13 Oktober 2018

13. Okt, 2018


18/19, yo! NBA-Jahr Nummer 72 steht in unser aller Haus. Streng umgekehrt chronologisch nach Qualität sortiert serviert die Küche del NBAChefkoch 30 Vorausschauen auf je 82 Spiele, wie immer garniert mit unerschütterlichen Prognosen. Heute: die Philadelphia 76ers.

von PHILIPP LANDSGESELL @Phillyland | 13. Okt, 2018

Flashback
52-30, Eastern Conference Semi-Finals (1-4 vs. Boston Celtics)

Plus
Zhaire Smith
Wilson Chandler
Jonah Bolden
Mike Muscala
Landry Shamet

Minus
Ersan Ilyasova
Marco Bellinelli
Justin Anderson
Richaun Holmes
Timothé Luwawu-Cabarrot

Was ist Neu?
In kaum einer Offseason klappte Traumdenken und Realität weiter auseinander als bei den Sixers. Der Plan, einen Superstar wie LeBron James, Kawhi Leonard oder Paul George zu addieren, die das Team zu einem Titelaspiranten machen sollten, schlug fehl.

Doch nicht nur gelang das nicht, die Sixers präsentierten sich als inkompetente Franchise und wurden der Mittelpunkt einer der bizarrsten Storys in der NBA-Geschichte. General Manager Bryan Colangelo musste seinen Posten räumen, weil er, oder eine Person aus seinem nächsten Umfeld, Interna per Twitter leakte und eigene Spieler öffentlich diskreditierte. Colangelo ging und Coach Brett Brown übernahm kommissarisch die Zügel.

Doch kein Star kam nach Philly und so wurden J.J. Redick und Amir Johnson gehalten, das Warten auf einen neuen Superstar auf 2019 verschoben. So war die wichtigste Frage des Sommers, wer neuer GM werden sollte. Die Antwort heißt Elton Brand. Nach einem langem Wirrwarr, bei dem sich die Besitzer nicht mit Ruhm bekleckern und sehr reaktiv auf Presseberichte wirkten, präsentierten die Sixers den langjährigen NBA-Veteranen kurz vor Beginn des Training Camps. Einen GM-Neuling im Sitz eines der spannendsten Teams der NBA. Gewagt.


Personell wurde auf dem Court nur wenig verändert. Gemessen an den Erwartungen wirken die neuen Spieler wie die Rookies Zhaire Smith (16. Pick) und Landry Shamet (26. Pick) sowie der via Trade von den Denver Nuggets akquirierte Wilson Chandler fast wie Enttäuschungen.

Smith wird, wie nahezu alle Erstrunden-Picks der Sixers in den letzten Jahren, wegen einer Fußverletzung die ersten Monate der Saison verpassen. Chandler befindet sich in seinem letzten Vertragsjahr und könnte mit seinem Scoring für Entlastung von der Banks sorgen, vor allem wenn der Dreier fällt. Auch defensiv kann er als Wing helfen.

Von Shamet, Bolden und Mike Muscala wird vermutlich letzterer die größte Rolle spielen. Muscala kam von den Atlanta Hawks und ist ein echter Stretch Five von der Bank. Er wird Embiid Verschnaufpausen geben können und auch zeitweise mit dem Kameruner auf dem Feld stehen.

Beste Addition
Wilson Chandler ...  Mit Chandler holten sich die Sixers einen erfahrenen Spieler nach Philly, der die miese Bank des Vorjahres ordentlich verbessern sollte. Der Flügelspieler kann werfen, ein bisschen dribbeln und kreieren. So dürfte er nahtlos in die Rolle von Ersan Ilyasova schlüpfen und die meiste Zeit auf der Vier spielen.

Nicht zu unterschätzen sind auch seine Rebound-Fähigkeiten, er boxt gut aus und steht instinktiv ganz gut. Chandler ist zwar kein guter Athlet mehr, aber er mischt sich bereitwillig unter den Korb und holt sich Rebounds. Dass der Vertrag am Ende der Saison ausläuft, dürfte zusätzliche Motivation sein.

The Planet
Joel Embiid ... „The Process“ spielte eine sehr gute letzte Saison, wurde erstmals ins All-Star-Team berufen und beeinflusste das Spiel der Sixers maßgeblich an beiden Enden des Courts. Besonders erfreulich war, dass er sich nicht schwerer verletzte und lediglich am Ende der Regular Season und Anfang der Playoffs ein paar Spiele wegen eines Knochenbruchs in seinem Gesicht verpasste. Nun hat der Kameruner den ersten verletzungsfreien Sommer hinter sich und dürfte vor allem an seiner Fitness gearbeitet haben.


Á la Shaq spielte sich Embiid erst während der Saison in eine gute körperliche Verfassung, mit Luft nach oben. Für ein erfolgreiches Jahr für Embiid und die Sixers muss er offensichtlich auf dem Platz stehen. Steht er auf dem Parkett, verändert Embiid alles.

Offensiv ist er gegen jeden Gegenspieler ein Mismatch und defensiv gehört er zu den besten Ringbeschützern der Liga. Um sich weiter zu verbessern, muss Embiid an seinem Handling arbeiten. 3,7-mal pro Spiel verlor Embiid den Ball und auch aus dem Double-Team aus dem Post macht er noch oft Fehler. Aber das dürfte mit zunehmender Erfahrung besser werden.

Wenn sich Embiid auf seine Stärken im Low Post besinnt und nun auch die körperlichen Voraussetzungen mitbringt, seine Gegenspieler im Post herumzuschubsen, kann er sogar ein Anwärter auf den MVP-Award werden.

Rising Star
Markelle Fultz ... Hatte ein Top-Rookie jemals eine mysteriösere Premierensaison als Fultz? Der Nummer eins Pick im NBA-Draft 2017 verlernte es zu werfen, die Technik mies, die Resultate genauso. Welche Gründe für diese Entwicklung wirklich dahinter stecken, ob physische oder mentale Probleme, sind noch nicht an die Öffentlichkeit gelangt.

Jedoch sind die Erwartungen nach wie vor groß. Fultz arbeitete den ganzen Sommer über mit Shooting Coach Dew Hanlen und zeigte in seinen ersten Vorbereitungsspielen erste Ansätze. Doch der Weg ist zu alter Bestform ist noch weit.

Wegen der wenigen Spiele in der vergangenen Saison hat er nun wichtige Entwicklungszeit verpasst und wird weitere Zeit brauchen. Doch im Optimalfall haben die Sixers ihren dritten Superstar bereits in ihren Reihen. Fultz in Bestform ist die ideale Ergänzung zu Embiid und Ben Simmons und der Grund, warum sie vor dem Draft 2017 so viel abgaben, um ihn an erster Stelle zu ziehen.


Don’t Sleep! 
Dario Šarić ... Wenn die meisten über die Sixers reden, fallen die Namen der üblichen Verdächtigen: Embiid, Simmons, Fultz. Doch der Kroate hat sich zu einem wichtigen Spieler in Philadelphia entwickelt. Mit Simmons im Kader änderte der Flügel sein Spiel. Während er sich in seinem Rookie-Jahr noch viel den Ball in der Hand hatte, musste er sich nun umorientieren.

Das klappte. Šarić arbeitete an seinem Wurf und traf letzte Saison 39% seiner Versuche von Downtown. In der Offensive kann „The Homie“ viel, sein Manko ist die Verteidigung. Šarić versprach, daran im Sommer zu arbeiten.

Vor allem in den Playoffs attackierten ihn die gegnerischen Teams im Pick and Roll. Die fehlende Schnelligkeit und Beweglichkeit in den Beinen wurden hier zum deutlichen Nachteil. Dennoch hat Šarić einen unglaublichen Wert für das Team, nicht nur auf dem Parkett. In der Umkleide gilt er als äußerst beliebt und ist für die Stimmung im Team wichtig.


Beste Fünf
Simmons – Redick – Covington – Šarić – Embiid

Good News
+ Mit Ben Simmons und Joel Embiid haben die Sixers ein dynamisches Duo
+ Embiid hatte einen verletzungsfreien Sommer und dürfte sich weiter verbessern
+ Das Team ist eingespielt und muss keinen wichtigen Spieler integrieren
+ LeBron James' Umzug in den Westen

Bad News
- Wie jedes Jahr hängt alles an der Gesundheit von Joel Embiid
- Die Boston Celtics und Toronto Raptors haben einen ausgeglicheneren Kader
- Es fehlen Spieler, die sich neben Simmons und Embiid ihren eigenen Wurf kreieren können
- Auf den Guard-Positionen fehlt Qualität und Tiefe


Was fehlt?
Guards! In der Playoff-Serie gegen die Boston Celtics wurde deutlich, dass die Sixers vor allem auf den Guard-Positionen Probleme hatten. Per Draft kamen mit Shamet und Smith zwar Guards mit an Bord, die aber noch einiges an Zeit brauchen. Sonst bleibt alles beim Alten. Hier hätte es gut getan, wenn die Sixers sich einen soliden Spielmacher, z. B. Shabazz Napier, verpflichtet hätten.

Check 1,2
Die letzte Saison zeigte, wie gut das Duo Simmons und Embiid funktioniert. Dabei war es für Simmons erst Jahr eins und für Embiid Jahr zwei. Da LeBron James den Osten verlassen hat, sind die drei besten Teams der Conference nun Toronto, Boston – und eben Philadelphia.

Die Erwartungen sind dementsprechend hoch, ein erneutes deutliches Ausscheiden wie in der letzten Saison würde als Misserfolg interpretiert werden. Das Team wurde nur marginal verbessert. Vieles wird an der Entwicklung von Simmons, Embiid und vor allen Dingen an Fultz hängen. Eine Top-3-Platzierung im Osten ist aber auf jeden Fall drin.

Die Rechnung, bitte