03 November 2018

3. Nov, 2018


von AXEL BABST @BabstMadness | 3. Nov, 2018

Rückblick
Die vielleicht kurioseste Saison erlebten die Sun Devils in 2017/2018. Nach zwei Jahren mit negativer Bilanz sollte es im dritten Amtsjahr von Bobby Hurley mal wieder aufwärts gehen. Dass die Sun Devils jedoch als letztes aller 351 Division I Teams eine Niederlage erst nach Weihnachten gegen Arizona hinnehmen mussten, hinterließ bleibenden Eindruck. In den Rankings teils als drittbestes Team der NCAA eingestuft, blieb vor allem der couragierte Auftritt bei den heimstarken Kansas Jayhawks, als die Sun Devils tatsächlich den Sieg aus der Festung Allen Fieldhouse entführen konnten (95:85) im kollektiven Gedächtnis haften.

Es folgte jedoch eine äußerst durchwachsene PAC12 Saison (8:10), was allerdings nicht dadurch zu erklären war, dass die Conference besonders stark gewesen wäre. Viel mehr schien ASU mit dünner Rotation und hohem Spieltempo irgendwann auf dem Zahnfleisch zu gehen. Als eines der letzten Teams qualifizierten sich noch für das Tournament, wo direkt im Play-In-Game gegen Syracuse (56:60) Schluss war. So kurz der Auftritt auf der großen Bühne war, so klangvoll wird die Reaktion von Coach Hurley vom Selection Sunday nachhallen.

Abgänge
Shannon Evans (Guard, Starter, Graduation)
Tra Holder (Guard, Starter, Graduation)
Kodi Justice (Guard/Wing, Starter, Graduation)

Verbliebene
De'Quon Lake (Big, 6'10'', Senior)
Mickey Mitchell (Wing/Big, 6'7'', Junior)
Kimani Lawrence (Guard/Wing, 6'7'', Sophomore)
Remy Martin (Guard, 6'0'', Sophomore)
Vitaliy Shibel (Big, 6'9'', Sophomore)
Romello White (Big, 6'8'', Sophomore)

Neulinge
Zylan Cheatham (Big, 6'8'', Senior)
Rob Edwards (Guard, 6'4'', Junior)
Taeshon Cherry (Wing, 6'8'', Freshman)
Luguentz Dort (Guard, 6'4'', Freshman)
Uros Plavsic (Big, 7'0'', Freshman)
Elias Valtonen (Guard, 6'7'', Freshman)

Starter
Remy Martin, Luguentz Dort, Rob Edwards, Zylan Cheatham, Romello White
Im Spiel gegen Arizona in Tucson in der Saison 2016/2017 entfielen 17 Minuten auf zwei Bankspieler. Die Starting Five der Sun Devils musste quasi durchspielen. Nun knapp zwei Jahre später sieht die Welt vor den Toren von Phoenix ganz anders aus. Hurley hat den tiefsten und talentiertesten Kader der jüngeren Sun Devils Geschichte zusammengebastelt. Eine feste Starting Five oder vorgefertigte Rotation ist nicht zu identifizieren. Die Sun Devils sind variabel und können sich dem Gegner mit sehr unterschiedlichen Formationen anpassen.

Remy Martin spielt von nun an die erste Geige auf der Playmaker Position der selbsternannten "Guard U". Schon als Freshman gab es Phasen, in denen der kleine Wirbelwind mit der buschigen Mähne auf dem Haupt wie der beste Guard auf dem Feld aussah. Genie und Wahnsinn lagen bei dem Kalifornier philippinscher Abstammung noch sehr eng beieinander. Mit der zugewonnenen Erfahrung sollte der Sophomore den Sprung vom sechsten Mann zum Aufbauspieler bewältigen können. Martin ist unglaublich schnell und wirbelt jede Defense durcheinander. 9,6 Punkte pro Spiel und 2,9 Assists pro Spiel gelangen dem Guard zuletzt. Kann er diese Werte bestätigen und je nach Bedarf sogar ausbauen, wäre das für ASU schon die halbe Miete.

An Martins Seite wird mit Rob Edwards ein talentierter Scorer die Gelegenheit nutzen, sein Können unter Beweis zu stellen. Nach einem Redshirt Jahr ist der Cleveland State Transfer nun spielberechtigt und wird für die notwendige Firepower sorgen. Edwards trifft seinen Wurf aus allen Lagen, ist aber auch ein sehr physischer Guard, der den Weg in die Zone sucht und dort abschließen kann.

Bei so viel offensiver Firepower ist es nur sinnvoll den dritten Guard/Außenspielerspot mit Luguentz Dort zu besetzen, um ein wenig ein Kontrastprogramm zu bieten. Auch Martin und Edwards sind defensiv sicherlich Upgrades zu ihren Vorgängern Tra Holder und Shannon Evans. Doch Dort verteidigt nochmal auf einer ganz anderen Ebene. Der Freshman überzeugt mit einem bulligen Körperbau, der ihn jedoch überhaupt nicht in seiner Explosivität einschränkt.

Egal ob im Eins-gegen-Eins oder in der Teamverteidigung: Dort wird der beste Sun Devil in diesen Bereichen sein. Offensiv kann er auch mal den Spielaufbau übernehmen und so als Backup für Martin fungieren. Es wäre daher auch nicht verwunderlich, wenn Dort in Hurleys Überlegungen als neuer sechster Mann in die Remy-Martin-Rolle schlüpfen würde. So oder so: Hurley ist ein großer Fan von Dort und auch NBA Scouts sind schon auf den Freshman aufmerksam geworden.

Ein zweiter Transfer, der nach einem Jahr Spielpause und reinen Trainings auf die neue Saison brennt, ist Zylan Cheatham. Der ehemalige Starter der San Diego State Aztecs ist ein weiterer wuchtiger Athlet, der besonders eine interessante Eigenschaft mitbringt, die ein moderner Big Man haben muss: Cheatham kann alle Positionen auf dem Feld verteidigen. Ein wenig erinnert Cheatham an Jordan Bell, was Physis und Switchability angeht. Neben seiner Defense ist Cheatham ein kompromissloser Rebounder. Das ist besonders wichtig für ein Team, das 2017/18 mit einer Reboundrate von 49 Prozent den 249. Rang in der NCAA einnahm.

Hier wird dann auch Romello White nicht mehr auf sich alleine gestellt sein. Schließlich war der Freshman Big in der letzten Saison bisweilen der einzige Spieler über zwei Meter auf dem Parkett, wenn die Sun Devils zu ihrer Smallball Formation übergingen. White löste sein Aufgabe an den Brettern ordentlich (7,1 Rebounds pro Spiel) und konnte sogar im Schnitt zweistellig scoren (10,5 Punkte pro Spiel). Der Frontcourt ist dieses Jahr tiefer besetzt, aber dennoch sollte White als Starter gesetzt sein.

Bank
Auf der Bank tummelt sich viel Talent bei den Sun Devils und viele der folgenden Namen könnten genauso gut Starter sein und werden vermutlich im Laufe der kommenden Saison auch ihre Auftritte in der Anfangsformation erleben. Die größten Chancen hat hier sicherlich Taeshon Cherry. Ursprünglich gab der Freshman den USC Trojans seine Zusage, nahm von dieser jedoch wieder Abstand im Zuge des FBI Skandals. Bei den Sun Devils wurde er mit offenen Armen empfangen und ist nun der höchstgehandelte Rekrut seit James Harden.

Cherry ist ein moderner Tweener, der dank seiner Größe ein Smallball Vierer sein kann, grundsätzlich aber über das Skillset eines Guards verfügt. Athletik, Länge, Wurf und Zug zum Korb bieten ein relativ vollständiges Paket, das ihn in Verbindung mit der NBA bringt. Seine Vielseitigkeit lässt ihn ähnlich wie Dort als einen idealen sechsten Mann erscheinen, der am College problemlos vier Positionen spielen kann. Eine kleinere Verletzung während der Vorbereitung ist wieder auskuriert.

Ähnlich variabel wie Cherry und ebenfalls mit viel Vorfreude erwartet, konnte Kimani Lawrence in der letzten Saison nicht zeigen, was er drauf hat, da er verletzungsbedingt ausgebremst wurde. Mittlerweile ist er wieder fit und hat über den Sommer zudem seine schmale Statur mit Muskeln ausgefüllt, die ihm auf dem Court helfen sollten. Lawrence kann drei Positionen spielen und verfügt defensiv über viel Upside.

Ein dritter sehr vielseitiger Bankspieler ist Elias Valtonen. Der Finne ist mehr Guard als die beiden vorhergenannten und verfügt über einen ausgesprochen ansehnlichen Wurf. Valtonen bringt eine gute Größe und viel Spielverständnis mit. Zudem sollte seine Athletik nicht unterschätzt werden. Als Freshman wird er sich in der NCAA erst akklimatisieren müssen. Doch mittelfristig ist Valtonen ein Spieler, an dem die Anhängerschaft in Tempe noch große Freude haben wird.

Auf den großen Positionen sind vor allem bekannte Gesichter anzutreffen. De'Quon Lake bringt wieder viel Physis und Shotblocking mit (3,2 Blocks auf 40 Minuten gerechnet). Mickey Mitchell ist ein spielintelligenter Point Forward, dessen Karriere aber vor allem von Verletzungen geprägt war und ist. Aktuell plagen ihn Rückenprobleme. Dennoch wird er als Kämpfernatur und versierter Passgeber seinen Einfluss auf das Spiel haben. Vitaliy Shibel startete aus Mangel an Alternativen 22 Partien als Freshman, übertraf allerdings die Erwartungen und sollte wieder fester Bestandteil der Rotation sein. Als Stretch Big muss aus der Distanz nun mehr kommen (11/44 Dreier in 2017/18).

Pros
Der interessanteste Spieler aus NBA Perspektive ist sicher Luguentz Dort. Physisch ist er schon unglaublich weit entwickelt für einen 19-Jährigen. Zwar ist der Kanadier einige Monate älter als der übliche Freshman, doch das sollte die Bewertung als defensiver Stopper keineswegs mindern. Wie konstant sein Wurf fällt und was er als Playmaker auf die Kette kriegt, werden sicherlich darüber entscheiden, ob er sich möglicherweise sogar vorzeitig zum Draft anmeldet.

Auch bei Taeshon Cherry gilt die NBA als mögliche Destination in naher oder mittelfristiger Zukunft. Allerdings gilt es hier abzuwarten, wie er sich in seiner Freshman Saison schlägt und ob der Hype gerechtfertigt ist.

Zylan Cheatham fliegt noch ein wenig unter dem Radar, doch eine starke Saison und ein entsprechender Eindruck bei Workouts könnten dafür sorgen, dass sich Cheatham in die zweite Runde des Drafts hocharbeitet und zu einer Lightversion von Jordan Bell wird.

Coaching
In den ersten drei Jahren unter Bobby Hurley galt das Credo "Angriff ist die beste Verteidigung". In der letzten Saison stellte Arizona State entsprechend eine Top20 Offense nach Kenpom, rangierte dafür in der Defense nur auf Platz 123. Aus Mangel an Wechselmöglichkeiten und der körperlichen Unterlegenheit war es für die Sun Devils einfach schwierig, ihre Gegner zu schwierigen Würfen zu zwingen und dann auch noch die entsprechenden Defensivrebounds einzusammeln.

Hurley selbst hat bereits angekündigt, dass sich durch die Möglichkeiten des neuen Kaders auch die Spielweise leicht ändern wird. Nach wie vor werden die Sun Devils schnell spielen wollen - in der letzten Saison kratzten sie an der Top50 der NCAA in Sachen Pace. Doch vor allem defensiv soll mehr geswitcht werden, was angesichts von möglichen Aufstellungen, bei denen alle fünf Spieler um die zwei Meter messen, überaus sinnvoll wäre. Im Halbfeld wird sich ebenfalls einiges ändern, wenn vermehrt auch mal zwei Bigs auf dem Feld stehen.

Es liegt nun an Hurley aus dem vorhandenen Talent und vielen interessanten Individualisten eine funktionierende Einheit zu formen, die eine klare Identität erkennen lässt.

Best Case
Mit der neuen switchlastigen, athletischen und reboundstarken Verteidigung, die sich im Saisonverlauf steigert und am Ende auch auf hohem Level bestehen kann, generieren die Sun Devils viele Fastbreaks. In der Offensive leitet Remy Martin gekonnt die Geschicke, während sich die talentierten Neuzugänge in ihren Rollen zurechtfinden und konstant produzieren. Die Bigs verleihen den Sun Devils eine nie dagewesene Insidepräsenz und sorgen für mehr Ausgewogenheit zwischen Perimeter- und Zonenscoring.

Das talentierteste Team der PAC12 sind die Sun Devils zwar nicht, doch eine Top3 Platzierung ist allemal möglich. Die 20 Siege aus dem Vorjahr werden getoppt und die NCAA Tournament Teilnahme deutlich souveräner eingetütet. Auch die ersten Siege in der Hurley-Ära auf der großen Bühne sind dem Programm vergönnt.

Worst Case 
Hurley hat ein wenig Probleme, für seine neu zusammengewürfelte Mannschaft eine passende Identität zu finden. Defensiv kehrt zwar Besserung ein, doch die Missverständnisse und Fehler sind immer noch zu gravierend, um Topteams am Scoring zu hindern. Offensiv tritt eine deutliche Verschlechterung ein, da Spacing und dynamischer, aber zugleich kontrollierter Zug zum Korb mit den neuen Systemen nicht möglich sind. Die Freshmen können noch nicht das liefern, was sich der Trainerstab zu Saisonbeginn erhoffte.

Es wird wieder eng mit der Tournament Teilnahme. Bis zuletzt werden die Sun Devils zittern müssen und die 20 Siege sind keine Garantie. In der PAC12 werden sie einige weit weniger talentierte Teams über sich in der Tabelle stehen sehen.