03 November 2018

3. Nov, 2018


von AXEL BABST @BabstMadness | 3. Nov, 2018

Rückblick
Ähnlich wie bei Michigan sollte auch die Geschichte der Loyola Ramblers aus Chicago selbst in Deutschland die Runde gemacht haben. Ein erstes Ausrufezeichen setzte die Cinderella Story der vergangenen Saison, als sie Anfang Dezember überraschend, aber doch etwas abseits der allgemeinen Wahrnehmung die Florida Gators in deren Heimhalle bezwang. So richtig Fahrt nahmen die Ramblers erst gegen Ende der Saison auf, als sie bis zum ersten Tournamentspiel 17 ihrer letzten 18 Partien gewannen und MVC Champ wurden.

Im Tournament waren die engen Finishes in den ersten drei Runden natürlich nicht nur reines Können, aber eben auch nicht nur pures Glück. Nacheinander Miami, Tennessee und Nevada auszuschalten und dabei vor allem spielerisch mindestens auf ebenbürtigem, wenn nicht gar deutlich besserem Niveau zu agieren, ist eine grandiose Leistung, die zurecht mit dem Einzug ins Final Four belohnt wurde. Während Edelfan Sister Jean sich nach dem Aus gegen Michigan diplomatisch gab, war den Coaches und Spielern anzumerken, dass sie auch den Finaleinzug schon vor Augen hatten und letztlich keine Chance gegen einen glänzend aufgelegten Moe Wagner hatten.

Abgänge
Donte Ingram (Guard/Wing, Starter, Graduation)
Aundre Jackson (Big, sechster Mann, Graduation)
Ben Richardson (Guard, Starter, Graduation)

Verbliebene
Clayton Custer (Guard, 6'1'', Senior)
Marques Townes (Guard, 6'4'', Senior
Bruno Skokna (Guard, 6'4'', Junior)
Cameron Krutwig (Big, 6'9'', Sophomore)
Christian Negron (Wing/Big, 6'7'', Sophomore)
Lucas Williamson (Guard, 6'4'', Sophomore)

Neulinge
Aher Uguak (Wing/Big, 6'7'', Sophomore)
Franklin Agunanne (Big, 6'9'', Freshman)
Isaiah Bujdoso (Guard, 6'3'', Freshman)
Cooper Kaifes (Guard, 6'3'', Freshman)

Starter
Clayton Custer, Marques Townes, Lucas Williamson, Aher Uguak, Cameron Kutwig
Fünf Spiele verpasste Clayton Custer in der vergangenen Saison. Drei davon verloren die Ramblers. Bei einer restlichen Bilanz von 30-3 wird klar, wie wichtig die Rückkehr des Aufbauspielers für die Ramblers ist. Dabei geht es weniger darum, dass Collegeteams klassischerweise in besonderem Maße von der Leistung ihrer Ballschlepper abhängen. Denn gerade bei Loyola werden Attribute wie Positionslosigkeit und Vielseitigkeit groß geschrieben.

Allerdings ist Custer in seiner Mentalität ein hervorragender Anführer, der seine Nebenleute mitzieht und sie zu besseren Leistungen ansport. Der Transfer der Iowa State Cyclones ist mittlerweile seit 2015 im Programm und weiß genau, was Porter Moser von seinen Spielern möchte. Damit ist er ein integraler Bestandteil, um den Neulingen Mosers Kultur zu vermitteln. Neben dieser unschätzbaren Qualität ist Custer natürlich auch ein guter Basketballer, der zuletzt mit 13,2 Punkten pro Partie der Topscorer einer ausgeglichenen Mannschaft war, nebenbei 4,1 Assists pro Spiel verteilte und auch 45,1 Prozent seiner Dreierversuche fanden ihr Ziel. Damit ist er ein Kandidat für den letzten Wurf eines Spiels.

Sollte sich die Defense mal auf Custer einschießen, ist aber immer noch Marques Townes zur Stelle. Auf Townes treffen ähnlich viele Charakteristika zu, die zuvor schon in Zusammenhang mit der Person Custer fielen. Townes wechselte ebenfalls von einer anderen Universität zu den Ramblers, ist nun ein erfahrener Redshirt-Senior und kann besonders offensiv eine wichtige Option sein.

Townes hat die körperlichen Voraussetzungen, um auch gegen den durchschnittlichen Guard aus einer Power 5 Conference bestehen zu können. Neben seiner Größe und seiner guten Physis ist Townes ein solider Athlet, der auch mal im Eins-gegen-Eins seinen Gegner schlagen und trotz Kontakts finishen kann. Nach Custer war Townes in der letzten Saison mit 11,1 Punkte pro Spiel knapp zweitbester Scorer der Mannschaft. Auf Townes könnte diese Saison nochmal deutlich mehr Verantwortung zukommen.

Den größten Sprung erwarten Moser und sein Trainerstab von Sophomore Lucas Williamson. Als Freshman war dieser bereits jedes mal mit von der Partie und konnte als sechster bzw. siebter Mann knapp 20 Minuten pro Spiel verbuchen. In der letzten Saison noch reiner Defensivspezialist, der besonders mit der Bewachung des besten gegnerischen Außenspielers bedacht war, soll Williamson nun einen Reifeprozess hinlegen und auch im Angriff öfter in Erscheinung treten.

Die Anlagen zum Two-Way-Player hat Williamson. Zumindest als Schütze konnte der Flügelspieler in begrenzter Rolle schon glänzen. Mit 41,5 Prozent warf er nach Custer rein von der Quote her den zweitbesten Wert nach Custer bei fast einem Treffer pro Spiel. Zugleich schlummert in Williamson aufgrund seiner Athletik und seiner Spielintelligenz durchaus Potential als Playmaker, das er nun langsam entwickeln muss.

Der vielleicht spannendste Spieler der Ersten Fünf ist Aher Uguak. Uguak begann seine College Karriere in New Mexico, wurde dort jedoch nur spärlich eingesetzt und entschied sich zum Transfer. Der Wechsel nach Loyola erfolgte auf Empfehlung des Assistant Coaches in New Mexico, der bereits mit Moser zusammenarbeitete. Zudem kannte Uguak die Stadt Chicago schon durch seinen Cousin Luol Deng, der bekanntermaßen zehn Jahre dort in der NBA auflief.

Uguak ist knapp über zwei Meter groß und bringt physisch extrem interessante Anlagen mit, die in einer Conference wie der Missouri Valley nur selten anzutreffen sind. Er verkörpert die Positionslosigkeit, die sich Moser von seinen Spielern wünscht. Gerade am College sollte Uguak nahezu alle Positionen verteidigen können und offensiv variabel von der Dreierlinie aus attackieren oder nah am Brett finishen können.

Big Man Cameron Krutwig war die Entdeckung der vergangenen Saison. Als Freshman startete er jedes Spiel und verdiente sich diesen Spot durch gute und überraschend konstante Leistungen. 10,5 Punkte pro Spiel bei hoher Effizienz legte der Linkshänder auf und gewann immer mehr Selbstvertrauen. Gegen Michigan war er mit 17 Punkten gar Topscorer. Krutwig ist ein Koloss mit weichem Handgelenk und einer Mobilität, die sein Gewicht eigentlich nicht zulassen dürfte. Kann er seinen Körper weiter verbessern, wird er sich über kurz oder lang zu einem der besten College Bigs überhaupt entwickeln.

Bank
An dieser Stelle wird sich entscheiden, ob Loyola wieder ansatzweise in die Nähe eines NCAA Tournaments kommen kann und ob sie wirklich ein Top25 Team sind. Denn die Ausgeglichenheit des Kaders war in der vergangenen Saison die große Stärke und das Markenzeichen.

Der einzige Spieler mit nennenswerter Erfahrung ist Bruno Skokna. Der Kroate war in der vergangenen Saison schon fester Bestandteil der Rotation und wird nun in einer deutlich größeren Rolle zeigen müssen, dass er den nächsten Schritt hinlegen kann. Auch Moser nahm Skokna in Interviews zuletzt schon in die Pflicht. Skokna muss dieses Jahr die letztjährige Rolle von Williamson als 3-and-D-Spieler ausfüllen.

Neben Skokna sind drei Freshmen die Hoffnungsträger. Das gilt allerdings nicht bloß für die kommende Saison. Allen drei ist zuzutrauen, dass sie im Laufe der kommenden Jahre zu den neuen Gesichtern des Programms aufsteigen.

Cooper Kaifes ist ein begnadeter Schütze, der in dieser Hinsicht dem Team auf Anhieb helfen wird und im System der Ramblers daher perfekt aufgehen sollte. Zum Teil werden schon erste Vergleiche mit dem abgewanderten Senior Ben Richardson gezogen, der auch mal aus indirekten Screens kam und sicherlich der zweitbeste Shooter des Teams war.

Isaiah Bujdoso ist der zweite neue Guard. Anders als Kaifes bringt Bujdoso direkt gute Defense am Perimeter mit und sollte sich mit seiner Länge und seiner Athletik fest in der Rotation etablieren und gleichzeitig eine Menge Druck auf die Starter ausüben. Wie weit Bujdoso offensiv schon ist, wird sich im Laufe der Saison zeigen.

Der beste Neuzugang ist jedoch Franklin Agunanne - ein physischer Big Man mit einem hohen Basketball-IQ und exzellenten Händen. Das Gespann aus Krutwig und Agunanne dürfte eines sein, um das die Ramblers von den meisten High-Majors beneidet werden. Über kurz oder lang wird Moser Wege finden müssen, wie beide gemeinsam auf dem Feld stehen können. Denn jeweils 20 Minuten werden spätestens ab 2019/2020 nur eine Verschwendung von Talent sein.

Für Tiefe sorgt Christian Negron, der in der kommenden Saison wohl mehr in die Rotation eingebaut werden dürfte, wenn er verletzungsfrei bleiben sollte.

Pros
Marques Townes und Clayton Custer sind die beiden Seniors des Kaders. Entsprechend werden wohl nur die beiden im Sommer 2019 auf dem Markt verfügbar sein. Für Custer wird der Weg dann ziemlich sicher nach Europa führen, wo Guards mit gutem Wurf, hohem Spielverständnis und gutem Pick & Roll Game immer eine Zuflucht finden.

Bei Townes besteht eine minimal größere Chance, vielleicht sogar in der NBA zu landen. Zwar fehlt ihm etwas die Größe für den typischen Shooter auf dem Flügel, doch seine gute Physis und sein exzellenter Wurf erhalten ebenjene Minimalchance.

Coaching
Porter Moser ist ein Absolvent der Rick Majerus Schule und entsprechend sind seine taktischen Fähigkeiten weit entwickelt. Der Basketball, den die Ramblers in der vergangenen Saison und zwar nicht nur im Tournament zelebrierten, gehörte zum attraktivsten, was die NCAA zu bieten hatte. Neben ausgeklügelten, intelligenten und komplexen Systemen, die von der Mannschaft nahezu perfekt ausgeführt wurden, war jedoch das gerade das Ballmovement, das spontan aus Vorteilssituationen heraus entstand, wunderschön anzusehen.

Abseits dieser taktischen Finessen ist Moser allerdings jemand, der es versteht, eine Kultur zu implementieren und ein gutes Fundament zu legen, um auch künftig Erfolg haben zu können. Seine bisweilen philosophischen Ausführungen und Aphorismen, die er predigt und nicht müde wird zu betonen, unterstreichen, wie wichtig Moser nachhaltiger Erfolg und die richtige Heransgehensweise sind.

Best Case
Da der Kern bestehen bleibt und auf Spieler wie Clayton Custer und Marques Towns auch menschlich zu bauen ist, werden vor allem die Neulinge und Rückkehrer mit neuen Rollen dafür sorgen, dass der Erfolg dauerhaft in Chicago Einzug hält. Lucas Williamson und Aher Uguak fühlen sich in ihren Rollen als Starter auf Anhieb sehr wohl und können die ihre respektiven Vorgänger einigermaßen ebenbürtig ersetzen. Die Freshmen haben ebenfalls nur geringe Akklimatisierungsbeschwerden und erfüllen die in sie gesetzten Erwartungen. Die Bigs Cameron Krutwig und Franklin Agunanne dominieren die Zone in nahezu jedem Spiel.

Niemand kann ernsthaft erwarten, dass die Ramblers erneut ins Final Four einziehen. Dafür spielt der Zufall einfach eine zu große Rolle. Zugleich sollte das Team von Moser keineswegs als Eintagsfliege abgestempelt werden, deren Run durch Beistand von Sister Jean und der nächsthöheren Instanz zustandekommen konnte. Die Ramblers werden wieder darum spielen, 25 Siege einzufahren, die MVC zu gewinnen und die Teams aus den besseren Conferences im Tournament zu besiegen. Zwei Siege sind gar nicht mal unrealistisch - abhängig vom Los.

Worst Case 
In gewisser Hinsicht ist der schlimmste Fall für ein starkes Mid-Major-Team schon eingetreten. Kein wirklich namhafter Gegner mit Ausnahme von Nevada und Maryland wollte sich auf eine Partie mit den Ramblers einlassen. Doch zumindest bei Maryland ist abzuwarten, wie gut das Team überhaupt sein kann und wie viel ein möglicher Sieg wert wäre. Zudem ist das Spiel offiziell als eines auf neutralem Boden deklariert, obgleich der Campus der Terrps keine 30 Meilen entfernt ist. Ein mögliches Aufeinandertreffen mit Boston College bei einem Turnier in Fort Myers und die Partie gegen ein anderes Mid/Low-Major-Team mit Ambitionen in Ball State sind die nächstbesten Hoffnungen für "Quality Wins".

Sollten von diesen "Quality Wins" nicht genug eingefahren werden, droht den Ramblers das gleiche Schicksal, das vor ihnen bereits viele andere Mid-Majors vom Tournament ausschloss. Trotz einer möglicherweise dominanten Saison mit annähernd 25 oder gar mehr Siegen könnte ein verlorenes Conference Finale in der ausgeglichenen MVC dafür sorgen, dass die Ramblers nicht mal im Teilnehmerfeld auftauchen. Das wäre dann allerdings weniger ein Zeichen mangelnder Qualität, weswegen sie nach wie vor als legitimes Top25 Team anzusehen wären.