31 August 2018

31. August, 2018


Das Sommerloch hat die NBA fest im Griff. Bis der Oktober jedoch endlich Einzug hält und die Basketballarenen wieder mit Leben füllt, hält die Association zumindest noch kleinere und vielleicht sogar größere Trades bereit. Wie immer serviert die Chefküche die wichtigsten Deals mundgerecht.

von DANIEL SCHLECHTRIEM @W14Pick

Die Houston Rockets erreichten in der letzten Spielzeit die Conference Finals, obwohl 20 Mio. $ an totem Salary auf der Bank saßen. Gemeint ist Ryan Anderson, der Scharfschütze und einstige Most Improved Player (2012). Anderson kam im berühmt-berüchtigten Sommer 2016 („Summer of Mozgov“) nach Osttexas, wurde jedoch wie so manch anderer dieses Free Agent-Jahrgangs den Erwartungen nicht gerecht.

Spätestens nachdem er für den Einzug in die Conference Finals keinen positiven Beitrag leistete, waren Andersons Tage bei den ambitionierten Raketen gezählt. 9,3 Punkte pro Spiel bei einer Dreierquote von 38,6% in der Regular Season sowie 1,7 Punkte bei 33,3% von Downtown in der Postseason sind für einen gewerbsmäßigen Distanzwerfer bei weitem nicht genug.

Die Trennung ergibt für beide Parteien Sinn und beide Seiten arbeiteten aktiv dafür: Houston stellt sich zum nächsten Angriff auf die Golden State Warriors neu auf, Anderson bekommt einen Tapetenwechsel und somit eine frische Chance bei einem jungen Team.


Der Trade

HOU: Brandon Knight, Marquese Chriss
PHX: Ryan Anderson, De'Anthony Melton


Anderson wechselt zu den Phoenix Suns, die in Trevor Ariza bereits einen weiteren Rocket in diesem Sommer akquirierten. Die Addition dieser Veteranen unterstreicht die gestiegene Erwartungshaltung in der Wüste. Dass neben Anderson auch der im Juni an 46. Stelle gedraftete De'Anthony Melton in den Trade involviert werden würde, deutete sich schon länger an. Melton unterzeichnete bislang keinen Rookie-Vertrag. In diesem Fall hätte er für einen Zeitraum von 30 Tagen nicht getradet werden dürfen.


Rockets

Houstons GM Daryl Morey geht es in diesem Deal vornehmlich darum, Andersons voluminösen, 42 Mio. $ schweren und bis 2020 datierten Vertrag aus den Büchern zu bekommen. Daran hatte er den ganzen Sommer getüftelt, unter anderem die Sacramento Kings und Miami Heat waren als mögliche Abnehmer im Gespräch.

Sportlich ist Anderson kein Verlust. Obwohl er als Shooting Big perfekt ins System der Rockets passt und Platz für das Spielmacherduo James Harden/Chris Paul schafft, genügen die oben aufgeführten Zahlen gehobenen Ansprüchen nicht. In Carmelo Anthony haben die Roten bereits einen neuen Backup Power Forward verpflichtet, somit wären für Anderson ohnehin keine relevanten Minuten auf dem Parkett übrig geblieben.

Wirklich viel an Gegenwert war unter diesem Umständen nicht zu erwarten, entsprechend ist die Addition von Brandon Knight und Marquese Chriss als klassisches trial & error zu verstehen. Coach Mike D'Antoni wird die beiden Neuzugänge auf Herz und Nieren prüfen, wobei vor allem Knight als Rückversicherung des alternden und verletzungsanfälligen Chris Pauls von Nutzen sein könnte – beispielsweise in back-to-backs gegen einfachere Gegner.


Knight fiel selbst die komplette Spielzeit 2017/18 wegen eines Kreuzbandrisses aus, befand sich aber auch schon zuvor auf dem absteigenden Ast, unter anderem weil er nach seinem Trade im Februar 2015 von den Milwaukee Bucks zu den Suns (der übrigens den ebenfalls in diesem Sommer von den Rockets verpflichteten Michael Carter-Williams beinhaltete) in der Wüste nie zurechtkam.

Zuvor hatte der achte Pick des 2011 Drafts eineinhalb solide Spielzeiten bei den Hirschen absolviert, bevor er getradet wurde im Schnitt 17,8 Punkte und 5,4 Assists in der Bierstadt aufgelegt. In Phoenix agierte er ineffektiver, war häufig verletzt, sein Spiel litt unter dem allgemeinen Qualitätsmangel der zu Beginn nicht ganz freiwillig tankenden Suns.

Ebenso wie für Anderson in Phoenix ist Houston für Knight ein dringend erforderlicher Neuanfang – und er hätte es kaum besser treffen können. Denn Knight wäre nicht der erste Point Guard, der im System von Rockets-Coach Mike D'Antoni besser aussieht, als er tatsächlich ist – beinahe in Vergessenheit geratene Aufbauspieler wie Kendall Marshall (damals auch im Trade um Carter-Williams/Knight involviert), Chris Duhon oder Jeremy Lin spielten ihren besten Basketball unter D'Antoni, später dann nie wieder auf diesem Level.

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Das muss nicht bedeuten, dass die Rockets zwangsläufig auf Knight setzen. Der 26-Jährige verdient in dieser Saison 14,6 Mio. $, in der nächsten 15,6 Mio. $. Das ist zwar etwas weniger als der abgegebene Anderson, aber immer noch deutlich über dem realen Leistungsvermögen. Ein weiterer Trade als Salary Dump im nächsten Sommer oder sogar in den kommenden Monaten darf nicht ausgeschlossen werden. Schließlich ist Knights Vertrag einfacher loszuwerden als der Andersons.

Der weitere Neuzugang Marquese Chriss reist mit dem Label 'Draft Bust' ausgestattet nach Houston. Die Suns drafteten den gerade erst 21 Jahre alt gewordenen Forward vor zwei Jahren an achter Stelle, die an ihn gestellten Erwartungen erfüllte Chriss aber ebenso wenig wie die auch von den Suns hoch gepickten Center/Forwards Alex Len (5. Pick 2013) und Dragan Bender (4. Pick 2016).

Bei den Rockets findet er professionellere Strukturen und ein gewachsenes System vor, was jedem jungen Big zugute kommt. Weil Chriss keinen zuverlässigen Wurf entwickelt hat, wird die Rolle als verkappter Center seine beste Chance auf Spielminuten sein. Chriss ist defensiv athletisch genug für die zahlreichen Switches der Rockets, offensiv kann er zumindest die Lob-Pässe von Harden und Paul versenken.


Der University of Washington-Alumni befindet sich immer noch in seinem Rookie-Vertrag, das macht zumindest das finanzielle Risiko der Rockets überschaubar. Chriss verdient in dieser Saison 3,2 Mio. $, für die nächste Spielzeit sieht sein Deal eine Team Option in Höhe von knapp 4,1 Mio. $ vor. Doch auch hier gilt: Ein weiterer Trade im Februar oder im Sommer würde Stand heute niemanden in und außerhalb Houstons überraschen.

Knight und Chriss lösen keine der akuten Probleme der Rockets, die vornehmlich in der Flügelverteidigung liegen. Weil Morey aber infolge dieses Trades keinen Teil der verbleibenden Taxpayer Mid-Level Exception (aktuell ca. 4,5 Mio. $) für De'Anthony Melton opfern musste, liegt der Fokus vornehmlich auf dem Buyout-Markt, wo spätestens im Februar Spieler des gesuchten Profils und der nötigen Erfahrung zu haben sein werden.


Suns

Moreys Pendant Ryan McDonough arbeitet weiter mit Hochdruck daran, seine Fehlentscheidungen der Drafts der letzten Jahre auszubügeln. Der bereits erwähnte Len ging im Sommer als Free Agent, Bender steht noch mindestens bis 2020 unter Vertrag, wird aber ebenso wie Chriss schon längere Zeit ligaweit angeboten. Auch T.J. Warren (14. Pick 2014) gilt nicht als unantastbar.

Anders als im Falle Chriss' kommt der Abgang Knights etwas überraschend, denn die Suns planten mit ihm als Starting Point Guard in die neue Saison zu gehen. McDonough könnte sich nun nach einer Alternative umsehen, doch der Free Agent Markt gibt nicht mehr sonderlich viel her – Tim Frazier, Jameer Nelson, Ramon Sessions und Mario Chalmers sind noch die prominentesten Namen und allesamt wenig attraktiv. Via Trade darf für die genannten Busts auch keine Ausnahmequalität erwartet werden.


Somit ist es denkbar – und wahrscheinlich auch sinnvoller – den besten Spieler in Phoenix' Reihen, Devin Booker, zum Spielmacher umzufunktionieren. Booker legte schon letzte Saison eine Usage Rate von 30,9% auf, der Wechsel zur Point Guard Position hätte somit eher symbolischen Charakter.

In diesem Fall würden der an 31. Stelle gedraftete Franzose Élie Okobo sowie der frisch von den Rockets geholte De'Anthony Melton um die Minuten neben Booker konkurrieren. Dies widerspricht zwar den gestiegenen Ambitionen in Arizona, vor allem der kostspieligen Addition Arizas, einem stringenten Plan folgen die Suns aber ohnehin seit Jahren nicht und in der kompetitiven Western Conference ist mehr als der 12. Platz für dieses Team schwer bis unmöglich zu erreichen, das muss auch McDonough klar sein.

Melton als aggressiver, defensivstarker Guard wäre zumindest auf dem Papier die perfekte Ergänzung zu Booker, dem Motor in Phoenix' Spiel. Vom Talent her gehört Melton eher in die erste als in die zweite Draft-Runde, der Korruptionsskandal der NCAA Division I kostete ihn sein Sophomore-Jahr und damit die Chance auf eine höhere Draft-Position. NBACHEF Draft-Guru Axel Babst bewertet Melton in seiner Draft Review als einen der Steals dieses Jahrgangs. In der Summer League hat der 20-Jährige erste Ausrufezeichen gesetzt.


Bleibt noch Ryan Anderson, den die Suns als Starting Power Forward einplanen und damit gar nicht so verkehrt liegen. Findet der 30-Jährige seinen Wurfrhythmus wieder, hilft er seinem neuen Team als Shooter und Strech Forward, vor allem dem primären Ballhandler Booker sowie dem in Korbnähe agierenden No. 1 Pick DeAndre Ayton. Zudem ist Andersons Defense oftmals nicht so schlecht, wie sie gemacht wird, zumindest in der Regular Season.

Phoenix erhält einen zuletzt strauchelnden, aber dennoch überaus begabten Shooting Big und zudem einen ausgezeichneten Teamplayer. Anderson verzichtete freiwillig auf garantiertes Geld, um diesen Trade möglich zu machen und unterstreicht damit seinen einwandfreien Charakter. In der Wüste erhält er die Chance und die Minuten, seine Karriere zu revitalisieren, dies war ihm wichtiger als die fünf Mio. $, die ihm nun unter Umständen vorenthalten werden.


Die Suns wiederum minimieren mit dieser Kulanz ihr Risiko. Sollte „Ryno“ auch für sie nicht funktionieren, bezahlen sie nächstes Jahr nicht mehr für ihn, als sie Brandon Knight hätten überweisen müssen.



Fazit

Größter Gewinner des Trades sind Ryan Anderson und De'Anthony Melton, weil sie in Phoenix mehr Minuten und damit mehr Perspektive erwartet, als sie sich in Houston hätten erhoffen können. Für die Rockets sind Knight und Chriss bestenfalls ein Lotteriespiel, an das keine allzu hohen Erwartungen gesteckt werden.

Daher und weil Melton, bereits als junge Version von Patrick Beverley gerühmt, in diesem Quartett die besten Aussichten auf produktive nächste Jahre hat...

Vorteil: Suns