14 Oktober 2018

14. Okt, 2018


18/19, yo! NBA-Jahr Nummer 72 steht in unser aller Haus. Streng umgekehrt chronologisch nach Qualität sortiert serviert die Küche del NBAChefkoch 30 Vorausschauen auf je 82 Spiele, wie immer garniert mit unerschütterlichen Prognosen. Heute: die Toronto Raptors.

von SEB DUMITRU @nbachefkoch | 14. Okt, 2018

Flashback
59-23, Eastern Conference Semi-Finals (0-4 vs. Cleveland Cavaliers)

Plus
Kawhi Leonard
Danny Green
Greg Monroe
Kay Felder
Chris Boucher

Minus
DeMar DeRozan
Jakob Pöltl
Lucas Nogueira
Alfonzo McKinnie
Malcolm Miller

Was ist Neu?
Eine Menge. Nach der nächsten verheerenden Playoff-Niederlage gegen LeBron James und die Cleveland Cavaliers entschied Präsident Masai Ujiri, dass genug endgültig genug war. Ein ereignisreicher Sommer stellte die Weichen für eine der interessanten Saisons in der jüngeren NBA-Geschichte.

Es kommt nicht oft vor, dass eine der erfolgreichsten Franchises der Liga – und das waren die Raptors zumindest in der regulären Saison – derart radikale Personapolitik betreibt. Cheftrainer Dwane Casey, der Toronto seit 2011 zu immer neuen Höhen gecoacht hatte, wurde noch vor seiner berechtigten Ernennung zum Trainer des Jahres entlassen.


Sein Ersatzmann ist sein ehemaliger Top-Assistent Nick Nurse. Der 51-Jährige ist zweifacher Meister und Trainer des Jahres in der G-League, arbeitete seit 2013 an Caseys Seite und zeichnet sich für die nicht für mögliche gehaltene Transformation der Raptors-Attacke verantwortlich. Aus einer statischen, auf Isolationen und Einzelaktionen von DeMar DeRozan und Kyle Lowry beschränkten Offensive wurde eine Pick-and-Roll-lastige, die das Tempo anzog, Ball und Spieler bewegte und so viele Dreier in Richtung Korb fliegen ließ wie nie zuvor.

Der Bomben-Blockbuster folgte prompt: am 18. Juli tradete Ujiri seinen vierfachen All-Star DeRozan, zusammen mit dem jungen österreichischen Center Jakob Pöltl und einem geschützten Erstrunden-Pick zu den San Antonio Spurs. Im Gegenzug kam mit Kawhi Leonard einer der besten Spieler der Liga, mit Danny Green eine respektierte Three-and-D Option auf dem Flügel. Big Man Greg Monroe war die einzige nennenswerte Free Agency Akquisition.

Beste Addition
Kawhi Leonard ...  Leonard ist der weltweit vermeintlich beste Two-Way-Player, dominierte für San Antonio das Geschehen an beiden Enden des Parketts. Sein Impact ist exorbitant. Er kann diese Franchise in nicht gekannte Höhen lüften – dann, wenn es zählt, nämlich in den Playoffs! Dort hat der ehemalige Finals-MVP ein ums andere Mal bewiesen, dass er zu den komplettesten und effektivsten Performern überhaupt zählt.


Der 27-Jährige hat seine mysteriöse Oberschenkelverletzung, die seine letzten Monate in San Antonio überschattete, auskuriert und avanciert hier im Norden automatisch zum besten Raptors-Spieler der Franchise-Geschichte. Einen derart vielseitigen, effizienten und einflussreichen Basketballer hat dieser Klub noch nie gesehen. Seine Kombination aus Physis, Motor, Verlässlichkeit und IQ ist so selten wie verblüffend.

Viele haben bereits vergessen, dass Leonard in seiner letzten kompletten Saison (2016/17) für 25,5 Punkte, 5,8 Rebounds, 3,5 Assists, 1,8 Steals und 2,0 Dreier pro Partie verantwortlich war – bei unfassbar sicheren 48,5 Prozent aus dem Feld, 38,0 Prozent Dreiern und 88,0 Prozent von der Freiwurflinie. Auch defensiv zählte er zu den gefürchtetsten Akteuren weit und breit, wurde bereits zwei Mal als Verteidigungsspieler des Jahres geehrt und stand drei Mal in Folge im All-Defensive-First-Team. Wenn Leonard einen Großteil seiner bekannten Fähigkeiten zeigt, feiert Toronto eine achtmonatige Party.

The Planet
Kyle Lowry ... Während Casey und DeRozan den unerbittlichen Gesetzen des Marktes zum Opfer fielen, ist Kyle Lowry der letzte Überlebende der „alten“ Raptors – und natürlich ihr dienstältester Spieler. In den sechs Jahren, die der Point Guard nun schon in Toronto seine Sneaker schnürt, haben die Dinos 297 Partien gewonnen – die meisten in der Eastern Conference.


Lowry bleibt aufgrund seiner Fähigkeiten als Scorer, Vorbereiter und Defender einer der Elite-Einser der Basketball Association. Seine Zahlen (16,2 Punkte und 6,9 Assists pro Abend) mögen zuletzt gesunken sein; das hatte viel mehr mit der niedrigsten Einsatzzeit seit 2012/13 zu tun als mit seinen abnehmenden Fähigkeiten.

In der Verteidigung zählte der Veteran einmal mehr zu den bissigsten Kontrahenten auf der Spielmacher-Position, führte die Liga bei den gezogenen Charges an. Dass Lowry bald 33 Jahre alt wird, ist dank der Ankunft von Leonard nicht so problematisch, wie es an der Seite von DeRozan gewesen wäre. Lowry kann sich nun zunehmend auf seine Rolle als Shooter (zuletzt 40 Prozent Dreier), Gunner und Anführer konzentrieren, ohne sich Angriff für Angriff aufreiben zu müssen.

Rising Star
Fred VanVleet ... Der 24-Jährige ist eine der Feelgood-Stories in der NBA. Trotz starken College-Leistungen für die Wichita State Shockers blieb der nur 1,80 Meter große Point Guard ungedraftet. Toronto nahm ihn für die Summer League 2016 und das anschliessende Training Camp unter Kurz-Vertrag; VanVleet setzte sich gegen alle Kontrahenten durch und sicherte sich einen der letzten Kaderplätze für 2016/17.

Vergangenes Jahr explodierte der bissige Guard mit unerwarteten 8,6 Punkten in 20 Minuten pro Einsatz. Seine Trefferquote von aussen (41,4 Prozent), seine geschickten Manöver auf dem Weg durch die Zone sowie seine überraschend stabile Defensivarbeit trotz Längennachteilen... all das verblasste im Licht seiner fortgeschrittenen Statistiken.

VanVleets Präsenz katapultierte Bank-Formationen zu einem Net-Rating-Plus von 17 Punkten pro 100 Angriffen; lief er mit den Startern auf, performte Toronto 24 Punkte pro 100 Angriffe besser. Eine schlecht getimte Schulterverletzung stoppte ihn kurz vor Start der Playoffs. Seine Leistungen brachten ihn jedoch Platz drei bei der Wahl zum Sixth Man of the Year – und einen neuen Zweijahresvertrag von den Raptors – ein.

Don’t Sleep! 
Jonas Valančiūnas ... Der Litauer, in vielen Fan-Kreisen lange verspottet, ist erst 26 Jahre alt und nicht nur der effizienteste Low Post Spieler der Liga (1,09 Punkte pro Play), sondern hat obendrein einen neuen Trick gelernt: JV traf zuletzt bombastische 40,5 Prozent seiner 74 Versuche von jenseits der Dreierlinie.


Seine Mischung aus schierer Wucht am Zonenrand funktioniert ebenfalls, wenngleich nur in Schüben. Dennoch hat der Veteran gelernt, seine körperlichen Vorteile und jedes Mismatch effizient auszunutzen. Hinten reboundet er mit Nachdruck und hat im Halbfeld zumindest seine katastrophalen Aussetzer dahingehend minimiert, dass seine Präsenz beim Verteidigen eines Blocken-und-Abrollens nicht mehr automatisch ein Handicap ist.

Valančiūnas' neu gefundene Sicherheit aus der Distanz und seine akribische Arbeit an seinen Schwächen haben ihm nach Jahren der Tradegerüchte neuen Wind verliehen. Mehr Volumen, eine minimal höhere Nutzungsrate und eine Handbremse in punkto Einsatzzeit sollten dafür sorgen, dass er heuer seine beste NBA-Saison zeigen wird. Dass er mit Nurse einen seiner grössten Verfechter am Lenkrad sitzen hat, wird ihm zugute kommen.

Beste Fünf
Lowry – Green – Leonard – Anunoby – Siakam


Good News
+ 2017/18 einziges Team mit Top-Fünf Offense und Defense
+ Elite-Verteidiger auf allen Positionen
+ beste Ersatzgarnitur der NBA
+ Leonard war – wenn fit – ein veritabler MVP-Kandidat und der beste Two-Way-Player der Liga

Bad News
- Wenig bis gar keine Kontinuität – zum ersten Mal seit Langem
- Lowry geht in seine „er-ist-schon-33-Jahre-alt“-Saison
- Viel Druck, wenn es in die Playoffs geht – dort machten die Raptors niemandem Angst
- Niemand weiß, was Leonard will, seine Akquisition könnte spektakulär in die Hose gehen

Was fehlt?
Zeit und ein Maß Sicherheit. Nach Jahren der Kontinuität haben die Raptors zum ersten Mal sehr viele Fragen zu beantworten. Viel Zeit, um die vielen neuen Puzzleteile, Ideen und Persönlichkeiten zu integrieren, hatten Coach Nurse und sein Stab bisher nicht.

Es wird also ein paar Wochen dauern, ehe Toronto eingespielt ist und die Schlagzahl erhöhen wird. Das Problem: selbst, wenn es irgendwann ideal laufen sollte, wenn wie früher Siege am Fließband produziert werden und die Boston Celtics/Philadelphia 76ers in der Division nicht nur Paroli geboten wird, sondern die Dinos vielleicht sogar dominieren, wird immer ein unbehaglicher Wind durch Kanada wehen.

Solange Leonard nicht bestätigt, dass er sich vorstellen kann, über diese Saison hinaus in Ontario zu bleiben, wird die kollektive Nervosität das alles überschattende Thema der kommenden Spielzeit sein. Das wäre schade – denn in T-Dot spielen sie seit Jahren erstklassigen Ball.


Check 1,2
Kein Eastern Conference Team hat seit der Saison 2013/14 mehr Siege eingefahren als dieses hier. Auch abseits der Parketts haben die Raptors längst eine der vier, fünf erfolgreichsten Franchises in der Association aufgestellt. Ujiri wollte nicht Jahr für Jahr auf die immer selbe Art und Weise scheitern – also ging er all-in, tradete für einen veritablen MVP-Kandidaten und verschob damit den Plafond seines Teams entscheidend.

Wenn alles läuft wie geplant, stellen die Raptors nicht nur erneut eines der komplettesten Top-Teams des Ostens, sondern rutschen in der Conference-Hackordnung sogar an Boston vorbei auf Rang eins. Mit den Celtics werden sich diese Dinosaurier wohl auch in den Conference Finals um den Einzug ins NBA-Finale. Das Alternativ-Szenario ist natürlich ebenfalls bekannt. Selten war das Schicksal eines Klubs so exklusiv an einen Spieler gebunden wie das der Toronto Raptors 2018/19.

Die Rechnung, bitte