03 November 2018

3. Nov, 2018


von AXEL BABST @BabstMadness | 3. Nov, 2018

Rückblick
In Deutschland werden sich die meisten Basketballfans noch ziemlich gut daran erinnern, wie die Saison der Michigan Wolverines ausging. Daher nur als ganz kurze Erinngerungsstütze: Getrieben von einer Welle der Euphorie, die mal wieder durch gutes Teamspiel, einer plötzlich erstarkten Defense, dem Gewinn des Big Ten Tournaments, einem unglaublichen Buzzerbeater in der zweiten Runde des Tournaments und einem bärenstarken Moritz Wagner aufbrauste, rauschten die Wolverines ins Final Four. Dort besiegten sie im Halbfinale Cinderella Loyola Chicago dank eines dominanten Wagners. Im Finale war Michigan dann spätestens neun Minuten vor dem Ende nach einer Dreierarmada von Donte DiVincenzo geschlagen.

Abgänge
Muhammad-Ali Abdur-Rahkman (Guard, Starter, Graduation)
Duncan Robinson (Wing, Teilzeit-Starter, Graduation)
Jaaron Simmons (Guard, Roation, Graduation)
Moritz Wagner (Big, erste Option, Draft)

Verbliebene
Charles Matthews (Wing, 6'6'', Senior)
Austin Davis (Big, 6'10'', Junior
Zavier Simpson (Guard, 6'0'', Junior)
Jon Teske (Big, 7'1'', Junior)
Eli Brooks (Guard, 6'0'', Sophomore)
Isaiah Livers (Big, 6'7'', Sophomore)
Jordan Poole (Guard, 6'5'', Sophomore)

Neulinge
Ignas Brazdeikis (Wing, 6'7'', Freshman)
Colin Castleton (Big, 6'11'', Freshman)
David DeJulius (Guard, 6'0'', Freshman)
Brandon Johns Jr. (Big, 6'8'', Freshman)
Adrien Nuñez (Wing, 6'6'', Freshman)

Starter
Zavier Simpson, Jordan Poole, Charles Matthews, Isaiah Livers, Jon Teske
Zumindest in der Starting Five kann sich John Beilein auf bekannte Gesichter verlassen. Allerdings werden einige davon deutlich mehr Verantwortung schultern und erstmals überhaupt eine ernsthafte Rolle im Team übernehmen.

Schon in der vergangenen Saison war Zavier Simpson ein wichtige Stütze des Teams mit einer Stimme, die innerhalb der Mannschaft großes Gehör fand. Besonders am defensiven Ende war Simpson derjenige, der sich mit der neuen defensiven Mentalität der Wolverines in der vergangenen Saison am stärksten identifizierte. Mit seiner druckvollen Verteidigung am Ball setzte Simpson oft den Ton und leitete den Strukturwandel mit ein.

Ähnlich wie an diesem Ende des Courts ist Simpson auch in der Offensive dann am gefährlichsten, wenn er seine Toughness ausspielen kann. Starke Finishes in Korbnähe bei hohem Schwierigkeitsgrad und trotz Kontakts sind daher nicht selten.

Auf der anderen Seite wird Simpson dringend weiter an seinem Wurf werkeln müssen. Während seine Dreierquote sicher schon ein Hindernis ist (28,6 Prozent), sorgt die Bilanz von der Freiwurflinie dafür, dass er in engen Schlussphasen zu einem Risikofaktor wird (51,6 Prozent). Vor der letzten Saison stellte Simpson deswegen bereits seine Technik um und wird nun dank einer hohen Wiederholungszahl über den Sommer seine Quote aus Sicht der Wolverines hoffentlich verbessern können.

Neu in der Startformation wird der Held des letztjährigen Zweitrundenspiels des NCAA Tournaments sein. Jordan Poole sorgte mit seinem Buzzerbeater aus gut zehn Metern dafür, dass Michigan ein eigentlich schon verlorenes Spiel doch noch gewinnen und das Finale überhaupt erst erreichen konnte. Abseits seiner Wurfkünste aus einer Range, die er im normalen Spielverlauf eigentlich nicht braucht, ist Poole auch sonst ein durchaus kreativer Offensivspieler. Er kann den Dreier treffen, hat einen schnellen ersten Schritt und trifft einfach auch gut verteidigte Würfe. Seine knapp sechs Punkte pro Spiel sollte Poole in der kommenden Saison verdoppeln können - mindestens.

Als einziger Senior des Kaders muss Charles Matthews in der nächsten Saison verstärkt als Anführer auftreten. Seine letzte Saison war bereits ein starkes Comeback und sollte den Weg vorzeichnen. Einst als Top100 Rekrut einer der üblichen One-and-Done-Kandidaten für Kentucky und John Calipari versank Matthews nach einem schwachen Jahr in der Versenkung.

Die Wahl zum Transfer nach Michigan stellte sich jedoch als goldrichtig heraus. 13 Punkte pro Spiel sind gar nicht so sehr der entscheidende Wert. Viel wichtiger ist, dass Matthews mit 31 Prozent Dreierquote andeutete, dass er vielleicht doch mal ein solider Schütze werden kann. Bei den Wildcats probierte Matthews über die ganze Saison nur vier Dreier. Noch immer sind viele Details an seinem Wurf zu korrigieren (Schulterzucken, Handgelenk), aber die Hoffnung auf ein zumindest solides Niveau besteht.

Etwas überraschend sicherte sich Isaiah Livers in der letzten Saison den Starterposten auf der Position des Power Forwards. Eigentlich war hierfür Duncan Robinson gesetzt. Doch Livers' Hustle und defensive Möglichkeiten waren der bessere Gegenpart zu Frontcourt Partner Moe Wagner und dessen Profil. Livers ist zudem ein solider Schütze aus der Distanz (36,2 Prozent) und kann gut Situationen lesen, was zum typischen Power Forward im System Beilein passt.

Die entscheidende Figur für Michigan könnte Jon Teske werden. Zunächst gilt festzuhalten, dass er und Wagner sich als Spielertypen sehr stark unterscheiden und deswegen direkte Vergleiche grundsätzlich unangebracht wären. Teske ist ein deutliches Stück größer als Wagner, wodurch er am defensiven Brett eine andere Präsenz haben kann. Gleichzeitig ist er offensiv eher Finisher im Pick & Roll. Das ist auch vollkommen akzeptabel, solange seine Screens und Rolls hart sind, er gut finisht und damit einen Insidepol in der Offensive abgibt.

Bank
Der interessanteste Freshman, von denen sich in dieser Saison fünf an der Zahl auf der Bank befinden, was für Beilein ein ungewohnt hoher Wert ist, hört auf den Namen Ignas Brazdeikis. Der Kanadier mit lettischen Wurzeln ist in der Schiene Nik Stauskas/Moe Wagner einzuordnen, als jemand der mittelfristig in der NBA landen wird, auch wenn er ohne allzu große Vorschusslorbeeren seinen Dienst in Ann Arbor antreten wird. In der Preseason startete er bereits schon.

Brazdeikis ist überaus variabel. Am College und gerade für Beilein kann er sicherlich als Power Forward auflaufen, obwohl er von seiner Spielanlage eigentlich ein Flügelspieler ist. Die technische Grundausbildung des Freshman ist ausgezeichnet. Egal ob als Schütze oder beim Zug zum Korb: Brazdeikis übt jederzeit Druck auf den Korb aus. Zugleich ist er ein überaus spielintelligenter Spieler, der das Spiel abseits des Balls bereits exzellent beherrscht. Schon als Freshman sollte Brazdeikis einen Einfluss auf das Spiel haben. Doch richtig glänzen und zu einem NBA Prospect aufsteigen, wird der Kanadier erst mit der Zeit.

Ein zweiter interessanter Freshman ist David DeJulius. Der neue Backup auf der Aufbauposition wird sich in der ersten Saison viel an Simpson aufreiben, hat aber auf lange Sicht vielleicht etwas mehr Potenzial als sein Vorgesetzter. Der Musterschüler mit Ehrenauszeichnung ist anders als Simpson eher ein offensiv talentierter Guard. Er geht in die Richtung, in die einst auch Trey Burke oder Derrick Walton Jr. strebten. Ähnlich wie Brazdeikis wird DeJulius auch in seinem ersten Jahr schon seine Glanzmomente haben, aber erst in den darauffolgenden Jahren die nötige Konstanz zeigen.

Adrien Nuñez und Eli Brooks sind die weiteren Kandidaten auf den Außenpositionen für signifikante Minuten. Brooks stand ganz zu Beginn seiner Freshman Saison unvermittelt in der Ersten Fünf, als der ältere Simpson nicht das ablieferte, was von ihm verlangt wurde. Doch mit Simpsons erheblicher Leistungssteigerung wurde auch die Minutenzahl von Brooks geringer und am Ende stand er kaum noch auf dem Feld. Das will Brooks sicher wieder ändern. Nuñez ist hingegen der nächste talentierte Freshman auf dem Flügel, dessen große Qualität der Wurf ist.

Brandon Johns Jr. ist eine weitere Option auf der Position Vier. Johns ist einerseits sehr athletisch, verfügt andererseits aber auch über einen guten Distanzwurf und wird sich seine Minuten verdienen.

Auf der Centerposition brennt sicherlich der intensivste Kampf um Minuten. Hinter Starter Teske werden sicherlich einige Minuten zur Verfügung stehen, da dieser selbst erst mit der neuen Verantwortung zurecht kommen muss. Zwei Konkurrenten stehen sich um den Backup Spot gegenüber. Colin Castleton ist ein Freshman, der Größe mitbringt und sie einzusetzen weiß. Körperlich muss er noch zulegen. Austin Davis hat vielleicht etwas weniger Basketballtalent, ist dafür der physisch beste Big im Kader und kann Rebounds einsammeln.

Pros
Charles Matthews schnupperte im Sommer bereits am Draft, dürfte aber wohl vor allem zu seinem weiterhin wackeligen Wurf Feedback erhalten haben, das ihn zur Rückkehr veranlasste. Bekommt er diese Dauerbaustelle in den Griff und kann grundsätzlich mehr Konstanz in der Offense an den Tag legen, könnte sich der Wing einen Rosterspot in der NBA erarbeiten. In Europa sollte er in jedem Fall einen Arbeitgeber finden.

Auf lange Sicht haben wie bereits angeklungen vor allem Ignas Brazdeikis und David DeJulius interessante Karrieren vor sich und werden in der kommenden Saison schon ihren Anteil an Siegen haben.

Coaching
Die Schreckensmeldung des nachrichtenarmen Sommers kam Anfang August, als sich die Wolverines eigentlich gerade auf ihren Trip nach Spanien vorbereiteten. John Beilein musste sich einer doppelten Bypass-OP unterziehen. Die gute Nachricht vorweg: Beilein hat den Eingriff gut überstanden, ist wieder im Trainingsalltag angekommen und sollte planmäßig auch zum ersten Saisonspiel komplett beschwerdefrei sein.

Ein Großteil der Einordnung der Wolverines an Position 14 dieses Rankings basiert auf der Annahme, dass Beilein seine Kunst als vielleicht bester Basketballlehrer der NCAA nicht verlernt hat und mal wieder aus einem Team, das auf den ersten Blick gar nicht so sehr nach einem Top15 Kaliber aussieht, eine funktionierende Maschinerie zum wichtigsten Zeitpunkt der Saison geformt hat. Fundamentals stehen ganz oben auf der Agenda - gerade bei einem derartig jungen Team, das für Beilein untypischerweise auf fünf Freshman mit mehr oder weniger vielen Minuten setzt.

Es wird wieder einige Monate dauern, bis die Read-and-React-Offense der Wolverines so gut funktioniert, dass sie nur schwer zu verteidigen ist. Dennoch ist es wirklich eine Frage des "wann" nicht des "ob".

Best Case
Die erfahrenen Jungs Charles Matthews und Zavier Simpson verbessern ihre Wurfleistungen auf ein Niveau, das Beilein'schen Basketball erlaubt. Gerade Matthews steigt zusätzlich zur verlässlichen ersten Option auf und übernimmt in kritischen Phasen. Die Defensive ist ähnlich gut wie im Vorjahr (Top3 bei KenPom). Trotz oder gerade wegen der Jugend des Kaders steigt die Lernkurve rasant und bereits zu Beginn der Conference Saison ist die Fehlerzahl in Offensive und Defensive auf ein Minimum reduziert - ganz nach Beileins Geschmack.

Selbst im Optimalfall ist eine erneute Finalteilnahme utopisch. Auf der anderen Seite haben die wenigsten Experten vor der vergangenen Saison damit gerechnet, dass die Wolverines ein derartiges Ergebnis erzielen könnten. Insofern ist bei Beilein und seinem Staff mit allem zu rechnen. Eine gute Rolle in der wieder besser aufgestellten Big Ten, der sichere Einzug ins NCAA Tournament und die Möglichkeit zum zweiten Wochenende als realistische Zielsetzung sind angesichts der vergangenen Jahre ein angebrachter Vertrauensbeweis in Beileins Qualitäten.

Worst Case 
Die Freshmen brauchen länger als erhofft, bis sie wirklich einen Einfluss auf das Spiel ausüben und sich nicht bloß haarsträubende Fehler leisten, die Beileins Geduld auf die Probe stellen. Matthews stagniert in der Offensive, da der Wurf auf dem jetzigen Niveau bleibt (für mehr fehlen dann doch Touch und Technik) und sich die gegnerische Defense auf den Scorer einschießen kann. Die Bigs werden Probleme bekommen und zahlen gegen die meisten gegnerischen Frontcourts sehr viel Lehrgeld.

Wer den Teufel an die Wand malen möchte, könnte sogar die Tournament Teilnahme in Zweifel ziehen. Doch das erscheint dann doch zu drastisch. Das Talentlevel ist sicherlich so hoch, dass Beilein daraus ein gutes und erfolgreiches Team formen kann. Allerdings können Startschwierigkeiten aufgrund fehlender Erfahrung, die sich besonders defensiv bemerkbar machen sollte, für Sorgenfalten verantwortlich sein. Ein Erstrundenaus in der March Madness ist für junge Teams immer eine schwelende Gefahr.