09 Oktober 2018

9. Okt, 2018


18/19, yo! NBA-Jahr Nummer 72 steht in unser aller Haus. Streng umgekehrt chronologisch nach Qualität sortiert serviert die Küche del NBAChefkoch 30 Vorausschauen auf je 82 Spiele, wie immer garniert mit unerschütterlichen Prognosen. Heute: die San Antonio Spurs.

von DANIEL SCHLECHTRIEM @W14Pick | 9. Okt, 2018

Flashback
47-35, Playoffs Runde eins (1-4 vs. Golden State Warriors)

Plus
DeMar DeRozan
Jakob Pöltl
Marco Belinelli
Dante Cunningham
Quincy Pondexter
Lonnie Walker IV.
Chimezie Metu

Minus
Kawhi Leonard
Tony Parker
Manu Ginóbili
Danny Green
Kyle Anderson
Joffrey Lauvergne

Was ist Neu?
Der Zahn der Zeit hat die erfolgreichste Franchise der letzten 20 Jahre eingeholt. Manu Ginóbili verabschiedete sich in den wohlverdienten Ruhestand, Tony Parker spielt ab sofort für die Charlotte Hornets, Kawhi Leonard forcierte seinen Abgang und Danny Green wurde zusammen mit Leonard nach Kanada verfrachtet.

Damit fehlen den Spurs nicht nur gleich vier langjährige Stützen, sondern in Kawhi auch der Auserkorene, der San Antonio in eine glorreiche neue Ära führen sollte. Beim unvermeidbar gewordenen Trade Leonards ließ der fünffache Champion keinen Zweifel an der kurzfristigen Ausrichtung der Franchise: Rebuild? Nein, danke. Silber-Schwarz bleibt kompetitiv.


Anstatt vielversprechender Draft Picks oder jungem Blut bestand das Erfolgsduo Coach Gregg Popovich und GM R.C. Buford im Kawhi-Trade auf gestandene Qualität und angelte sich in DeMar DeRozan einen vierfachen All-Star in der Blüte seine Karriere. Mit im Paket kam der Österreicher Jakob Pöltl.

Marco Belinelli, der von 2013 bis 2015 bereits für die Spurs aktiv war und unter Popovich seinen besten Basketball spielte, bringt neue Feuerkraft nach Alamo. Weil der Italiener Popovichs System und die Mentalität der Spurs bestens kennt, füllt er zumindest im Ansatz die Lücke, die vor allem Parker und Ginóbili hinterlassen haben.

Im Draft wählten die Spurs zum ersten Mal seit 2010 mit dem eigenen Pick in den Top-20 und entschieden sich für Lonnie Walker IV., einen klassischen 3&D-Wing, der seine Stärken in Länge, Aggressivität sowie Ballhandling hat und – bei einem Spurs-Pick wenig überraschend – über die Mentalität kommt. Allerdings muss der erst 19-Jährige zunächst noch die harte Popovich'sche Schule durchlaufen. Den Saisonstart wird er verpassen.


Beste Addition
DeMar DeRozan ...  Eigentlich prädestiniert, Zeit seiner Karriere für die Toronto Raptors zu spielen, zeigt das Beispiel DeRozan wie hart das Geschäft NBA manchmal sein kann. Während seiner neun Jahre in Kanada repräsentierte er Toronto und die Raptors wie kaum jemand vor ihm. Weil die Dinos aber sportlich in einer Sackgasse steckten und zum wiederholten Male in den Playoffs von LeBron James vom Feld gefegt worden waren, suchten sie das Upgrade in Person von Kawhi Leonard.

So spielt also DeRozan nun, wie es nie jemand hätte vorhersehen können, für die Spurs und belebt deren zuletzt pomadige Offensive: Ligaweit 25. in True Shooting Percentage, 26. in Effective Field Goal Percentage sowie 17. im Offensiv-Ranking sind keine akzeptablen Zustände für ein Team mit San Antonios Anspruch.

Fragen zur Harmonisierung erübrigen sich. Der Shooting Guard bewies zuletzt seine Teamfähigkeit, indem er sich einen respektablen Dreier aneignete, um dem zeitgemäßen Spielstil in der Association gerecht zu werden. Das minderte seine persönliche Produktivität, half den Raptors aber nachdrücklich, 2017/18 59 Siege und damit die meisten der Franchise-Geschichte einzufahren.

Die gehörige Portion Wut im Bauch, mit der DeRozan infolge seines unfreiwilligen Abgangs aus Toronto in die neue Saison starten wird, kommt den Spurs sicherlich nicht ungelegen.


The Planet
LaMarcus Aldridge ... Der Center/Forward war seit seiner Ankunft 2015 nie der beste Spieler San Antonios und das ist er auch jetzt nicht. Dennoch haben Aldridge und Coach Popovich einen Weg gefunden, im Widerspruch zum allgemeinen Trend in der NBA ein auf das Big Man Game von LMA sowie Pau Gasol ausgerichtetes System zu implementieren.

In Abwesenheit Kawhi Leonards spielte Aldridge vergangenes Jahr seine beste Saison für die Spurs (23,1 Punkte, 8,5 Rebounds), der behäbige Spielstil Popovichs (29. in Pace) erlaubt dem 33-Jährigen, zahlreiche der ihm so gelegenen Würfe aus der Mitteldistanz zu nehmen.

Die Zusammenarbeit mit dem umgänglichen wie ehrgeizigen DeRozan wird Aldridges Produktivität keinen Abbruch tun, vielmehr schafft DeRozans Variabilität mehr Raum und Möglichkeiten.

Rising Star
Jakob Pöltl ... Hier war eigentlich Dejounte Murray fest vorgesehen, doch der kürzlich erlittene Kreuzbandriss des designierten Nachfolger Tony Parkers verhindert einen signifikanten Einfluß Murrays in dieser Spielzeit.


Daher geht die Kategorie an Pöltl. Der gebürtige Wiener stand in Kanada kurz vor dem Durchbruch, legte ein solides Sophomore-Jahr aufs Parkett, ohne ein einzige Partie zu verpassen. Für Pöltls weitere Entwicklung ist der Wechsel zu den Spurs ein Lotteriegewinn, denn hier unterweist ihn nicht nur der beste Coach der Liga, er trifft außerdem in Pau Gasol auf einen der besten und erfolgreichsten europäischen Bigs der jüngeren Basketballgeschichte, von dem er sich auf und abseits des Feldes einiges abschauen kann.

Als Backup hinter Gasol und Aldridge wird der bald 23-jährige 2,13 Meter Hüne im ersten Jahr in Texas sicherlich noch keine Hauptrolle spielen, jedoch von Popovich nach und nach zum Nachfolger dieses betagteren Duos ausgebildet, mit der großen Chance, sie in nicht allzu ferner Zukunft zu beerben.

Don’t Sleep! 
Patty Mills ... Helden werden nicht geboren, sie folgen dem Ruf der Notwendigkeit. Der Ausfall Murrays wirft die Spurs zurück und bringt dessen Backup Patty Mills ungewollt ins Rampenlicht. Es ist nun am Australier, das Spiel San Antonios zu dirigieren, dabei war der Zeit seiner Karriere die zweite Geige und hat sich mit dieser Funktion angefreundet, nur in 54 seiner 523 Karrierespiele stand er in der Startformation.

Da die Spurs übers System und Kollektiv kommen und weil Mills, seit 2012 in San Antonio, jenes schlafwandlerisch sicher läuft, ist zumindest die defensive Stabilität nicht in Gefahr. Offensiv muss der nur 1,83 Meter große Aufbauspieler aber schnell mit seinem Backcourt-Partner DeRozan auf einen Nenner kommen, um oben aufgeführten Ruf zu beantworten. Weil die Spurs nunmal die Spurs sind, würde es keinen wundern, wenn Mills infolge der Notwendigkeit ein Career Year aufs Parkett legt.

Beste Fünf
Mills – DeRozan – Gay – Aldridge – Gasol


Good News
+ Gregg Popovich ist immer noch da
+ Solange Popovich da ist, ist die Defensive elitär
+ Talentevaluierung und Spielerentwicklung funktionieren weiter wie geschmiert
+ Lieber einen gesunden DeMar als einen verletzten Kawhi

Bad News
- Das erfolgreiche Fundament der letzten Jahre ist weg
- Gasol (38), Aldridge (33), Belinelli (32), Gay (32) ... die Spurs sind trotzdem noch alt
- Damit zusammenhängende erhöhte Verletzungsgefahr und Probleme mit athletischen Gegnern
- Die Offensive ist auch mit DeRozan zu statisch und ausrechenbar

Was fehlt?
Tim Duncan. Die Abgänge von Parker und Ginóbili werden zumindest sportlich aufzufangen sein, auch wenn beide als Stabilisatoren und Routiniers ungeheuer wichtig für den ordnungsgemäßen Ablauf im Spiel der Spurs waren.

Seit jedoch „The Big Fundamental“ im Jahr 2016 in den Sonnenuntergang ritt, fehlt San Antonio die Portion Extraklasse, die Duncan offensiv wie defensiv aufs Parkett brachte und sein Team somit zum selbstverständlichen Titelkandidaten – oder wenigstens Anwärter auf die Western Conference Finals – erhob. Nach zwei Spielzeiten ohne Timmy D. wird langsam immer klarer, wie groß der Einfluss der Nummer 21 gewesen ist.


Ganz praktisch fehlen unabhängig von Murrays Verletzung ein besserer Spielmacher, ein legitimer Ringbeschützer und insgesamt mehr Gefahr von der Dreierlinie, um die Spitze der Western Conference anzugreifen.

Check 1,2
2017/18 errangen die Spurs zum ersten Mal in Popovichs goldener Ära weniger als 50 Siege. Im noch stärker gewordenen Westen wird dieses sich im Umbruch befindende Team besagte Marke ebenfalls nicht knacken, selbst wenn DeRozan seine Regular Season-Form auf dem Trip von Toronto nach Texas konserviert. Infolge der schweren Verletzungen Lonnie Walkers und Dejounte Murrays droht den Spurs zum ersten Mal seit 1997 ernsthaft die Zuschauerrolle in den Playoffs.

Die Rechnung, bitte