25 Juli 2018

25. Juli, 2018


Die Free Agency 2018 ist beinahe gelaufen, doch das Sommerloch hat die NBA noch nicht eingeholt. Denn an der Trade-Front laufen die Maschinen jetzt erst so richtig heiß und machen auch vor den ganz großen Kalibern nicht halt. Wie immer serviert die Chefküche die wichtigsten Deals mundgerecht.

von DANIEL SCHLECHTRIEM @W14Pick

Die Personalie Carmelo Anthony stopfte bereits 2017 besagtes Sommerloch und endete erst Ende September in einem ungeahnten Trade der New York Knicks mit den Oklahoma City Thunder. Im Sommer 2018 steht der Name Anthony wieder in den Schlagzeilen, dieses Mal jedoch mit deutlich weniger Melo-Drama.

Nach nur einem Jahr endet Melos Stelldichein in OKC als Missverständnis, das deren GM Sam Presti in Einkauf (Enes Kanter, Doug McDermott, 2018 2nd Round Pick) und Verkauf (2022 1st Round Pick) zwar nicht ganz billig, aber auch nicht allzu teuer zu stehen kommt – dank dieses Trades und vor allem der Zustimmung der Atlanta Hawks.


Der Trade

ATL: Carmelo Anthony, Justin Anderson, 2022 1st Round Pick (OKC, geschützt #1 bis #14)
OKC: Dennis Schröder, Timothé Luwawu-Cabarrot
PHI: Mike Muscala



76ers

Die Sixers wirken bei diesem Trade mit, um einen Ersatz für Nemanja Bjelica in die Stadt der brüderlichen Liebe zu holen. Bjelica baute einen DeAndre – d. h. der Serbe widerrief seine Zustimmung zu einem Wechsel nach Philadelphia, zunächst angeblich weil er eine Rückkehr nach Europa präferierte, später einigte er sich dann aber mit den Sacramento Kings auf einen deutlich besser dotierten Vertrag.

Als Reaktion auf diese Unprofessionalität Bjelicas holen die 76ers nun in Mike Muscala einen anderen Big Man mit Shooter-Qualitäten. Der 27-Jährige traf vergangene Saison für die wenig kompetitiven Hawks solide 37,1% von der Dreierlinie und soll in Philadelphia damit für mehr Spacing sorgen.

Im Austausch für den stagnierenden Justin Anderson und den bisher nur wenig in Erscheinung getretenen Timothé Luwawu-Cabarrot eine annehmbare Alternative zu Bjelica, ohne jedes Risiko. Muscalas fünf Mio. $ schwerer Vertrag läuft im nächsten Sommer aus.



Hawks

Für Atlantas GM Travis Schlenk war von Beginn an klar, dass seine Falken in dieser Offseason nicht auf Jagd nach den besten Free Agents gehen. Denn diese wären am schlechtesten Team der Eastern Conference ohnehin nicht interessiert gewesen, zudem würde eine hochkarätige Addition nicht zur aktuellen Ausrichtung der Franchise passen. Schlenks Fokus liegt auf 2020, 2021 oder noch später. Nicht zufällig hat er in der ersten Draft-Runde diesen Jahres Trae Young und Kevin Huerter, zwei Teenager, nach Atlanta geholt.

Der vorhandene Cap Space war also für Trades eingeplant, um schlechte Verträge ambitionierterer Teams aufzunehmen und sich diese Gefälligkeit mit Draft Picks und/oder jungen Spielern entlohnen zu lassen.

Auf den ersten Blick ist Atlanta dies mit dem Trade um Carmelo Anthony gelungen. Die Hawks nehmen einen Veteranen mit dickem Kontrakt auf und entlassen ihn sofort, bekommen dafür einen Erstrunden-Pick sowie in Justin Anderson (24) einen jungen, noch formbaren Spieler, der bisher zwar auf dem NBA-Parkett wenig überzeugte, in Atlantas Version des „Process“ jedoch mehr Einsatzchancen erhalten wird als in Philadelphia.

Auf den zweiten Blick sind die erworbenen Anlagegüter allerdings nur ein besserer Trostpreis: Der Erstrunden-Pick der Thunder kommt nicht in naher Zukunft – wenn die Hawks ihn am ehesten bräuchten – zum Tragen, sondern erst 2022. Und er ist nicht einmal garantiert, sondern wird sofort zu zwei 2nd Rounder konvertiert werden, sollten die Thunder in diesem Jahr die Playoffs nicht erreichen.

Auch der Bonus, Dennis Schröder und seinen noch drei Spielzeiten lang laufenden Vertrag sofort zu streichen, will nicht recht überzeugen. Der deutsche Nationalspieler verlangte zwar öffentlich nach einem Team mit mehr Wettbewerbsfähigkeit als die Hawks, die noch auf absehbare Zeit tief im Rebuild stecken. Mit Schröder in die neue Saison zu gehen hätte die Integration vor allem Trae Youngs als neuem Playmaker gestört. Seinen Vertrag abzustoßen war also der richtige Schritt.


Allerdings wirft auch dieser Part des Deals kein sonderlich gutes Licht auf Schlenk. Es fällt schwer zu glauben, dass bis zur Trade Deadline im nächsten Februar die Masse an Cap Space nicht sinnvoller bzw. gewinnbringender hätte genutzt werden können. Altanta wäre das einzige Team der Association mit über 20 Mio. $ Raum gewesen und hätte diesen Exklusivstatus nutzen können, um in Verhandlungen die Interessenten gegeneinander auszuspielen.

In ähnlicher Situation wie die Hawks verhandelten die Brooklyn Nets deutlich besser. Nets GM Sean Marks nahm ohne Gegenleistung (= Isaiah Whitehead) die Verträge Kenneth Farieds und Darrell Arthurs von den Denver Nuggets auf und erhielt dafür einen geschützten 1st Round Pick bereits im nächsten Draft, zudem einen 2nd Round Pick 2020 obendrauf.

Anschließend tradete er Arthur zu den Phoenix Suns für Jared Dudley sowie einen weiteren 2nd Round Pick. Marks hat aus praktisch Nichts drei Picks sowie weitere Trade Assets und/oder auslaufende Verträge gemacht. Im Vergleich dazu erscheint das Paket der Hawks mehr als dürftig.


Thunder

Oklahoma City schlägt zwei Fliegen mit einer Klappe. Dass sie Carmelo Anthony über den Sommer behalten werden war angesichts der drohenden Payroll von über 300 Mio. $ undenkbar, insbesondere da der 34-jährige zehnfache All-Star spätestens in den Playoffs den Erwartungen nicht gerecht wurde.

Als Alternative zum Trade Anthonys hätten die Thunder seinen 28 Mio. $ schweren Vertrag strechen und somit den eigenen Cap auf die nächsten drei Jahre mit etwas über neun Mio. $ belasten müssen. Da sie Melos Kontrakt jedoch auf diese Weise deutlich bequemer aus den Büchern bekommen, senken sich die Personalkosten von über 300 Mio. $ auf derzeit knapp 240 Mio. $.


Der zweite Vorteil dieses Trades: Die Thunder müssen Melo nicht ohne Gegenwert entlassen. Dieser Gegenwert heißt Dennis Schröder und wird fortan als Backup für Franchise Player Russell Westbrook fungieren.

Mit der Personalie Schröder geht zwar auch ein gewisses Risiko einher, denn auf den Braunschweiger wartet noch ein Gerichtsverfahren wegen Körperverletzung, das mutmaßlich eine Sperre durch die NBA nach sich ziehen wird. Auch auf sportlicher Ebene ist der deutsche Nationalspieler nach seiner durchwachsenen Saison in Atlanta vor allem in den Kernbereichen Shooting und Defense nicht unumstritten.

Ein Beitrag geteilt von Dennis Schröder (@ds17_fg) am

Zudem halten Schröders garantierte 15,5 Mio. $ pro Jahr bis 2021 – sehr viel für die Planstelle eines Backups – die Thunder fest im Griff der Luxury Tax. In eben jener Spielzeit 2020/21 wird OKC 120 Mio. $ allein für das Quartett Westbrook, Paul George, Steven Adams und eben Schröder bezahlen. Sam Presti sind damit die nächsten drei Jahre die Hände gebunden. Hinter der finanziellen Stabilität eines der kleinsten Märkte der Liga steht weiterhin wenigstens ein dünnes Fragezeichen.

Dennoch – und das scheint in OKC derzeit oberste Priorität zu haben – verbessern sie mit diesem Deal die sportliche Perspektive, ein Upgrade zu Raymond Felton ist Schröder allemal. Im Idealfall gedeiht er wie Reggie Jackson vor ihm als Stellvertreter sowie streckenweise als Adjutant Westbrooks und bringt seine zuletzt etwas in Schieflage geratene Karriere wieder in die Spur.

Dann haben die Thunder etwas mehr Qualität auf der Bank und Westbrook, der im November seinen 30. Geburtstag feiert, endlich mehr Entlastung.


Fazit

Die 76ers haben eine Lücke geschlossen, ohne dafür etwas von Wert abzugeben. Die Thunder sparen nicht nur eine Menge Geld, sondern verbessern sich sportlich, ebenfalls ohne hierfür tief in die Tasche zu greifen.

Die Hawks hingegen übernehmen die nebulöse Rolle in diesem Deal, ihre Beweggründe bleiben unklar. Für den einzigen kurzfristigen Vorteil, im Sommer 2019 noch mehr Cap Space zu haben, bezahlen sie einen zu hohen Preis.

Vorteil: 76ers & Thunder