03 November 2018

3. Nov, 2018


von AXEL BABST @BabstMadness | 3. Nov, 2018

Rückblick
2017/18 schien die Saison zu werden, in der es passieren könnte und Kansas nach 18 gespielten Conference Partien nicht an der Tabellenspitze der Big12 stehen würde. Vor Weihnachten hatten die Jayhawks bereits gegen Washington und Arizona State verloren. Gerade die Niederlage gegen die Sun Devils auf heimischem Parkett, wo KU in der Regel nie verliert, führte dazu, dass ernsthafte Zweifel an den Jayhawks aufkamen. Das Team wäre zu dünn besetzt und die Qualität vergangener Jahre einfach nicht vorhanden.

Tatsächlich wurden diese Stimmen lauter, als die Jayhawks auch noch das erste Heimspiel der Big12 Saison gegen Texas Tech verloren und über das gesamte Spiel keine Zugriff auf die Partie bekommen konnten. Die folgenden fünf Partien gewann die Jayhawks allerdings mit einer Gesamtdifferenz von 18 Punkten - mit einer seltenen Kombination aus Toughness, Siegermentalität, Shooting, Glück und gegnerischem Unvermögen. Den entscheidenden 74:72-Sieg in einem hart umkämpften Spiel zum Conferencegewinn landeten die Jayhawks Ende Februar ausgerechnet bei Texas Tech, dem härtesten Rivalen. In einem weiteren Run sicherte sich Kansas auch noch die Final Four Teilnahme. Mit wechselhaften Leistungen balancierten die Jayhawks die ersten Runde, ehe sie Kentucky in einem hochklassigen Spiel nach Verlängerung die Stirn boten. Gegen den späteren Champ Villanova waren sie - wie nahezu alle anderen NCAA Teams auch - chancenlos.

Abgänge
Devonte' Graham (Guard, Starter, Graduation)
Svi Mykhailiuk (Wing, Starter, Graduation)
Malik Newman (Guard, Starter, Draft)

Verbliebene
Lagerald Vick (Wing, 6'5'', Senior)
Udoka Azubuike (Big, 7'0'', Junior)
Mitch Lightfoot (Big, 6'8'', Junior)
Marcus Garrett (Wing, 6'5'', Sophomore)
-- Silvio DeSousa (Big, 6'9'', Sophomore --

Neulinge
Dedric Lawson (Big, 6'9'', Junior)
K.J. Lawson (Wing, 6'8'', Sophomore)
Charlie Moore (Guard, 5'11'', Sophomore)
Ochai Agbaji (Guard, 6'5'', Freshman)
Devon Dotson (Guard, 6'2'', Freshman)
Quentin Grimes (Guard, 6'5'', Freshman)
David McCormack (Big, 6'10'', Freshman)

Starter
Devon Dotson, Quentin Grimes, Lagerald Vick, Dedric Lawson, Udoka Azubuike
Ab dem 15. Januar der vergangenen Saison spielte Devonte' Graham in 14 Partien durch, ohne auf der Bank zu sitzen. In den anderen acht Matches in diesem Zeitraum verpasste Graham 17 Minuten. Das sind wahnwitzige Zahlen, die unterstreichen, wie knapp die Jayhawks in der vergangenen Saison im Backcourt besetzt waren und wie viel Verantwortung auf Graham lastete. Das dürfte sich in der kommenden Saison radikal ändern.

Alleine schon die Frage, wer der Starter auf der Eins wird, dürfte eine Diskussion auslösen, die im Laufe der Saison unterschiedliche empirische Antworten liefern könnte. Für den Anfang scheint Freshman Devon Dotson den Vorzug zu genießen. Das könnte auch daran liegen, dass Dotson und sein Backcourt Partner Quentin Grimes sich schon länger kennen, bereits gemeinsam gespielt haben und sich in ihrer Spielweise ergänzen.

Dotson ist eher ein Combo Guard, der zwar auch ein Spiel organisieren kann, sich aber als Scorer mindestens ebenso wohl fühlt. In dieser Hinsicht ist er seinem Vorgänger Graham gar nicht mal so unähnlich. Dotson hat einen ordentlichen Wurf, kann mal ein Pick & Roll laufen und findet seine Mitspieler. Abhängig davon, wie KU dieses Jahr spielen lässt, wird er seine Rolle als Point Guard auf unterschiedliche Arten interpretieren können.

Noch flexibler als Dotson ist der bereits erwähnte Grimes. Dieser spielte zuletzt mit der U18 Auswahl der USA bei den Amerikameisterschaften und konnte erstmals am eigenen Leib erfahren, wie es sich anfühlt unter Bill Self zu spielen, da dieser das Team betreute. Grimes ist ein Allrounder im Backcourt, der alle drei Außenpositionen nicht nur bekleiden, sondern auch mit einer gewissen Qualität ausfüllen kann.

Grimes spielte in seiner Jugend schon öfter als Aufbauspieler und kann ein Spiel entsprechend organisieren. Selten verliert der groß gewachsene Guard die Übersicht. Eher das Gegenteil ist der Fall. Grimes ist ein uneigennütziger Spieler, der es mag, seine Mitspieler in Szene zu setzen und mit guten Pässen zu füttern. Die Konstanz beim Dreier wird wohl darüber entscheiden, wie gut Grimes als Freshman schon auftreten kann und welche Perspektive ihn erwartet. Defensiv besitzt Grimes durchaus Potenzial, um mehrere Positionen zu verteidigen.

Einen kuriosen Sinneswandel durchlief Lagerald Vick zwischen dem Ende der letzten Saison und der Preseason. Ursprünglich plante der Flügelspieler, sich einen Agenten zu suchen, den Schritt zu einer Profikarriere zu wagen und damit dem College den Rücken zu kehren. Gut eine Woche nach dem Draft hieß es dann plötzlich, dass Vick niemals zu einer Einigung mit einem Agenten kam und stattdessen nach Lawrence zurückkehren werde.

Für die Jayhawks bedeutete dies, dass ein bereits sehr tiefes Team die Stärkung einer Komponente erhielt, die bis dahin vielleicht am dringendsten zu beanstanden war: mehr Erfahrung. Vick geht in sein viertes Jahr als Jayhawk, konnte dabei als Starter und sechster Mann sehr oft beweisen, dass er Spiele zumindest beeinflussen kann. Als Spielertyp lässt sich Vick als klassischer 3-and-D-Spieler charakterisieren, wobei der Dreier nicht immer konstant fällt. In der vergangenen Saison stabilisierte sich die Quote auf 37,3 Prozent bei eineinhalb Treffern pro Spiel.

Das Prunkstück der Kansas ist nach zwei eher mageren Jahren wieder der Frontcourt. Dedric Lawson ist ein entscheidender Grund dafür. Der Power Forward verdient diese Bezeichnung endlich mal wieder und dürfte eine ähnliche Rolle einnehmen wie einst Perry Ellis. Lawson und Ellis ähneln sich in ihren körperlichen Voraussetzungen und Skillsets. Lawson hat extrem lange Arme, einen respektablen Schuss, hohe Spielintelligenz (3,3 Assists pro Partie) und ein variables Eins-gegen-Eins von Dreierlinie bis Zonenrand.

All das führte dazu, dass sich Lawson im Sommer 2017 sehr lange überlegte, ob er sich nicht für den NBA Draft entscheiden sollte. Statt dieser Eingebung zu folgen, wählte er stattdessen den Transfer von Memphis nach Kansas zusammen mit seinem jüngeren Bruder KJ. Neben der offensiven Qualitäten bringt Lawson erstklassiges Rebounding (9,9 Rebounds pro Spiel) und Rimprotection (2,1 Blocks pro Spiel) mit. Lawson könnte in der Wahl zum "Naismith Player of the Year" ein gehöriges Wörtchen mitreden.

Lawsons Addition ist insofern beeindruckend, als die Jayhawks nach wie vor auf ihren Traktor direkt am Brett bauen können. In der vergangenen Saison gab es keinen dominanteren Innenspieler als Udoka Azubuike. Die Betonungen liegen auf dominant und innen. Mit einer imposanten Statur, guten Schützen um sich herum und cleveren Setplays war es dem gebürtigen Nigerianer immer wieder möglich, direkt am Dunkerspot den Ball zu erhalten und das Leder im Zweifelsfall samt Gegenspieler durch den Ring zu befördern. Bisweilen nahm Azubuikes Spielweise Züge von Shaq in seinen besten Zeiten an.

Auf der anderen Seite hat Azubuike auch drei ganz klare Baustellen, die er in den kommenden Jahren nach und nach aufarbeiten muss und die er zum Teil auch schon deutlich verschönern konnte. Erstens muss Azubuike sich den Foulproblemen entziehen. Drei Fouls in gerade mal 23 Minuten pro Spiel sind zu viel und zwangen ihn oft zum Aussetzen. Zweitens muss er sich als Pick & Roll Verteidiger geschickter anstellen. Auch wenn ihm sicher ein wenig die Geschwindigkeit fehlt, lässt sich mit besserer Positionierung der eine oder andere Fehler sicherlich vermeiden. Drittens - und hier liegen die Chancen wohl am geringsten - muss Azubuike bei seinen Freiwürfen in einen Bereich gelangen, bei dem gegnerische Fans beim Foulpfiff nicht in Jubelarien verfallen. Die 41,3 Prozent können nicht annähernd abbilden, wie sehr Azubuike aufgrund grober technischer Mängel oft das Ziel verfehlt.

Bank
Musste Bill Self in der vergangenen Saison noch Auszeiten nehmen, um auf Krampfanfälle seiner Guards zu reagieren, wenn diese mal wieder überlastet waren, kann er diese Saison wieder zu etwas konventionelleren und energieeffizienteren Methoden zugreifen. Jede Position ist mindestens doppelt besetzt.

Als scharfer Konkurrent von Freshman Dotson will sich Charlie Moore damit befassen, dem frischen Neuling den Posten streitig zu machen. Moore kam im letzten Sommer aus Berkeley von den Golden Bears nach einer überraschend guten Freshman Saison, als er der Anführer eines dysfunktionalen PAC12 Kellerkinds war. Als Scorer ist der angehende Sophomore sehr talentiert, muss aber noch lernen, das Spiel auch besser zu organisieren.

Auf den Flügelpositionen herrscht ein reger Konkurrenzkampf. Einen Spieler vom Format eines KJ Lawson als sechsten oder siebten Mann von der Bank zu bringen, kann sich kein anderes Team der NCAA erlauben. Lawson ist ähnlich wie sein älterer Bruder ein sehr vielseitig veranlagter Spieler, der nun den Übergang zu einem organisierten System bei einem Topteam mit ebenbürtigen Mitspielern gelingend gestalten muss. Spielerische und mentale Reife wurden immer mal wieder in Zweifel gezogen.

Marcus Garrett war einer der einzigartigsten Rotationsspieler in allen Power 5 Conferences. Schmächtig und keine zwei Meter groß, war er am besten darin aufgehoben, gegnerische Power Forwards zu verteidigen. Grundsätzlich ist Garrett dank seiner langen Arme, Schnelligkeit und Einstellung in der Verteidigung eine Waffe. Offensiv muss der Sophomore versteckt werden, da er keinen Wurf (26,7 Prozent) oder nennenswerte Eins-gegen-Eins-Skills aufweisen kann und nur von Putbacks, Durchsteckern und Transition lebt. Ochai Agbaji ist ein talentierter Freshman, der offensiv eine Menge Potential besitzt, sich aber wohl erst mal in der dritten Reihe der Rotations wiederfinden wird.

Besonders ruppig ist das Gerangel auf den großen Positionen - genauso wie Self das mag. Mitch Lightfoot liefern gänzlich andere Pakete als ihre jeweiligen Starter. Lightfoot ist ein erfahrener Junior, der sich als Glue Guy hervortun und diverse Offensivfouls ziehen kann und sich durch seine Opferbereitschaft in der Verteidigung gut mit Lawson ergänzt. David McCormack ist ein weiterer talentierter Freshman, der langfristig im Auge zu behalten sein wird. Sollte Silvio De Sousa, der durch seine Verwicklung in den FBI Skandal auf unbestimmte Zeit suspendiert ist, zurückkehren, kann sich Self vor Alternativen kaum retten.

Pros
Die meiste Aufmerksamkeit wird momentan noch Quentin Grimes zuteil - zumindest aus Sicht der NBA Scouts. Die Frage wird sein, ob er seinen Wurf in den Griff bekommt. Sollte das gelingen, wird es schwer einem solchen Allrounder Mitte der ersten Runde zu widerstehen. Dedric Lawson könnte mit einer starken Saison und einem verbesserten Wurf ebenfalls dafür sorgen, dass er sich fest in die NBA Konversation spielt.

Dahinter gibt es viele Spieler, die ebenfalls interessante Anlagen besitzen, aber nicht zwangsläufig schon im nächsten Sommer dort landen werden. Ein solcher Kandidat ist zum Beispiel Devon Dotson, der als Combo Guard ein wenig unterschätzt wird. KJ Lawson und David McCormack bringen entweder interessante Anlagen und/oder langfristiges Potential mit. Als einziger Senior wird Lagerald Vick wohl eher in Europa als in der NBA landen. Sein Spielertyp kommt häufig vor, weswegen er sich einen besseren Dreier aneignen muss.

Coaching
Taktisch muss sich Bill Self vor keinem anderen Coach in der NCAA verstecken. Traditionell ist er einer der wenigen Coaches, die es verstehen, auch mit zwei Bigs gutes Spacing und Ballmovement zu haben. Entsprechend war die Basis seines Erfolgs lange Zeit die Verfügbarkeit spielfähiger Bigs. Allerdings bewies Self in den vergangenen zwei Saisons seine Adaptationsfähigkeit. Mit Small Ball Lineups und vier Guards auf dem Court entwickelte Self in nur zwei Jahren ein passendes Playbook, aus dem sich viele andere NCAA Coaches die eine oder andere Seite herauskopieren sollten.

Insofern wird es spannend zu sehen sein, wie Self die kommende Saison angeht. Sicherlich wird er durch die Vielzahl talentierter Bigs wieder mehr auf die traditionelle Spielweise überschwenken. Dennoch wird Self auch smart genug sein zu erkennen, dass Small Ball und eine guardlastige Spielweise durchaus ihre Vorzüge haben kann. Die Vielseitigkeit auf den Guard- und Außenpositionen sollte nicht ungenutzt bleiben. Aber Self hätte nicht 13 Conferencetitel in Folge feiern können, wenn er sich der Stärken seiner Teams nicht bewusst wäre. Insofern wird Self die richtige Balance finden.

Best Case
Die Symbiose der vielen neuen Akteure funktioniert schnell und ist schon zu Beginn der Big12 Saison so gefestigt, dass die Konkurrenz mal wieder mit den Knien schlottern muss. Besonders die Freshmen Guards Devon Dotson und Quentin Grimes müssen schnell verstehen, wolang der Hase läuft und wie das Team erfolgreich sein kann. Mit Dedric Lawson haben die Jayhawks den vielleicht kompetentesten College Vierer der kommenden NCAA Spielzeit in ihren Reihen. Der knüpft an seine Leistungen aus Memphis an und bringt sich noch stärker als Leader ein. Die Bankspieler arrangieren sich mit ihren Rollen - besonders KJ Lawson - und füllen diese zur Zufriedenheit ihres Trainers aus.

Die nächste Meisterschaft in der Big12 muss der Anspruch sein. Wenn die letztjährige Mannschaft dieses Kunststück über die Bühne brachte, dann sollte das diesjährige Team dazu locker im Stande sein. Es ist tiefer besetzt und auf vielen Positionen deutlich talentierter im Vergleich zum Vorgänger. Doch alleine mit dem Big12 Titel werden sich die Jayhawks kaum begnügen. Nach der Final Four Teilnahme in 2018 ist das Ziel für das Jahr 2019 die Meisterschaft. KU hat das vielleicht ausgeglichenste Team der NCAA und alle Waffen, die es im März braucht. Um den Druck zu maximieren, ließe sich leicht postulieren, dass die Jayhawks sich eigentlich nur selbst schlagen können.

Worst Case 
Gut Ding will Weile haben und entsprechend holprig werden die ersten Saisonmonate verlaufen. Auch wenn viele Neulinge schon ein Jahr unter Self im Training waren oder bereits an vorherigen Stationen miteinander interagieren konnten, wird es einige Wochen und Monate dauern, bis die Rotation steht und jeder seine Rolle gefunden hat. Den größten Druck werden sicher Grimes und Dotson zu spüren bekommen, die als Freshmen das Team führen müssen. Auch wenn die beiden die Qualität dazu haben, sind beide keine klassischen Aufbauspieler, weswegen die Umgewöhnung Zeit brauchen wird. Die Lawson Brüder müssen nun beweisen, dass sie ihre Leistungen auch auf hohem Niveau abrufen können und dabei nicht jederzeit im Rampenlicht stehen brauchen.

Die Big12 ist in dieser Saison wohl zu schwach und unerfahren, um die Jayhawks zum Stolpern zu bringen. Einzig West Virginia ist mal wieder ein wirklich unangenehmer Gegner, der Kansas jederzeit ein Spiel klauen kann. Abseits davon wird es für Kansas darauf ankommen, im März den besten Basketball zu spielen. Zudem müssen sie die Qualität entwickeln, in engen Phasen einen kühlen Kopf zu bewahren. Das war die vielleicht größte Stärke des letztjährigen Teams, die erst den Final Four Einzug ermöglichte. Gelingt diese mentale Festigung nicht, kann auch gerne mal im Sweet Sixteen oder Elite Eight Schluss sein.