14 August 2018

14. August, 2018


Das offenste Geheimnis der Offseason 2018 ist seit dieser Woche keines mehr: Free Agent Carmelo Anthony hat sich für die Houston Rockets entschieden und wird in der kommenden Saison an der Seite von James Harden und Chris Paul spielen. Pure Begeisterung kommt im Umfeld des Conference-Finalisten aber nicht auf, denn schon länger bestehen Zweifel an der Leistungsfähigkeit des einstigen Scoring Champions.

von DANIEL SCHLECHTRIEM @W14Pick

Bereits während der Summer League ins Las Vegas Anfang Juli sprachen die Verantwortlichen der Rockets, namentlich GM Daryl Morey und Cheftrainer Mike D'Antoni, mit dem Forward. Melo verhandelte zwar auch mit den Miami Heat, entschied sich jedoch zeitnah für Houston.

Einzig Formalitäten wie die Konstruktion des Trades um Anthony und Dennis Schröder sowie das Buyout-Prozedere bei den Atlanta Hawks zögerten das längst Beschlossene heraus. Die Verkündung, dass der zehnfache All-Star für ein Jahr und das Veteranenminimum über 2,4 Mio. $ in Houston anheuert, war nur noch eine Frage der Zeit.


Nachdem nun die Tinte unter dem neuen Arbeitspapier trocken ist öffnet sich somit auch ganz offiziell die Frage, welchen Melo, welche Version die Rockets bekommen werden: Den starrköpfigen, eigensinnigen „Who? ME?“-Melo, der sich maßlos überschätzt, eine Bankrolle als Beleidigung auffasst, sich immer noch für einen absoluten Superstar hält und eine entsprechende Behandlung verlangt?

Oder doch einen geläuterten Melo, der seine Limitationen und die Ineffizienz seines bisherigen Spiels anerkennt – oder wenigstens als Variante des Olympic-Melo auftritt, der als zugkräftiger Scorer des Superstar-Aufgebots der US-Nationalmannschaft voranging und vier olympische Goldmedaillen mit nach Hause brachte?

Melo-drama oder Melo-tastisch? Für beide Extreme sprechen mehrere Gründe...


Melo-drama

Anthony absolvierte 2017/18 die numerisch mit Abstand schlechteste Spielzeit seiner Karriere. 16,2 Punkte pro Abend bei nur etwas über 40% Trefferquote aus dem Feld sind kein gutes Zeugnis für einen Scorer mit Inselbegabung, der bereits in seiner Rookie-Saison 21,0 Punkte und 42,6% auflegte. Seit seinen besten Jahren 2012 bis 2014 geht Melos Produktion in den wichtigsten Kategorien konstant zurück.

Daraus ist ihm per se kein Vorwurf zu machen, nur die allerwenigsten Spieler halten in gestiegenem Alter ihre Zahlen aufrecht oder verbessern sie gar. Schwerwiegend liegt seine fatale Einstellung, weder Spiel noch Mentalität an die veränderten Prämissen anzupassen.

Im Madison Square Garden drehte sich der Kosmos lange um den Sohn Brooklyns, hier war keine Justierung zu erwarten. Dass ihn sein Heimteam, zu dem er 2011 noch einen Trade forcierte, dann aber für ein spärliches Paket (Enes Kanter, Doug McDermott, 2018 2nd Round Pick) zu den Oklahoma City Thunder schickte, war der erste Schuss vor den Bug – den Melo getrost ignorierte und sich auch bei einem Playoff-Team nicht mehr als nützlicher Faktor erwies.


Warum also sollte er jetzt, in Houston, im Alter von zarten 34, plötzlich Einsicht zeigen und auf Analytics/gesunden Menschenverstand hören? Rockets Coach Mike D'Antoni versuchte bereits zu gemeinsamen Zeiten bei den New York Knicks Melo zu einem modernen Power Forward umzuschulen. Vergeblich. Anthony war eine der treibenden Kräfte hinter D'Antonis nicht ganz freiwilligem Rücktritt während der Spielzeit 2011/12.

Noch zu den Exit Interviews im April betonte Anthony einmal mehr: „I'm not sacrificing no bench role“. Melo verwendet nicht nur die doppelte Verneinung inkorrekt, er bleibt illusorisch bezüglich der eigenen Güteklasse und wird damit zur toxischen Gefahr für den Locker Room seines neuen Teams.

Schaut er wie befürchtet nur auf sich, auf seine eigene Zahlen, auf sein eigenes Spotlight, auf seine antiquierte, ineffiziente Spielweise, wird seine Zeit bei den Rockets noch schneller vorbei sein als die bei den Thunder. Dann folgt er den Spuren Dwight Howards und wechselt fortan jährlich zu einer neuen Mannschaft.



Melo-tastisch

Mit der Akquisition Anthonys schließt sich für die Rockets ein Kreis, denn sie versuchten schon lange, den dritten Pick des renommierten 2003 Drafts nach Houston zu lotsen. Bereits 2010, als erste Trade-Gerüchte um den damaligen Nuggets-Star laut wurden, warf GM Daryl Morey die Angel aus. Der Weg Anthonys zurück ins heimische New York war damals aber schon beschlossene Sache und alle Bemühungen vergeblich.

2014, als Anthony auf Free Agent-Tournee war, machte er nur kurz in Texas halt, gab den Rockets und den Dallas Mavericks jeweils einen halben Tag, um ihn von sich zu überzeugen. Im Nachhinein offenbarten sich beide Visiten nur als Höflichkeitsbesuch, in der engeren Verlosung waren die texanischen Teams nie. Der New Yorker unterschrieb bei seinem Heimatteam für fünf Jahre und 124 Mio. $ – inklusive der seit letztem Jahr berüchtigten No-Trade Klausel.

Diese füllte das Sommerloch 2017, weil der wechselwillige und bei den Knicks nun nicht mehr erwünschte Forward lange Zeit auf einen Wechsel eben zu den Houston Rockets bestand. Das Angebot der Rockets, mutmaßlich Ryan Anderson plus einen unspektakulären 2nd Round Pick, war den New Yorkern nicht genug, sie spielten auf Zeit und gewannen. Kurz vor Saisonstart willigte Melo ein, seine No-Trade Klausel auch für die Thunder aufzuheben.


Nun, ein Jahr später wechselt er schließlich zu den Rockets – und das nicht als (vermeintlicher) Messias wie bei seiner Ankunft in New York oder als Teil einer geplanten Big 3 in Oklahoma City. Melo muss sich einreihen: Hinter Harden und Paul. Und hinter Coach Mike D'Antoni.

Anders als in New York drehen sich die Uhren in Texas nicht um Melo, auch in Bezug auf Coach D'Antoni hat er hier bei weitem nicht den Einfluss, den er noch am Big Apple hatte. Im Gegenteil: D'Antoni weiß als Coach of the Year und Conference-Finalist deutlich mehr Autorität und Rückhalt auf seiner Seite.

Dennoch empfängt er seinen ehemaligen Schützling aus guten Gründen mit offenen Armen. Bei aller Ineffizienz und Regression der letzten Jahre ist Melo noch immer ein vielseitiger Scorer, der in Houstons elitärer Offensive mehr als die 16 Punkte in OKC auflegen wird. Erst recht, da er Zeit seiner Karriere nie einen Playmaker vom Format Chris Paul oder James Harden auf seiner Seite hatte. Nicht bei Nuggets, nicht bei den Knicks und auch nicht bei den Thunder.


Eine Dürrephase wie in der desaströsen zweiten Halbzeit von Spiel sieben der Conference Finals gegen die Golden State Warriors, als die Rockets 27 Dreier in Folge daneben setzten und die Offensive ohne den verletzten Chris Paul für James Harden und Eric Gordon alleine nicht zu stemmen war, wird daher mit Anthony an Bord nicht vorkommen.

Um den eigenwilligen Halbpuertoricaner in den Griff zu kriegen stehen gleich zwei Vertraute als Bezugspersonen bereit. Banana-Boat-Kumpan Chris Paul sowie Center Nenê, der Melo bestens aus gemeinsamen Zeiten in Denver (2003 bis 2011) kennt und mit ihm umzugehen weiß.

Vielleicht wird das auch gar nicht nötig: Optimisten werten die Entscheidung für Houston als ersten Schritt zur Besserung: Anthony hätte bei den Miami Heat deutlich mehr Spotlight, mehr Würfe und unter Umständen in Dwyane Wade einen anderen Banana-Boat-Kumpan vorgefunden, entschied sich aber für eine kleinere Rolle bei den sportlich attraktiveren Rockets.

Melo darf nicht als Ersatz für die abgewanderten Trevor Ariza und Luc Mbah a Moute betrachtet werden. Die Rockets sehen sich weiterhin nach einem Flügelverteidiger um. Vielmehr ist Anthony als Backup Power Forward eingeplant, der zusammen mit Chris Paul (wird etwas früher im Spiel ausgewechselt und dann eingewechselt sobald James Harden das Feld verlässt) die zweite Garde anführt.


Die Personalie Anthony reiht sich ein in eine Serie von nicht unumstrittenen Additionen der letzten Jahre. Coach D'Antonis Akquisition stieß auf heftige Kritik. Eric Gordon galt als verletzungsgeplagt und nicht geschaffen für höhere Aufgaben, gewann jedoch in seinem ersten Jahr bei den Rockets den Award des besten sechsten Mannes und trug im zweiten maßgeblich zur 65-Siege-Saison und dem Einzug in die Conference Finals bei. Eben diese erreichte auch Chris Paul erstmals gleich in seinem ersten Jahr in Houston – vor der Saison war extern die sportliche Koexistenz CP3s mit James Harden infrage gestellt worden.

Kurzum: Die Rockets haben in den letzten Jahren in Personalfragen häufig richtig gelegen und scheinen angesichts des Nachdrucks, mit dem sie sich seit Jahren um Anthony bemühten, auch hier Perspektiven zu sehen, die nicht jedem unmittelbar geläufig werden. Neun Wochen vor Beginn der Spielzeit 2018/19 bleibt D'Antoni genug Zeit, in seinem System und seinen Schemen Platz für Melo zu finden.