08 Oktober 2018

8. Okt, 2018


18/19, yo! NBA-Jahr Nummer 72 steht in unser aller Haus. Streng umgekehrt chronologisch nach Qualität sortiert serviert die Küche del NBAChefkoch 30 Vorausschauen auf je 82 Spiele, wie immer garniert mit unerschütterlichen Prognosen. Heute: die Portland Trail Blazers.

von JAN WIESINGER @WiesiG | 8. Okt, 2018

Flashback
49-33, Playoffs Runde eins (0-4 vs. New Orleans Pelicans)

Plus
Seth Curry
Nik Stauskas
Anfernee Simons
Gary Trent Jr.

Minus
Pat Connaughton
Ed Davis
Shabazz Napier

Was ist Neu?
Auf den ersten Blick zunächst nicht sonderlich viel. Alle Starter und Spieler mit zweistelligen Millionensalären sind in Oregon verblieben. Neu dürfte zumindest ein spürbarer Hauch von Unzufriedenheit im ansonsten so beschaulichen Portland sein. Zehn Playoffspiele in Folge verloren, davon eine deutliche Null-zu-Vier-Packung gegen die Pelicans in den letztjährigen Playoffs. Platz drei nach der regulären Saison war ohnehin eine denkbar enge Geschichte. Mit nur vier Niederlagen mehr wären die Blazers im engen Westen in der Lottery gelandet.

Der Kader gehört zu den teuersten der Liga und ist nach einem für die langfristige Finanzplanung der Franchise katastrophalen Sommer im letzten Jahr für die nächsten beiden Spielzeiten beinahe in Stein gemeißelt.

Die personellen Veränderungen fielen vor dieser Serie auch deswegen sehr überschaubar aus: Den Abgängen von Pat Connaughton, Ed Davis und Shabazz Napier stehen die Zugänge Seth Curry und Nik Stauskas sowie zwei junge Rookies gegenüber.

Der an Position 24 gedraftete Combo-Guard Anfernee Simons ist mit 19 Jahren ebenso jung und unfertig wie der gleichaltrige Gary Trent Jr., den die Blazers mit ihrem Auswahlrecht an 37. Stelle wählten. Für beide dürfte es in ihrer ersten NBA-Saison in erster Linie um die spielerische Entwicklung und ein Ankommen in der Liga gehen. Eine tragende Rolle wird in dieser Saison noch für keinen der beiden vorgesehen sein. Die Bank der Blazers gehörte dabei im letzten Jahr zu den besseren der Liga und verliert drei ihrer Rotationsspieler, deren Verlust es aufzufangen gilt.


Beste Addition
Seth Curry ...  Der jüngere Bruder von Steph Curry ist ein echter NBA-Spätstarter. 2013 wurde ihm keiner der 60. Picks zuteil und trotz mühsamer Jahre in der D-League machte er erst bei den Sacramento Kings im Alter von 25 mit Minuten von der Bank auf sich aufmerksam. In der letzten Saison gelang dem eigentlich zu kleinen Shooting Guard bei den Mavericks endlich der Durchbruch. Aufgrund mangelnder Alternativen und Verletzungssorgen startete Seth 42 seiner 70 Saisonspiele, loggte im Schnitt respektable 29 Minuten und knapp 13 Punkte pro Spiel. Das sind zwar bei weitem keine Fabelwerte, aber vielversprechende Ansätze.




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Der 28-jährige setzt mit einem Einjahresvertrag für die mehr als gerechtfertigte Aufwandspauschale von knapp drei Mio. $ auf Einsatzzeit und eine Fortführung seiner eigenen positiven Entwicklung. Auch wenn der Vergleich mit seinem berühmten Bruder so naheliegend wie abwegig ist: Seth ist ebenfalls ein sehr guter Dreierschütze und netzte in der letzten Saison sogar brutale 0,2% seiner Versuche mehr als sein Bruder – 42,5% 3-PT-% vs. 42,3% von Steph – welcher aber mehr als doppelt so häufig abdrückte. Seth ist zwar ein geschickter Ballhandler, aber dennoch deutlich behäbiger und daher eher ein verlässlicher Spot-Up-Shooter als ein Spielgestalter und primärer Ballhandler im Stil seines Bruders. Wird er richtig eingesetzt, könnte er den Blazers dennoch viel Freude bereiten.

The Planet
Damian Lillard ... Lillards Playmaking ist verlässlich, sein Scoring insbesondere aus dem Pick-and-Roll heraus, welches Lillard in ungefähr der Hälfte seiner Ballbesitze einbezieht, ist bemerkenswert und komplett. Bemerkenswert ist ebenfalls Lillards Resistenz gegenüber Verletzungen: In sechs Saisons verpasste der Point Guard nie mehr als neun Spiele pro Saison – in den ersten drei Saisons verpasste er gar kein einziges Spiel. Dies mag das Resultat einer Kombination von Zufall und guter Veranlagung sein, kann aber auch als Indiz für absolute Professionalität im Hinblick auf die Vorbereitung und körperliche Fitness gewertet werden.

So überzeugend Lillard in der letzten Saison auch war, so katastrophal war seine Serie gegen die Pelicans. Deren Defensive versalzte dem schnellen Guard gehörig die Suppe, sodass dieser im Vergleich zur regulären Saison in der Erstrundenserie trotz mehr Minuten rund 10% schlechter aus dem Feld warf und knapp 9,5 Punkte weniger auflegte, was schlussendlich den Genickbruch für Portland bedeutete.

Eindeutig zu wenig für einen Superstar, der erstmals in seiner Karriere sogar ins All-NBA First Team gewählt wurde. Lillards Vertrag läuft allerdings genau wie der seines Backcourt-Kollegen McCollum noch drei Jahre, weshalb der ehemalige Athlet von Weber State in dieser Saison die erste von drei Gelegenheiten bekommt, die Schmach des letzten Jahres auszumerzen.




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Rising Star
C.J. McCollum ... Auch wenn Christian James McCollum für viele längst ein Star in dieser Liga sein mag und auch wie ein solcher bezahlt wird – ein All-Star ist der Musterprofi bislang noch nicht. Der MIP der Saison 15-16 stand die ersten beiden Jahre seiner NBA-Karriere etwas im Schatten seines Co-Stars im Backcourt – doch das ist längst vorbei. McCollum geht in seine sechste Saison mit den Blazers, die ihn 2013 an zehnter Stelle selektierten. Der 27-Jährige ist ein passabler Ballhandler, dabei aber im Gegensatz zu Lillard offensiv auch ohne den Ball äußerst effektiv. Ein verlässlicher Dreier gehört ebenso zu seinem Repertoire wie sicherere Punkte von der Linie, die McCollum jedoch häufiger aufsuchen könnte.

Die wahre Stärke in seinem Spiel und ein klares Alleinstellungsmerkmal ist McCollums Scoring aus der Mitteldistanz. Hier gehört der Shooting Guard ligaweit zu den besten. Dadurch öffnen sich immer wieder Möglichkeiten im Angriffsspiel der Blazers. Defensiv zeigte sich McCollum in der letzten Saison verbessert, hat aber noch deutlichen Abstand zu den Elite-Verteidigern der Liga aufzuholen. In diese Saison geht McCollum nach eigenen Angaben mit dem geringsten Körperfettanteil seiner Karriere – der interessierte Fan darf durchaus gespannt sein, ob und wie sich dies auf sein Spiel auswirkt.

Don’t Sleep! 
Al-Farouq Aminu ... Der 28-jährige Power Forward der Blazers war einer der wenigen Lichtblicke auf der kurzen Playoffbühne der letztjährigen Saison. Auch wenn die Fallzahl eher gering war, setzte Aminu als Addition zu seiner verlässlichen defensiven Präsenz und Reboundarbeit auch am offensiven Ende Akzente. Auch während der regulären Saison fiel der Dreier mit 36,9% bereits solide wie selten zuvor in der Karriere des Flügelspielers.

Seine Reichweite ist besonders dann elementar, wenn Aminu in Lineups mit Center-Monster Jusuf Nurkić zur Geltung kommt, der seinerseits ohne jegliche Reichweite in der modernen NBA aus der Zeit gefallen scheint. Weitere Frontcourt-Spieler der Trail Blazers wie Meyers Leonard oder Zach Collins haben zwar deutlich mehr Reichweite als der bullige Bosnier, sind aber langsamer als Aminu und dadurch schlechter neben diesem spielbar. Aminu, der in dieser Saison knapp sieben Mio. $ verdient, spielt außerdem um einen neuen Vertrag, was weitere Kräfte freisetzen könnte.

Beste Fünf
Lillard – McCollum – Harkless – Aminu – Nurkić


Good News
+ Die Mannschaft ist eingespielt und nicht schwächer einzuschätzen als im letzten Jahr
+ Der Backcourt gehört zur ligaweiten Spitze – Lillard oder McCollum können beide an einem heißeren Abend mühelos 40+ auflegen und Gegner alleine aus der Halle befördern
+ Die Bank ist passabel und mit jungen und variablen Spielern bestückt
+ Auf die Heimstärke und das lautstarke Portlander Publikum ist Verlass, die Blazers gewannen letztes Jahr fast 70% der Spiele auf heimischem Court

Bad News
- Die Vertragslage ist verzwickt... wollen die Trail Blazers etwas reißen, bedarf es einer wundersamen Leistungssteigerung oder aber eines Trades von Lillard oder McCollum
- Der Westen hat weiter an Qualität zugelegt, verliert Portland nur 10% Spiele mehr als im letzten Jahr, finden die Playoffs ohne die Blazers statt
- Ein Backcourt allein bringt noch keinen Titel: Stillstand ist Rückschritt
- Die andere Medaillenseite der Heimstärke: Portland schaffte 2017/18 auswärts nur knapp eine positive Bilanz (21-20)

Was fehlt?
Gestaltungsmöglichkeiten. Der Sommer 2016 hat noch immer schwerwiegende Folgen für die Blazers. Auf der Drei fehlt eindeutig ein Spieler mit gehobenem NBA-Niveau als Upgrade für Mo Harkless. Evan Turners Rolle ist eher die Spielgestaltung von der Bank.

Coach Terry Stotts und sein Stab sollten sich auch die vier Playoffspiele gegen die Pelicans noch einmal anschauen, welche die offensichtlichen Schwächen der Blazers schonungslos offenbarten: Insbesondere mangelndes Spacing, defensive und offensive Unzulänglichkeiten sowie schlichte Überforderung mit der intensiven und perfekt abgestimmten Verteidigung des Gegners führten zum Debakel. Der Kader ist zudem vergleichsweise jung. Reife ist in der Liga etwas, dass sich nur schwer hinzu addieren lässt.


Check 1,2
Das Personal ist bis auf kleinere Änderungen im Kern gleich geblieben und obere NBA-Mittelklasse mit ansprechendem Talentlevel. Die Blazers haben mit durchschnittlich 24,3 Jahren den jüngsten Kader aller 30 Teams. Das ist, perspektivisch gesehen, ein gutes Zeichen. Derart jungen Teams gelingen jedoch in der Liga selten tiefe Playoff-Runs.

Die toxischen Verträge von Turner, Harkless und Leonard belasten die sportliche Zukunft der nächsten beiden Jahre zudem nachhaltig. Kein anderes Team wird unter normalen Umständen in dieser Saison einen dieser Verträge aufnehmen. Eine Vielzahl der GMs dürfte sich allerdings nach Lillard oder McCollum die Finger lecken. Falls die Playoffs tatsächlich verpasst werden sollten, könnte Portlands Mann am Hebel Neil Olshey diese Option in Erwägung ziehen.

In der letzten Saison spielten die Jungs aus Rip City am oberen Ende ihres möglichen Leistungsspektrums, insbesondere auch dank weniger Verletzungen. Ob ein solcher Erfolg und der Divisionssieg wieder gelingen kann, darf zumindest stark angezweifelt werden.

Die Rechnung, bitte