05 Oktober 2018

5. Okt, 2018


18/19, yo! NBA-Jahr Nummer 72 steht in unser aller Haus. Streng umgekehrt chronologisch nach Qualität sortiert serviert die Küche del NBAChefkoch 30 Vorausschauen auf je 82 Spiele, wie immer garniert mit unerschütterlichen Prognosen. Heute: die Cleveland Cavaliers.

von JAN WIESINGER @WiesiG | 5. Okt, 2018

Flashback
50-32, NBA Finals (0-4 vs. Golden State Warriors)

Plus
Collin Sexton
Sam Dekker
David Nwaba
Channing Frye
Billy Preston
Isaiah Taylor

Minus
LeBron James
Jeff Green
José Calderon
Kendrick Perkins
London Perrantes
Okaro White

Was ist Neu?
Nichts. J.R. Smith und Tristan Thompson bringen immer noch nicht die Leistung, die ihnen ihre LeBron-Amigo-Verträge eigentlich abverlangen würden. Kevin Love hat eine vierjährige Monster-Extension für 120 Mio. $ unterzeichnet, ist aber immer noch nur die dritte Option des Teams.

Trotz aller Probleme wird es am Ende der Saison im schwachen Osten wohl dennoch problemlos wieder für eine Finals-Teilnahme reichen. Auch das fünfte Aufeinandertreffen mit den Golden State Warriors in den Finals ist denkbar. LeBron wird es bis dahin schon richten. LeBron – ups, da war ja was. Der Ohio-Native ist nach vier Jahren und der Beendigung des cleveland'schen Titel-Fluches 2016 in seine Wahlheimat zu den Lila-Goldenen nach Los Angeles abgewandert.


In den Finals setzte es zuletzt eine 0-4-Klatsche. Spiel eins in Oakland war dabei ein absolut verrücktes Stück NBA-Geschichte, ging trotz noch vorhandenem Cavs-Timeout in die Overtime und endete final mit Clevelands Niederlage, LeBrons 51 Punkten und seiner am Blackboard gebrochenen Hand.

Der Abgang des ligaweit besten Spielers der letzten Dekade stellt selbstverständlich eine deutliche Zäsur dar, auch wenn das Team ansonsten dem der letzten Saison ähnlich ist. Aber zu sehr hat James das Team getragen, zu offensichtlich waren die Probleme der Mannschaft in der letzten Saison geworden.

Als Ersatz wurde der Kader nur mit mäßig namhaften Rollenspielern aufgefrischt, deren Potenzial doch äußerst begrenzt scheint. Die namhaftesten Additionen sind dabei der gealterte Rückkehrer Channing Frye, Ex-Houston Rocket/LA Clipper Sam Dekker und David Nwaba, der von den Chicago Bulls kommt.

Beste Addition
Collin Sexton ...  Es sagt viel über die Qualität der Neuzugänge aus, wenn in dieser Kategorie ein an achter Stelle gedrafteter Rookie ohne jederlei NBA-Proof nominiert wird. Konkurrenz ist jedoch praktisch nicht vorhanden, sodass an dieser Stelle das Prinzip Hoffnung ausschlaggebend ist. Die Hoffnung und damit verbundene Erwartungshaltung, die Cavaliers-Fans in Sexton setzen, ist jedenfalls sehr ausgeprägt.

Kyrie Irving-Vergleiche sind jedoch weit weniger abwegig als auf den ersten Blick gedacht. Wie Irving zeichnet sich Sexton durch eine beeindruckende Körperkontrolle, einen ausgeprägten Sinn für Dribblings und Penetration und oftmals unorthodoxe, aber gleichzeitig effektive Moves aus. Zudem ist eine klare Score-First-Mentalität erkennbar.

Der Point Guard aus Alabama hat hingegen aktuell noch nicht den Körper eines durchschnittlichen NBA Point Guards und wirkt eher schmächtig. Sein Wurf ist ebenfalls noch stark ausbaufähig, aber keinesfalls Kidd-Gilchrist-hoffnungslos. Zentral für Sextons Entwicklung dürfte, wie so oft bei Rookies, die Anzahl der für ihn verfügbaren Minuten sein. Hinter Veteran George Hill könnte auch Combo-Guard Jordan Clarkson Minuten auf der Eins sehen. Sexton ist dennoch eine wertvolle Ergänzung für das Team und dürfte seinen Weg gehen.

The Planet
Kevin Love ... Ausgestattet mit neuer finanzieller Freiheit geht der Power Forward in seine elfte NBA-Saison. Love ist dabei erstmals die erste Option der Cavaliers, musste er sich und sein Spiel doch in der jüngsten Vergangenheit immer klar hinter James und Irving zurückstellen. In der letzten Saison ohne Kyrie schien Love jedoch gut in seine Rolle als wichtigster Rollenspieler hinter LeBron zu passen: 18 Punkte/9 Rebounds in nur 28 Minuten pro Spiel und über 40 % erfolgreiche Dreipunkteversuche waren grundsätzlich keine schlechte Linie.


Seine neue Rolle wird jedoch eine gänzlich andere sein: Love wird, wenn er verletzungsfrei bleiben sollte, mehr Minuten sehen, stärker im Post und unter dem Korb agieren als zuletzt, als beinahe 50% seiner Feldwürfe Dreier waren. Ob Love dabei an 26/12 wie in seinen besten Zeiten bei den Minnesota Timberwolves herankommen wird, bleibt dahingestellt. 20/10 muss er aber liefern. Defensiv wird die Saison für die Cavaliers ohnehin sehr herausfordernd.

Rising Star
Cedi Osman ... Nach einem Jahr auf der Cavaliers-Bank dürften auch für den 23-jährigen Türken einige Minuten frei werden. Osman und Ante Žižić mögen keine Super-Talente sein, sind aber neben Larry Nance Jr. und den Rookies die einzigen Spieler mit Entwicklungspotenzial im Kader der Cavs. Osman ist jung, talentiert und jetzt schon besser als Sam Dekker oder J.R., weshalb er sich für eine Starterrolle auf der Drei klar empfiehlt.

Auch wenn diese Rolle aktuell noch zu früh kommen könnte, hat Osman das Potenzial zum kompletten Spieler. Seine Reichweite und Defensivqualitäten zeigen ansteigende Tendenzen. In den jüngsten Spielen der türkischen Nationalmannschaft brachte Osman sehr gute Leistungen und die Attitude eines Führungsspielers aufs Parkett.


Don’t Sleep! 
Larry Nance Jr. ... Der Sohn des ehemaligen Dunk-Contest-Champs und Cavs-All-Stars Larry Nance ist offensiv wahrlich keine Wunderwaffe und kann ehrlicherweise kaum mehr als kraftvoll Dunken, Putbacks und Alley-Oops fangen. Dennoch könnte der 25-jährige in dieser Saison eine enorm wichtige Rolle im Teamgefüge der Cavaliers spielen.

Nance war Teil des Paketes, welches im Tausch mit den Lakers für Isaiah Thomas kurz vor der Deadline nach Cleveland kam. Der Power Forward ist defensiv einer der wenigen Lichtblicke, spielt mit Einsatz und Passion und ist schnell genug, auch gegen athletischere Small Forwards am Perimeter auszuhelfen. Hinter dem absoluten Minusverteidiger Love bringt Nance somit taktische Möglichkeiten, welche Coach Ty Lue in diesen schwierigen Zeiten unbedingt brauchen wird.

Beste Fünf
Hill – Hood – Osman – Love – Thompson

Good News
+ Rodney Hood könnte wichtiges Scoring neben Love beisteuern und geht in ein Contract-Year
+ Die Erwartungshaltung ist gering: Vegas bewertet die Over/Under-Linie mit 30,5
+ Der Kader ist vielseitig und stellt sich nicht unmittelbar selbst auf – Coach Lue kann hier viel herumprobieren
+ Frye is back!


Bad News
- LeBron ist weg
- Cleveland hat allenfalls eine Borderline-Chance auf die Playoffs, denn LeBron ist weg
- Der Kader ist unausgewogen und lückenhaft & LeBron ist weg
- LeBron spielt jetzt im Westen, schlecht für den ganzen Osten

Was fehlt?
Cleveland fehlt es an Defensive, Scoring und Playmaking. Bei den letzten beiden Punkten auf LeBron zu verweisen, wäre ziemlich uninspiriert, oder? Die Truppe ist seit der letzten Deadline deutlich verändert worden. Gelingt es Lue, hier eine sinnvolle und abgestimmte Rotation zu finden und eine positive Stimmung in der Mannschaft zu erzeugen, könnte der Schaden immerhin begrenzt werden.

Check 1,2
Der Abgang von LeBron wird mehr schmerzen, als dessen gebrochene Hand nach Spiel eins der letzten Finals. Die Cavs befinden sich auf dem klar absteigenden Ast in Richtung Rebuild, der aufgrund der katastrophalen Vertragssituation aber nicht vor 2020 stattfinden kann. Den Cavaliers wird nicht viel Vertrauen entgegengebracht: Dies kann ein Vorteil sein.

Dennoch wird es spannend sein, dieses Team in der nächsten Saison zu verfolgen. Die Entwicklung von Osman und Sexton dürfte dabei besonders interessant sein. Cleveland hat keinerlei Ambitionen auf Playoff-Erfolge, könnte aber dennoch im besten Fall auf einem der hinteren Playoffplätze einlaufen. Als Ersatzteillager für Contender eignen sich die Cavs eher weniger. Hier wird niemand den Fehler begehen, für einen der Topverdiener zu traden.

Die Rechnung, bitte