03 November 2018

3. Nov, 2018


von AXEL BABST @BabstMadness | 3. Nov, 2018

Rückblick
Vor gut einem Jahr waren die Volunteers eines dieser Teams, dem großes Potential bescheinigt wurde, gleichzeitig aber noch als zu jung galt, um den Durchbruch zu schaffen. Diese oft geteilte Einschätzung wurde allerdings bereits nach wenigen Wochen in der Saison revidiert, als sich Tennessee auf den Bahamas in glänzender Frühform präsentierte, die hochgehandelten Purdue Boilermakers schlug, Villanova lange Zeit Paroli bot und schließlich NC State bezwang. Auch in den folgenden Wochen ließen die Vols keineswegs abreißen und mussten sich North Carolina nur knapp geschlagen geben.

Die gute Frühform konnte nach anfänglichen Schwierigkeiten um die Jahreswende auch in die SEC Saison retten. Die Volunteers waren das konstanteste Team und konnten besonders zu einem späten Saisonzeitpunkt dank der Tiefe des Kaders nochmals anziehen. Der erste Platz nach der regulären Saison waren Lohn einer starken wie auch überraschenden Saison. Im Tournament fand diese Spielzeit jedoch ein jähes Ende, als in der zweiten Runde gegen Cinderella Loyola Chicago denkbar knapp mit 62:63 Schluss war.

Abgänge
James Daniel III (Guard, Rotation, Graduation)

Verbliebene
Kyle Alexander (Big, 6'10'', Senior)
Admiral Schofield (Wing, 6'5'', Senior)
Jordan Bone (Guard, 6'1'', Junior)
Jordan Bowden (Guard, 6'3'', Junior)
Lamonte Turner (Guard, 6'2'', Junior)
Grant Williams (Big, 6'6'', Junior)
John Fulkerson (Big, 6'7'', Sophomore)
Yves Pons (Wing, 6'6'', Sophomore)
Derrick Walker (Big, 6'8'', Sophomore)

Neulinge
Zach Kent (Big, 6'11'', Sophomore)
DJ Burns (Big, 6'9'', Freshman)

Starter
Jordan Bone, Jordan Bowden, Admiral Schofield, Grant Williams, Kyle Alexander
Insgesamt startete nur in vier der 35 Partien in der Saison 2017/18 eine andere Formation als oben aufgeführt. Diese Konstanz war schon in der vergangenen Saison die vielleicht größte und wichtigste Waffe für Tennessee. Relativ klar abgegrenzte Rollen und ein eingespielter Kern ergeben in der NCAA normalerweise ein gefährliches Gemisch.

Jordan Bone ist der quirlige Taktgeber der Vols. Als Energiebündel mit viel Geschwindigkeit sorgt Bone für ein hohes Grundtempo beim Ballvortrag, dem sich der Rest des Teams anpasst. Im System von Rick Barnes ist der Point Guard nicht unbedingt als Scorer oder starker Playmaker notwendig. Daher war es in der vergangenen Saison für Bone wichtig, dass er sich effizienter in seinen Aktionen anstellt und sich dem Team unterordnet. Die Dreierquote (Anstieg um acht Prozentpunkte) verbesserte sich und defensiv leistete er sich weniger unbekümmerte Fehler.

Der zweite Jordan im Backcourt hört auf den Nachnamen Bowden. Im Vergleich zu seinem Aufbauspieler ist Bowden eher ein klassischer Shooting Guard, der sich vor allem als Scorer in Szene zu setzen weiß. In der vergangenen Saison war er zwar nur die vierte Geige (9,1 Punkte pro Spiel), doch Bowden kann jederzeit heißlaufen und 15 oder 20 Zähler in einer Halbzeit verbuchen. Besonders wenn sein Dreier fällt, ist der athletische Junior nur schwer zu kontrollieren (39,5 Prozent).

Auch wenn es oberflächlich ist und der spielerischen Klasse von Admiral Schofield nicht gerecht wird, so muss dennoch zuallererst festgestellt werden, dass der emotionale Anführer der Volunteers nach wie vor einen der besten und zugleich treffendsten (in Bezug auf Physis und Spielweise) Namen der NCAA besitzt. Schofield ist ein Kämpfer, der keinen Ball verloren gibt und dadurch mit gutem Beispiel vorangeht, dem sich wiederum keiner seiner Mitspieler widersetzen kann.

Gleichzeitig konnte sich Schofield im Rahmen seiner Karriere stetig verbessern. Defensiv war Schofield zwar schon immer der beste Spieler des Teams, doch gerade in der letzte Saison konnte er bestätigen, dass er am College alle fünf Positionen verteidigen kann. Im Angriff verzeichnete Schofield einen neuen Bestwert in Bezug auf sein Scoring (13,9 Punkte pro Spiel) und konnte vor allem seinen Distanzwurf endlich als gefährliche Waffe etablieren (39,5 Prozent bei 1,8 Treffern pro Spiel). Gleichzeitig scheint es immer ein wenig ein verschwendeter Angriff zu sein, wenn Schofield nicht seinen wuchtigen Körper in der Zone einsetzt.

Genau diese Beschreibung trifft auch auf Grant Williams zu. Der offensive Dreh- und Angelpunkt der Volunteers ist ein wuchtiger, etwas zu klein geratener Power Forward - mit Betonung auf Power. Auch wenn seine Größenangabe von etwas über zwei Metern geschönigt sein sollte, ist der kantige Junior ungemein effektiv in Brettnähe. Mit einer Mischung aus Masse, unorthodoxen Abschlüssen und viel Gefühl im Handgelenk erzielte Williams zuletzt über 15 Punkte pro Partie.

Der nächste Schritt wird sein, seine Effizienz zu verbessern und sich einen Dreier anzueignen. Die Effizienz zu verbessern dürfte gar nicht so einfach werden, da Williams einfach ein wenig Größe bei seinen Abschlüssen abhanden kommt. Zudem ist das Spacing der Vols nicht immer optimal, wenn der Power Forward ins Eins-gegen-Eins am Zonenrand gehen soll.

Kyle Alexander ist der fünfte Rückkehrer im Bunde. Er bringt die Größe und Länge mit, die Williams ein wenig fehlt. Dadurch ist er vor allem defensiv (3,3 Blocks auf 40 Minuten hochgerechnet) und am Brett (14,1 Offensivreboundpercentage) eine zentrale Figur für Barnes und seine Mannschaft.

Bank
Neben einer prominent besetzten und bestens eingespielten Starting Five verfügen die Volunteers über eine extrem tiefe Bank. Barnes scheut sich nicht, auch mal zehn oder elf Spieler in einer Begegnung mit Minuten zu versorgen. Die Prämisse für Spielzeit ist, so viel Energie wie möglich auf dem Feld zu lassen.

Lamonte Turner führt die zweite Riege als sechster Mann und Mikrowelle von der Bank an. Der Combo Guard war zuletzt der drittbeste Scorer des SEC Champs. Turner ist ein Combo Guard, der beide Positionen im Backcourt besetzen und somit als doppelter Backup fungieren kann. Auf der Zwei sucht er eigene Abschlüsse, kann aber auch als Aufbauspieler die Setoffense organisieren.

In der letzten Saison war Yves Pons noch das Opfer des tiefen Kaders. Doch in der kommenden Saison sollte er seine feste Rolle auf den Flügelpositionen erhalten. Das sollte Spiele Tennessees für jeden neutralen Zuschauer, der es gerne spektakulär mag, zum Pflichttermin aufsteigen lassen. Pons ist einer dieser Athleten, der seine Umgebung in Verzückung versetzt und pure Athletik gepaart mit den nötigen Skills zur Anwendung im Spiel kombiniert. Er verspricht Spektakel und ist auch aus NBA-Sicht nicht uninteressant, hätte der Linkshänder nicht seine Wurfschwäche.

Unter dem Korb erhalten die arrivierten Kräfte John Fulkerson und Derrick Walker ernsthafte Konkurrenz von Freshman Big DJ Burns. Alle drei bringen unterschiedliche Dimensionen mit und sorgen für eine gehörige Portion Tiefe in der Frontcourt Rotation. Fulkerson ist ein sehr solider Verteidiger, Walker sorgt am Brett für Präsenz und Burns soll auch als Scorer in Erscheinung treten. Außerdem ist da noch Zach Kent, der nur zwei Spiele als Freshmen bestritt, nachträglich als Redshirt deklariert wurde und eine Menge Physis mitbringt.

Pros
Admiral Schofield wird seinen Versuch in der NBA erhalten. Die pure Physis und seine Qualitäten als Defensiv- und Hustelfanatiker sind so herausstechend, dass daran eigentlich kein Weg vorbeiführen dürfte. Die Konstanz im Wurf wird darüber entscheiden, ob Schofield gedraftet wird und er in der Liga einen Spot erhalten kann.

Der einzige andere Senior ist Kyle Alexander. Europäische Teams, die gewillt sind, einen harten Arbeiter mit erheblichen offensiven Limitationen unter Vertrag zu nehmen, werden sicher nicht zahlreich sein. Alle anderen Volunteers werden sich nicht vorzeitig für den Draft anmelden oder den Weg nach Europa einschlagen.

Coaching
Rick Barnes hat in drei Jahren dafür gesorgt, dass Tennessee einen SEC Titel gewinnen konnte und nun vor seinem vierten Jahr als Final Four Pick gehandelt wird. Barnes bewies mal wieder, dass er ein Gespür dafür hat, wie er ein richtiges Team formt, das tief besetzt und hungrig ist. Gerade in der Verteidigung werden die Volunteers wieder sehr unangenehm sein.

Auf der anderen Seite zeigte das Zweitrundenaus im vergangenen NCAA Tournament, woran die Offense von Barnes krankt. Zwar ist es löblich, dass er viel auf eine Motion Offense setzt, die viele indirekte Screens enthält und in der jeder Spieler mal den Ball bekommt, doch das sorgt auch dafür, dass Spieler wie Williams oder Schofield ihre häufigen Vorteile gar nicht konsequent ausspielen können. Zu chaotisch wird die Situation, wenn einer der beiden zu lange den Ball hält und sich im Eins-gegen-Eins versucht.

Best Case
Die Volunteers haben nach einer erfolgreichen Saison Lust auf mehr und wollen der Collegewelt einerseits beweisen, dass der Erfolg kein Zufall war. Andererseits wollen sie aber auch selbst unbedingt über die zweite Runde des NCAA Tournaments hinaus den März aktiv verrückt mitgestalten. Die Eingespieltheit und zusätzlich gewonnene Erfahrung helfen in brenzligen Situation. Admiral Schofield und Grant Williams bestätigen ihre starken Leistungen und legen spielerisch nochmal zu.

Erneut ist der Gewinn der SEC Krone sicherlich möglich und in Reichweite. Schließlich präsentiert sich der amtierende Titelverteidiger nahezu unverändert und wird wieder auf viele junge und unerfahrene Teams in der eigenen Conference treffen, die mit der bewegungslastigen Offense der Vols Probleme haben werden. Das Potential zum zweiten Wochenende ist ebenfalls klar und deutlich zu erkennen. Für eine Final Four Teilnahme muss allerdings (wie bei fast 99,9 Prozent aller Teams) sehr viel auf einmal funktionieren.

Worst Case 
Stagnation ist Rückschritt. Gemäß dieser Maxime müssen angefangen bei den Anführern Schofield und Williams alle Spieler der Rotation zeigen, dass sie noch längst nicht am Ende ihrer Entwicklung angelangt sind. Allerdings scheint bei vielen Spielern der verbliebene Spielraum doch sehr gering zu sein. Williams und Schofield haben wieder nicht genug Platz für Einzelaktionen gegen physisch unterlegene Matchups.

Eine gute Platzierung in der SEC sollte reine Formsache sein. Daher wird auch das NCAA Tournament ein relativ sicherer Zielort für die Volunteers sein. Dort angelangt kann es jedoch passieren, dass sie sich relativ früh wieder verabschieden müssen. Der Spielstil der Volunteers lädt Underdogs nunmal dazu ein, an einem guten Tag für die Überraschung zu sorgen.