21 Juli 2018

21. Juli, 2018


Die Free Agency 2018 ist beinahe gelaufen, doch das Sommerloch hat die NBA noch nicht eingeholt. Denn an der Trade-Front laufen die Maschinen jetzt erst so richtig heiß und machen auch vor den ganz großen Kalibern nicht halt. Wie immer serviert die Chefküche die wichtigsten Deals mundgerecht.

von DANIEL SCHLECHTRIEM @W14Pick

Die Massenwanderung der NBA-Superstars schreitet ungehindert voran und findet seinen vorläufigen Klimax des Kalenderjahres 2018. Klimax deswegen, weil es in Kawhi Leonard nicht nur einen der Top 5, sondern auch einen Spieler der San Antonio Spurs betrifft – der Franchise, die stets als Vorbild für alle anderen galt, als am besten geführte der Association.

Dass ein Ausnahmespieler der Spurs auf dem Zenit seines Schaffens überhaupt einen Trade fordert, diesem Team und vor allem Coach Gregg Popovich den Rücken zukehrt und somit intern wie in der Außendarstellung für Unruhe sorgt, war bereits unerhört – nie vorher dagewesen. Nun sah sich das Management der Spurs genötigt, den finalen Schritt zu gehen, die seit Monaten andauernde Soap Opera zu beenden und Kawhi zu traden.

In bestem kaufmännischem Interesse entschieden sich die Texaner für das vielversprechendste Angebot, dank dem sie nicht nur sportlich relevant bleiben, sondern ihren besten Spieler nicht an einen Konkurrenten der Western Conference abgeben müssen. Leonard, dessen präferierte Destination Los Angeles gewesen sein soll, muss statt Badehosen Winterklamotten shoppen. Er wechselt gemeinsam mit Veteran Danny Green in den kalten Norden, zu den Toronto Raptors.


Der Trade

SAS: DeMar DeRozan, Jakob Pöltl, 2019 1st Round Pick (TOR, geschützt #1 bis #20)
TOR: Kawhi Leonard, Danny Green, Cash Considerations



Raptors

Hier endet das Drama aber nicht, denn auch auf der kanadischen Seite sind verletzte Gefühle involviert. Torontos Shooting Guard DeMar DeRozan hat in den letzten Jahren Stadt und Franchise repräsentiert, die Fahnen der Raptors hoch gehalten wie sonst keiner.

Als es die Situation erforderte stellte er sein Spiel um, wandelte sich geradezu nahtlos vom Mitteldistanzschützen zum effektiven Dreierschützen. Alles im Dienste der Mannschaft. Alles für den Club.


DeRozan verliert nicht nur seine sportliche Heimat, sondern auch seinen besten Freund Kyle Lowry, mit dem er zusammen einen der besten Backcourts der Eastern Conference stellte. Entsprechend verärgert bis entrüstet die Fanbase der Raptoren: Sie beklagen DeRozans Überweisung nach Texas als Untreue und Unredlichkeit.

DeMar selbst bezichtigt die Verantwortlichkeiten sogar des Wortbruchs. Noch während der kürzlich stattgefundenen Summer League sollen sie ihm versichert haben, dass er nicht getradet werde. Dieser Vorwurf trat eine Diskussion über Loyalität in der NBA los und brachte dem bald 29-Jährigen immerhin Solidaritätsbekundungen von zahlreichen aktuellen und ehemaligen Spielern ein.


Auf einer Pressekonferenz entschuldigte sich Teampräsident Masai Ujiri für die „Miskommunikation“ mit DeRozan. Die emotionale Komponente dieses Trades ist also noch aufwühlender als beim Deal um Isaiah Thomas von den Boston Celtics zu den Cleveland Cavaliers im vergangenen Jahr. Doch wie damals die Kelten haben die Raptors fernab aller Emotionen eine einschneidende sportliche Entscheidung im Sinne der Wettbewerbsfähigkeit des Teams getroffen.

Nach dem desaströsen Aus in den Playoffs gegen die Cleveland Cavaliers, dem erneuten Sweep durch LeBron James, die Stadt und Team den wenig reizvollen Beinamen LeBronto verlieh, mussten Köpfe rollen. Die Entlassung von Trainer Dwane Casey war den Verantwortlichen offensichtlich nicht genug.

Denn bei aller Liebe und Loyalität der Fans zu DeRozan fällt das sportliche Urteil über seine Fähigkeiten als zentraler Fixpunkt der Mannschaft wenig schmeichelhaft aus. Drei Mal in Folge sind die Raptors mit DeRozan als Leitfigur an den Cavaliers gescheitert, zwei Mal davon via Sweep.

DeMars Leistungsnachweis in der diesjährigen Serie: 16,8 Punkte, 2,8 Assists – deutlich unter dem, was die Raptors von ihm kennen und erwarten. Dazu traf er in den vier Spielen gegen Cleveland keinen einzigen Dreier, seine neun Versuche im ersten und zweiten Spiel gingen allesamt daneben, in Spiel drei und vier probierte er es gar nicht mehr aus der Distanz.

Diese Bilanz ist zu ernüchternd, um mit neuem Steuermann aber alter Besetzung in die nächste Saison zu gehen und legitimiert somit einen Trade DeRozans, vor allem da die Raptors in Kawhi Leonard den besten Spieler des Deals erhalten.


Mit dem Finals MVP (2014) und zweifachen Defensive Player of the Year (2015, 2016) Leonard an Bord gehen die Raptors in der LeBron-losen Eastern Conference all-in. Um endlich den ersehnten Einzug in die Finals zu schaffen haben sie mindestens dieses eine Jahr, die Saison 2018/19, solange Kyle Lowry (32), der ebenfalls aus San Antonio akquirierte Danny Green (31) sowie Serge Ibaka (wer weiß?) noch annähernd in ihrer Prime agieren.

Das Risiko dieses Deals ist bekannt und kalkuliert. Kawhi wird im Sommer 2019 Unrestricted Free Agent, das ultimative Druckmittel, um von seinem Ex-Team einen Trade zu forcieren. Der 27-Jährige liebäugelt angeblich mit den großen Märkten Los Angeles und New York.

Schon kurz nach dem Trade kamen erste Gerüchte auf, nach denen Leonard kein Interesse daran habe für die Raptors zu spielen und vor allem dem eisigen Wetter des Nordens nicht sonderlich zugetan sei. Im schlimmsten Falle würde er sich dem Team versperren oder sich gar vor ihnen verstecken, so geschehen neulich mit den Spurs.


Doch kann sich Leonards Karriereplanung ein weiteres Jahr fernab des Parketts überhaupt leisten? Welcher Club würde ihn mit einem Langzeitvertrag in dreistelliger Millionenhöhe ausstatten, nachdem er zwei Spielzeiten in Folge wenig bis gar nicht auf dem Feld stand?

Ujiri entkräftete die schlimmsten Befürchtungen: Ihm gegenüber habe Kawhi nicht den Eindruck gemacht, kein Interesse daran zu haben, in Toronto zu spielen.


Ohnehin würden die Raptors weich fallen, sollte der schlimmste Fall eintreten und Kawhi nach nur einem Jahr das Weite suchen. DeRozan bis ins Jahr 2021 zu bezahlen, wenn er annähernd 32 Jahre alt sein wird, war nach dem erneut enttäuschenden Auftritt in den Playoffs keine Option.

Geht der Plan mit Kawhi nicht auf, hat Masai Ujiri im Sommer 2020 nun ohne DeRozan eine beinahe komplett blanke Payroll zur Verfügung. Lediglich 10 Mio. $ sind nach heutigem Stand garantiert. Ujiri könnte mit dicken Verträgen neue namhafte Spieler in den Norden locken, oder aber in den Rebuild gehen und eifrig Picks sammeln für eine neue Raptoren-Generation.

Aufgrund des bereits erwähnten fortgeschrittenen Alters einiger Schlüsselspieler wäre ein Reset zumindest in der soften Variante auch mit DeRozan in zwei bis drei Jahren unumgänglich gewesen.


Spurs

Ebenso wie Tony Parkers völlig unerwarteter Wechsel zu den Charlotte Hornets markiert der Abgang Kawhi Leonards zwar keinen Wendepunkt, aber den nächsten großen Schritt in eine neue Ära dieser so erfolgreichen Mannschaft, der erfolgreichsten der letzten 20 Jahren. Vom letzten Meisterschaftsteam 2014 stehen nun nur noch Manu Ginóbili und Patty Mills sowie der zurückgekehrte Marco Belinelli im Aufgebot der Spurs, von den damaligen Startern ist keiner mehr übrig.

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Kawhi war auserkoren, die Spurs in ein neues Zeitalter zu führen, nun obliegt es einem anderen, in diese riesigen Fußstapfen zu treten. Vielleicht ja DeMar DeRozan.

In den Verhandlungen um Leonard blieben sich die Spurs treu. Die Los Angeles Lakers und Philadelphia 76ers boten den Texanern vor allem Zukunftsperspektive in Form von Draft Picks und jungen Spielern, stießen dabei aber auf wenig Begeisterung. Die Spurs verlangten nach gestandenen Spielern, darum der Trade mit den Raptors, denn einen Akteur dieser Erfahrung und Qualität konnten oder wollten die anderen Interessenten nicht auf die Waagschale legen.


Überhaupt ergibt die Addition DeRozans für die Spurs sehr viel Sinn. Vergangenes Jahr stellten sie – ohne Leonard – eine immer noch elitäre Verteidigung (4. in Defensiver Effizienz). Auf der anderen Seite des Felds agierten sie jedoch unterdurchschnittlich (17. in Offensiver Effizienz) bis miserabel (25. in True Shooting Percentage, 26. in Effective Field Goal Percentage).

Diese offensive Impotenz ist sicherlich auf die Abwesenheit Leonards zurückzuführen, dennoch fehlte den Spurs schon zu Zeiten, in denen Kawhi noch gewillt war, das silber-schwarze Trikot überzustreifen, ein weiterer vielseitiger Scorer von gehobenem Format.

DeMar DeRozan erfüllt dieses Kriterium besser als die allermeisten seiner Zunft und gibt nicht zuletzt dank seines verbesserten Dreiers Coach Popovichs aufs Big Men Game zentrierte Offensive eine neue Dimension.

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Apropos Big Men Game: Dass die Spurs den Österreicher Jakob Pöltl als zusätzlichen Teil des Deals ausgesucht haben ist gewiss kein Zufall. Der 22-jährige 2,13 Meter Recke galt bei den Raptors als Kronprinz für den nicht unumstrittenen Jonas Valančiūnas, nun darf er im Idealfall keinen geringeren als Pau Gasol (38) beerben.

Für Pöltls Entwicklung ist dieser unfreiwillige Tapetenwechsel ein Lotteriegewinn. Während die ligaweite Tendenz zum Small Ball immer stärker wird, vertraut Coach Popovich weiter auf sein System mit zwei Bigs. Hinter den alternden Gasol und LaMarcus Aldridge sind einige Minuten frei, in denen der gebürtige Wiener Pöltl zum Zug kommen wird, nebenbei kann er sich von besagtem Duo einiges abschauen. Davon ab beehrt hin und wieder ein gewisser Tim Duncan die Trainingsstätten der Spurs mit seiner Anwesenheit.


Coach Popovich und General Manager R.C. Buford haben aus ihrer misslichen Lage das Maximum herausgeholt und stehen nun, nachdem der sich längst abgezeichnete Wechsel Kawhi Leonards Realität geworden ist, sicherlich nicht besser da als 2017 – definitiv aber besser als in der letzten Spielzeit, ohne Kawhi.

Mit DeRozan als erster offensiver Option im Backcourt sowie Pöltl als zusätzlichem qualitativen Center müssen die Spurs nicht um die Playoffs bangen, wie es ohne einen Kawhi-Trade und dessen anhaltendem Groll befürchtet worden war.

Im Gegenteil: Nachdem die Texaner 2018 nur äußert knapp die Playoff-Qualifikation gemeistert haben, nur einen einzigen Sieg vor den neuntplatzierten Denver Nuggets, melden sie sich mit diesem Trade im Rennen um die oberen vier Plätze der Western Conference zurück.

Erst recht da nun intern endlich Ruhe einkehrt und die Spurs sich wieder auf das konzentrieren können, was sie in den letzten 20 Jahren so stark gemacht hat – einfach die Spurs zu sein.


Fazit

Toronto hat für Leonard einen hohen Preis bezahlt, aber keinen zu hohen. Mit neuem Coach und neuem Franchise Player überlassen sie die oberen Ränge der Eastern Conference im ersten Jahr n. Lbr. (nach LeBron) nicht kampflos den Boston Celtics und Philadelphia 76ers.

Dank dieses Trades hat der Osten wieder an Zugkraft und Spannung gewonnen. Die Raptors wollen unbedingt das Team sein, das nach acht Jahren LeBron die Finals erreicht. Dass sie dafür über sprichwörtliche Leichen gehen, haben sie mit diesem Deal bewiesen.

Die Spurs hingegen halten sich sportlich relevant, solange Popovich an der Seitenlinie steht. Der bereits erwähnte Umbruch in den nächsten zwei bis drei Jahren ist angesichts der Altersstruktur des Kaders (und auch Popovichs selbst) unvermeidlich, bis dahin erweist der fünffache Champion der restlichen Western Conference jedoch nicht den Gefallen, ihren seit 1998 abonnierten Playoff-Rang freiwillig zu räumen. Für den ganz großen Coup, den Primus Golden State Warriors noch einmal ernsthaft herauszufordern, reicht es jedoch auch mit DeMar DeRozan in dieser Ära aller Voraussicht nach nicht mehr.

Verlierer sind bei diesem Trade ein Stück weit alle Hauptfiguren: Die Spurs, weil sie ihren besten Spieler abgeben mussten. Die Raptors, weil sie ihre Fanbase verprellt und das eigene Ansehen beschädigt haben. DeRozan, weil er die Schattenseite des Business kennengelernt hat. Und Kawhi – vor allem finanziell. Ein Super-Max Kontrakt bei den Spurs hätte ihm weit über 200 Mio. $ eingebracht.


Final ist dieser Trade erst in einem Jahr zu bewerten, wenn Leonards Free Agency ruft. Bis dahin gilt...

Vorteil: Raptors