13 Oktober 2018

13. Okt, 2018


18/19, yo! NBA-Jahr Nummer 72 steht in unser aller Haus. Streng umgekehrt chronologisch nach Qualität sortiert serviert die Küche del NBAChefkoch 30 Vorausschauen auf je 82 Spiele, wie immer garniert mit unerschütterlichen Prognosen. Heute: die Oklahoma City Thunder.

von KEVIN BAUMANN @NBAWunderkind | 13. Okt, 2018

Flashback
48-34, Playoff-Runde eins (2-4 vs. Utah Jazz)

Plus
Dennis Schröder
Nerlens Noel
Timothé Luwawu-Cabbarot
Abdel Nader
Rodney Purvis
Hamidou Diallo
Donte Grantham

Minus
Carmelo Anthony
Corey Brewer
Nick Collison
P.J. Dozier
Daniel Hamilton
Josh Huestis
Dakari Johnson
Kyle Singler

Was ist Neu?
Carmelo Anthony ist weg – und ganz Oklahoma atmet auf. Das Front Office ist den seit Jahren überdimensionierten Vertrag des ehemaligen All-Stars los; und innerhalb der Mannschaft kann es endlich eine dritte Option geben, die dem Namen gerecht wird. Anthony verdiente in der vergangenen Saison 26 Mio. $ und war damit Nummer zwei hinter Superstar Russell Westbrook. Die Gehaltsstruktur des Kaders hätte es nicht zugelassen, die Thunder für die neue Saison zu renovieren und gleichzeitig den Vertrag mit der berüchtigten No-Trade-Klausel weiter zu füttern. Zum Glück sprangen die Atlanta Hawks in die Bresche.

In einem Trade, der nur als klarer Win für die Thunder zu sehen ist, kam Dennis Schröder als Backup von Russell Westbrook in den mittleren Westen der USA. Die Hawks erhielten neben dem Monster-Vertrag von Anthony auch einen Erstrunden-Pick für den Draft 2022 sowie Forward Justin Anderson. Moment mal... Justin Anderson spielte doch gar nicht bei den Hawks! Richtig. Aus dem Zwei-Team-Trade wurde ein Drei-Team-Trade, in dem die Philadelphia 76ers als Ausgleichsmasse fungierten. Und so bekamen die Thunder neben Schröder auch noch Timothé Luwawu-Cabarrot, der zukünftig auf dem Flügel auflaufen wird.


Dennoch war die Addition Dennis Schröders nicht der größte Gewinn der Thunder. Fast allen Experten zum Trotz konnte Paul George gehalten werden. Nicht nur das: George unterschrieb sofort einen Vierjahresvertrag in Oklahoma, der ihm mit knapp 137 Mio. $ versüßt wurde. Auf die nächsten Jahre ist damit die zweiköpfige Scoring-Hydra aus Westbrook und George gesichert. Die Offseason der Thunder kann somit nur als voller Erfolg gewertet werden.

Gingen Fans und Experten vor dem Sommer davon aus, dass George in Lila-Gold bei den Lakers auflaufen wird und Anthony dank seiner Player Option ein weiteres Jahr auf Sam Prestis Geldschatulle sitzt, wendete sich das Blatt dank eines wahrhaftig meisterlichen Akts des Front Office. Zwar sind die Thunder noch immer ein unglaublich teures Team (Nummer zwei hinter den Miami Heat, bei denen aber noch Chris Boshs Kosten wegfallen, was OKC zum Spitzenreiter macht), doch die Tiefe und Möglichkeiten haben sich komplett verändert.

Ob die Änderungen im Team jedoch dazu führen, dass OKC in diesem Jahr zu einem Favoriten im Westen gezählt werden kann, scheint unwahrscheinlich. Das liegt vor allem daran, dass die NBA nun einmal nichts mit einem Videospiel zu tun hat. Während NBA 2k19 Superstar Westbrook mit einem enorm hohen Basketball-IQ ausstattet, sieht die Realität anders aus. Westbrook ist und bleibt eine Triple-Double-Maschine, doch immer noch kein Floor General, wie es beispielsweise LeBron James sein kann. Westbrook wird auch weiterhin die meisten Würfe nehmen, doch auch weiterhin nicht die besten Entscheidungen treffen.

Westbrook wird weiterhin dynamisch bleiben, doch auch weiterhin nicht komplett die Pace des Spiels diktieren können. Das wäre nicht weiter tragisch, wenn das Spielsystem von Billy Donovan ein wenig mehr Finesse hätte. So bleibt es dabei, dass OKC in jedem Spiel jeden Gegner schlagen kann; doch spätestens in den Playoffs wieder auf Kontrahenten trifft, die aus den individuellen Stärken des Teams eine kollektive Schwäche machen.

Vielleicht schafft es Donovan, das Spielermaterial dank der Additions von Schröder, Nerlens Noel und Luwawu-Cabbarot in eine Einheit zu verwandeln, die defensiv und offensiv klüger agiert. Vielleicht wird Westbrook dank Schröder nicht mehr die achtmeisten Minuten der Liga gehen müssen und somit in der Crunchtime klüger agieren. Vielleicht zeigen Luwawu-Cabbarot und Noel, dass sie die negative Konnotation der letzten Saisons nicht verdienen. Doch vielleicht wiederholt sich auch einfach die Geschichte, in der eine kluge Defense den Matchplan der Thunder komplett aushebelt.

Beste Addition
Dennis Schröder ...  Ganz klar. Der beste Spieler eines unglaublich schlechten Teams (Atlanta Hawks) wechselt zu einem garantierten Playoff-Teilnehmer. Schröder wird vom Starter zum Bankspieler – und wird in dieser Rolle trotz aller Unkenrufe aufblühen. Die Zeiten, in denen Schröder einen Startplatz für sich in Anspruch nahm, sind vorbei. Der Guard weiß genau, was von ihm in OKC erwartet wird: Der lahmenden Bank der letzten Jahre mehr Punch zu verleihen.

Der deutsche Nationalspieler darf sich nicht nur berechtigte Hoffnung machen, der vierte Star hinter Westbrook, George und Steven Adams zu werden, sondern schielt sicher auf den Sixth-Man-Of-The-Year-Award. Dank Schröder verändert sich die Struktur des Thunder-Spiels nicht, wenn Westbrook auf die Bank geht. Beide agieren ähnlich explosiv, laufen gern Pick-and-Roll/Isolation und werden als bedeutende Scoring-Option auf dem Feld stehen.



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In der vergangenen Spielzeit schaffte es außerhalb der Starting-Five kein Spieler, mehr als 8,4 Punkte pro Spiel beizusteuern (Jerami Grant). Nur zwei Spieler des gesamten Teams verteilten mehr als drei Assists pro Abend, einer davon war Westbrook mit 10,3. Dennis Schröder wird in den wichtigen offensiven Kategorien für Bestwerte von der Bank sorgen. Seine knapp 20 Punkte und sechs Assists pro Abend werden den Thunder dabei helfen, etwas unberechenbarer zu werden, wenn Westbrook und/oder George eine Auszeit benötigen.

Allerdings wird OKC in der unbeliebten Kategorie der Turnover einen Sprung nach vorne machen. Fand sich das Team aus dem mittleren Westen in der vergangenen Saison im Mittelfeld der Liga (14 Turnover per Game), wird das manchmal unruhige Händchen Schröders (2,7 Turnover per Game) für einen Anstieg der Ballverluste sorgen. Der deutsche Star wird nur dann für den Sixth-Man-Award in Frage kommen, wenn sich seine Fehlerquote senkt und vor allem die miserable Defense der letzten Saison (in einem miserablen Kollektiv) eine Progression erlebt.

The Planet
Russell Westbrook ... Who else? Die OKC Thunder sind sein Team. Er ist der letzte verbleibende des super-talentierten Triumvirats aus James Harden, Kevin Durant und eben Westbrook. Er dominierte das Scoring der letzten Jahre (seit 2010-2011 immer über 20 Pts/Game), sorgte für die meisten Highlights und ist sich auch für ein bisschen Beef auf dem Feld nicht zu schade (z. B. gegen Durant oder Joel Embiid).


Allerdings hat Westbrook in der neuen Saison endlich die Möglichkeit, seine Usage (34,1 %) und seine Spielminuten (36,4 Min/Game) zu senken – um einen qualitativen Sprung zu machen. Niemand außer Westbrook selbst erwartet, erneut ein Triple-Double aufzulegen. Niemand erwartet, dass Westbrook das Spiel allein gewinnt.

Der Wegfall von Carmelo Anthony wird dazu führen, dass Westbrook intelligentere Pässe spielt. Ging im letzten Jahr noch jeder vierte Spielzug über den ehemaligen Star Anthony, wird sich dessen Shooting-Last (und Last muss hier betont werden) auf mehr Spieler verteilen, die für die OKC Thunder und damit für Russ agieren.

Letztlich wird Westbrook noch immer die Spiele entscheiden und mit Monster-Perfomances an der vorher genannten Meinung, die NBA sei kein Videospiel, rütteln. OKC ist von der Anziehungskraft Westbrooks abhängig – und Westbrook wird dosierter, aber immer noch brutal abliefern.

Rising Star
Andre Roberson ... Der beste Verteidiger der Thunder wird erst Ende des Jahres zur Verfügung stehen. Doch sein defensiver Impact verändert die Art und Weise, wie die Gegner gegen OKC antreten. Roberson hebt die Defense der Thunder auf ein anderes Level. Bevor er sich die Patellarsehne riss, befand sich OKC in den Defense Top-10; mit ihm auf dem Feld gaben die Thunder vier Punkte weniger auf 100 Possessions ab.


Die Abwesenheit Robersons wird zum Problem für die gesamten Thunder. Westbrooks phasenweise apathische Defense wird offenbart und George muss nicht nur offensiv abliefern, sondern ohne Roberson auch den Star der gegnerischen Mannschaft verteidigen – ganz schön viel Arbeit für einen Spieler.

Mit Roberson entspannt sich diese Situation. Und George, Westbrook und alle anderen Spieler am Perimeter können sich wieder auf ihre eigentlichen Stärken konzentrieren. Aus diesem Grund hofft ganz Oklahoma auf die vollständige Genesung des defensiven Superstars.

Don’t Sleep! 
Nerlens Noel ... Es gab mal eine Zeit, in der die langen Arme Noels für defensive Träume der GMs sorgten. Noel wurde als Rim-Protector gehandelt, der dem Spalding seinen Stempel aufdrücken könnte. Aus dem Traum wurde leider nichts. Von den Philadelphia 76ers ging es zu den Dallas Mavericks, wo Noel zwei spielerisch schlechte Jahre damit krönte, Rick Carlisle so gegen das metaphorische Schienbein zu treten, dass ein Abschied oberste Priorität hatte. Nun also der Neustart in Oklahoma City – und das in einem Contract Year.

Für Noel geht es in dieser Saison um seine Karriere. Der Center hat die Möglichkeit, die negativen Schlagzeilen der letzten Jahre (Stichwort: Hot Dog) vergessen zu machen. Dafür muss die siebte Saison Noels endlich zu einer werden, in der er als Spieler auffällt.

Als Ersatz von Steven Adams wird er damit betraut werden, jegliche Aktivität rund um die Ringe in der Chesapeake Energy Arena im Keim zu ersticken. Die Möglichkeit dafür hat er weiterhin, lebt Noel doch größtenteils von seinen körperlichen Merkmalen. Nerlens Noel wird in der NBA kein Superstar werden; doch als wichtiger Rollenspieler kann er immer noch für Furore sorgen.

Beste Fünf
Westbrook – Roberson – George – Patterson – Adams

Good News
+ Carmelo Anthony ist weg: Defensiv ist das für die Thunder ein massiver Schritt nach vorn und auch offensiv ist der Wegfall des einstigen Stars kein Verlust
+ Paul George ist noch da: Der zweite Superstar bringt vor allem defensiv wichtige Eigenschaften mit, die es für einen Playoff-Run braucht und bleibt den Thunder über die nächsten Jahre erhalten... besser geht es nicht
+ Dennis Schröder wertet die Bank der Thunder enorm auf, mit einem Mal ist der Ersatz nicht mehr miserabel, sondern zumindest adäquat
+ Luwawu-Cabbarot (Lieblingsspieler: Paul George) könnte in der zweiten Garde ein wichtiger Defensiv-Spezialist werden, seine Explosivität wird nach der überstandenen Knie-Operation wieder vollständig vorhanden sein und zu einem Anstieg seiner Stats führen

Bad News
- Den Thunder fehlt es weiterhin an einer Top-10-Verteidigung, ohne Roberson wankt das komplette Defense-System der Thunder (siehe Playoffs 2017-2018) und selbst mit dem Edel-Verteidiger ist Donovan angewiesen, den Stil der letzten Jahre elementar zu verändern, um nach der Regular Season eine bedeutende Rolle zu spielen
- Den Thunder fehlt es auch weiterhin an einer offensiven Strategie: Funktioniert ein Play nicht, wird sofort die Isolation gewählt oder auf einen schlechten Jump Shot gesetzt (2. in Isolation-Plays, 23. in Points per Isolation)
- Das Team ist weiterhin extrem teuer (147 Mio $), ohne Trades scheinen in den nächsten Jahren die Hände des Front Office gebunden zu sein, erst 2021-2022 sinkt das Salary Cap der Thunder signifikant

Was fehlt?
Den Thunder mangelt es an Spielintelligenz. Das Team lebt von den Plays seiner Superstars und hat in den letzten Jahren gezeigt, dass ein Spielplan B fehlt. OKC ist auf das Scoring von Westbrook und George angewiesen. Häufig scheint es so, als würden sich sowohl Donovan, als auch Superstar Westbrook mit dem eher grobschlächtigen Spielstil zufrieden geben. Dieser sorgt in seiner Dynamik zwar in der Regular Season für Erfolge, wird in den Playoffs vermutlich erneut an seine Grenzen stoßen. Schade um das ganze Geld.


Check 1,2
Das Front Office der Thunder hat ein wahres Meisterstück vollbracht. Der in keiner Relation stehende Vertrag Carmelo Anthonys ist weg, dafür hat George verlängert. Gleichzeitig steht mit Dennis Schröder ein Anführer der zweiten Reihe parat und wird den Thunder auch in Abwesenheit von Westbrook einen dynamischen Backcourt garantieren.

Dank Robersons anstehender Genesung steht außerdem fast schon ein weiterer Zugang nach einem Jahr Abwesenheit bereit. Die erste Fünf verbreitet in der Liga weiterhin Angst und Schrecken, wenn es um reine Zahlen geht. Gleichzeitig gibt es einige Spieler im Kader, die unter dem Radar fliegen und deshalb für Furore sorgen können. Klingt alles zu schön, um wahr zu sein? Ist es auch.

Die Thunder sind extrem teuer und trotz des Abgangs Anthonys darauf angewiesen, dass das Spielermaterial endlich auch zu den Ansprüchen passt. Mit Westbrook, George und Adams als Stars in der ersten Five ist ein Ausscheiden in der ersten Playoff-Runde nur als Misserfolg zu werten. Coach Donovan war mal als brillanter In-Game-Trainer bekannt, diese Meriten verlor er in den letzten Jahren.

Zu sehr setzte er auf Line-Ups, die nicht die benötigte Power auf das Parkett brachten. Dass dies besonders mit Anthony zu tun hat, muss auch dem Coach angelastet werden. Es ist zu hoffen, dass der komplette Coaching-Staff in der kommenden Saison aus den vielen Advanced Stats und Data wieder die richtigen Schlüsse zieht – und endlich einen Plan B aus dem Hut zaubert. Ist dies nicht der Fall, war die Offseason sinnfrei und nur ein kurzes Auflodern der möglichen Euphorie.

Die Rechnung, bitte