03 November 2018

3. Nov, 2018


von AXEL BABST @BabstMadness | 3. Nov, 2018

Rückblick
Die vergangenen vier Jahre glichen einander in der Hinsicht, dass Syracuse während der Saison um die 20 Siege einfahren konnte, Jim Boeheim der Meinung war, sein Team sei gut genug für das Tournament und habe auch die entsprechende Bilanz vorzuweisen, und die Orangemen im Tournament dann auch den Favoritenschreck spielten und zu Runs ansetzten - zwei Mal zumindest, die anderen beiden Male schafften sie es nicht ins Teilnehmerfeld.

2018 warf Syracuse Meisterschaftsanwärter Michigan State aus dem Wettbewerb und hatte im Sweet Sixteen auch gegen Duke lange Zeit gute Chancen, auch wenn es knapp (65:69) nicht reichen sollte.

Abgänge
Matthew Moyer (Wing, Teilzeit-Starter, Transfer)

Verbliebene
Paschal Chukwu (Big, 7'2'', Senior)
Frank Howard (Guard, 6'5'', Senior)
Tyus Battle (Guard/Wing, 6'6'', Junior)
Oshae Brissett (Wing/Big, 6'8'', Sophomore)
Marek Dolezaj (Big, 6'10'', Sophomore)
Bourama Sidibe (Big, 6'10'', Sophomore)

Neulinge
Elijah Hughes (Wing/Big, 6'6'', Junior)
Buddy Boeheim (Wing, 6'5'', Freshman)
Robert Braswell (Big, 6'9'', Freshman)
Jalen Carey (Guard, 6'3'', Freshman)

Starter
Frank Howard, Tyus Battle, Oshae Brissett, Marek Dolezaj, Paschal Chukwu

Ein ganz seltenes Kunststück bringen die Orangemen diese Saison zustande: alle fünf Starter kehren zurück und bilden auch in der kommenden Saison die Anfangsformation für Syracuse. In Zeiten von One-and-Done und mehr als 700 Transfers pro Sommer ist das eine absolute Rarität. Einzig Marek Dolezaj kam in der ersten Saisonhälfte auch von der Bank ins Spiel, betrachtete nach aufsteigender Leistungskurve ab Ende Januar für die letzten 17 Partien der Spielzeit den Sprungball aus nächster Nähe.

Jetzt ließe sich natürlich anführen, dass sich im vergangenen Jahrzehnt die Sichtweise durchgesetzt hat, nach der den Spielern, die am Ende der Partie auf dem Feld stehen mehr Aufmerksamkeit entgegenzubringen sei als den Startern. Bei Syracuse waren das allerdings in der Regel die identischen fünf Individuen, die zum Teil während der ganzen 40 Minuten nicht ein Mal ausgewechselt wurden. Frank Howard (38,4 Minuten pro Spiel und 21 durchgespielte Partien), Tyus Battle (39 und 25) und Oshae Brissett (38,1 und 19) waren kaum Ruhepausen vergönnt. Insofern ist es keine Übertreibung zusagen, dass die Orange ihr Sweet Sixteen Team zurück auf den Campus lotsen konnten.

Howard ist der groß gewachsene Aufbauspieler der Orange. Jim Boeheim mag es, körperlich stabile Taktgeber zu haben, da diese besonders in der Verteidigung für noch weniger Angriffsfläche und Schwachstellen sorgen. In der Offensive hat sich der Senior in jedem Jahr gesteigert. Ein anfangs nicht-existenter Wurf sowie ein generelles Fragezeichen hinter seiner offensiven Gefahr sind mittlerweile einigermaßen kaschiert.

Zuletzt traf Howard immerhin 32,7 Prozent seiner Dreierversuche. Dieser Wert ist sicher alles andere als berauschend, allerdings kann er mittlerweile mal einen Dreier im Pick & Roll treffen, wenn sein Verteidiger unter dem Block lang geht. Howard balanciert gerade an einer Grenze, die Verteidiger häufiger zum Umdenken nötigt. Kann Howard hier noch einige Prozentpunkte aus seinem Handgelenk herauskitzeln, würde das die Sache für ihn einfacher mehr. Als Ballverteiler und Finisher in der Zone nutzt Howard seine Körpergröße geschickt aus. In der Defense ist er sowieso mit aktiven Händen und ordentlich Spannweite unterwegs.

Backcourt Kollege Tyus Battle ist die One-Man-Show im Angriff. Wann immer Syracuse dringend Punkte benötigt, was angesichts eines 135. Platzes im KenPom Ranking in der jüngeren Vergangenheit ziemlich oft der Fall war, muss Battle das Kommando übernehmen. Battle war in der letzten Saison zwar nicht wirklich effizient (warf unter 40 Prozent aus dem Feld und 32,2 Prozent Dreierquote bei 6,5 Versuchen pro Begegnung), dennoch ist er derjenige, der in Isolations mal Punkte auf eigene Faust kreieren kann und trotz schwacher Quote ein Spiel mit zwei oder drei erfolgreichen Würfen in der entscheidenden Phase gewinnen kann.

Gerade für Battle war die Kombination aus wenig Hilfe seitens seiner Mitspieler, einer insgesamt relativ statischen Halbfeldoffense und Müdigkeit aufgrund seiner hohen Minutenzahl oft ein Grund dafür, warum er nicht effizient agieren konnte. Der diesjährige Kader verfügt über etwas mehr Tiefe und Offensivpotenzial, weswegen Battles Werte sich etwas stabilisieren sollten.

Oshae Brissett überraschte als Freshman mit einer gewissen Konstanz in seinen Leistungen. Er etablierte sich direkt als Starter, zweitbester Scorer (14,9 Punkte pro Spiel) und bester Rebounder (8,8 Rebounds pro Spiel) des Teams. Zwischendurch überlegten Medienvertreter und Scouts sogar kurz laut, ob sich der Kanadier vielleicht für den Draft anmelden sollte. Dafür ist er jedoch definitiv noch nicht bereit. Gerade offensiv muss Brissett noch viele Baustellen beheben (41,4 Prozent eFG) und sich besonders einen verlässlichen Dreier aneignen (33,1 Prozent).

Der Slowake Marek Dolezaj war der Spieler, der sich im Saisonverlauf am meisten steigerte. Besonders im Tournament Spiel gegen TCU machte der schlaksige Freshman auf sich aufmerksam und erzielte 17 Punkte. Für ihn muss es nun darum gehen, Muskelmasse aufzubauen. Dass seine Offensivqualitäten (Wurf, Finishes) sowieso zu verbessern sind, ist an dieser Stelle schon fast überflüssig zu erwähnen. Solange er jedoch defensiv weiterhin so aktiv ist, hat er seine Spielzeit garantiert.

Letzteres gilt exakt genauso für Paschal Chukwu. Der Riese, der die Bezeichnung Rimprotector in Perfektion ausfüllt, ist genau der Typ Center, den Coach Boeheim gerne mag. Mit Chukwu in der eigenen Zone gibt es keine einfachen Abschlüsse. Fast ein Fünftel aller Abschlüsse des Gegners in Ringnähe werden von den Orangemen geblockt (NCAA Rang sechs). Chukwu hat an diesem Wert mit 2,5 Blocks pro Spiel einen großen Anteil.

Bank
Der Teilzeit-Starter/sechste Mann des Vorjahres Matthew Moyer hat sich zum Wechsel des Studienorts entschieden, womit nur noch Bourama Sidibe als Bankspieler des letzten Jahres übrigbleibt. Der Big kam immer dann ins Spiel, wenn Starter Chukwu vor Erschöpfung aus dem letzten Loch pfiff oder sich in Foulprobleme stürzte. Sidibe hat ebenfalls lange Arme und gute Instinkte als Ringbeschützer.

In dieser Saison hat Boeheim jedoch deutlich mehr Wechseloptionen und sollte seinen Startern somit zumindest mehr Pausen verschaffen können. Die meiste Erfahrung bringt Elijah Hughes mit. Der Tweener setzte in der letzten Saison aus und verbrachte zuvor seine Freshman Saison in East Carolina. Ähnlich wie bei den Startern ist auch sein Wurf nicht wirklich konstant, aber defensiv sollte er sich prima einfügen.

Von den Freshmen ist Jalen Carey der prominenteste Name. Als relativ hoch eingeschätzter Rekrut mit ansprechenden physischen Voraussetzungen sollte Carey für Backup Minuten gut sein und damit Dauerbrenner Howard Entlastung verschaffen. Buddy Boeheim, Sohn des Trainers, ist ein Scharfschütze und Dreierspezialist, der alleine wegen dieser Künste regelmäßig Minuten sehen wird. Robert Braswell bringt Tiefe im Frontcourt, muss körperlich aber noch zulegen.

Pros
Tyus Battle ist der Spieler des Kaders, der kurzfristig am ehesten in der NBA landen könnte. Battle ist ein Shotmaker und sollte das auch in der NBA bringen können. Die körperlichen Voraussetzungen und den notwendigen Touch dazu bringt er jedenfalls mit. Konstanz im Wurf, Effizienz in seinen Aktionen und seine Defense werden kritisch zu hinterfragen sein.

Wie schon beschrieben, erfuhr auch Sophomore Oshae Brissett schon etwas Hype und wurde in die Konversation zu einer vorzeitigen Draftanmeldung gerissen. Das erscheint allerdings noch sehr verfrüht. Die Seniors Frank Howard und Paschal Chukwu sind für europäische Teams sicherlich interessant im kommenden Sommer.

Coaching
Die berühmt-berüchtigte 2-3-Zone der Orange wird auch dieses Jahr für viele gegnerische Coaches wieder zu unliebsamen Schachpartien mit geringem Spaßfaktor werden. Schon in der vergangenen Saison forcierten die Orange mit ihrer enormen Länge Pässe, die sich eher in Nähe zur Mittellinie als in Nähe zu Korb oder Zone verorten ließen. Da Länge und Kommunikation, die nach einem gemeinsamen Jahr der Starting Five schon ziemlich abgestimmt sein dürfte, die wichtigsten Zutaten für das Erfolgsrezept sind und beide vorhanden sind, sollte die Defense eher noch unangenehmer in dieser Saison für den Opponenten werden.

Offensiv wird sich ebenfalls nicht viel ändern. Spread Pick & Roll mit Howard und Battle als sich abwechselnde Ballhandler, die einen Fehler der Defense bestrafen können, nicht ungeduldig werden und im Zweifelsfall auch mal einen schlechten Wurf treffen, ist hier die Waffe der Wahl.

Für Jim Boeheim wird wohl die einzige wirkliche Entscheidung sein, wie sehr er auf seine Bank baut. Traditionell setzt er auf eine kurze Rotation mit sieben oder acht Spielern.

Best Case
Die Zone funktioniert so effektiv wie immer und gewinnt alleine mehr als ein Dutzend Spiele. Tyus Battle bekommt ab und an mal eine erwähnenswerte Pause und kann dadurch ausgeruhter seine Entscheidungen treffen oder auch mal an seinem Kontrahenten vorbeiziehen. Die Dreier fallen insgesamt konstanter bei den Außenspielern, wodurch den groß gewachsenen Guards mehr Platz zur Verfügung steht.

Die Orange heimsen deutlich mehr als 20 Siege ein, müssen nicht erst bis zur offiziellen Bekanntgabe der Tournament Teilnahme zittern und werden dann im Tournament ein Team sein, auf das kein Gegner treffen möchte. Das zweite Wochenende ist sicherlich realistisch. Das Final Four ist aufgrund der Zonenverteidigung nicht auszuschließen, auch wenn der Kader von der reinen Spielstärke her dafür eigentlich zu schwach ist.

Worst Case 
Die Neuzugänge erfüllen nicht die in sie gesetzten Erwartungen. Dadurch lastet wieder zu viel Verantwortung auf den Startern, denen in engen Spielen die nötige Konzentration und Power fehlen, um den Sieg zu ergattern. Battle, Howard und Brissett betreiben weiter fröhliches Tontaubenschießen von der Dreierlinie und Gegner sehen sich nicht länger bemüßigt, sie daran zu hindern, was die Offense noch weiter abrutschen lässt und umso mehr Erfolgsdruck auf die Verteidigungsleistung aufbaut.

In diesem Szenario bleiben die Orangemen unterhalb der Marke von 20 Siegen, verlieren die wichtigen Spiele und werden vom NCAA Gremium bei der Auswahl des Teilnehmerfeldes zur March Madness nicht berücksichtigt.