08 Oktober 2018

8. Okt, 2018


18/19, yo! NBA-Jahr Nummer 72 steht in unser aller Haus. Streng umgekehrt chronologisch nach Qualität sortiert serviert die Küche del NBAChefkoch 30 Vorausschauen auf je 82 Spiele, wie immer garniert mit unerschütterlichen Prognosen. Heute: die Minnesota Timberwolves.

von SEB DUMITRU @nbachefkoch | 8. Okt, 2018

Flashback
47-35, Playoff-Runde eins (1-4 vs. Houston Rockets)

Plus
Anthony Tolliver
Josh Okogie
Keita Bates-Diop
Luol Deng

Minus
Jamal Crawford
Nemanja Bjelica
Cole Aldrich
Aaron Brooks
Marcus Georges-Hunt
Jimmy Butler ???!!!

Was ist Neu?
Stress. Nur ein Jahr, nachdem Tom Thibodeau das Projekt 'Neuaufbau' durch gewiefte Manöver für Jimmy Butler, Jeff Teague und Taj Gibson massiv beschleunigte, scheint das Wolfsrudel im Norden der USA dermaßen zerstritten zu sein, dass weder einvernehmliche Lösungen, noch eine Fortsetzung des eingeschlagenen Weges realistisch wirken.

Butler kann oder will nicht mehr an der Seite von Karl-Anthony Towns und Andrew Wiggins auf Korbjagd gehen. Obwohl der Flügelspieler diesen Klub zu seiner erfolgreichsten Saison seit 2004 führte, obwohl Thibodeau alles auf diese eine Karte gesetzt hat, weigerte sich der All-Star nicht nur, die mehrfach angebotene Vertragsverlängerung zu unterschreiben, sondern blieb Media Day, Trainingscamp und Preseason gänzlich fern.


Und so zieht sie sich dahin, diese Farce, die auch wenige Tage vor Saisonbeginn nicht geklärt ist. Teambesitzer Glen Taylor pocht auf einen Trade; das Front Office um Thibodeau und General Manager Scott Layden spielt auf Zeit. Der verlangte Gegenwert in Verhandlungen ist exorbitant hoch, interessierte Teams prallen ein ums andere Mal an den Wolves-Verantwortlichen ab. Übers Wochenende stand Miami kurz vor einem Deal – ehe Minnesota zusätzliche Anlagegüter verlangte und eine Einigung verhinderte.

Die Transaktionen dieses Sommers – Anthony Tolliver, Luol Deng, Josh Okogie und Keita Bates-Diop kamen, Nemanja Bjelica, Jamal Crawford, Aaron Brooks und Cole Aldrich verließen das Team – verpuffen, angesichts des Personalpatts um Butler. Zumindest die maximale Vertragsverlängerung mit Towns garantiert, dass die Wolves im schlimmsten aller Fälle (sprich: Butlers sofortigem Abgang) wettbewerbsfähig bleiben und den einst eingeschlagenen Neuaufbau um einen der besten jungen Spieler der Welt fortsetzen können.

Beste Addition
Anthony Tolliver ...  Der Stretch-Big kam von den Detroit Pistons und avanciert automatisch zu Minnesotas bestem Schützen – nicht nur auf den grossen Positionen, sondern überhaupt. Tolliver ist zwar schon 33 Jahre alt, verkörpert den prototypischen, modernen Rollenspieler jedoch perfekt. Mit 44 Prozent von Downtown, harten Screens im Angriff und engagierter Verteidigungsarbeit hat sich Tolliver eine mehr als respektable NBA-Nische ausgehöhlt.

The Planet
Jimmy Butler ... Immer noch, bis er es offiziell nicht mehr ist. Vor einem Jahr als Franchise-Player und Hoffnungsträger verpflichtet, erfüllte Butler zumindest einen Teil der in ihn gesetzten Erwartungen: die erste Playoff-Teilnahme der Wolves in 14 Jahren war vor allem ihm zu verdanken. Butler brillierte als Two-Way Star, hielt Minnesota bis zu seiner Verletzung sogar im Rennen um Rang drei im Westen.

Dass die Atmosphäre in den zurückliegenden Wochen dermaßen vergiftete, führen Viele auf Butler zurück. Der Malocher kam mit Towns' und Wiggins' angeblichen Teletubby-Persönlichkeiten nie zurecht, forderte seine jüngeren Teamkollegen immer wieder heraus – bis es schließlich zum Bruch kam.


Obwohl das Verhältnis zwischen Thibodeau und seinem Lieblingseleven weiterhin gut zu sein scheint, schaffte es nicht einmal Butlers Ziehvater, ihn zum Bleiben zu überreden. Die größten Optimisten träumen weiterhin davon, dass sich diese Saga lange genug hinzieht, um den 29-Jährigen zu einer Rückkehr ins Team zu zwingen. Jedes Spiel, dass ein nicht getradeter Butler nämlich nicht absolviert, schlägt mit einer Viertel Million US-Dollar in sein Kontor – viel Geld, auch für ultraschwere und vergrätzte NBA-Superstars.

Sollte es wie erwartet zu einem Deal kommen – früher wäre hier sicherlich erstrebenswerter als später – kontrolliert Butler einmal mehr die Geschicke dieses in grosse Kritik geratenen Basketballklubs: je nachdem, wie das Gegenpaket ausfällt, kann Minnesota angreifen, neu aufbauen... oder eben nicht.

Rising Star
Karl-Anthony Towns ... Der ehemalige Nummer eins Pick von der Universität Kentucky setzte seinen eingeschlagenen Weg in Richtung NBA-Superstar ungehindert fort – auch wenn eine gewisse Stagnation in 2017/18 nicht wegzudiskutieren war. Auch dass Towns für den Aufruhr hinter den Kulissen und die internen Spannungen mitverantwortlich war, hat seine Kritiker aufmucken lassen.


Sein Talent hingegen steht außer Frage. Schon heute ist „KAT“ der vielleicht kompletteste Center der Liga. Seine Statistiken im Alter von gerade einmal 22 Jahren waren absurd: im Schnitt 21,3 Punkte, 12,3 Rebounds, 2,4 Assists, 1,5 Dreier, 1,4 Blocks, 65 Prozent True Shooting, 14,0 Win Shares und ein Effizienz-Wert von 24,8 malen das Bild vom megaeffektiven Alleskönner. Towns dominiert am Zonenrand genauso wie von jenseits der Dreierlinie, ist im Mann-gegen-Mann, als Abroller oder im Fastbreak nicht zu bremsen.

Defensiv lässt der Big Man immer noch viel zu oft Interesse und Einsatzbereitschaft vermissen. Gut getimte Aktionen und knusprige Switches weichen viel zu häufig lethargischen Sequenzen, in den Towns zu spät oder in die falsche Richtung rotiert und seine Nebenleute so kompromittiert. Gerade hier kann er den grössten Sprung machen – zum verlässlichen Anker einer zuletzt peinlich löchrigen Abwehr – und damit auch zum veritablen Two-Way Superstar, der er werden möchte.

Don’t Sleep! 
Josh Okogie & Keita Bates-Diop ... Thibodeau ist kein Mann, der besonders viel Wert auf die sofortige Entwicklung seiner Rookies – sprich: Einsatzzeit – legt. Die besondere Situation könnte den Head Coach aber zwingen, seinen Modus Operandi anzupassen. Mit Josh Okogie und Keita Bates-Diop stehen gleich zwei Frischlinge parat, die sich in der aktuell dünnen Wolves-Rotation etablieren wollen.

Okogie hat das Zeug, zum prototypischen Three-and-D Wing zu reifen. Vergleiche mit Jimmy Butler kommen nicht von ungefähr: wie der All-Star besticht auch Okogie durch seine physischen Anlagen und die Fähigkeit, von Tag eins gleich drei Positionen angemessen zu checken. Zweitrunder Bates-Diop ist schon etwas älter, passt dank seiner Vielseitigkeit auf den grossen Positionen jedoch gut neben Towns.



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Beste Fünf
Teague – Butler – Wiggins – Gibson – Towns

Good News
+ Enorm viel Talent, vor allem in der Spitze.
+ Towns ist ein elitärer Franchise-Player, erst 22 Jahre alt und nun bis mindestens 2024 unter Vertrag
+ Kräftige, athletische Truppe, die im Low Post und an der Freiwurflinie überragt
+ Sehr gute Rollenspieler und erfahrene Veteranen komplettieren die starke erste Fünf

Bad News
- Stress satt! Wer kann da in Ruhe arbeiten?
- Thibodeaus Zukunft ist ebenso ungewiss wie die generelle Richtung dieses Klubs
- Katastrophale Defensive trotz solider Individualverteidiger
- Zu viel Iso, zu viel Ego-Ball – ein weiteres Indiz für die Chemie-Probleme in diesem Kader


Was fehlt?
Klarheit. Solange dieser Klub nicht den Saustall aufräumt, den Butler, Thibs & Co. in den vergangenen Monaten veranstaltet haben, kann keine der im Raum stehenden Fragen zufriedenstellend beantwortet werden: Wer kommt im Gegenzug für Butler via Trade? Wie stark ist der Kader für 2018/19 wirklich... und zwar nicht nur auf dem Papier? Wie groß ist die Verantwortung, die künftig auf Towns' und Wiggins' Schultern lastet? Kann der Rebuild voran getrieben werden, ohne auf Biegen und Brechen die Playoffs erreichen zu müssen?

Vor allem die letzte Frage ist eine ganz heikle: Gerüchte, dass Thibodeau in der kommenden Spielzeit um sein Leben als Wolves-Chef coacht, wichen zuletzt Berichten, dass er zu Saisonende ohnehin seinen Hut nehmen muss. Taylor ist zunehmend irritiert und enttäuscht mit der Richtung, in die sein Klub gedriftet ist. Umso verbissener und gleichgültiger könnte „Thibs“ mit der prekären Situation umgehen, in der er sich plötzlich wiederfindet. Maximale Minutenauslastung für seine Top-Leute, wenig bis gar keine Entwicklungszeit für die Youngster, ein brachiales Anpeilen der Top-Acht im Westen... im Worst Case Szenario verfehlt Minny jedes seiner alten oder neu formulierten Saisonziele, obwohl die Protagonisten 49 Minuten pro Spiel gehen (müssen).

Check 1,2
Die kontinuierliche Steigerung kulminierte in zuletzt 47 Siegen und einer Erstrundenserie in den Western Conference Playoffs. Das dürfte die Hochwassermarke dieser Wolves bleiben – bis auf Weiteres zumindest. Ohne Butler werden erhebliche Qualitätsverluste einberechnet werden müssen, die Playoff-Ränge im Westen erscheinen nur bei optimalem Saisonverlauf erreichbar. Das würde nicht nur substantiellen Gegenwert in einem kolportierten Butler-Trade voraussetzen, sondern eine viel konzentriertere und stabilere Leistung am defensiven Ende.

Ebenfalls realistisch ist, dass der Butler-Trade von oben erzwungen wird, die neuen Bausteine mehr schlecht als recht passen, und eine M-A-S-H-Truppe unterdurchschnittlich performt, am Ende nur knapp die Hälfte aller Partien gewinnt, die Playoffs knapp verpasst und hinter den Erwartungen zurück bleibt.

Eine letzte, Glas-Halb-Voll-Theorie: befreit von Butlers „Joch“ blühen Towns und Wiggins wieder auf, finden ihre Freude am Spiel wieder, schrauben ihre Leistungen auf ein bisher unbekanntes Niveau und katapultieren diese Truppe in eine neue Ära. Die startet vielleicht nicht direkt mit einer Playoff-Teilnahme; solange 'KAT' und 'Wig' aber wieder zu Fixpunkten der Wolves-Planungen avancieren – und Thibodeau durch einen für den Rebuild geeigneteren Head Coach ersetzt wird – wäre die Saison bereits ein kleiner Erfolg. Klar: Minny hätte sich dann im Kreis gedreht. Das Risiko, Butler zu verpflichten, war aber von vornherein bekannt. Manchmal führt ein mieser Umweg bekanntlich auch ins Ziel.

Die Rechnung, bitte