03 November 2018

3. Nov, 2018


von AXEL BABST @BabstMadness | 3. Nov, 2018

Rückblick
In Ramstein auf der Air Base fand das klassische offizielle Eröffnungsspiel der NCAA Saison 2017/18 statt und mit von der Partie waren auch die Mountaineers. Allerdings schien das Universitätsteam aus West Virginia auch wirklich nur physisch anwesend zu sein. Geradezu chancenlos präsentierten sich die Mountaineers während der letzten 35 Minuten des Spiels (88:65). Es sollte allerdings die letzte Niederlage für gut zwei Monate werden.

Innerhalb dieser Serie starteten die Mountaineers auch mit vier Siegen in die Saison der Big12. Nicht wenige Experten prognostizierten, dass nun die Zeit gekommen sei, der Domäne von Kansas in Form von zwölf aufeinanderfolgenden Conferencetiteln ein Ende zu bereiten. Als heißester Herausforderer galten ebenjene presswütigen Höllenhunde aus dem Bergbaustaat. Doch ausgerechnet im Heimspiel gegen die Jayhawks leisteten sich die Mannen von Bob Huggins einen kolossalen, mentalen Bock und gaben eine komfortable Führung in der Schlussphase her, um letztlich mit 66:71 zu verlieren.

Ein guter, aber auch unbefriedigender zweiter Platz in der Big12 stand am Ende zu Buche. Im Tournament scheiterten die Mountaineers am späteren Champion Villanova mit 78:90 im Sweet Sixteen, wobei die Partie deutlich knapper war, als das Ergebnis suggerieren mag. Auch Jay Wright, Villanovas Erfolgscoach, gab später zu Protokoll, dass kein anderes Team den Wildcats innerhalb des Tournaments so viel abverlangte wie West Virginia.

Abgänge
Jevon Carter (Guard, erste Option, Graduation)
Daxter Miles Jr. (Guard, Starter, Graduation)
Maciej Bender (Big, Roation, Transfer)
Teddy Allen (Wing, Rotation, Transfer)

Verbliebene
Esa Ahmad (Wing, 6'8'', Senior)
James Bolden (Guard, 6'0'', Junior)
Chase Harler (Guard, 6'3'', Junior)
Wes Harris (Wing/Big, 6'8'', Junior)
Sagaba Konate (Big, 6'8'', Junior)
Logan Routt (Big, 6'11'', Junior)
Lamont West (Wing, 6'8'', Junior)

Neulinge
Jermaine Haley (Guard, 6'7'', Junior)
Andrew Gordon (Big, 6'9'', Sophomore)
Derek Culver (Big, 6'10'', Freshman)
Trey Doomes (Guard, 6'3'', Freshman)
Taevon Horton (Guard, 6'1'', Freshman)
Brandon Knapper (Guard, 6'0'', Freshman)
Emmitt Matthews Jr. (Wing, 6'7'', Freshman)
Jordan McCabe (Guard, 6'0'', Freshman)

Starter
Jermaine Haley, James Bolden, Lamont West, Esa Ahmad, Sagaba Konate
Die Verluste auf den Guardpositionen werden nicht eins-zu-eins zu ersetzten sein. Die Lücke, die insbesondere Jevon Carter hinterlässt, der als Symbolfigur und Initatialzündung zur Idee von "Press Virginia" galt, ist riesig. Aber auch Daxter Miles Jr., ein zweiter erbarmungsloser Verteidiger, will ersetzt werden.

Gleichzeitig zaubert Huggins, der eine Nase für unterbewertete Spieler hat, mit Jermaine Haley einen der interessantesten Neulinge aller Power 5 Conferences aus dem Hut. Haley kommt vom Junior College und ist ein knapp zwei Meter großer Aufbauspieler. Alleine diese körperliche Dimension sollte schon zu Begeisterung bei Huggins führen, da Größe auf den "kleinen" Positionen Teams, die viel pressen, extrem gut zu Gesicht steht. Allerdings muss  diese defensive Option noch mit einem Fragezeichen versehen werden, da die Presse von West Virginia in ihrer Kompromisslosigkeit unerreicht ist und entsprechend Eingewöhnungszeit verlangt.

Zugleich gilt Haley als talentierter Offensivspieler und Playmaker. Er kann das Offensivspiel seines Teams organisieren, für Struktur sorgen und auch durchaus selbst scoren. Gerade das Thema Spielorganisation war in der vergangenen Saison nicht immer gegeben, da Carter defensiv zu viel Körner lassen musste und auch kein Aufbauspieler im klassischen Sinne ist. Huggins verglich Haley mit Da'Sean Butler und dessen Interpretation als Point Forward 2010.

Angesichts der Größe von Haley ist es für Huggins daher auch zu verschmerzen, dass neben dem Junior College Transfer mit James Bolden ein zu klein geratener Shooting Guard startet. Der Linkshänder ist mit seinen wilden Dreiern (41,1 Prozent Dreierquote bei 1,9 Treffern pro Spiel) immer dafür gut, mal ein ganzes Spiel zu kippen. Er kann durchaus drei Dreier in aufeinanderfolgenden Angriffen treffen und dabei spielt es dann auch irgendwann keine Rolle mehr, wie gut der Wurf verteidigt wird. Seine Defensive wird darüber entscheiden, wie viel Spielzeit Huggins ihm gibt. Die Konkurrenz ist groß.

Lamont West ist ein Flügelspieler ganz nach dem Geschmack von Huggins. Endlos lange Arme, viel Athletik, Wurfgefahr und unangenehme Defense, die dem Gegner unter die Haut fährt. West hat immer eine Hand im Passweg, verändert dank seiner Länge viele Würfe und geht aktiv zum Rebound. Von West muss dieses Jahr vor allem offensiv konstanter Output kommen. Seine Quote (33,7 Prozent) aus der Distanz liegt unter seinem maximalen Leistungsvermögen.

Das große Sorgen- und Problemkind der vergangenen Jahre war für Huggins immer Esa Ahmad. Suspendierungen und Verletzungen zwangen ihn oft zu Pausen. Des öfteren wurde der eigentlich talentierte Flügelspieler öffentlich kritisiert und in die Verantwortung genommen. Immer wieder folgten darauf Reaktionen, die jedoch nicht von Dauer waren. Nun steht Ahmad unmittelbar vor seiner letzten Saison in Morgantown und muss beweisen, dass er ein Anführer sein kann.

Die vielleicht wichtigste Nachricht des Sommers für die Mountaineers war die Rückkehr von Sagaba Konate. Der gebürte Malier ist nicht bloß ein Rimprotector. Diese Bezeichnung käme nicht der Ruchlosigkeit der volleyballartigen Schmetterbälle oder zweihändigen Blocks gleich, die oftmals einen demoralisierenden Charakter auf den Gegner ausüben und spielentscheidende Läufe initiieren können. Die höchste Blockpercentage (15,6 Prozent) der NCAA und die zweitmeisten Blocks pro Spiel (3,2) lassen nur erahnen, welchen Einfluss Konate auf eine Partie ausüben kann.

Bank
Auch wenn Erfahrung und Qualität im Backcourt dieses Jahr nicht auf ähnlichem Niveau wie in der letzten Saison sind, so haben die Mountaineers zumindest an Tiefe und mittelfristig auch an Potential gewonnen. Gerade der entstehende Konkurrenzkampf um die Minuten dürfte für die übliche Härte in der Spielweise sorgen.

Gleich vier Freshmen sind hier zu nennen. Die große Internetsensation unter ihnen hört auf den Namen Jordan McCabe und wird dem geneigten Basketballfan, der sich ab und zu Highlight Mixtapes ansieht, schon mal untergekommen sein. Schnelle Handwechsel, Sprungkraft, ihre Würfe und das bei geringer Körpergröße sind das Markenzeichen des Wirbelwinds. Nun wird er beweisen müssen, dass er auch verteidigen und organisierten Basketball spielen kann.

Brandon Knapper und Trey Doomes sind die heißesten Konkurrenten. Knapper redshirtete die letzte Saison wegen einer Knieverletzung und war im Sommer für zwei Monate ebenfalls durch ein Blutgerinnsel außer Gefecht gesetzt. Seit Ende August ist er jedoch wieder in vollem Einsatz und sollte vor allem als Point Guard Athletik und schnelle Hände in der Defense mitbringen. Doomes wird von der Fanbase in West Virginia bereits zum nächsten Gesicht des Programms hochstilisiert.

Taevon Horton und Chase Harler komplettieren die tiefe Guardriege, die sich um Minuten streiten wird. Horton ist ein weiterer physischer Aufbauspieler, wohingegen Harler ein erfahrener Junior ist, der auch mal aus der Distanz einnetzen kann.

Wes Harris und Emmitt Williams Jr. sind die Alternativen auf den Positionen Drei und Vier, wenn Huggins größer spielen möchte. Harris war in der vergangenen Saison schon einer der ersten Spieler, die von der Bank kamen. Sollte Starter Ahmad mal wieder ausfallen, ist er die erste Option zur Vertretung. Williams ist hingegen ein weiterer Freshman mit guten Anlagen, der körperlich noch zulegen muss.

Ähnlich wie im Backcourt hat Huggins auch im Frontcourt die Qual der Wahl. Freshman Derek Culver ist bereit von Konate zu lernen und diesen direkt auch zu fordern, um später mal in dessen Fußstapfen treten zu können. Junior College Transfer Andrew Gordon gibt noch mehr Physis und Athletik. Sollten alle drei Foulprobleme haben oder kurzzeitig die Gunst von Huggins verlieren, ist Walk-On Logan Routt auch noch als Feuerwehrmann da.

Pros
Esa Ahmad ist der einzige Senior des Teams und wird wohl auch der einzige Spieler bleiben, der 2019-2020 Geld als professioneller Basketballspieler verdienen wird. Allerdings muss er dafür auch erst noch beweisen, dass er sich einen Profivertrag wirklich verdient. Kann er das Team anführen und endlich mal eine konstante Saison abliefern, würden seine Chancen auf eine Anstellung steigen. Auch die NBA ist noch nicht gänzlich aus seiner Sichtweise gerückt.

Erwähnenswert ist außerdem noch Sagaba Konate, der bereits diesen Sommer seinen Wert im Draftprozess testete, dann aber doch zurückkehrte. Sein Shotblocking ist auf jedem Level eine willkommende Ergänzung.

Coaching
Vor vier Jahren entschied sich Bob Huggins dafür, das System "Press Virginia" zu implementieren. 40 Minuten voller Pressvarianten, aggressiver Defense über die gesamte Länge des Feldes und erbarmungslose Teamarbeit sind die Grundmerkmale dieser Philosophie. Diese Spielweise war in den vergangenen Jahren überaus erfolgreich und sorgte dafür, dass kein Gegner gerne mit den Mountaineers zu tun hatte.

Mit der Tiefe des Kaders wird sich an dieser Marschroute auch in der kommenden Saison wenig bis gar nichts ändern. Zumal mit Konate das fleischgewordene Radiergummi in der Zone darauf lauert, defensive Fehler seiner aggressiven Mitspieler am Perimeter auszumerzen. Offensiv sind die Systeme vielleicht etwas altmodisch, aber für das Collegespiel immer noch erfolgreich. Insidescreens mit einem Passgeber auf der Freiwurflinie sind beispielsweise ein äußerst beliebtes Instrument.

Best Case
Die Tiefe des Kaders und der Konkurrenzkampf im Backcourt und auf der Fünf führen dazu, dass sich die Spieler die Lunge aus dem Leib hustlen, keine Rücksicht auf Verluste nehmen und damit noch eine Spur unangenehmer werden. Esa Ahmad legt mehr als 15 Punkte pro Spiel auf, bleibt kein einziges Mal unter der Zweistelligkeit und ist ein verlässlicher Senior. Jermaine Haley und Brandon Knapper übernehmen den Spielaufbau und sorgen binnen kürzester Zeit dafür, dass die Offense in strukturierten Bahnen verläuft. Die vielen Freshmen spielen unbekümmert auf und lernen schnell aus den neuen Erfahrungen in der Big12. Das Shooting in der Offense ist auf einem Niveau, dass den Gegner dazu veranlasst, auch außerhalb der Dreierlinie zu verteidigen.

Die Big12 Krone wird wohl dieses Jahr an Kansas gehen. Die Jayhawks sind zu gut und tief besetzt, um in ernsthafte spielerische Gefahr zu geraten. Doch dahinter ist das Feld offen und West Virginias Chancen auf die Verteidigung des zweiten Platzes stehen nicht schlecht. Das zweite Wochenende ist auch in 2019 ein realistisches Ziel und bei passenden Gegnern ist sogar mehr drin.

Worst Case 
Die Verluste von Jevon Carter und Daxter Miles Jr. sind so gravierend wie in den Horrorszenarien, die in den vergangenen Monaten skizziert wurden. Besonders am defensiven Ende fehlenden die Anführer, die von der Baseline an so viel Druck auf den Einwerfer ausüben, dass schon die Ausführung der vermeintlich simplen Übung des Einwurfs zum Drahtseilakt für den Gegner wird. Die Freshmen leisten sich viele für ihr Alter übliche Fehler und kosten in der Defense Punkte. Ahmad hat ein weiteres Jahr mit Höhen und Tiefen und kann entsprechend nicht die Leitfigur sein, an der sich die jüngeren Spieler aufrichten.

Das Tournament werden die Mountaineers aufgrund ihrer Spielweise auf jeden Fall erreichen. Damit gleichbedeutend sind 20 Siege die Pflicht. Ob die Kür aus Tournament Erfolgen und einer Jagd auf die Jayhawks, die für den Wettkämpfer Huggins sicherlich absolut im Vordergrund stehen, zu realisieren sein werden, steht hingegen auf einem ganz anderen Blatt geschrieben und scheint bei nicht-optimalen Voraussetzungen nur schwer vorstellbar.