03 November 2018

3. Nov, 2018


von AXEL BABST @BabstMadness | 3. Nov, 2018

Rückblick
Verletzungen prägten die Saison der Gators. Neun verschiedene Startformation musste Mike White ausprobieren, die meist gewählte schaffte es dabei auf insgesamt 13 Partien mit ebenjenen ersten Fünf. Besonders das Fehlen von Center John Egbunu war sehr schmerzlich für Florida. Ohne ihren dominanten Innenspieler waren die Gators bisweilen sehr abhängig von ihren Distanzwürfen und konnten keinen verlässlichen Scorer im Pick & Roll etablieren.

Obwohl sich wechselnde Formationen und eine dünne Rotation bemerkbar machten, ließen sich die Mannen von White nicht gänzlich aus der Bahn werfen und sorgten für viele Überraschungserfolge. Sie schlugen zwei Mal Kentucky, sammelten insgesamt 21 Siege und konnten auch im Tournament für glanzvolle Momente sorgen. Nach einem Auftaktsieg gegen St. Bonaventure zogen sie in einem umkämpften Spiel gegen Texas Tech knapp den Kürzeren (66:69).

Abgänge
Chris Chiozza (Guard, Dirigent, Graduation)
Egor Koulechov (Wing/Big, Starter, Graduation)

Verbliebene
KeVaughn Allen (Guard, 6'2'', Senior)
Kevarrius Hayes (Big, 6'9'', Senior)
Jalen Hudson (Wing, 6'6'', Senior)
Gorjok Gak (Big, 6'11'', Junior)
Keith Stone (Big, 6'8'', Junior)
Deaundrae Ballard (Guard, 6'5'', Sophomore)
Dontay Bassett (Big, 6'9'', Sophomore)
Mike Okauru (Guard, 6'3'', Sophomore)

Neulinge
Chase Johnson (Big, 6'9'', Freshman)
Keyontae Johnson (Wing, 6'5'', Freshman)
Noah Locke (Guard, 6'3'', Freshman)
Andrew Nembhard (Guard, 6'5'', Freshman)
Isaiah Stokes (Big, 6'8'', Freshman)

Starter
Andrew Nembhard, KeVaughn Allen, Jalen Hudson, Keith Stone, Kevarrius Hayes
Die Bezeichnung "Floor General" wird gerne mal überstrapaziert, doch im Falle von Chris Chiozza war es absolut angebracht genau diese Umschreibung zu wählen. Der wieselflinke Guards war der Dirigent der Offense und initiierte spielend leicht das Ballmovement Floridas, da er nach Belieben in die Zone vordringen konnte. Es wird keine einfache Aufgabe, ihn zu ersetzen.

Dennoch darf sich gleich ein Freshman daran versuchen. Allerdings sollte dieser Freshman tatsächlich relativ schnell dafür sorgen, dass Chiozza vielleicht nicht gerade in Vergessenheit gerät, aber doch zumindest nicht so schmerzlich vermisst wird, wie nach der vergangenen Saison viele denken mögen. Andrew Nembhard ist dabei zunächst schon physisch ein Gegenpol zu Chiozza.

Mit 6'5'' gelistet besitzt der Kanadier Gardemaß und nutzt dieses, um das gesamte Spielfeld jederzeit im Blick zu haben. Für einen so jungen Aufbauspieler verfügt Nembhard schon über sehr viele Routine in der Spielorganisation und leistet sich wenige Fehler. Alles, was er macht, hat Hand und Fuß. In der Halbfeldoffense von White wird Nembhard durch sein gutes Pick & Roll Spiel herausstechen und dafür sorgen, dass der Motor im Angriff weiterhin so störungsfrei seinen Dienst verrichtet wie bisher.

Während Nembhards primäre Aufgabe darin bestehen wird, das Spiel zu ordnen und seine Mitspieler in Szene zu setzen, befindet sich auf den anderen Außenpositionen die geballte Scoring Power der Gators. Besonders KeVaughn Allen wird hochmotiviert in sein letztes Jahr am College gehen. Das Junior Jahr des Scoring Guards war eine Enttäuschung. Sein Punkteschnitt sank auf elf Zähler pro Begegnung und lag damit sogar unterhalb des Werts aus seiner Freshman Saison (11,6 Punkte pro Spiel).

Neben der reinen Produktion seiner Punkte wird Allen vor allem die Effizienz seiner Aktionen enorm hochschrauben müssen. Eine effektive Feldwurfquote von 45 Prozent ist ein extrem schlechter Wert, der einem Scorer vom Kaliber Allen eigentlich unwürdig ist. Der Senior sollte sich wieder auf alte Tugenden besinnen und seine Athletik besser nutzen. Weniger Jumpshots aus dem Dribbling und dafür mehr knallharte Drives in die Zone wären sicher eine gute Marschrichtung.

Anders als Allen hätte Jalen Hudson eine sehr überzeugende Junior Saison. In seiner ersten Spielzeit in Gainesville spielte sich der Virginia Tech Transfer in die Draftkonversation, überlegte lange und zog letztlich doch wieder zurück. Auf Anhieb etablierte sich Hudson als Topscorer mit 15,5 Zählern pro Partie. Dabei hat Hudson alles, was ein moderner Wing in der Offense für die NBA mitbringen muss. Er trifft den Dreier (40,4 Prozent bei 2,3 Treffern pro Spiel) und hat zusätzlich Dynamit in den Schuhen, was er bei so manchem Dreipunktespiel oder Highlight Dunk bewies.

Wenn es neben Hudson einen weiteren Aufsteiger bei den Gators in der vergangenen Saison gab, dann war das sicherlich Keith Stone, der von den Verletzungsproblemen auf den großen Positionen profitierte. Gegen Ende der Saison hatte er seinen Startplatz durch seine Fähigkeit als Stretch Vierer sicher. 42,4 Prozent seiner Dreierversuche traf der Power Forward und war damit in dieser Hinsicht das zielsicherste Reptil. Für die kommende Saison wären verlässliche Finishes am Korb eine nette Steigerung.

Durch den Ausfall Egbunus rückte Kevarrius Hayes in die Erste Fünf und musste plötzlich nicht mehr nur seine Qualitäten in der Verteidigung unter Beweis stellen, sondern auch - gelegentlich zumindest - seine Gefahr in der Offense demonstrieren. Während die Verteidigung über jeden Zweifel erhaben ist (ein Steal sowie zwei Blocks sind in 23 Minuten pro Spiel exzellente Werte), blieb Hayes offensiv den Beweis der Korbgefahr schuldig.

Auch wenn er nie ein guter Eins-gegen-Eins-Spieler sein wird, muss er als Roller und Finisher im Pick & Roll einfach mehr zeigen. Neuerliche 4,8 Punkte pro Spiel werden dafür sorgen, dass die gegnerische Defense den Schützen unbehelligt auf den Füßen stehen bleiben darf.

Bank
Einen wirklich gelernten Aufbauspieler als Backup für die Position Eins haben die Gators nach wie vor nicht. Doch zumindest im System White ist das nicht zwangsläufig ein Problem, da die vielen Combo Guards sich mit dem Ballvortrag und der Initiation von Pick & Rolls abwechseln. Mike Okauru lieferte als Freshman schon gute Ansätze, auch wenn er sich primär auf die Defensive konzentrierte. Dass er seinen Dreier konstant trifft, wird der Sophomore nun beweisen müssen.

Ein Neuzugang im Backcourt ist Noah Locke, der auf Anhieb seine Minuten sehen sollte. Seine große Qualität, die ihm viele Spielanteile ist der gute Distanzwurf. Geht es nur um die Freshmen der NCAA, könnte Locke in dieser Hinsicht vielleicht der gefährlichste Neuling aus allen Conferences sein.

Auf den Flügelpositionen werden sich zwei athletische Allrounder im Duell um Spielanteile gegenüberstehen. Sophomore Deaundrae Ballard hat den Vorteil, dass er schon ein Jahr hatte, um sich in die Rotation zu kämpfen. Auch wenn er dabei defensiv jede Menge Intensität auf den Court bringen konnte und offensiv einen starken Drang in die Zone hat, ist er als Werfer derart ungefährlich (15,4 Prozent), dass Florida mit ihm auf dem Feld zum Teil in Unterzahl agiert.

Ballards Schwächen und zugleich aber auch die Stärken und Qualitäten von Freshman von Keyontae Johnson könnten dafür sorgen, dass er der wichtigste Bankspieler für Florida wird. Johnson ist nochmal eine Spur athletischer als Ballard, zudem schon mit großen Muskelpaketen ausgestattet und weiß seine körperlichen Attribute einzusetzen. Gute Eins-gegen-Eins-Defense und harte Finishes in Transition werden Johnson zu einem wichtigen Teil der Rotation machen.

Auf den großen Positionen hat White diese Saison sehr viel Auswahl zur Verfügung und sollte nicht wieder zu unnötigen Experimenten gezwungen werden. Backup Big Gorjak Gak ist zurück und wird in bekannter Manier seine Länge in der Verteidigung einsetzen. Isaiah Stokes und Chase Johnson sind zwei Redshirt Freshmen, die durch Verletzungen ausgebremst wurden und nun für Tiefe sorgen. Stokes ist der begabteste Offensivspieler in Brettnähe, Johnson ein weiterer solider Rebounder mit interessantem Skillset. Dontay Bassett sah in der vergangenen Saison ebenfalls regelmäßig Minuten, wird nun aber deutlich zurückstecken müssen.

Pros
Jalen Hudson ist ein legitimer Erstrundenpick, der wahrscheinlich schon in 2018 irgendeinen Interessenten Ende der ersten oder Anfang der zweiten Runde gefunden hätte. Hudson füllt das Profil als 3-and-D-Spieler perfekt aus. Guter Schuss, viel Athletik, engagierte Defense und eine sich insgesamt bessernde Offense lassen zudem ungenutztes Potenzial vermuten. Ein interessanter Kandidat dürfte Andrew Nembhard sein. Draftbuzz erfährt der Kanadier noch nicht, hat aber sehr verlockende Anlagen.

Für KeVaughn Allen wird es eher darum gehen, sich in den Fokus europäischer Teams zu stecken. Seine geballte Power und sein Scoring Talent sind auf dem alten Kontinent nur schwer zu finden. Auf der anderen Seite wird seine geringe Effizienz ein großes Fragezeichen beim Sichten des Videomaterials und entsprechender Statistiken sein. Kann er hier wieder an seine Sophomore Saison anknüpfen, wäre das für den Combo Guard sicherlich vorteilhaft. Bei Kevarrius Hayes gilt abzuwarten, ob es offensiv für eine Karriere in Europa reicht.

Coaching
Drei Jahre nach der Amtsübernahme in Gainesville ist Mike White auf dem besten Wege, den jahrelangen Erfolgscoach Billy Donovan erfolgreich zu beerben. Gänzlich auf eine Stufe werden sich die beiden ohnehin kaum stellen lassen, da Donovan der letzte Coach war, dem das Kunststück einer Titelverteidigung 2007 gelang und entsprechend anspruchsvoll das Erbe für White ist. Doch zwei Tournament Teilnahmen mit fremd zusammengestellten Teams zu erreichen, ist eine erstklassige Leistung, auf der White nun aufbauen muss.

So langsam wird auch anhand der neuen Rekruten erkennbar, wohin die Richtung gehen soll. Schnelligkeit und Athletik sind das verbindende Merkmal, das für gute Defense und sehr viel Transition sorgen soll. Schon in den letzten Saisons nahm White mal einen schwachen Wurf in Kauf, solange Tempo und Intensität stimmten. Viel Pick & Roll in der Offense ist ein weiteres Kennzeichen.

Best Case
KeVaughn Allen hat sein Payback Jahr und schreitet als Senior besonders in der Offensive voran. Zusammen mit Jalen Hudson sind die beiden in jedem Spiel für 40 Punkte gut und stellen gegnerische Verteidigung vor Probleme. Durch die neue Tiefe auf den großen Position sinkt einerseits die Fallhöhe bei Foulproblemen. Andererseits wird die Offensive variabler, da Spieler wie Stokes auch mal aktiv den Ball fordern, als Roller für Aufmerksamkeit sorgen und sich als gute Vollstrecker in der Zone etablieren. Das Freshman Triumvirat aus Andrew Nembhard, Noah Locke und Keyontae Johnson liefert beständig und wächst mit jeder neuen Aufgabe.

National kommen die Gators im Vorhinein vielleicht etwas zu schlecht weg. Denn bereits in der letzten Saison war das Sweet Sixteen problemlos drin. Fehlende Konstanz und Verletzungen bremsten das Team aus. Selbst auf solche Unwägbarkeiten sollte Florida durch mehr Tiefe besser vorbereitet sein. 25 Siege können ein realistisches Ziel sein, um sich hinter Kentucky und zusammen mit Tennessee in Lauerstellung zu positionieren.

Worst Case 
Allen ist nach wie vor auf der Suche nach seinem Wurfglück und forciert aufgrund seiner zunehmenden Durststrecke immer schlechtere Abschlüsse mit noch höherem Schwierigkeitsgrad. Dadurch leidet der offensive Rhythmus des Teams und Hudson erhält weniger Würfe, obwohl er die klare Nummer Eins im Angriff sein sollte. Dieser Effekt verstärkt sich noch dadurch, dass Nembhard als Freshman nicht das notwendige Standing hat, um Allen in seinen Kreisen einzudämmen und dafür Hudson mehr Würfe zu verschaffen. Die Bigs sind zwar nun zahlreich, allerdings bringt keiner davon ein so komplettes Paket mit, dass er sich Whites endloses Vertrauen sichern kann. Dadurch breitet sich Unsicherheit im Konkurrenzkampf aus.

Selbst in diesen Fällen ist es schwer vorstellbar, dass Florida sich nicht für das Tournament qualifizieren kann. In einer immer noch jungen SEC verfügen die Gators nicht nur über Erfahrung, sondern auch über Qualität. Gleichzeitig kann es aber auch passieren, dass viele knappe Spiele entstehen, an deren Ende die Gators überproportional oft als Verlierer den Court verlassen. Ein fünfter oder sechster Platz sind daher ebenfalls nicht unrealistisch.