03 November 2018

3. Nov, 2018


von AXEL BABST @BabstMadness | 3. Nov, 2018

Rückblick
Direkt in seinem ersten Jahr gelang dem neuen Trainer Kevin Keatts trotz des Abgangs von NBA Lottery Pick Dennis Smith Jr. der Einzug ins NCAA Tournament. 21 Siege, darunter Prestigeerfolge gegen ein talentiertestes Duke Team oder auch in Chapel Hill gegen North Carolina, waren der verdiente Lohn für den schnellen und attraktiven Basketball, den das Wolfsrudel zelebrierte. Vorbei waren die Jahren unter Mark Gottfried, als ein altbackener und statischer Stil im Halbfeld zähe Kost bot.

Im NCAA Tournament schied NC State zwar direkt in der ersten Runde aus, traf allerdings auch auf ein eingespieltes und erfahrenes Team in Seton Hall. Auf dieser ersten Saison können Keatts und sein neues Team nun aufbauen.

Abgänge
Abdul-Malik Abu (Big, Teilzeit-Starter, Graduation)
Allerik Freeman (Guard, erste Option, Graduation)
Lennard Freeman (Big, Rotation, Graduation)
Sam Hunt (Guard, Rotation, Graduation)
Ömer Yürtseven (Big, Starter, Transfer)

Verbliebene
Torin Dorn (Wing, 6'5'', Senior)
Markell Johnson (Guard, 6'1'', Junior)
Braxton Beverly (Guard, 6'0'', Sophomore)

Neulinge
Eric Lockett (Guard, 6'5'', Senior)
Wyatt Walker (Big, 6'11'', Senior)
C.J. Bryce (Guard, 6'5'', Junior)
Devon Daniels (Guard, 6'5'', Sophomore)
DJ Funderburk (Big, 6'10'', Sophomore)
Blake Harris (Guard, 6'3'', Sophomore)
Manny Bates (Big, 6'11'', Freshman)
Ian Steere (Big, 6'9'', Freshman)

Starter
Markell Johnson, Devon Daniels, C.J. Bryce, Torin Dorn, Wyatt Walker
Nur drei Rückkehrer kann Keatts begrüßen. Allerdings ist das kein schlechtes Zeichen, wie bereits beim ersten Blick auf die Starting Five offensichtlich wird. Durch den Aderlass konnte sich Keatts auch die Dienste jede Menge neuer Spieler, die seinem Beuteschema eher entsprechen, sichern. Nun ist es dem Pace-and-Space-Fanatiker möglich, jederzeit vier Guards auf dem Feld zu haben.

Markell Johnson ist dabei nach wie vor der takt- und tonangebende Spieler in den Reihen des Wolfrudels. 7,3 Assists verteilte Johnson durchschnittlich in der vergangenen Saison. Dieser hohe Wert kam vor allem dadurch zustande, dass das Wolfpack nahezu jeden Angriff mit einem Pick & Roll initiierte, bei dem Johnson der Ballhandler war. Durch das gute Spacing konnte Johnson klare Entscheidungen treffen.

Auch wenn die Bedingungen für Johnson exzellent sind, um zu glänzen, trägt er durch sein eigenes Können erst dazu bei, dass die Offense floriert. Übersicht und Entscheidungsfindung sind beim Junior bereits sehr ausgeprägt und er spielt oft den richtigen Pass, auch wenn das vielleicht nicht die Wahl der spektakulärsten Variante bedeutet. Neben seinen Passqualitäten besticht Johnson mit seiner Athletik und seinen schnellen Händen in der Verteidigung (1,7 Steals pro Spiel). Je mehr NC State presst, desto besser ist das für Johnson.

Torin Dorn ist ein zweiter wichtiger Rückkehrer für Keatts. Denn in der kommenden Saison wird der Flügelspieler mit Tendenz zum sekundären Ballhandler sehr viel als nomineller Power Forward auflaufen und da in eine Rolle schlüpfen, die unter Keatts bei UNC Wilmington Chris Flemmings perfektionierte. Als wandelndes Mismatch in der Offense wird er von langsameren Gegenspielern nicht zu verteidigen sein. Schon in der letzten Saison war Dorn mit 13,9 Zählern pro Spiel der zweitbeste Punktesammler seines Teams.

Gleichzeitig verfügt Dorn aber auch über die notwendigen physischen Voraussetzungen, um in der Defensive größere Gegenspieler in Schach zu halten. Ein weiterer Aspekt in Dorns vielseitigem Portfolio ist seine Reboundstärke. Über sechs Abpraller krallte sich der nicht mal zwei Meter messende Wing in der abgelaufenen Saison und kann das sicher wieder bestätigen.

Ein dritter Rückkehrer, wenn auch der etwas anderen Art, ist quasi C.J. Bryce. Zwar wird Bryce in diesem Monat sein erstes Spiel im Trikot von NC State bestreiten, doch unter Keatts spielte er bereits zwei sehr erfolgreiche Jahre in Wilmington. Nach einem Redshirtjahr in Raleigh ist Bryce nun spielberechtigt und sollte keinerlei Anpassungsschwierigkeiten erleben.

Bryce ist als Spielertyp eine Mischung aus Johnson und Dorn: Offensiv kann er Pick & Rolls laufen und ähnlich wie Johnson geschickte Lösungen finden. Defensiv ist er ähnlich physisch wie auch Dorn und kann durchaus Power Forwards am College bearbeiten.

Devon Daniels komplettiert das hochspannende Guard Quartett der vermeintlichen Ersten Fünf. Nach einer vielversprechenden Premierensaison bei den Utah Utes entschied sich der Scoring Guard für einen Tapetenwechsel. Daniels ist ein geborener Scorer, der weiß, wo der Korb hängt und dem das Trainingsjahr vor allem geholfen haben dürfte, sich physisch zu verbessern. Auf seine erste Saison in der ACC darf sich die Fangemeinde in Raleigh freuen.

Die Aktionskette für Bigs im System Keatts lautet in der Kurzfassung: Rimprotection, Rebounding, Rimrun, Pick stellen, harter Roll zum Korb und harte Finishes bei Ballerhalt. Bei traditionellen Bigs eher unbeliebt, braucht es für solche Sequenzen Bigs mit der entsprechenden körperlichen Voraussetzung und dem Willen zur Teamdienlichkeit.

Im Wolfsrudel tummeln sich drei nominelle Kandidaten, die sich um die verfügbaren 40 Minuten streiten werden. Wyatt Walker dürfte zu Beginn der Saison den Vorzug als Starter erhalten. Als erfahrener Graduate Transfer von Samford ist er Pick & Roll Spiel gewöhnt, weiß wie er sich defensiv zu verhalten hat und bringt Physis mit.

Bank
Neben der Möglichkeit vier Guards zur gleichen Zeit auf dem Feld zu haben, liegt die zweite wichtige Veränderung des diesjährigen Kaders in der tieferen Bank. Auch das kommt Keatts und ist seiner Idealvorstellung einen Schritt näher.

Die prominentesten Namen sind sicherlich Blake Harris und Eric Lockett. Harris wechselte im Laufe der vergangenen Saison als Freshman nach nur 14 Partien zurück in seinen Heimatstaat. Dank einer Ausnahmeregelung darf Harris schon von Saisonbeginn ins Geschehen eingreifen und muss nicht bis zum Start des Frühlingssemesters warten. Harris gilt als schneller Guard mit einem unweigerlichen Drang in die Zone und sollte das Tempo des Wolfsrudels erhöhen.

Lockett ist ein weiterer Graduate Transfer und bringt in erster Linie sehr viel Erfahrung mit. Nach einem Jahr am Junior College und zwei weiteren Jahren an der Florida International University ist der Sprung in die ACC zwar bezogen auf das Niveau sehr hoch, doch Keatts schätzt die Adaptationsfähigkeit des Neuzugangs. Außerdem ist er ein weiterer Guard, der die Intensität hochhalten kann und vor allem defensiv arbeitet.

Braxton Beverly ist da schon eher für die Offensive geschaffen. Nachdem er letztes Jahr um diese Zeit noch bitterlich um seine Spielberechtigung kämpfte - er wechselte im Spätsommer von Ohio State, nachdem dort Thad Matta als Coach zurücktrat und hatte dort schon Uni-Kurse besucht - und erst wenige Stunden vor dem ersten Saisonspiel Gewissenheit erhielt, kann Beverly seine Sophomore Saison deutlich entspannter angehen. Seine Qualitäten als eiskalter Distanzschütze (38,5 Prozent bei knapp zwei Treffern pro Spiel) bescherten ihm sogar die zweitmeisten Minuten des Teams trotz offensichtlicher Limitationen in der Defense. Den Saisonstart wird der Sophomore wegen einer Handverletzung verpassen.

DJ Funderburk und Ian Steele sind die beiden Bigs, die Starter Walker den Posten streitig machen wollen. Funderburk kommt vom Junior College und galt einst als einer der talentiertesten Bigs seiner High School Class, wurde allerdings von seinem Stipendium entbunden und wagt nun den Neuanfang. Funderburk ist ein sehr talentierter Basketballer, der viele Skills mitbringt, die der moderne Big braucht: Shooting, Ballhandling und Beweglichkeit. Dadurch könnte er auch Minuten als Power Forward sehen, wenn Keatts die Guards ausgehen sollten. Steele ist ein Kraftpaket und sieht nicht wie der typische Freshman aus. Er wird vor allem als Rebounder und Finisher seine Nische finden.

Pros
Torin Dorn wandelt auf der Grenze zwischen NBA und europäischer Route. Grundsätzlich hat er viele Eigenschaften und Skills, die ihm eine Rolle in der NBA beschaffen können. Doch das entscheidende Kriterium wird der Wurf sein, der zurzeit einfach noch nicht konstant genug fällt.

Bei allen anderen Spielern wird es wohl noch mindestens ein Jahr dauern, bis sie in Europa oder vielleicht als Rollenspieler in der NBA landen.

Coaching
Wie bereits schon angeklungen, war die vergangene Saison unter Kevin Keatts von unverhofftem Erfolg gekrönt. Das Personal passte eigentlich nicht zur Philosophie, die Keatts bereits seit seinen Tagen als Trainer der Hargrave Military Academy verinnerlicht hat. Diese ist eigentlich relativ simpel: Die fünf Spieler auf dem Feld sollen rennen, verteidigen und Transitionpunkte erzielen, bis ihnen die Puste ausgeht und jeweils der nächste Spieler eingewechselt wird. Eine große Rotation, in der jeder Akteur seinen Anteil am Teamerfolg hat, soll dafür sorgen, dass 40 Minuten lang in verschiedenen Arten gepresst werden kann.

Das hört sich sehr stark nach einem jungen Shaka Smart an, der einst VCU ins Final Four brachte. Der Unterschied besteht jedoch in der Offense. Hier ist Keatts sehr modern unterwegs, orientiert sich an der NBA und ist daran interessiert seinen Schützlingen eine Spielweise zu vermitteln, auf die sie auch in einem möglichen Profileben treffen könnten. Spread Pick & Rolls und gutes Spacing ohne ein großartig ausgeklügeltes Playbook sollen das Spielverständnis fördern und leichte sowie schnelle Punkte generieren.

Keatts hat dieses Jahr die Kadertiefe und auch das notwendige Aufgebot an spielstarken Guards, um sich dieser Philosophie wieder zu verschreiben. Die Kunst wird wohl darin bestehen, die vielen neuen Gesichter und die wenigen Rückkehrer zu einer Einheit zusammen zu schweißen. Doch hierin hat er aus seiner Zeit als Drillsargent genug Erfahrung sammeln können.

Best Case
Schon früh in der Saison finden sich die Rollen, die von allen Akteuren akzeptiert und mit höchster Eiffizienz ausgefüllt werden. Das ohnehin schon hohe Tempo (Top40 nach KenPom) des Wolfsrudels erhöht sich nochmals und den Gegnern geht regelmäßig die Puste aus. Das liegt auch daran, dass Keatts nun deutlich mehr pressen kann und die aggressive Verteidigung direkt auf Anhieb Früchte trägt.

Die Mischung aus Scoring Power im Backcourt sowie der druckvollen Defense sorgt dafür, dass NC State jeden Gegner schlagen kann. Die 21 Siege des Vorjahres werden deutlich getoppt und auch in der ACC sind erneut elf Siege oder mehr ein realistischer Wert. Die Teilnahme am NCAA Tournament ist in trockenen Tüchern und dieses Mal peilen die Wölfe das zweite Wochenende an. Nach drei Tournament Teilnahmen in Folge kann Keatts im vierten Anlauf dann auch endlich die ersten Siege bejubeln.

Worst Case 
Die Findungsphase dauert länger als erhofft. Die vielen Neulinge müssen sich erst mit dem hohen Tempo arrangieren. Die fehlende Abstimmung im Zusammenspiel sorgt für viele Flüchtigkeitsfehler und kleine Ungenauigkeiten, die jedoch Korberfolge verhindern und den Rhythmus in der Offense stören. Defensiv ist ebenfalls Geduld gefragt, bis die Presse anschlägt und so gut ist, dass nicht in jedem zweiten Versuch ein Foul gepfiffen wird oder der Gegner einen offenen Abschluss erhält.

Trotz der Probleme, die zu Beginn der Saison aufkommen können und zu einem Gewissen Grad auch werden, ist die Teilnahme am NCAA Tournament nicht gefährdet. Die Wölfe werden in der ACC mindestens acht Mal gewinnen, was ausreichen sollte, um an der March Madness teilzunehmen. Dennoch wird spätestens hier mangelnde Abstimmung oder Rollenakzeptanz bestraft.