Sicht – ein (vermeintlich) überbezahlter Spieler hat schlicht und einfach nur (sehr) gut verhandelt.

Lenz: In einem Sommer, in dem nur wenige Teams bereit waren sich langfristig zu binden und damit insgesamt hohe Summen an einzelne Spieler zu versprechen, ist der Kandidatenkreis hier eher klein. Denn ein Vertrag über ein oder zwei Jahre kann kaum als „mies“ bezeichnet werden, da das Risiko sehr limitiert ist. Der Blick auf die Summe über die gesamte Vertragslaufzeit offenbart, dass nur sieben Spielern mehr als 60 Mio. $ über die Vertragslaufzeit ausgezahlt werden wird. Dabei handelt es sich um die Herren Paul, James, Jokić, George, Gordon, LaVine und Durant. Der Name der ins Auge sticht, weil er nicht ansatzweise zu den anderen passt, ist Zach LaVine. Mit 78 Mio. $ über vier Jahre liegt er nicht mal am unteren Ende dieser Skala. Für einen Spieler, der erst vor wenigen Monaten von einer schweren Knieverletzung zurückgekehrt ist: Zu viel. Für einen der schlechtesten Verteidiger der Liga: zu viel. Für einen inkonstant treffenden Spieler, der zuletzt unter den schlechtesten Wurfquoten bei einer hohen Wurfanzahl rangierte: zu viel. Für jemanden wie Zach LaVine, der diese Eigenschaften in sich vereint: Viel, viel zu viel.

Schlechtriem: Bei Dante Exum, Doug McDermott und Kyle Anderson habe ich mich über die Höhe des neuen Deals schon etwas gewundert – vom Namensgeber dieses Awards heben sie sich aber in Sachen Produktivität und/oder Potential doch noch etwas ab. Anders Zach LaVine. Nicht nur in Höhe, sondern auch in Länge ist dieser Vertrag überhaupt nicht zu rechtfertigen, auch nicht mit den Eigenheiten der Restricted Free Agency. Die Bulls hätten LaVine einfach ziehen lassen sollen, allein schon angesichts der Tatsache, dass es die Sacramento Kings und deren eigenwillige Talentevaluation war, die diesen Vertrag aufgesetzt haben. Vielleicht hat Vlade auch einfach nur einem Agenten einen Gefallen getan.