31 Oktober 2018

31. Okt, 2018


Die Saison der NBA ist gerade einmal 13 Tage alt und schon stehen bei einigen Franchises Fragezeichen vor der Tür.  Sei es ein LeBron-freies und strauchelndes Cleveland, ein zauberfreies Washington oder eben jene Thunder aus Oklahoma City, bei welchen doch so große Euphorie herrschte.

von JANEK BAIL @jbail_98 | 31. Okt, 2018

Flashback
117 Tage lagen zwischen dem 30. Juni und dem 26. Oktober dieses Jahres. In diesen fast 4 Monaten hat es die Franchise der Thunder geschafft, ihren Anhängern nahezu den kompletten Enthusiasmus zu nehmen.

Blicken wir auf den Sommeranfang zurück, dann sehen wir da ein aufatmendes Oklahoma. Mit einer Verlängerung von Paul George war zunächst kaum zu rechnen. Dazu stand auch noch der dicke 28-Millionen-Dollar-Vertrag von Dauer-Backstein-Werfer Carmelo Anthony in den Büchern. Die Aussichten sahen dementsprechend alles andere als rosig aus.

Doch als an jenem Abend Ende Juli George auf Westbrooks Party seine Extension bekannt gab, und OKC keine drei Wochen später auch noch Anthony los wurde, war alles wieder in bester Fassung im Sooner State. Die Anhängerschaft und General Manager Sam Presti gingen voller Zuversicht in die neue Saison 2018/19, denn die Thunder hatten allem Anschein nach genau das, was ihnen in den letzten Jahren immer irgendwie gefehlt hat – Tiefe im Kader.

Die Preaseason bestätigte zunächst die Akkreditierung Prestis als Verhandlungs-Genie: mit 3-1 erlebte OKC eine starke Vorbereitung, denn immerhin fehlte bei jenen Spielen Westbrook noch aufgrund einer Knieoperation. Diesen Schwung mitzunehmen, gelang dem Team von Billy Donovan jedoch nicht wirklich. Besser gesagt: Überhaupt nicht.

Saisonbeginn
Für das Ungleichnis Preseason ≠ reguläre Saison steht der Start von Oklahoma City in diesem Jahr wie ein Paradebeispiel. Die Thunder verloren ihre ersten vier Partien, und das, obwohl sich unter den Gegnern die Kings aus Sacramento und die L.A. Clippers befanden. Nicht nur damit erfüllt das Team aus dem mittleren Westen alles andere als die Ansprüche eines Meisterschaftskandidaten.


Den Höhepunkt des Tiefpunkts setzte wohl das Heimspiel gegen die Boston Celtics, bei dem die Thunder zwar einen guten Start erwischten, Boston hingegen einen katastrophalen (0/12 Dreiern). OKC lag zum Seitenwechsel mit 50:34 in Führung.

Donovans Team brach jedoch in den letzten zwei Vierteln defensiv komplett ein und schenkte offensiv dank gewohnt törichten Entscheidungen das Spiel noch her. Russell Westbrooks (5-20 FG, 0-5 Dreier) eiskalte Hand in der Crunchtime, inklusive unnötigem Pull-Up Dreier mit 22 Sekunden auf der Wurfuhr, besiegelte die 95:101 Niederlage.

Zwar konnten die Thunder zwei Nächte später den ersten Sieg der Saison einfahren, brauchten dafür aber die jungen, harmlosen Suns aus Phoenix – das darf für OKC einfach kein Maßstab sein.

Auslöser
Bei der Suche nach den Gründen für den Start lässt sich summa summarum wohl die Kombination aus mehreren Dingen festhalten.

Zum Einen steht da der gerade genesene Westbrook, der wohl genauso häufig zwischen Genie und Wahnsinn steht wie Professor John Frink von den Simpsons. Gerade nach dem Spiel gegen die Celtics wurde der Basketball-IQ von RW0 einmal mehr - zu Recht - hinterfragt. Egal, was Westbrookin der Vergangenheit bereits für glorreiche Einzeltaten vollbracht hat, solche Leistungen kosten seine Mannschaft Siege.

Auch GM Sam Presti steht plötzlich in Frage, nachdem er über den Sommer gepriesen wurde. Hat Presti für genügend Shooting im Kader gesorgt? Traut er dem Sophomore Terrance Ferguson und Rookie Cheick Diallo als einzige verfügbare, nominelle Optionen auf der Position des Shooting Guards, nicht zu viel zu? Es ist sicherlich nicht Prestis Schuld, dass sich Andre Robersons Genesung noch bis Ende des Jahres hinzieht - Roberson ist ein elitärer Verteidiger, der ganz klar fehlt.


Der Mittelpunkt der ganzen Diskussion ist momentan jedoch Head Coach Donovan. Dass ein Westbrook und in der vergangenen Saison auch George und Anthony dermaßen häufig in Isolation abschließen mussten, weil die Plays reihenweise fehlschlagen, darf ein Trainer eigentlich nicht zulassen.

Generell gilt das Playbook des seit 2015 bei OKC als Head Coach tätigen Donovan als recht einfallslos und viel zu leicht auszurechnen. Manche schieben die Schuld weiterhin auf Westbrook, den seine Kritiker für unverbesserlich und uncoachbar halten. Donovan ist mit seiner Art und seiner mangelnden Kreativität jedoch nicht unschuldig an der Misere. Die Zeiten, in denen er dank zweier Championships im College-Basketball als exzellenter Trainer galt, sind zumindest längst vorbei.


Ausblick
Um wieder in die Erfolgsspur zu finden, muss Donovan die Schwächen seiner Spieler ausmerzen. Gerade im Bereich Shooting, von jenseits der Dreipunkte-Linie, sowie im Spielaufbau und bei der Ballbewegung benötigt das Team dringend Besserung.

Gegebenenfalls muss auch das Front Office darüber nachdenken, ob es Sinn macht, die Reißleine zu ziehen und einen neuen Head Coach zu verpflichten, der OKC wieder frischen Wind einhaucht.

Eine weitere Möglichkeit wäre natürlich, den Kader durch die Verpflichtung eines Free Agents oder per Trade zu verstärken. Die Lücke auf der Flügel-Position ist überdeutlich und tut diesem Team weh. Und je länger Roberson ausfällt, desto brenzliger wird es.

Ob die Thunder für einen solchen Trade genügend Assets hätten, ist schwer einzuschätzen. Der Marktwert eines Raymond Felton zum Beispiel, der immer noch beweist, dass er als Rollenspieler seine Pflichten erfüllt, ist bei dem Verdienst minimal. Der Vertrag von Dennis Schröder hingegen - einem Westbrook-Backup, der bisher ein teurer Luxus zu sein scheint, läuft zu lange, als dass da verzweifelte Teams auf der Suche nach einem Lösung unbedingt anbeißen wollen würden.

Ein Lichtblick zeigte sich auch während des verpatzten Starts: die Defensive der Thunder steht trotz des Fehlens von Roberson stabil. OKC hat also immer noch einen versteckten Trumpf in der Hand, denn sobald Roberson zurück kommt, will die Franchise erneut mit einer der erstickendsten Defensiven für Furore sorgen. Mit Roberson, George, Westbrook, Steven Adams, Jerami Grant und Nerlens Noel kann dieses Team auf sehr hohem Niveau verteidigen.

Die Fans der Thunder wissen momentan noch nicht so recht, wohin der Weg dieses Klubs momentan führt. Gefühlsmäßig bewegen sich Viele auf einem ähnlichen Terrain wie zu Beginn des Sommers. Ob diesmal wieder ein radikales Ereignis - zum Beispiel ein Trainerwechsel - passieren wird, oder ob Coach Donovan das Team stabilisieren und wieder in die Erfolgsspur führen kann, wird den anvisierten Erfolg in den Playoffs natürlich mächtig beeinflussen. Anhänger und Profis hoffen, dass die beiden Siege zuletzt der Start in einen erfolgreicheren Monat November darstellen, als es Oktober einer war.