03 November 2018

3. Nov, 2018


von AXEL BABST @BabstMadness | 3. Nov, 2018

Rückblick
Die zweite Meisterschaft in drei Jahren dürfte vorerst der Höhepunkt der Dominanz Villanovas über die letzten drei Jahre gewesen sein. Vollkommen verdient sicherten sich die Wildcats ihren Titel. 36 Siege standen letztlich zu Buche. Waren die Wildcats komplett, mussten sie in der vergangenen Saison nicht ein einziges Mal als Verlierer vom Parkett schreiten. Im NCAA Tournament gewannen sie jedes Spiel mit mindestens zwölf Zählern Differenz und ließen ihren Gegnern zum Teil nicht den Hauch einer Chance. Nebenbei stellte Villanova auch noch neue Rekorde für die meisten Dreier in einem NCAA Tournament (76) und in einem Final Four Spiel (18 gegen Kansas) auf.

Nach dieser überaus erfolgreichen Saison verließen gleich vier Spieler das Team vorzeitig, um im diesjährigen NBA Draft zwischen Stelle zehn (Mikal Bridges) und 33 (Jalen Brunson) gezogen zu werden. Brunson heimste als zusätzlichen Obolus auch noch den Titel zum "Naismith Player of the Year" ein. Dominanter kann ein Collegeteam die restliche Konkurrenz auf allen Ebenen kaum kontrollieren.

Abgänge
Mikal Bridges (Guard/Wing, Starter, Draft)
Jalen Brunson (Guard, Starter, Draft)
Donte DiVincenzo (Guard, sechster Mann, Draft)
Omari Spellman (Big, Starter, Draft)

Verbliebene
Phil Booth (Guard, 6'3'', Senior)
Eric Paschall (Big, 6'8'', Senior)
Dhamir Cosby-Roundtree (Big, 6'9'', Sophomore)
Collin Gillespie (Guard, 6'3'', Sophomore)
Jermaine Samuels (Wing, 6'5'', Sophomore)

Neulinge
Joe Cremo (Guard, 6'4'', Senior)
Saddiq Bey (Wing, 6'9'', Freshman)
Jahvon Quinerly (Guard, 6'1'', Freshman)
Brandon Slater (Wing, 6'6'', Freshman)
Cole Swider (Big, 6'10'', Freshman)

Starter
Jahvon Quinerly, Phil Booth, Joe Cremo, Eric Paschall, Dhamir Cosby-Roundtree
Durch den Verlust von vier der "sechs Starter" stehen viele Minuten und die Verteilung der Rollen zur Disposition. Direkt auf der Position des Aufbauspielers dürfte es schon zu einem harten Konkurrenzkampf kommen.

Ähnlich wie einst Brunson könnte Jahvon Quinerly die Gunst der Stunde nutzen und sich vom ersten Tag an in der Startformation festsetzen. Quinerly interpretiert die Position des Aufbauspielers anders als Brunson. Während sein Vorgänger ein physisch imposantes Einhorn mit unnachahmlichem Postup Game war, ist Quinerly eher ein Spielorganisator, der besonders durch sein Pick & Roll die Offensive der Wildcats bereichern wird.

Durch die unterschiedlichen Spielanlagen sollten weitere Vergleiche zwischen Quinerly und Brunson daher weitestgehend vermieden werden. Quinerly hat einen hohen Basketballsachverstand, den er durch gute Spielübersicht und glänzende Vorlagen zu seinen Nebenleuten unter Beweis stellt. Zudem ist Quinerly natürlich jemand, der seinen Wurf zuverlässig trifft und die Aufmerksamkeit der Defense entsprechend auf sich zieht.

Die neue erste Option der Wildcats, falls es eine in so klar definierter Form überhaupt geben sollte, wird sicherlich Phil Booth sein. Der heimliche Held des Finales 2016, in dem er als Sophomore mit 20 Punkten Topscorer war, ist ein geborener Punktesammler. Sein guter Wurf aus allen Lagen ist kaum zu verteidigen und beschäftigt die gegnerische Verteidigung in besonderem Maße.

War er in seinen ersten Jahren allerdings noch etwas inkonstant und besonders von seinen Pull-ups aus der Mitteldistanz abhängig, ist er im Laufe der Jahre zu einem relativ kompletten Offensivspieler gereift, der beispielsweise auch den Dreier aus dem Pick & Roll mittlerweile sehr gekonnt ansetzt. Wenn Nova in der kommenden Saison mal in einer engen Spielphase unbedingt Punkte braucht, wird Booth der erste Kandidat sein.

Eine interessante Addition, die Novas Umgewöhnung in der kommenden Saison massiv abfedern wird, ist die Ankunft von Joe Cremo. Graduate Transfers sind aktuell die ultimativen Free Agents in der NCAA, da sie nach ihrem Wechsel sofort spielberechtigt sind und Löcher im Roster für ein Jahr stopfen können. Zudem weisen sie eine Menge Erfahrung auf und wissen bereits schon, wolang der Hase läuft.

Genau so ein Spielertyp ist auch Cremo. Als Anführer der Albany Great Danes ist Cremo jemand, der Verantwortung übernehmen möchte und sich relativ schnell bei den Wildcats einfinden sollte. Spielerisch passt er als guter Schütze (45,8 Prozent Dreierquote) und jemand, der sehr gerne ins Postup geht, hervorragend zu Nova. Gerade sein Spiel mit dem Rücken zum Korb wird den Abgang von Brunson ein wenig besser kompensieren.

Die größten Erwartungshaltungen ruhen vermutlich auf Eric Paschall. Der Senior kam einst nach einer soliden Freshman Saison aus Fordham als bulliger Big mit Anlagen zum Stretch Vierer. Nun ist Paschall ein positionsloser Spieler, der vom Aufbauspieler bis zum Brettcenter jeden Collegespieler defensiv kontrollieren kann und offensiv sein Repertoire um ein Vielfaches erweitern konnte.

In der kommenden Saison wird es für Paschall darum gehen, sich endgültig als gefährlicher Dreierschütze zu etablieren. Als Freshman traf er bereits 1,7 Mal pro Spiel aus der Distanz, nahm allerdings in den letzten beiden Jahren deutlich weniger Dreier. In der vergangenen Saison war die Quote immerhin schon ganz annehmbar mit 35,6 Prozent. Kann er hier sich hier nochmals steigern und die Quantität der Versuche erhöhen, würde sich Paschall auch hinsichtlich seiner NBA Perspektive ganz anders positionieren.

Auf der "großen" Position ist das Rennen ähnlich wie beim Aufbauspieler sehr weit offen. Dhamir Cosby-Roundtree hat den Vorteil, dass er sich bereits im Programm auskennt und mit der Spielweise vertraut ist. Zudem schlummert in dem schlaksigen Athleten noch sehr viel Potenzial. Gerade in der Verteidigung kann er in absehbarer Zukunft ein weiterer positionsloser Spieler werden, der sich überall auf dem Court ähnlich wohlfühlt.

Bank
Wenn Villanova einen Vorteil gegenüber der Vorsaison hat, dann besteht dieser darin, dass der Qualitätsunterschied zwischen den ersten sechs Akteuren der Rotation und den darauffolgenden Bankspielern in dieser Saison nicht so groß ist wie im Vorjahr. Wie bereits angeklungen werden bereits im Backcourt und auf dem nominellen Centerspot sicherlich teaminterne Duelle um Minuten entbrennen.

Collin Gillespie könnte sich zum MIP der Wildcats mausern. In der vergangenen Saison glänzte der Aufbauspieler schon durch bedingungslosen Einsatz, hatte aber offensiv noch Probleme bei der Entscheidungsfindung. Es wäre aber keine Überraschung, wenn Gillespie in der kommenden Saison in dieser Hinsicht einen deutlichen Sprung nach vorne hinlegt und sich einen Platz in der Startformation erkämpft. Sein sicherer Dreier ist ein weiteres Argument (39,4 Prozent).

Auf dem Flügel wird Jermaine Samuels darauf brennen, sich eine feste Rolle mit nennenswerten Minuten zu erarbeiten. Der angehende Redshirt Sophomore wurde in seinen ersten zwei Kalenderjahren durch diverse Verletzungen und natürlich auch starke Konkurrenz auf seinen Positionen in seiner Minutenzahl begrenzt. Dabei bringt der Linkshänder interessante Anlagen mit und sollte grundsätzlich jemand sein, der durch sein Scoring auszeichnet.

Allerdings sitzt Samuels direkt schon der nächste talentierte Mitbewerber um eine Rolle auf den Flügelpositionen im Nacken. Brandon Slater ist der prototypische Nova Wing: vielseitig, wurfstark und grundsätzlich brandgefährlich als Scorer. Durch seine Spielweise erwachten bereits erste Vergleiche mit Josh Hart zum Leben, wobei diesen direkt ein Riegel vorgeschoben werden sollte. Die beiden ähneln sich in ihrer Spielweise, ob Slater jedoch schon als Freshman einen ähnlichen Einfluss ausüben kann wie Hart als Freshman, ist zu bezweifeln.

Durch mehrere Zufälle landete Saddiq Bey bei Nova. Zunächst sollten Miami und NC State die künftigen Bildungseinrichtungen für Bey sein, doch durch FBI Ermittlungen und Kaderveränderungen wandelte sich der Pfad für Bey mehrfach. Bei den Wildcats wird nun spannend zu beobachten sein, ob Bey wirklich schon eine Rolle bekommt. Der schlaksige Wing legte einen späten Wachstumsschub hin, ist entsprechend noch roh und unbedarft. Mit Redshirts hatte Wright schon in den vergangenen Jahren Erfolg.

Der vielleicht interessanteste Freshman ist in dieser Saison Cole Swider. Zunächst als klassischer Stretch Vierer deklariert offenbart Swider bei genauerer Betrachtung ein sehr vielseitiges Offensivpaket. Der Turnaround im Lowpost gegen kleinere Gegenspieler oder kontrollierte Drives am Perimeter gegen langsamere Bigs entfachen Mismatch Potenzial. Defense und Athletik sind ebenfalls nicht zu vernachlässigen, auch wenn Swider hier die größte Angriffsfläche - gerade als Freshman - bieten wird.

Pros
Joe Cremo wird von seinem Jahr in Philadelphia enorm profitieren und seine Bekanntheit und somit auch seinen Marktwert deutlich steigern. Für die NBA wird es vermutlich nicht reichen, doch gerade europäische Teams sollten in der kommenden Saison eine bessere Vorstellung davon bekommen, zu was der Flügelspieler im Stande ist. Eric Paschall könnte der nächste Nova Big sein, der über jahrelange Spielerentwicklung zu einer modernen Spielweise finden konnte und somit seinen Platz in der NBA sichern wird. Phil Booth hat sicherlich auch Anlagen zum NBA Rollenspieler, allerdings gibt es gerade an Scoring Guards ein enorm hohes Angebot.

Abseits der drei Seniors wird wohl kein anderer Spieler eine vorzeitige Anmeldung zum Draft in Erwägung ziehen. Das System der Wildcats ist auf mehrjährige Entwicklung ausgelegt und gerade die Freshmen werden davon profitieren.

Coaching
Im Sommer 2012 stand Jay Wright nach einer verpassten Tournament Teilnahme mächtig unter Druck. Dieser kam zum Teil auch von ihm selbst, da er sich mit den Resultaten nicht zufrieden gab und feststellen musste, dass er von dem Weg abgekehrt war, der ihn erst zu seinem Traumjob geführt hatte und ihn dort auch erfolgreich hatte werden lassen. Erst nach und nach rekrutierte Wright wieder die Spielertypen, mit denen er das Programm nach seinen Vorstellungen strukturieren konnte.

Wenig später waren die Wildcats wieder eines der erfolgreichsten Teams der NCAA, allerdings hing ihnen nach frühen Pleiten am ersten Wochenende (2013 bis 2015) weiterhin das Image anheim, dass für die ganz große Bühne Qualität und Toughness fehlen würden. Spätestens nach der ersten Meisterschaft 2016 sollte dieses Narrativ der Vergangenheit angehören. 167-21 lautet die beeindruckende Bilanz der letzten fünf Jahre. Wright ist mittlerweile der vielleicht anerkannteste Coach der NCAA, der den Wert des Dreiers kennt, Switches einzusetzen weiß, Postups als Assiststationen betrachtet und mit all diesen Eigenschaften ernsthaftes Interesse von NBA Teams hervorrief. Noch bleibt er Nova jedoch als Headcoach erhalten. Das ist schließlich nach eigener Aussage der Job, von dem er schon in jungen Jahren träumte.

Best Case
Phil Booth und Eric Paschall teilen sich die Rollen als Anführer gerecht auf und treten ihre neue Aufgaben vorbildlich an. Booth übernimmt dabei spielerisch die Verantwortung, wenn das Spiel auf Messers Schneide steht. Paschall ist eher der emotional Leader, der dem Team neue Energie gibt, wenn es mal nicht so läuft. Angetrieben von diesen beiden erfahrenen Veteranen entwickeln sich die Sophomores in den größeren Rollen entsprechend weiter und bilden zusammen mit Graduate Transfer ein typisch solides Villanova Fundament. Dadurch wird den Freshmen etwas der Druck vom Kessel genommen.

Nach fünf Saisons mit jeweils mindestens 29 Siegen werden die Anhänger in Philadelphia ihre Erwartungen etwas zurückschrauben müssen. Die vier besten Scorer zu verlieren und dafür eine Menge Freshmen integrieren zu müssen, wird für Wright sicher eine fordernde Aufgabe, wie er in einigen Interviews auch bereits schon bemerkte. Dennoch sollten sich die Wildcats auch nicht unter Wert verkaufen. Der Titel in der Big East ist wieder drin. Auch für das zweite Wochenende im NCAA Tournament sollte das Selbstbewusstsein des Programms ausreichen. Potential zu mehr ist sicherlich vorhanden, aber halt nicht zu erwarten.

Worst Case 
Die Freshmen lassen noch die Konstanz vermissen, die ihnen zum Teil in der Preseason prophezeit wird und können entsprechend nicht in jeder Nacht dafür sorgen, dass Nova siegreich in den Heimathafen einfährt. Zudem legen auch die Sophomores nicht den erhofften Sprung hin, auch wenn sie sich gegenüber ihren Vorjahresleistungen zu steigern wissen. Auf den großen Positionen sind die Wildcats zu dünn und unerfahren besetzt, wodurch defensiv noch mehr Druck auf der Abstimmung der Teamverteidigung liegt, die sich allerdings in den ersten Saisonwochen angesichts der vielen Neulinge erst noch ergeben muss.

Das NCAA Tournament werden die Wildcats dennoch erreichen. Die Qualität und die Erfahrung von Booth und Paschall sind dafür ausreichend. Allerdings wäre ein Aus in der ersten Runde nicht überraschend. Fehlende Erfahrung und eine dreierlastige Spielweise sind immer gefährlich in den ersten Runden der March Madness.